{"id":3142,"date":"2014-09-15T14:06:58","date_gmt":"2014-09-15T12:06:58","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/blog\/?p=3142"},"modified":"2014-09-15T14:09:46","modified_gmt":"2014-09-15T12:09:46","slug":"exkurs-zum-atmospharenbegriff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/blog\/?p=3142","title":{"rendered":"Exkurs zum Atmosph\u00e4renbegriff"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal ist es doch etwas schade, aus Texten gel\u00f6schte Abschnitte einfach dem allm\u00e4hlichen Verschwinden in denen Tiefen der Datenbackups zu \u00fcberantworten. Der folgende Text wurde urspr\u00fcnglich f\u00fcr meinen Beitrag zum Anfang 2015 erscheinenden, von Hanna Katharina G\u00f6bel und Sophia Prinz herausgegebenen Buch <em>Die Sinnlichkeit des Sozialen<\/em> geschrieben. In meinem Text geht es um die Umdefinition des Sinnbegriffs weg vom <q>gemeinten<\/q> Sinn nach Max Weber und hin zum Bewegungssinn. Da die hier entwickelten \u00dcberlegungen zum Atmosph\u00e4renbegriff aber eigentlich nicht besonders gut in die dortige Argumentation passt, flog er im \u00dcberarbeitungsprozess raus. Hier hat er nun seinen neuen Ort:<\/p>\n<blockquote><p>Die Erfahrungen des Wartens, Folgens, Begegnens und der Abwesenheit lie\u00dfen sich auch \u00fcber den Begriff der Atmosph\u00e4re beschreiben. Die Atmosph\u00e4re eines Bahnsteigs, eines nebligen Tags im sp\u00e4ten Winter, einer erhabenen Aussicht oder einer verfallenen Ruine \u2013 sie alle k\u00f6nnten gewisserma\u00dfen als Prototypen f\u00fcr <em>affective atmospheres<\/em> im Sinn von Anderson (2009) stehen. Sie beziehen sich sowohl auf Materialit\u00e4ten als auch auf Erfahrungsqualit\u00e4ten und gehen so \u00fcber reine K\u00f6rperlichkeit hinaus. Bei Anderson steht daf\u00fcr sowohl der Begriff des Affekts, in Anschluss an Deleuze und Guattari (1992) verbunden mit der objektiven, gegenst\u00e4ndlichen Welt, als auch der Begriff der Emotion, verbunden mit der subjekter Erfahrung und Bedeutungszuweisung. (Anderson 2009: 80) \u00c4hnlich wie bei B\u00f6hme (1995), hat das Konzept der Atmosph\u00e4re hier eine klare Ankn\u00fcpfung an das Subjekt und an Gegenst\u00e4nde oder Orte und nimmt so eine vermittelnde Position zwischen Subjekt und Objekt ein. Diese Position \u2013 ankn\u00fcpfend an Materialit\u00e4t und Wahrnehmung \u2013 macht das Konzept der Atmosph\u00e4re so spannend und potentiell fruchtbar. Gleichzeitig aber scheint dem Begriff der Atmosph\u00e4re eine merkw\u00fcrdige Qualit\u00e4t innezuwohnen. Zum einen haftet ihm immer noch ein Element des Begriffs der <q>Aura<\/q> an, d.h. einer herausragenden Erfahrung, die sich mit besonderen Orten oder Gegenst\u00e4nden verkn\u00fcpft. (Benjamin 1974) Zum anderen gibt es eine Verkn\u00fcpfungskette Atmosph\u00e4re \u2013 Architektur \u2013 Raum, in der Atmosph\u00e4ren vor allem an Orte gekn\u00fcpft werden. Dabei haftet dem Begriff der Atmosph\u00e4re zwar ein gewisser Aspekt der Zeitlichkeit an, diese wird aber weitgehend \u00fcber den Begriff der Situation abgedeckt und so als mit einem Ort und nicht mit einer Bewegung verkn\u00fcpft gesehen.<br \/>\nDass diese Verkn\u00fcpfung nicht notwendig ist, wird durch B\u00f6hmes Diskussion der von Personen ausstrahlenden Atmosph\u00e4ren (B\u00f6hme 1993: 113-114) und durch Andersons Fokus auf den Affekt, bei dem Prozessualit\u00e4t und das <q>Werden<\/q> von entscheidender Bedeutung sind. (Anderson 2009: 78) Trotzdem l\u00f6st sich der Begriff nicht so sehr von Orten, wie es f\u00fcr die hier vorgeschlagene Perspektivierung des Sinnbegriffs notwendig w\u00e4re. Statt dessen ist der Begriff der Einh\u00fcllung aus mehreren Gr\u00fcnden angemessener (vgl. dazu Frers 