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Aktuelles

Tagungsbericht zu der Konferenz:

„Testimony /Bearing Witness. Current Controversies and Historical Perspectives“, 15.-17. Januar 2015

(Das Programm finden Sie hier.)

 verfasst von Studierenen des Philosophie-Masterseminars „Soziale Erkenntnistheorie“, WS 2014/15, Freie Universität Berlin

Die internationale Tagung „Testimony / Bearing Witness“ fand vom 15. – 17. Januar am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin und am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) statt. Die Tagung wurde im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Zeugenschaft. Ein umstrittenes Konzept, untersucht im Austausch zwischen systematischer und kulturgeschichtlicher Perspektive“ durchgeführt, das von Sybille Krämer (FU Berlin) und Sigrid Weigel (ZfL) geleitet wird. Mitarbeiterinnen im Projekt sind Sibylle Schmidt (FU Berlin), Aurélia Kalinsky und Heike Schlie (beide ZfL).

Ziel der Tagung war es, die vielschichtige und verschiedenartige Thematisierung des Phänomens und Begriffs der „Zeugenschaft“ zusammenzuführen und Unterschiede sowie Anknüpfungspunkte der verschiedenen wissenschaftlichen Debatten aufzuzeigen. Das Phänomen der „Zeugenschaft“ behandele nämlich einerseits als „Wissen aus den Worten anderer“ einen genuinen Bestandteil der Epistemologie und Rechtswissenschaft, andererseits sind Zeugen und Zeuginnen in einen explizit sozialen, ethischen und politischen Kontext eingebettet. Dementsprechend umfasste die Auseinandersetzung mit „Zeugenschaft“ verschiedene Gegenstände: Neben Gerichtszeugen traten Märtyrer, Überlebens- und Zeitzeugen sowie nicht zuletzt Formen des Zeugnisgebens in alltäglichen Situationen der Wissensvermittlung durch Kommunikation, Medien und Kunst.

Katharina Kausch und Alexander Lamprakis

I. The 20th and 21st Centuries – Witnesses between Memory, Politics, and Justice

José Brunner: A Narrative Turn in Human Rights Discourse? Victims of Gross Human Rights Violations: Between Truth Commisssions and the Right to the Truth.

 Den ersten Vortrag der Konferenz hielt José Brunner aus Tel Aviv. Im Panel „The 20th and 21st Centuries-Witnesses between Memory, Politics, and Justice“ erläuterte er unter dem Titel „A Narrative Turn in Human Rights Discourse? Victims of Gross Human Rights Violations: Between Truth Commisssions and the Right to the Truth“, wie sich ein verändertes Menschenbild auf die Menschenrechte ausgewirkt habe. Seine Ausführungen bezeichnete Brunner als unvollständig, über sie könne noch nachgedacht werden. Brunner begann mit einem Textauszug aus Ariel Dorfmans Theaterstück „Der Tod und das Mädchen“. Darin halte eine Frau namens Paulina Salas ihren, wie sie glaubt, einstigen Vergewaltiger gefangen. Sie wolle, so Brunner, dass dieser die Wahrheit sage, auch wenn sie bereits wisse, was die Wahrheit sei. Es gehe ihr also nicht um ein Wissen, sondern um etwas anderes. Dies sei die Einstiegsfrage seines Vortrages.  Brunner verweist auf historische Prozesse infolge von Diktaturen, die die Verbrechen dieser Zeit zum Gegenstand hatten. Während der Nürnberger Prozesse habe die Frage noch gelautet, ob die Angeklagten die Wahrheit sagten. Die Kommissionen jedoch, die in Chile oder Argentinien nach dem Zusammenbruch der Diktaturen stattfanden, hätten ein anderes Ziel verfolgt als etwa eine rechtliche Wahrheit. Sie hätten keine Wahrheit herausfinden sollen, da diese bereits bekannt gewesen sei. Vielmehr sei es darum gegangen, die Länder in die Demokratie zu überführen. Die Junta in Argentinien habe eine Narration der argentinischen Geschichte gegenüber einer anderen stärken sollen. Nicht die Wahrheit, sondern das Geschichtsbild sei Gegenstand dieser Kommission gewesen, erklärt Brunner.  Die UN hätten nun 2010/11 deklariert, dass das Verschwinden von Menschen nicht bloß ein Verbrechen gegen diese selbst sei, sondern überdies gegen deren Angehörige. Ein Verbrechen sei also sowohl der gegen das Opfer gerichtete eigentliche Akt des Verbrechens, als auch dessen Leugnung als Verbrechen gegen dessen Angehörige. Dies gelte insbesondere für Staaten nach einer Diktatur. Brunner spricht diesbezüglich von einem Menschenrecht, welches auf Verstößen gegen andere Menschenrechte basiere. Infolge eines Mordes etwa sei es ein Menschenrecht, dass die Wahrheit darüber herausgefunden werden solle. Warum sei es ein Menschenrecht, fragt Brunner, um das Schicksal seiner Angehörigen zu wissen?  In der Erklärung der Menschenrechte von 1948 sei der Mensch als ein autonomes Wesen verstanden worden. In den späten 1970er Jahren habe sich dieses Verständnis dann gewandelt. Der Mensch sei nicht mehr ausschließlich als autonomes, sondern zudem als narratives Wesen verstanden worden, an dessen Geschichte etwas fehle, wenn er seine Angehörigen verliert. Nicht die Wahrheit zu sagen sei somit die zweite Stufe eines Verbrechens und dergestalt gebe es das neue Menschenrecht, dass ein Staat Zeugnis ablegen müsse über seine Historie. Miranda Fricker aus Sheffield lobte die von Brunner beschriebene Herausbildung eines neuen Menschenrechts.

