Fritz Vilmar
Schon als 1973 meine kleine Enzyklopädie der gesamtgesellschaftlichen Demokratisierungskonzepte und -versuche erschien[10], war die große Aufbruchstimmung des sozialliberalen Machtwechsel - Willy Brandt 1969: "Wir wollen mehr Demokratie wagen!"[11] - vorüber. Ein linker Zyniker nannte die Arbeit - nicht ganz zu Unrecht - einen "Nachruf", obwohl sie doch, auf der Basis zahlloser dokumentierter Modelle aus 24 gesellschaftlichen Subsystemen, einen Aufbruch in eine neue Qualität und Dimension von Demokratie manifestieren zu können glaubte - einen Aufbruch, der nach Überzeugung des Autors schließlich zu einer Konvergenz von Demokratie und Sozialismus führen würde. So hieß es denn in der später viel zitierten Einleitung: "Die Revolution hat bereits begonnen. Orthodoxe Linke halten immer noch Ausschau nach Opas Revolution als einer, die hereinbrechen soll wie ein grandioses Gewitter - und jeder größere Streik wird ihnen zum revolutionären Wetterleuchten, enttäuschend, weil kein Gewitter folgt. Die Konservativen, viel bessere Seismographen, haben längst registriert, daß die Revolution bereits begonnen hat. Als ihr Wolf im Schafspelz: Demokratisierung. Denn Demokratisierung: Herstellung von Gleichheit und Freiheit in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen, und Sozialismus sind ein und dasselbe"[12]. Ein Vierteljahrhundert nach dieser Prognose, zwanzig Jahre nach Anbruch der ökonomisch-politischen Stagnationsphase mit ihren schwerwiegend reaktionären Wirkungen, fünf Jahre nach einer beispiellosen kapitalistischen Vereinnahmung Ostdeutschlands, die weit mehr zur Kolonialisierung als zur Demokratisierung der DDR führte, scheint jener linke Zyniker, prima facie, doch recht behalten zu haben.
Im folgenden möchte ich demgegenüber zeigen, daß die Relevanz einer Theorie und Praxis gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung keineswegs allein aus der einen Aufbruchssphase 1966-72 zu erschließen ist. Zu diesem Zweck ist wenigstens in Kürze der Begriff der Demokratisierung im Rahmen einer Historischen Theorie der Demokratie (1) zu konkretisieren. Es folgt die Bilanz des Demokratisierungsprozesses, seines Erlahmens, aber auch seiner unerwarteten Mutationen in den vergangenen Jahrzehnten (2). Um diesen in vieler Hinsicht überraschenden Prozeß verstehen zu können, sind seine sozialgeschichtlichen Entfaltungsbedingungen und Barrieren zur Sprache zu bringen (3). Den Abschluß bildet die Zusammenfassung eines wissenschaftlichen Diskurses zum Thema mit sehr verschiedenen Einschätzungen des Demokratisierungsprozesses (4).
1. Begriff der Demokratisierung im Rahmen einer Historischen Theorie der Demokratie
Theorie der Demokratisierung faßt Demokratie als geschichtlichen Prozeß [13]. Die Borniertheit, ja Blindheit der herrschenden Demokratietheorie dagegen folgt aus ihrer Ungeschichtlichkeit: Sie geht bekanntlich von dem - insbesondere von Rousseau entwickelten - Ideal einer Identität von Herrschenden und Beherrschten durch ein System von direkten Volksentscheiden aus, stellt die Nicht-Realisierbarkeit dieses "identitären" Demokratiekonzepts fest und beugt sich sodann auf der Suche nach einem "realistischen" Demokratiekonzept der normativen Kraft des Faktischen: der Delegation des Volkswillens an Vertreter. So wurde in der daraus resultierenden "restriktiven" Demokratietheorie das vorfindliche Repräsentativsystem zur demokratischen Norm erhoben, die dann bei Schumpeter vollends zur "Elitenkonkurrenz" verkam, die als "ökonomische Theorie der Demokratie" von Downs schließlich auch noch, in einem hochideologischen Theoriemix, mit dem kapitalistischen Konkurrenzideal verbunden wurde [14]. Der amerikanische Politologe Fukujama stilisierte diese Mixtur einer idealisierten market-democracy dann schließlich, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Gesellschaftssystems, auch noch, sozusagen pseudo-hegelianisch, zum Höhe- und Endpunkt des neuzeitlichen Zivilisationsprozesses hoch.
