{"id":2700,"date":"2010-03-13T23:22:15","date_gmt":"2010-03-13T22:22:15","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/blog\/?p=2700"},"modified":"2010-03-13T23:23:17","modified_gmt":"2010-03-13T22:23:17","slug":"wo-komm-ich-her-nach-akademia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/blog\/?p=2700","title":{"rendered":"<span lang=\"de\">Wo komm ich her, nach Akademia?<\/span>"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"de\">Auf- und sp\u00e4ter angeregt durch Jakob Heins Text zur <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/reptilienfonds\/kategorie\/texte_von_jakob_hein\/\" title=\"zum taz blog\">zunehmenden sozialen Schlie\u00dfung in Deutschland<\/a> habe ich mich wieder einmal mit der Tatsache besch\u00e4ftigt, dass es an der Universit\u00e4t nur so wenige gibt, die einen sogenannten <q>bildungsfernen<\/q> Hintergrund haben. Ich selbst habe mich in gewisser Weise nie selbst so empfunden. Schlie\u00dflich lesen meine Eltern gerne, finden Bildung wichtig und haben nie versucht, meine \u00f6konomisch wenig aussichtsreiche Laufbahn als Sozialwissenschaftler in andere Bahnen zu lenken.<br \/>\nIm Studium war ich zu sehr von der spannenden Welt gefesselt, die sich da vor mir auftat, um \u00fcber eine solche Tatsache viel nachzudenken. Das Lernen, das anf\u00e4ngliche Begreifen und sp\u00e4tere Durchschauen von Dingen die erst so unglaublich kryptisch erschienen, hat mich ausreichend in Bewegung gehalten. Die <a href=\"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/mut_zur_musse.html\" title=\"Essay \u00fcber den Mut, den es zu Mu\u00dfe braucht\">Mu\u00dfe<\/a>, die ich mir trotz aller Bewegung herausnahm, brauchte ich, um diese Dinge zueinander in Beziehung zu setzen. Erst mit der Zeit wurde mir deutlich, dass es einigen da, an der Universit\u00e4t, anders geht. Hintergr\u00fcnde, die mir verschlossen waren, geh\u00f6ren dort entweder zum Selbstverst\u00e4ndlichen \u2013 oder das eigene Standortbewusstsein ist sicher genug, um sich nicht um solche Dinge scheren zu m\u00fcssen, \u00e0 la <q>Man wird es schon richtig machen, dieser ganze Kleinkrams ist doch unwichtig.<\/q> Ist das so? Mir erschien es jedenfalls anders\u2026<br \/>\nWenn die eigenen Eltern aber nur f\u00fcr acht Jahre zur Schule gegangen sind und danach angefangen haben, zu arbeiten, dann blieb Ihnen wenig Mu\u00dfe f\u00fcr solche Hintergr\u00fcnde, dann ist Wissen \u00fcber Dinge au\u00dferhalb des eigenen Wirkungsfeldes keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Alles an der Uni ist dann neu \u2013 f\u00fcr mich gl\u00fccklicherweise aufregend neu, attraktiv, vielversprechend und spannend! \u2026 aber doch auch voller lauernder Abgr\u00fcnde, voller Unabw\u00e4gbarkeiten, Begegnungen und Gespr\u00e4chen, die jederzeit verunsichern und den vermeintlich festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegrei\u00dfen k\u00f6nnen. (Von anderen Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, wie der angemessenen Art zu sprechen, sich zu bewegen, zu kleiden, zu essen und zu trinken soll hier und heute noch nicht die Rede sein.) Ich habe diese Herausforderungen meist gern angenommen. Aber mit der Zeit\u2026<br \/>\nPers\u00f6nlich empfunden habe ich die Schwierigkeit des Zugangs zur Universit\u00e4t erst, als es um die ersten Schritte ging, die zu einer echten Unikarriere geh\u00f6ren: eine Stelle als Hilfskraft habe ich nicht bekommen, eigentlich habe mich auch kaum darum gek\u00fcmmert \u2013 ich konnte ja als Hausmeister jobben. Da hat man keinen langen Anfahrtsweg, geht doch auch. Schwieriger war es dann bei der Bewerbung um Studienstipendien. Die sind irgendwie nicht so toll gelaufen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, mein sozialer Hintergrund w\u00e4re ein Vorteil, schlie\u00dflich m\u00fcsste ich doch besonders f\u00f6rderungsw\u00fcrdig sein, denn meine Eltern konnte ja offensichtlich nicht allzuviel beisteuern (auch wenn sie das in Wirklichkeit getan haben) \u2013 ist aber nicht so, die deutschen Studienstiftungen zeigen dieselben sozialen Auswahlkriterien wie andere gesellschaftliche Akteure und Institutionen auch. Denen, die haben, wird gegeben. <small>Literatur dazu werde ich beizeiten erg\u00e4nzen.