Marcel Lemonde: Bearing Witness in Light of the Khmer Rouge Trial

 Im selben Panel sprach dann Marcel Lemonde aus Strasbourg über den Prozess zu den Verbrechen der Roten Khmer und dessen Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs: „Bearing Witness in Light of the Khmer Rouge Trial“. Lemonde leitete das Thema zunächst historisch ein: 1975 kamen die Roten Khmer in Kambodscha an die Macht. Im Jahre 2003 hätten sich die UN und Kambodscha auf ein internationales Tribunal geeinigt. Elf kambodschanische sowie acht internationale Richter saßen diesem Gericht vor. Der Vorwurf lautete Verbrechen gegen die Menschlichkeit.  Lemonde fragte nach der Rolle der Zeugenschaft in Prozessen. Dass Richter die meisten ihrer Entscheidungen aufgrund von Zeugenaussagen treffen würden, sei unbefriedigend, da deren Zuverlässigkeit durchaus fraglich sei, insbesondere wenn das Verbrechen Massen betreffen würde. In diesen Fällen seien die Angeklagten bereits vor der Verhandlung abgeurteilt. So gebe es eben schon vor Prozessbeginn Bücher zum Thema des Prozesses.  Dann wandte sich Lemonde der Rolle der Historiker bei diesem Prozess zu. Einige von ihnen hätten es akzeptiert, in diesem historischen Verfahren als Experten zu gelten, andere nicht. Könne eine solche Verhandlung zu wissenschaftlich-historischen Erkenntnissen führen? Lemonde bezeichnet die Zeugenschaft der Opfer als beste Waffe wider jeden Revanchismus. Es sei ein wichtiger Erfolg dieser Verhandlung, dass sie trotz einiger Fehler, eine große öffentliche Aufmerksamkeit verzeichnen konnte. Über Fernsehen, Radio und Zeitungen verbreitet, habe der Prozess einen positiven Einfluss auf die kambodschanische Gesellschaft gehabt. Man würde nun öffentlich über die Roten Khmer diskutieren, was zuvor als Tabu gegolten habe. Der entscheidende Punkt sei, Lemonde zufolge, dass der Gerichtsprozess eine Debatte eröffnen konnte, auch wenn diese durch die Verhandlungen nicht abschließend beendet wurden.

