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Evolution und Kreationismus

Persönliche Stellungnahmen von Reinhold Leinfelder zum Thema - Leserbrief Süddeutsche Zeitung

Leserbrief von R. Leinfelder an die Süddeutsche Zeitung vom 1.8.2005

Nachfolgend finden Sie einen Leserbrief zum Thema Kreationismus an die SZ. Der von mir eingereichte Titel war "Debatte zu Kirche und Kreationismus: Evolution oder Glaube – eine Themaverfehlung". Die SZ wählte jedoch eine andere Überschrift. Der nachfolgend blau und kursiv wiedergegebene Teil war im eingereichten Artikel vorhanden und wurde von der SZ gekürzt, er sei hier dennoch in leicht modifizierter Form wiedergegeben. Der Rest des Artikels (schwarze Schrift) wurde in etwa wie eingereicht in der Ausgabe vom 1.8.2005 abgedruckt.

Front zwischen Fundamentalismus und Aufklärung - Serie auf der Wissenschaftsseite: Streitfall Evolution

Die meisten der in den letzten Tagen veröffentlichten Leserbriefe zu den erfreulichen Evolution-vs.-Kreationismus-Artikeln der Süddeutschen fallen meines Erachtens bestenfalls unter die Kategorie „erstaunlich“. Mit entsprechenden akademischen Titeln als Wissenschaftler ausgezeichnete Kollegen bezeichnen die Evolutionstheorie als Glaubenslehre bzw. als dogmatisch und unterstellen gar atheistische oder sonstige weltanschauliche Indoktrination. Wegen noch ungelöster wissenschaftlicher Probleme würde von vielen Wissenschaftlern ein intelligenter Ursprung der Lebensformen in Erwägung gezogen? Nur in Klammern sei gesagt: Warum hat eigentlich noch niemand darüber gesprochen, wie viel „unintelligentes Design“ es in der Natur halt auch gibt? Warum verläuft der Schlund des Tintenfisches mitten durch sein Gehirn? Macht es Sinn, beim Fressen großer Stücke vielleicht Kopfschmerzen zu haben? Hätte ein Platzhirsch nicht doch eine intelligentere Methode als ein im Wald überaus unhandliches 16-Ender-Geweih haben können, um die Hirschkuh zu beeindrucken? Warum trägt ein Wal noch Reste seiner Hinterextremitäten im Skelett herum, obwohl er die gar nicht braucht? Andere Leserbriefautoren halten die ganze Diskussion für überzogen oder irrelevant und plädieren für größere Gelassenheit bzw. Toleranz. Diese Auffassung wird zusammengefasst in der Aussage, die Evolutionstheorie sei halt nur eine Weltanschauung, eben wie so viele andere (Bezüge Leserbriefe SZ 20.7.05, SZ 26.7.05).

Viele der Diskussionen zum Thema Kreationismus und Kirche gehen am Kern des Problems vorbei. Selbstverständlich kann jeder glauben, was er will, selbstverständlich kann kein Naturwissenschaftler die philosophische oder religiöse Frage nach dem Sinn des Seins, darunter des Menschseins, beantworten. Dafür sind andere zuständig und vor allem wohl auch jeder für sich selbst. Die Evolutionstheorie und die Evolutionsforschung haben ganz andere Ziele als die Existenz oder die Nichtexistenz eines göttlichen Schöpfers wissenschaftlich zu belegen. Der Evolutionswissenschaftler kann Fragen beantworten wie: Warum hat der menschliche Embryo fischartige Kiemenansätze; warum ist die genetische Information auch sehr unterschiedlicher Lebensformen so ähnlich; warum haben alle Land-Wirbeltiere die fünfstrahligen Finger beziehungsweise Abwandlungen davon?

Die Antworten der Evolutionstheorie basieren auf überprüfbaren Fakten, die vor allem in unseren naturwissenschaftlichen Sammlungen für jeden nachvollziehbar liegen, in München allein gut und gerne 30 Millionen Belegexemplare für Tier- und Pflanzenarten der heutigen und der früheren Welt. Der Urvogel Archaeopteryx als Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln ist im Paläontologischen Museum München zu besichtigen; frühe Lebensformen aus dem Kambrium und dem Präkambrium gibt es ebenfalls in den Sammlungen; die Gene des in historischer Zeit ausgestorbenen Beutelwolfs können an der Zoologischen Staatssammlung München studiert werden.

Im Gegensatz zu den Behauptungen der Kreationisten basiert die Evolutionstheorie also auf überprüfbaren Fakten. Dass noch längst nicht alle Details des Evolutionsablaufes enträtselt sind, ist mir als Paläontologe und Geologe und Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns durchaus bewusst, ändert jedoch nichts daran, dass die Evolutionstheorie vom Prinzip her eine Tatsache ist.

Wenn wir unsere Betrachtungen weiter fassen: Die geologischen Altersmessungen basieren auf Naturgesetzen und entsprechenden physikalischen Vorgängen, genauso wie das Ticken meiner Quarzuhr, der Strom für meine Kaffeemaschine, die messbare Ausweitung des Atlantiks oder die Erdbeben, welche die Welt und die Menschheit erschüttern. Evolutionstheorie, Quantentheorie, Theorie der Plattentektonik - alles nur Weltanschauungen, alles Aberglaube? Natürlich darf jeder (auch ich) glauben was er will. Warum soll aber - so ganz offensichtlich das Vorgehen der Kreationisten auch in Deutschland - die Öffentlichkeit zu einer Entscheidung gedrängt werden zwischen "Ich glaube an die Evolutionstheorie" oder aber "Ich glaube an Gott"? Mit anderen Worten: ¸"Wenn ich mich an die wissenschaftlichen Fakten halte, komme ich nicht in den Himmel."

Es ist wunderbar, wenn dann Kreationisten mit Doktortitel sagen: Ihr könnt sogar beides vereinbaren, nur muss es die "richtige" (also ¸¸Intelligent Design")-"Wissenschaft" sein. Ein Ansatz wie der "Intelligent Design"-Kreationismus, der die Naturgesetze und die Evolution teilweise walten lässt, teilweise aber zugunsten des ¸¸Designers" außer Kraft setzt, ist aber nie beweisbar und nie falsifizierbar und damit keine Wissenschaft. Wenn ein Kardinal Schönborn den ¸¸Intelligent Design"-Gedanken leider auch noch befördert, könnte eine kulturelle Spaltung der Gesellschaft nicht mehr weit sein. Umgekehrt aber sollten Evolutionstheorie-Kollegen den (nur angeblich logischen) Schluss fallen lassen, ein Evolutionstheoretiker müsse automatisch Atheist sein - das ist dann wirklich dogmatisch und wird ihnen zu Recht vorgeworfen. Ob ich als Naturwissenschaftler nun Atheist, Agnostiker, Pantheist bin oder an einen Gott in welcher Form auch immer glaube - das geht nur mich etwas an. Die Tatsache und die Faszination der Evolution kann manchen bei der persönlichen Glaubensfrage vielleicht gar nicht, anderen vielleicht sogar sehr viel helfen. Aber Glauben und Wissen muss auseinander gehalten werden. Wie sagte kürzlich mein österreichischer Kollege Kurt Kotrschal in einem offenen Brief an den Wiener Kardinal Christoph Schönborn so treffend: ¸¸Eine Hauptfront im Kampf der Kulturen auf dieser Welt verläuft heute weniger zwischen Christentum und Islam, sondern zwischen Fundamentalismus und Aufklärung."

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder, München


Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.175, Montag, den 01. August 2005 , Seite 16


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