<\/small> Meine Bewerbung um ein Austauschstipendium f\u00fcr ein Jahr in den USA hat dann auch erst im zweiten Anlauf geklappt. Der gute Herr Soziologieprofessor, der auch beim zweiten Versuch \u00fcber meine Zukunft zu entscheiden hatte, ein alter 68er nat\u00fcrlich, meinte nach dem Gespr\u00e4ch g\u00fctig, das w\u00e4re ja nicht so toll gewesen, aber wenn ich nun mal so hartn\u00e4ckig bin, soll das ja auch belohnt werden. Das war ein echter Tiefschlag.<br \/>\nAber: die USA haben es herausgerissen. Dort war ich nur ein begabter Student aus dem Ausland, nicht mehr, aber vor allem nicht weniger. Zur\u00fcck in Deutschland haben das wieder gestiegene Selbstbewusstsein und das Zertifikat <q>USA<\/q> genug Elan verliehen, um Diplomarbeit und Bewerbung f\u00fcr ein Promotionsstipendium ohne besondere Verunsicherung abzuhaken.<br \/>\nSchwierig wurde es dann, nachdem das Promotionsstipendium ausgelaufen, aber die Arbeit noch nicht fertig war. Hartz IV, keine Reserven vorhanden Wovon soll man Reisen zu Konferenzen bezahlen? Wo soll man die Ruhe hernehmen, die Arbeit fertig zu schreiben und nebenbei noch Artikel zu ver\u00f6ffentlichen? Es ist alles gut gegangen. Aber Hausbesuche durch Angestellte des JobCenters und das unaufhaltsames Verschlei\u00dfen der paar ordentlichen Klamotten, die man noch aus Zeiten des Stipendiums hatte, waren schon wirklich bedrohlich. Es ist alles gut gegangen.<br \/>\nEines der vielleicht nachdr\u00fccklichsten Erlebnisse in diesem Zusammenhang hatte ich aber erst, als ich schon als gro\u00dfer, erfahrener Postdoktorand, wieder mit neuem Stipendium (und damit ohne jede soziale Absicherung), in einem Auswahlkomitee f\u00fcr neue DoktorandInnen sa\u00df. Im Verlauf eines schwei\u00dfig-dr\u00f6gen Nachmittags hat doch tats\u00e4chlich einer der Professoren nach einem Vorstellungsgespr\u00e4ch \u00fcber die kandidierende Person gesagt, dass diese ihn wirklich \u00fcberzeugt habe und das er diese Person auch deshalb nachdr\u00fccklich empfehlen m\u00f6chte, weil sie aus einem komplett nicht-akademischen Umfeld kommt und sich ihr Projekt und alles weitere wirklich selbst erarbeitet h\u00e4tte. Dem Professor ging das ohne weiteres \u00fcber die Lippen und dieser Aspekt wurde auch nicht weiter zum expliziten Thema. Ich selbst aber war gleicherma\u00dfen erschrocken wie erfreut. Erschrocken dar\u00fcber, dass so etwas bisher in noch keinem Komitee, in dem ich sa\u00df, explizit in Betracht gezogen worden w\u00e4re. Erfreut, weil das in gewisser Weise auch f\u00fcr mich gilt und ich mich also auch als in dieser Weise ausgezeichnet sehen kann.<br \/>\nW\u00fcrde ich aber in eine meiner Bewerbungen als Juniorprofessor, Forschungsantragssteller, oder \u00e4hnliches schreiben, dass ich aus einem bildungsfernen Milieu komme? Bisher habe ich das nicht getan\u2026<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf- und sp\u00e4ter angeregt durch Jakob Heins Text zur zunehmenden sozialen Schlie\u00dfung in Deutschland habe ich mich wieder einmal mit der Tatsache besch\u00e4ftigt, dass es an der Universit\u00e4t nur so wenige gibt, die einen sogenannten bildungsfernen Hintergrund haben. Ich selbst habe mich in gewisser Weise nie selbst so empfunden. 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