Sigrid Weigel: Tensions and Interplay of Different Types of Testimony in a Film from the Warsaw Ghetto – ‘A Film Unfinished’ by Yael Hersonski (2010)

 Sigrid Weigel sprach über die verschiedenen Arten der Zeugenschaft, die in „A Film Unfinished“ von Yael Hersonski (2010) dargestellt werden. Der Begriff des Zeitzeugen sei, so Weigel, trotz seiner Verbreitung im Deutschen problematisch, da kein Mensch für eine Zeit oder Epoche sprechen könne. Zeugenschaft sei keine Frage der Evidenz, sondern eine der Erfahrung. Konträr zum Zeitzeugen komme dem Augenzeugen kein repräsentatives Wissen von etwas zu – der Augenzeuge habe hingegen ein qualitatives Wissen.  Dieser Film über einen Film stelle andere Quellen, etwa Zitate aus historischen Dokumenten, den Bilder gegenüber.  Sowohl Ausschnitte aus einem geplanten Nazi-Propagandafilm von 1942 über das Warschauer Ghetto sowie Fotos hätten Eingang in diesen Film gefunden, als auch Tagebücher aus dem Ghetto und die Protokolle der Prozesse in späten 1960er Jahren. Auch Augenzeugen spielen eine wichtige Rolle in „A Film Unfinished“. Der Film zeige die Überlebenden, wie sie heute auf die Bilder reagieren.

Bericht: Georg Thore Meggers

II.    Historical Perspectives on the Concept of Testimony

 François Hartog:  The Presence of the Witness

 François Hartog, Professor für Geschichte der Antike und Neuzeit an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris, betonte in seinem Vortrag „The Presence of the Witness“ die Rolle des Zeugen als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ausgehend von der Ambiguität des Konzepts des Zeugens in der Antike, der einerseits juristisch-empirischer Zeuge und andererseits prophetischer Zeuge sein konnte, entwickelte Hartog den Gedanken, dass sich die Konzeption des Zeugen im 20. Jahrhundert durch die Shoah und ihre politische und gesellschaftliche Aufarbeitung, die nicht zuletzt dem Holocaust-Leugner entgegentreten möchte, wandle. Hartog stellte die Frage, wie der Zeuge sein Erleben als Erleben bezeugen kann. Die Figur des Zeugen als Überlebender, als psychologische Kategorie des Traumatisierten, erzeuge politische Kraft, weil sie mit dem Leid das Pathos evoziere – und damit eine Art geteilter Erinnerung und eine Erinnerungskultur etabliere. Der Zeuge als Opfer habe in diesem Erinnern, so Hartog, eine zentrale Funktion, und die Sorge um Zeugen und Zeugenschaft ist zunächst eine Sorge um Vermittlung. Das Konzept der Zeugenschaft sei gebunden an die Idee eines zeitgenössischen, nämlich besonders authentischen körperlichen Zeugen als Opfer und mithin an eine Idee des Sammelns und Bewahrens von Zeugnissen. Erinnerung solle nicht historisiert, sondern lebendig gehalten werden – so solle durch den Zeugen erlebt werden und schließlich der Empfänger selbst zum Zeugen werden. Hiermit implizierte das Konzept des Zeugen und seines Zeugnisses den Versuch die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart immer wieder aufs Neue zu überwinden.