Wilfried Röhrich hat das Verdienst, in seiner Studie über "Eliten und das Ethos der Demokratie"[15] den "schillernden Elitebegriff" und die Tendenz des Verkommens von Demokratie zur bloßen Herrschaftstechnik kritisch analysiert zu haben. Er stellt dem "Markt-Modell" das Demokratie-"Prinzip Partizipation" gegenüber[16], fordert in diesem Sinne den "Aufbruch aus der statischen Demokratietheorie" und - ganz im Sinne des vorliegenden Textes - "eine Rückbesinnung auf jene Demokratisierungsforderungen ..., die in der Bundesrepublik seit der großen Demokratiedebatte im Rahmen der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre datieren". Röhrich kommt von da aus, wie seinerzeit Willy Brandt (s. Anm. 4!) zu der theoretisch grundlegenden Einsicht: "Insgesamt ist die Demokratie als ein geschichtlicher Prozeß zu begreifen, in dem ... Demokratie sich als eine soziale verwirklicht" (Hervorh. v. mir, F.V.).
In der Tat konnte der Substanzverlust der demokratischen Idee, die Hypostasierung der bestehenden Elitenkonkurrenz als Ideal, auch im wissenschaftlichen, demokratietheoretischen Diskurs nur hingenommen werden, weil Demokratie nicht als Prozeß, sondern als Status begriffen - und also überhaupt nicht begriffen wurde und wird. Wie das Wesen eines Laubbaumes nicht zu erfassen ist, wenn man ihn nur im März, in Knospen, wahrnimmt, so ist Demokratie nicht zu begreifen, wenn man sie identifiziert mit einer frühen, elementaren, aber ganz unzulänglichen geschichtlichen Ausprägung, mit dem Repräsentativsystem.
Ganz anders dagegen können wir die Bedeutung des empirischen, parlamentarischen Status der Demokratie würdigen, aber auch eingrenzen, wenn wir einer Historischen Theorie der Demokratie folgen. Danach ist Demokratie der in der Neuzeit noch sehr junge, seit 200 Jahren sich ausbreitende Aufbruch der geknechteten Menschheit, nach jahrtausendelanger Subordination unter Klassen- und Männerherrschaft, zur Befreiung und Selbstbestimmung. Der geschichtlich also noch ganz neue, "unerhörte" Versuch, die Herrschaftsgesellschaft schrittweise zu überwinden: die schreckliche Fehlentwicklung (Entfremdung) der menschlichen Gattung in Herrschende (Männer) und Dienende (Frauen), Besitzende und Besitzlose, dominierende (Militär-)Mächte und kolonialisierte (Ackerbauer-)Völker wiedergutzumachen durch Freiheit, Gleichheit und Solidarität [17]
Daß mit dem - höchst verlustreichen, mühseligen - Siegeszug der demokratischen Konstitutionen unter dieser Ideentrikolore allmählich anstelle des jahrtausendealten Votums der wenigen, reichen, mächtigen Männer das Prinzip one man/woman one vote durchgesetzt werden konnte und in frei gewählten Volksvertretungen zur legislativen Macht gelangte, war ein erster großer, wahrhaft weltrevolutionärer Strukturbruch: Weg von der Herrschaftsgesellschaft, hin zur demokratischen. Nicht ohne Grund wurden die Vorkämpfer eines auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhenden parlamentarischen Regierungs- und Staatssystems noch im 19. Jahrhundert mit dem Namen "Demokrat" gebrandmarkt [18]. Er sollte den politischen Umstürzler bezeichnen, ebenso wie im 20. Jahrhundert dann der Name "Kommunist" den sozioökonomischen.
Die Durchsetzung der politischen Demokratie in Form der verfassungsmäßig garantierten Grundrechte, freien Wahlen und Volksvertretungen war und ist also der erste große Etappensieg des 200-jährigen modernen Demokratisierungsprozesses - nicht weniger, aber auch nicht mehr. (Und bislang erst in 20 bis 30 von fast 200 Staaten dieser Erde durchgesetzt!)
