{"id":1016,"date":"2009-04-07T23:27:00","date_gmt":"2009-04-07T23:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/userpage.fu-berlin.de\/~frers\/cgi-bin\/blosxom.cgi\/socialsci\/090407-besprechung_einhuellende_materialitaeten.html"},"modified":"2012-04-21T09:42:17","modified_gmt":"2012-04-21T07:42:17","slug":"feuer-aus-den-schutzengraben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/userpage.fu-berlin.de\/frers\/blog\/?p=1016","title":{"rendered":"Feuer aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben."},"content":{"rendered":"<p>In einem kurzen <a href=\"\/~frers\/merleau-ponty\/phaenomenologie-vorwort.html\" title=\"Merleau-Pontys Ph\u00e4nomenologie der Wahrnehmung oder Mehr Tiefgang f\u00fcr die Ethnografie\">Essai<\/a> zur Einleitung von Merleau-Pontys <em>Ph\u00e4nomenologie der Wahrnehmung<\/em> habe ich zu Anfang meiner Besch\u00e4ftigung mit der Ph\u00e4nomenologie geschrieben, dass ich bef\u00fcrchte, in das Feuer disziplin\u00e4rer Sch\u00fctzengr\u00e4ben zu geraten. Das ist nun passiert. Im Sinne des Rechenschaft Ablegens auch und gerade \u00fcber die dunkleren Seiten des wissenschaftlichen Alltags will ich hier nicht nur von positiven Rezensionen berichten.<br \/>\nDer Beschuss kam aus unerwarteter Richtung: von Seiten ph\u00e4nomenologisch orientierter Sozialwissenschaft und also nicht von Vertretern etablierterer Theorierichtungen. Die Besprechung stammt von <a href=\"http:\/\/www.geo.uni-frankfurt.de\/ifh\/Personen\/hasse\/\" title=\"Professor f\u00fcr Geografie in Frankfurt am Main\">J\u00fcrgen Hasse<\/a> und ist in der <a href=\"http:\/\/www.steiner-verlag.de\/GZ\/GZ3_07.html\" title=\"Band 95, 2007\">Geographischen Zeitschrift (95: 105-106)<\/a> abgedruckt worden. Die Werbung, die mein Verlag aus der Rezension von J\u00fcrgen Hasse herauskondensiert hat, hat mich vorgewarnt: <q cite=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts806\/ts806l.php#rez\">Die Frage nach der Rolle der Materialit\u00e4ten in der sozialen Welt kann nicht wichtig genug genommen werden. Sich diesem Thema gewidmet zu haben, ist Verdienst des Autors.<\/q> Mehr Lob als das ist leider nicht zu finden\u2026 Aber ich sch\u00e4tze die Arbeiten von J\u00fcrgen Hasse eigentlich, weshalb ich mich hier auch noch ein wenig mit dem Inhalt seiner Kritik auseinandersetzen m\u00f6chte. Dazu ein beispielhafter Absatz:<\/p>\n<blockquote cite=\"http:\/\/www.steiner-verlag.de\/GZ\/GZ3_07.html\" title=\"Hervorhebungen wie im Original\"><p>Ph\u00e4nomenologie kann nicht ohne saubere Begriffsarbeit gelingen! Das zeigt auch der Gebrauch des am Verst\u00e4ndnis der Astronomie (!) orientierten Begriffs der \u00bbKonstellation\u00ab. Als Konstellationen werden n\u00e4mlich die untersuchten F\u00e4hr- und Bahnhofsr\u00e4ume beschrieben. Der Begriff der Konstellation betont Einzelnes einer messbar-relationalen Ordnung im Gef\u00fcge anderer Dinge und menschlicher K\u00f6rper. Der erkenntnistheoretische Effekt des Konstellations-Begriffs ist die denotative Isolierung. Ein solcher Blick passt nicht zur Methode der Ph\u00e4nomenologie, die <em>Zusammenh\u00e4ngendes<\/em> verstehen will und darin jedem erkenntnistheoretischen Atomismus entgegentritt. Die Dinge und Menschen <em>ganzheitlich<\/em> zusammenhaltenden Bedeutungsgef\u00fcge w\u00e4ren mit dem Begriff der \u00bbSituation\u00ab sicher wirkungsvoller zu analysieren gewesen.