Axel Gelfert:  Enlightenment Perspectives on the Problems of Testimony

 Axel Gelfert, Associate Professor für Philosophie an der University of Singapore, diskutierte in seinem Vortrag „Enlightenment Perspectives on the Problems of Testimony“, ob und inwiefern das Phänomen der Zeugenschaft als Wissensquelle in der Philosophie der Aufklärung zugelassen wurde. So argumentierten Christian Thomasius, Chladenius, Crusius, Georg Friedrich Meier sowie auch Kant für das Prinzip der Billigkeit, wonach dem Zeugen eine Art Vertrauensvorschuss geliefert werden sollte. Chladenius anerkenne, dass historische Texte und hermeneutische Hypothesen ihrer Interpreten nicht problemlos als sichere Quelle von Wissen angesehen werden können, weil sie kaum empirisch überprüfbar seien. Damit rücke zum einen der Zeuge in den Mittelpunkt des Interesses und es stelle sich die entscheidende Frage, ob man seinem epistemischen Charakter trauen könne. Zum andern solle man, so schlage Crusius vor, den „Sehepunkt“ des Autors kennen, d.h. in der Beurteilung der Wahrheit des Zeugnisses den historischen Kontext und die Situation seiner Zeugenschaft beachten, sowie aber auch den Sehepunkt des Interpreten berücksichtigen. Hiermit werde deutlich, dass das Konzept der Zeugenschaft eine interpersonale und gegenseitige Relation ist. Auch mit Kant könne Gelfert zufolge Zeugenwissen als Quelle von empirischem Wissen betrachtet werden. Es stelle sich aber auch hier die Frage, wie mit dieser sozialen Dimension der Wissensvermittlung umgegangen werden solle, und wie die Glaubwürdigkeit eines Zeugens beurteilt werden könne. Auf der einen Seite benötige der Empfänger die entsprechende Urteilsfähigkeit, um den epistemischen Charakters des Wissenden zu bewerten, auf der anderen Seite soll derjenige, der als wissend auftritt, epistemisch tugendhaft und aufrichtig sein. Im sozialen Kontext benötige der Wissende die Meta-Kompetenz relevantes Wissen zu kommunizieren, erst diese zusätzliche Kompetenz qualifiziere den Wissenden als zuverlässige Wissensquelle.

Michèle Bokozba Kahan:  Can We Believe in What We See? Historical and Philosophical Approaches of Testimonial Discourses in the 17th and 18th Century in France

 Michèle Bokozba Kahan, Associate Professor für französische Kultur und Literatur an der Tel Aviv University, betrachtete in ihrem Vortrag „Can We Believe in What We See? Historical and Philosophical Approaches of Testimonial Discourses in the 17th and 18th Century in France“ Pierre Bayle und Pascal als Referenzautoren für eine soziale Erkenntnistheorie in der französischen Aufklärung. Die aufklärerische Debatte über das Phänomen des Wunders und die steigende Zahl ihrer Beobachtungen demonstriere, dass es im Bezug auf das Konzept von Wahrnehmung und Wissen eine Lücke zwischen Theorie und Praxis/Alltag gegeben habe. Was könnten Kriterien für die Wahrheit bezeugter übernatürlicher Ereignisse sein, die auch skeptischen Einwänden widerstehen können? Nach Pascal sei es der Zeuge selbst, der Glaubwürdigkeit durch seine kognitiven und moralischen Eigenschaften garantieren könne. Pierre Bayle argumentiere, dass im Begriff der Zeugenschaft ein Widerspruch angelegt ist. Einerseits werde die Glaubwürdigkeit des Zeugen ethisch bzw. in nicht-epistemischen Kategorien bewertet, auf der anderen Seite werde sein Zeugnis epistemisch, d.h. empirisch fundiert beurteilt. Um diese Aspekte zu vereinigen, entwerfe Bayle das Konzept des „witness in situation“, der immer eingebettet sei in einen sozialen, historischen und ideologischen Kontext. Die Situation der Äußerung selbst sei entscheidend für die Glaubwürdigkeit des Zeugen, der Sprechakt werde Teil des Zeugnisses. Die Vertrauenswürdigkeit des Zeugen müsse grundsätzlich gewissenhaft vom Empfänger untersucht werden – er steht ihm zunächst skeptisch gegenüber. Aber auch der Empfänger sei in einem sozialen und politischen Kontext situiert, der Einfluss auf die Akzeptanz des Zeugnis habe. Aus heutiger Sicht, so resümierte Bobozka Kahan, könne man mit Bayles Äußerungen den Beginn des Relativismus markieren. In Bezug auf die Frage nach dem Umgang mit dem Zeugnis des Wunders handle es sich letztlich darum einen Kompromiss zwischen dem alten religiösen und dem neuen empiristisch-wissenschaftlichen Paradigma des Erklärens zu finden, um der Polyphonie der Zeugen gerecht zu werden.