Seit der Studentenbewegung, also im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, beginnt nun, wiederum mit schweren Rückschlägen, nach der staatspolitischen die gesellschaftspolitische Demokratisierung: Es wurde plötzlich deutlich, daß durch demokratische Verfassung und Gesetzgebung, also durch politische Demokratie althergebrachte Herrschaftsstrukturen in Familie, Schule, Hochschule, Kirche, Arbeitswelt, Verwaltung und Militär nur sehr unzureichend abgebaut worden waren. Daher setzte der Topos "Demokratisierung", seit Ende der sechziger Jahre verstanden als gesamtgesellschaftliche Demokratisierung, ein erweitertes Demokratie-Prinzip: "Demokratisierung ist...der Inbegriff aller Aktivitäten, deren Ziel es ist, autoritäre Herrschaftsstrukturen zu ersetzen durch Formen der Herrschaftskontrolle von 'unten', der gesellschaftlichen Mitbestimmung, Kooperation und - wo immer möglich - durch freie Selbstbestimmung"[19]
In der gegenwärtigen Windstille des humanitären Fortschritts ist kaum noch nachzuvollziehen, welch stürmischer Aufbruch der Demokratisierung in diesem Sinne sich vor 25 Jahren vollzog, - in den Worten eines prominenten Gegners, Wilhelm Hennis, "Wer sich die Aufgabe stellt herauszufinden, welcher Begriff am bündigsten, prägnant und doch umfassend den Generalanspruch unserer Zeit zum Ausdruck bringt, der muß nicht lange suchen: Es genügt, das tägliche Morgenblatt aufzuschlagen. In jedem Ressort, dem politischen ohnehin, aber auch in allen Sparten des Feuilletons, im Wirtschaftsteil, in allen Berichten aus der Welt der Kirche, Schule, Sport, im Frauenfunk und Kinderfunk, in den Kontroversen um Kunstverein, Universitätsreform, Theaterreform, Verlagsreform, Reform der Kindergärten, Krankenhäuser und Gefängnisse bis hin zur allgemeinsten Forderung der Gesellschaftsreform - der Generaltenor aller Ansprüche der Zeit auf Veränderung der uns umgebenden gesellschaftlichen Welt findet seine knappste Formel in dem einen Wort 'Demokratisierung'. Man wird wohl sagen dürfen, daß in diesem Wort die universalste gesellschaftspolitische Forderung unserer Zeit auf den Begriff gebracht wird"[20]
2. Demokratisierungsbewegungen 1968 - 1995
In meiner relativ umfassenden, alle wichtigen Demokratisierungsmodelle präsentierenden Dokumentation[21], aber auch im Theorieentwurf[22], in den Analysen von Alemann und seinem Team [23] und den von Greiffenhagen herausgegebenen Detaildarstellungen [24]wurden Anfang der siebziger Jahre die Demokratisierungsansätze in allen gesellschaftlichen Subsystemen zur Sprache gebracht und diskutiert [25]. Das Grundmuster der meisten dieser Ansätze war die Einsetzung von Gremien, in denen VertreterInnen der in einem Subsystem Tätigen und von seinem Wirken Betroffenen mitwirken oder gar mitbestimmen konnten bei dessen Entscheidungen. Autoritäres "Durchregieren" einzelner Leiter, Lehrer, Direktoren, Unternehmer, Professoren, Chefredakteure, Chefärzte, Kirchenfürsten und sonstiger Hierarchen sollte dadurch schrittweise abgebaut werden. Und in vielen Bereichen gelang dies auch - zumindest zeitweilig.
Bald zeigte sich jedoch, daß die sozial-liberale Koalition nur sehr zögerlich und ansatzweise bereit war, gesetzliche Grundlagen für "mehr Demokratie", mehr Mit- oder sogar Selbstbestimmung in Schulen und Hochschulen, Betrieben und Wirtschaft, Verwaltungen, Militär, Krankenhäusern etc. zu schaffen - von einer weiteren Demokratisierung des Parlamentarismus, etwa durch Einführung des Plebiszits, ganz zu schweigen. Immerhin aber wurden durch Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes (1972) und das Mitbestimmungsgesetz (1976), durch zahlreiche Schulverfassungs- und Hochschulgesetze, durch Einführung von Bürgerbeteiligung im Städtebauförderungsgesetz und Bundesbaugesetz (1977), aber auch durch eine partielle Entkriminalisierung der Abtreibung und ein weniger patriarchales Familienrecht einige Elemente gesellschaftlicher Demokratisierung durchgesetzt. Qualitative Durchbrüche aber zu paritätischen Mitbestimmungsstrukturen wurden nicht "gewagt" oder nicht erreicht - aufgrund einer Reformbarriere, die auf ganz unerwartete Weise das Vertrauen in den demokratischen Rechtsstaat erschüttern könnte: das Bundesverfassungsgericht (s. Abs. 3).