<\/p><\/blockquote>\n<p>J\u00fcrgen Hasse hat selbstverst\u00e4ndlich v\u00f6llig Recht, wenn er sagt, dass der Begriff der Konstellation \u2013 insbesondere in der Art in der ich ihn verwende \u2013 nicht zur Methode der Ph\u00e4nomenologie passt. <q>Situation<\/q> w\u00e4re in der Tat das passendere Konzept. Aber eine der wichtigsten Lehren meines wissenschaftlichen Arbeitens, meiner Auseinandersetzungen mit allerlei Kritischer Theorie, Konstruktivismus, Linguistic Turn und den Post\u2026ismen ist, dass eine theoretische Einseitigkeit nicht nur in vielerlei Hinsicht fragw\u00fcrdig ist \u2013 weil sie immer bestimmte Aspekte ausblendet und weil sie Unstimmigkeiten einfach ignoriert oder als nebens\u00e4chlich abtut \u2013, sondern weil eine theoretische Einseitigkeit dar\u00fcber hinaus auch weniger produktiv ist und gerne zu vorhersagbaren Ergebnissen f\u00fchrt.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich macht es wenig Sinn, Begriffe und Theorien einfach bunt ineinander zu w\u00fcrfeln. Die <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts806\/ts806.php\" title=\"Buchpr\u00e4sentation beim Transcript Verlag\">Einh\u00fcllenden Materialit\u00e4ten<\/a> waren ein Versuch, die Chancen einer Kombination und Konfrontation unterschiedlicher theoretischer und methodologischer Vorgehensweisen gezielt herauszuarbeiten und unter st\u00e4ndiger Reflexion und Selbstverortung und in Auseinandersetzung mit dem im Feld gesammelten Material zu zeigen, was sich wie kombinieren l\u00e4sst und wo die Grenzen solcher Kombinationen sind (zu den Grenzen des Konstellationsbegriffs siehe beispielsweise <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=7ceNDVPNGmgC&#038;pg=RA1-PA135&#038;vq=mathematische+modellierung&#038;dq=einh%C3%BCllende+materialit%C3%A4ten&#038;hl=en&#038;source=gbs_search_s&#038;cad=0\" title=\"Text in Google Book Search\">S. 135-136<\/a> und die Gegen\u00fcberstellung zum Begriff des Gemenges auf <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=7ceNDVPNGmgC&#038;pg=RA1-PA259&#038;vq=erkenntnistheoretisches&#038;dq=einh%C3%BCllende+materialit%C3%A4ten&#038;hl=en&#038;source=gbs_search_s&#038;cad=0\" title=\"Text in Google Book Search\">S. 259-264)<\/a>.<br \/>\nIch werde nat\u00fcrlich nicht aufh\u00f6ren, dieses Ziel zu verfolgen und wahrscheinlich werde ich in Zukunft zwei Wege verfolgen: in einigen Publikationen radikal und pointiert Unterschiedliches zusammen zu f\u00fchren und in anderen Publikationen besonders vorsichtig und abw\u00e4gend zu argumentieren. Beides hat seine Vorteile und beides wird bei unterschiedlichen Leuten auf Zustimmung und\/oder Ablehnung treffen. Es wird nat\u00fcrlich auch weiterhin Leute geben, denen beides nicht passt. (Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hier auch eine Art von generationsbedingt unterschiedlicher Rezeption gibt.) Gl\u00fccklicherweise bereitet mir sowohl das vorsichtige Argumentieren als auch das Poltern Freude beim Schreiben. Noch gl\u00fccklicher sch\u00e4tze ich mich allerdings, dass die R\u00fcckmeldung, die ich sonst auf mein Buch bekommen habe, so positiv und mich best\u00e4rkend war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem kurzen Essai zur Einleitung von Merleau-Pontys Ph\u00e4nomenologie der Wahrnehmung habe ich zu Anfang meiner Besch\u00e4ftigung mit der Ph\u00e4nomenologie geschrieben, dass ich bef\u00fcrchte, in das Feuer disziplin\u00e4rer Sch\u00fctzengr\u00e4ben zu geraten. Das ist nun passiert. 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