Bericht: Leona Lücke

 

 

III „The Epistemology of Testimony: Secondhand Belief or Genuine Knowledge?“

Sybille Krämer:  Epistemic Dependence and Trust

 In her talk Epistemic Dependence and Trust Sybille Krämer (Freie Universität Berlin) examined the contribution of the Second Person Model for a social Epistemology of knowledge. Her central argument was, that Epistemic Dependence is a constitutive element of the human epistemological situation, because throughout our lives, we rely on being informed by others. In this context, the second person oriented debate about testimony reveals an innovative aspect of social epistemology, because knowledge is detached from proof and evidence and instead, is associated with trust, belief and authority – without loosing its status as genuine knowledge. „The speaker“, Krämer said, „provides no evidence. But rather gives a guarantee. He does not present a statement, but rather presents himself as a person the listener can trust.“ This account, however, is limited by its requirement of a certain consensus between the witness and the audience, which can lead to epistemic injustice. Furthermore, as Jennifer Lackey states, it seems to replicate the division between Ethics and Epistemologies. But this objection is met with an interesting argument by Krämer: „Epistemic evidence is not replaced with ethical assurance, but rather the epistemological function that evidence fulfills is now replaced with an epistemological function that assurance fulfills.“ Thus, the interplay between witness and audience is not only a social constellation, but it also generates a specific form of rationality. Krämer explained this rationality on the basis of Benjamin McMyler’s theory. According to this, the transmission of knowledge in testimonial is only possible, if the audience is able pass the justification back to the speaker, to postpone the epistemic challenge, for which the speaker is responsible. Therefore, the relation between the attestor and the audience is epistemic, and testimonial knowledge truly remains second person knowledge. For future work, Krämer’s suggestion is to interpret first, second and third person models of testimony not as competitive, but as complementary.

Miranda Fricker: Having your Say. The Expressive Value of Testimony

 In Miranda Fricker’s (University of Sheffield) vivid presentation Having your Say she talked about different aspects of the analytic epistemology of testimony. Regarding the debate between trust-based views and evidence-based views of testimony, she pointed out, that it is „psychologically crazily implausible“ to imply an evidence assessing activity as default stance for the audience. Instead, she assumed as the default presumption, that a hearer just believes what she is told, unless there are queues for doubt. Thus, a successfull and responsible hearer switches between   a stance of evidence assessment and stance of trust. In terms of epistemic responsibility, this means, that – if the audience accepts the speakers invitation to trust her – it hands over the epistemic responsibility for its believe to the speaker. This division of epistemic labour is in Fricker’s view „the whole point about testimony.“ However, unless this trust is justified, it will not be an epistemically justified activity. And since this justification does not need to be a conscious judgement, this mode of accepting or not accepting the believe of the attestor might be guided by prejudice and is thus vulnerable for epistemic injustice. In addition to this testimonial injustice, she outlined another epistemological injustice. This hermeneutical or interpretative injustice refers to a situation, in which a marginalized group is not able to tell a story, that needs to be told, because there is a poverty of concepts or ready interpretations. In Fricker’s view, this qualifies as an epistemological injustice, because the group is hermeneutically marginalized and locked out of the creation of concepts.

Dirk Koppelberg: Is testimony an epistemically special source of knowledge?

 In his talk Is testimony an epistemically special source of knowledge?, Dirk Koppelberg (Freie Universität Berlin) expressed his scepticism about the interpersonal view’s conception of the speaker’s ethical commitment as a source of knowledge. In his opinion, the interpersonal view is dependant on the interpretation of the telling as a speech act, in which the speaker is not only inviting the audience to trust her, but the act of telling itself is a reason to trust, since it allows the assumption of responsibility on the part of the speaker. In Edward Hinchman’s interpersonal account of testimonial knowledge, this claim is backed up with the conception of the telling as an illocutionary speech act, which has to be addressed to the audience and the audience has to recognise the speaker’s intention to perform this act to be successful. For explaining his scepticism, Koppelberg drew on Jennifer Lackey’s example of someone eavesdropping a testimony. While the interpersonal view of testimony interprets the interpersonal relationship between the speaker and the listener as an epistemic reason for something to be knowledge, he asked, why an eavesdropper, who is not part of the testimonial’s interpersonal relationship, does not acquire the same knowledge. In absence of a convincing answer, Koppelberg thus questioned the interpersonal view’s account of testimony as an epistemically special source of knowledge.