2007): Erstens verweist er von vornherein auf einen Prozess. Im Unterschied zur Atmosph\u00e4re besteht eine H\u00fclle nicht einfach schon, gleichsam au\u00dferhalb des Individuums und wird einfach betreten. Eine H\u00fclle muss erst wachsen, angelegt oder \u00fcbergest\u00fclpt werden. Zweitens ist es deutlicher, dass H\u00fcllen mobil sind. Sie werden getragen, erg\u00e4nzt, mitgenommen. Sie tragen sich ab oder halten lange. Drittens lassen sich H\u00fcllen miteinander kombinieren oder staffeln, da sie vor allem an \u2013 bewegliche \u2013 Personen gekoppelt sind. So kann eine in eine bestimmte Stimmung geh\u00fcllte Person einen Ort betreten und dort auf andere Weise, von anderen Stimmungen eingeh\u00fcllt werden. Was bei diesen Begegnungen und Vermischungen von H\u00fcllen passiert ist dann selbst Gegenstand der Analyse. Viertens ist die H\u00fclle nicht in der selben Weise als <q>Sph\u00e4re<\/q> \u00fcberbestimmt (Anderson 2009: 80). Eine H\u00fclle kann an unterschiedlichen Stellen verschiedene Qualit\u00e4ten und Durchl\u00e4ssigkeiten aufweisen. Sie kann beispielsweise nach oben, unten und hinten geschlossen, aber nach vorne hin offen sein. H\u00fcllen bzw. der Prozess der Einh\u00fcllung zeichnen sich also ebenso wie der hier umgedeutete Begriff des Sinns durch Bewegung und Beweglichkeit aus. Einh\u00fcllungen bringen auf diese Weise notwendigerweise Ausrichtungen mit sich und sind damit wiederum in die Herstellung sozialer Ordnung eingebunden. Im Unterschied zum Begriff der Atmosph\u00e4re zeichnet sich der Begriff der Einh\u00fcllung also f\u00fcnftens und letztens auch dadurch aus, dass er den Zugang zum Problem sozialer Kontrolle erleichtert und weniger stark dazu verleitet, sich auf rein \u00e4sthetische Fragestellungen zu fixieren. Wie bereits oben angef\u00fchrt, ist es auch m\u00f6glich, \u00fcber den Begriff der Atmosph\u00e4re Ver\u00e4nderungsprozesse einzufangen, Zusammenh\u00e4nge mit Personen herzustellen und eine gewisse Mobilit\u00e4t abzubilden. Die eigentliche St\u00e4rke \u2013 und damit auch Verlockung \u2013 des Begriffs der Atmosph\u00e4re ist jedoch die Analyse von Orten, nicht die Analyse von Bewegungen.<\/p><\/blockquote>\n<p><u>Literatur<\/u><br \/>\nAnderson, Ben (2009) <q>Affective atmospheres.<\/q> <em>Emotion, Space and Society<\/em> 2(2): 77-81.<br \/>\nBenjamin, Walter (1936\/1974) <q>Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit [erste Fassung].<\/q> In <em>Abhandlungen, Gesammelte Schriften<\/em>, Band I-1. Herausgegeben von Rolf Tiedemann, Hermann Schweppenh\u00e4user, Theodor W. Adornoandere. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 431-469.<br \/>\nB\u00f6hme, Gernot (1995) <em>Atmosph\u00e4re : Essays zur neuen \u00c4sthetik.<\/em> Reihe. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br \/>\nDeleuze, Gilles und F\u00e9lix Guattari (1980\/1992) <em>Tausend Plateaus : Kapitalismus und Schizophrenie.<\/em> \u00dcbersetzt von Gabriele Ricke und Ronald Voulli\u00e9. Berlin: Merve.<br \/>\nFrers, Lars (2007) <em>Einh\u00fcllende Materialit\u00e4ten : Eine Ph\u00e4nomenologie des Wahrnehmens und Handelns an Bahnh\u00f6fen und F\u00e4hrterminals.<\/em> Reihe: Materialit\u00e4ten, Band 5. Bielefeld: transcript.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist es doch etwas schade, aus Texten gel\u00f6schte Abschnitte einfach dem allm\u00e4hlichen Verschwinden in denen Tiefen der Datenbackups zu \u00fcberantworten. Der folgende Text wurde urspr\u00fcnglich f\u00fcr meinen Beitrag zum Anfang 2015 erscheinenden, von Hanna Katharina G\u00f6bel und Sophia Prinz herausgegebenen Buch Die Sinnlichkeit des Sozialen geschrieben. 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