Bericht: Till Rudnick

IV. Trauma and Testimony – Perspectives from Psychiatry and Psychoanalysis

Am Samstag, d. 17.1.2015, ging es im ersten Panel der Tagung um die psychologischen und psychoanalytischen Perspektiven der Zeugenschaft. In den drei Vorträgen wurde auf die Fragen eingegangen, ob Opfer von Katastrophen bzw. Traumata Zeugenschaft ablegen könnten und mit welchen Mitteln oder Hilfestellungen ihnen dazu verholfen werden könne, von ihren Erfahrungen zu berichten oder mit ihnen durch Berichterstattung umzugehen.

 Steve Weine: Testimony and Therapeutic Culture

 Im ersten Vortrag sprach Steve Weine, Professor für Psychiatrie an der Universität Illinois in Chicago und Direktor des International Center on Responses to catastrophes, sowie Direktor des Global Health Research Training Centers, vor allem über drei Aspekte:

Die Vorteile und Risiken, die das Berichten von traumatischen Erfahrungen mit sich bringen, die Beeinflussung von und durch Institutionen, so wie beispielsweise die Benutzung von Zeugen als (Aufmerksamkeits-)Catcher“ in den Medien, sowie die Grenzen der therapeutischen Kultur im Umgang mit Zeugen.

Im ersten Teil des Vortrags berichtete Weine, dass die Wiedergabe traumatischer Erfahrungen teils therapeutische Effekte habe, dass viele Zeugen aber vor allem durch das Ablegen der Zeugenschaft das Gefühl hätten, etwas aus der erschütternden Situation gemacht zu haben. In diesem Zusammenhang kam er auf das Zitat„I can tell my story, therefore I am“ zu sprechen, an dem man ablesen kann, dass für den Zeugen das Berichten der traumatischen Erfahrung zu einem wichtigen Teil sowohl zum Umgang mit der Situation, als auch zur Verarbeitung seiner traumatischen Erfahrungen diene. Allerdings müsse man darauf achten, dass das Berichten von traumatischen Erfahrungen nicht nur positive Effekte habe, sondern dass es auch auf den Umgang mit den Zeugen und deren Geschichte angehe.

Im zweiten Teil sprach er über die institutionelle Verarbeitung von Zeugenschaft. Gerade in der medialen Welt seien persönliche Berichte, beispielsweise in Formen von Interviews, eine Schlüsselfigur der Medien geworden: First-Hand-Aussagen über Katastrophen oder Kriege, so Weine, würden von dem Zuschauer bzw. Publikum viel stärker wahrgenommen, wenn er eine persönliche Verbindung zu den Opfern herstellen könnte – und eines, der wichtigsten Mittel dafür sei das „Gespräch“ mit einem Opfer, das in der modernen medialen Welt nahezu in einer „testimony industry“ verarbeitet und aufbereitet werde. Weine verwies aber auch darauf, dass die Zeugenschaft so nicht nur Mittel des Zeugen sei, mit seinen Erfahrungen umzugehen, sondern, dass sie durch diesen Vorgang auch Mittel der Medien und somit „Produktion“ werde – und als solcher sei ihr differenziert entgegenzutreten. Vor allem müsse aber der Schutz des Zeugen und seiner Geschichte, im Vordergrund stehen, sowie die Vermittlung der Idee, dass die Aussage des Zeugen immer subjektiv sei – und keineswegs als unumstößliche Wahrheit, sondern als Ausdruck von Gefühlen angesehen werden müsse.

Schließlich kam Weine auf die Grenzen der therapeutischen Kultur im Umgang mit dem Zeugen zu sprechen und fasste zusammen, dass Zeugenschaft für den Zeugen oftmals nicht nur positive Effekte habe, dass aber der richtige Umgang mit dem Zeugen und seiner Geschichte zumindest ein guter Versuch sei, den Zeugen von seiner Last zu befreien und die Erfahrungen, die der Zeuge gemacht habe, sinnvoll zu verwerten.

Zohar Rubenstein: The Testimony of the Traumatic Witness: The Tension between the Therapeutic Act and the Loss of Words and Meaning

 Im zweiten Vortrag sprach Zohar Rubenstein, klinischer Psychologe und Lektor an der Universität Tel Aviv, darüber, dass das Schweigen nach einem akuten persönlichen Trauma ebenfalls als Zeugenschaft angesehen werden könne.

Zuerst ging er darauf ein, was ein Trauma überhaupt ausmache: Die persönliche Begegnung mit dem Tod, der plötzliche und unerwartete Zeitpunkt dieser Begegnung und der Schockzustand, der folge. Diese Erfahrung werde als Unterbrechung des Alltags empfunden , man fühle sich überwältigt, nicht mehr in Balance und entwickle ein sich wiederholendes, teils gestörtes Verhalten. Am Ende sei man in einem Geisteszustand, in dem gleich dem Zustand in einer Depression Worte und Bedeutung verloren gingen. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem Gefühl, als sei das eigene Denken ein Gefängnis ohne Hoffnung.

Die Erzähltherapie könne für das Opfer einerseits eine Hilfe darstellen und den Weg zurück zu einem normalen Leben ebnen, andererseits gebe es auch Opfer, denen die Therapie nichts bringe oder sogar noch Verschlimmerung ihres Zustandes – und die, obwohl sie versuchen, zu sprechen, keine Emotionen mit ihrer Sprache zum Ausdruck bringen und insofern das Ereignis nicht loslassen könnten. Für manche Opfer bleibe Zeugenschaft deshalb unmöglich. Wichtig sei jedoch vor allem die Rolle des Therapeuten: Das Opfer müsse sich zu jedem Zeitpunkt wohl fühlen – denn es gehe nicht um die Erschöpfung der tatsächlichen Ereignisse des traumatischen Erlebnisses, sondern um Hilfe für das Opfer und dessen Emotionen und Ängste. Zu einem Teil müsse der Therapeut so sogar die Gefühle von Agonie und Schmerz verstehen und mitfühlen lernen, um dem Opfer ein „Assistent“ bei der Überwindung seiner Blockaden zu werden. Das fortwährende Schweigen des Opfers sei jedoch auch selbst ohne sprachliche Aufschlüsselung als Zeugenschaft und als Ausdruck der erlebten Tragödie zu verstehen.

Janine Altounian: When Bearing Witness can only be achieved through second or third generation mediation – The Armenian Case

 Janine Altounian, französische Essayistin, Übersetzerin und Kind armenischer Eltern, die den Genozid 1915 überlebten, sprach im dritten und letzten Vortrag des Panels über die Möglichkeit der Zeugenschaft in zweiter und dritter Generation.

Der Vortrag war stark geprägt von ihren eigenen Erfahrungen zu dem Thema, hatte sie doch in einem alten Schrank das Tagebuch ihres Vaters von 1920 gefunden, das den Abtransport und die von ihm erlebten Erfahrungen des Genozid beschrieb. Sie schilderte, dass ihre Eltern zwar nie über das Thema gesprochen hätten, dass sie aber immer gespürt habe, dass „etwas nicht in Ordnung sei“ und dass ihre Eltern über etwas nicht sprachen.

Als sie das Tagebuch entdeckte, empfand sie es als in ihrer Verantwortung liegend, die Ereignisse durch die Erfahrungen ihres Vaters zu beleuchten und als Zeugin zweiter Generation aufzutreten.

Zeugen zweiter und dritter Generation, so Altounian, kämen dabei mehrere Aufgaben zu: Zum einen müssten sie die „Unauslöschbaren“, also die schweigenden Zeugen der Groß-/Eltern-Generation befragen, aber auch die Erfahrungen, die keine Sprache bei ihnen gefunden hätten, in eine andere, eigene Sprache übersetzen, um sie so zugänglich zu machen und in Empfang zu nehmen. Der Erbe müsse in dieser Hinsicht fast selbst zum Subjekt der Erfahrung werden, um die Kultur und Sprache der Eltern in seinem Zeugnis repräsentativ wiedergeben zu können.

Interessant war auch, dass die Sprache, die sich der Zeuge bediene, nicht unbedingt linguistisch sein müsse – auch und vielleicht oft sogar besser könnten diese Erfahrungen in Kunst, Musik und Tanz ausgedrückt werden.

Bericht: Daniela Mertens

V. Testimony and Visual Evidence in Art and other Media

Peter Greimer (FU Berlin): Remembrance of Things Past: Testimony and Imagination

 Ausgehend von Überlegungen Derridas, der den Begriff der Zeugenschaft genau dort verortet, wo faktische Beweise aufhören, nähert sich Greimer in seinen Ausführungen über Fotografie diesen beiden Polen. Während Zeugenschaft auf Vertrauen, Glauben und Beschwören basiert, sind Beweise stets stumm (wiederum Derrida). Obwohl gemeinhin Fotografie als Beweisstück behandelt wird, kann sie doch auch, selbst wenn sie keinen klaren Informationsgehalt birgt, auch Zeugenschaft sein, indem sie nämlich Kontext und Situation des abgebildeten Ereignisses näher beleuchtet, so Greimer. Wie konnte s/w-Fotografie jedoch für realistisch gehalten werden, obwohl eine solch fundamentale Dimension wie Farbe fehlte? Gibt es einen Unterschied der fotografischer Zeugenschaft zwischen Schwarz/weiß- und Farbfotografie?

Diesen Fragen widmetet sich Greimer vor allem durch die Perspektiven Paul Hendricksons und Roland Barthes, die sich beide mit den unterschiedlichen Qualitäten von Farb- und Schwarz/Weiß-Fotografie beschäftigt haben. Während Barthes die Verbindung zum Tod und zum Vergangenen betont, und damit die Dimension Farbe in der Fotografie als reine kosmetische und illusorische Kategorie abtut, versucht Hendrickson unterschiedliche Qualitäten und Funktionen zu benennen. Keineswegs ist das Fehlen von Farbe als  Defizit im Bezug auf die Ähnlichkeit zur Realität (Barthes), da Fotografie nicht auf eine genaue Wiedergabe abzielt sondern versucht das Einzigartige des Abgebildeten darzustellen. Hendrickson beschreibt Schwarz/Weiß-Fotografie als Zeugnisse, die den historischen Charakter unterstreichen, während Farbfotografie eher auf „Reanimation“ und Empathie aus sind. Greimer folgt dieser Tendenz, merkt allerdings gleichzeitig an, dass diese Unterscheidung möglicherweise auch eine Frage von Generationen ist, da das Schwarz/Weiß-Foto (zumindest als historisches Dokument, z.B. im Familienalbum) zunehmend verschwindet und jüngerer Generationen Geschichte vor allem durch Farbfotografie zugänglich ist. Vor allem die historische Komponente der Wahrnehmung und Aussagekraft von Zeugnissen wird abschließend betont und die unterschiedliche Wirkung von s/w- und Farbfotografie in der Folge lebhaft diskutiert.

Bericht: Johannes Lotze

John Durham Peters: Like a Thief in the Night: Witness and Watching

 John Durham Peters (Iowa City) zeigte in seinem Vortrag die Verstrickung von „watching“ und „witnessing“ anhand Beispiele aus der hebräischen und christlichen Bibel sowie antiker Literatur und zeitgenössischen Medien auf. Den Rahmen seines Vortrag bildete die Frage, ob wir durch Massenmedien zu Zeugen von Ereignissen werden und welche Dimensionen der Begriff „watching“ in unserem Umgang mit Medien in sich birgt. Peters deutete den Begriff „watching“ als einen Zustand der „Bereitschaft“ und „Wachheit“, den er sowohl aus anthropologisch-biologischer als auch aus kultureller Perspektive in den Blick nahm. Die Grundfigur seiner Überlegungen bildete der Begriff „watchman“, der als „Wächter“ und „Hüter“ in verschiedenen Situationen Ausschau nach möglichen Gefahren und Katastrophen hält. An den Beispielen der äsopischen Fabel über „den Jungen, der Wolf rief“, dem „Weather Watch“ amerikanischer Fernsehnachrichten und verschiedener Wächterfiguren aus der Literatur- und Kulturgeschichte zeichnete Peters „watching“ als – zumindest potentiellen – Alarmzustand aus: „If you see something, say something“. Diese Idee versuchte Peters in kreativer Auseinandersetzung mit den genannten Beispielen mit der Figur des „Zeugen“ in Verbindung zu bringen.

Bericht: Alexander Lamprakis