Gleichwohl waren unsere demokratisierungstheoretischen Dokumentationen und Theorien nicht nur jene Hegelschen "Eule(n) der Minerva", die "erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug (beginnen)", wenn "eine Gestalt des Lebens alt geworden (ist)" [26]. Sie leuchteten auch voran und bestärkten aktive Minderheiten, die nun freilich andere Wege demokratischer Beteiligung suchten und fanden - an der konservativ sich rückbildenden parlamentarischen Demokratie vorbei[27]: In zahllosen Bürgerinitiativen[28], in Zehntausenden von single-purpose-Aktivitäten sich artikulierend, deren wichtigste im Laufe der 70er Jahre sich in den Neuen Sozialen Bewegungen zusammenfanden [29], insbesondere in der Frauen-, der Ökologie-und der Friedensbewegung.
Diese Bewegungen bewirkten einen wesentlichen neuen Demokratisierungsschub. Denn im Gegensatz zu den zunächst von den professionellen politischen Akteuren (Parteien, politische Verwaltungen etc.) geäußerten Zweifeln: hier handele es sich lediglich um basisdemokratisch auftretende Partialinteressen, zeigte sich bald, daß diese Neuen Sozialen Bewegungen existentielle neue Orientierungen der Gesellschaftspolitik erzwangen, die vom parteipolitisch-parlamentarischen System nicht ernsthaft wahr und in Angriff genommen wurden, - vor allem eine umweltpolitische Abkehr vom naiven Wachstumsdenken[30], eine grundlegende Infragestellung der NATO-Sicherheitsdoktrin der eskalierenden nuklearen Abschreckung und Kriegführung [31] und, als Jahrhundertprojekt, ein Abbau der patriarchalen Herrschaftsstrukturen. Und als diese Bewegungen dann ein fast für unmöglich gehaltenes "Wunder" in der scheinbar unausweichlich auf ein Zweiparteiensystem hinsteuernden BRD bewirkten, nämlich eine innovative, diesen neuen gesellschaftlichen Fragen sich zuwendende Partei in Form der "Grünen" zu etablieren, schlug die Bewegungskultur auch in eine neue Qualität der Parteipolitik um, die tiefgreifende Auswirkungen auf das etablierte politische System seit Ende der 70er Jahre haben sollte.
Hinzu kam eine neue Form der außerparlamentarischen demokratischen Institutionalisierung innerhalb der Bewegungskultur selbst: Bestanden deren Eingriffe zunächst primär in Protestakten, also in der Bildung von "Gegen-Macht", so begannen zunehmende Minderheiten, vom "Protest gegen..." zur konstruktiven "Selbsthilfe für...", zur autonomen Gestaltung sozio-kultureller Einrichtungen überzugehen, die der Staat nicht oder allzu schlecht zur Verfügung stellte. Es enstand zwischen Anfang/Mitte der siebziger und Mitte/Ende der achtziger Jahre die Selbsthilfebewegung, die allmählich eine neue Qualität, eine dritte Gestalt der Demokratisierung hervorbrachte.
Sie begann mit selbstorganisierten Kinderläden und Wohngemeinschaften, psychosozialen und Gesundheitsgruppen, um im Laufe eines Jahrzehnts aus eigener Kraft mehr und mehr mikrosoziale und -kulturelle Strukturen autonom und "alternativ" aufzubauen: als basisdemokratische Alternativen zu kleinbürgerlich-individualistischen wie auch zu bürokratisch-sozialpolitischen, oft repressiven Strukturen, und auch (in etwa 8-10 000 Kooperativen[32]) als Alternative zu kapitalistischen Eigentums- und Arbeitsformen. Seit Mitte der siebziger Jahre verallgemeinerte sich dieser Prozeß der konstruktiven Selbstorganisation, parallel zur wachsenden Krise aller staatssozialistischen Politikmuster und zur Krise des Sozialstaats, durch Aktivierung von schließlich 500-600 000 besonders betroffenen und/oder selbstbewußten Bürgern in insgesamt 30-40 000, Ende der achtziger Jahre über 50 000 Sozialen Selbsthilfegruppen[33], die in "Läden" und "Zentren" sich etablierten: Jugend- und Stadtteilzentren, Frauen- und ("soziokulturellen") Kulturzentren, Dritte-Welt- und Umweltzentren... Dabei verweist die zunehmende Entwicklung der Sozialen Selbsthilfe in - nach unseren Recherchen - Tausenden solcher "Zentren" auf den im Sinne der Demokratisierung essentiellen Tatbestand, daß alle jene autonomen Einrichtungen nicht nur den Initiatoren "selbst", sondern auch anderen Betroffenen, intentional allen Interessierten offen standen und dienen sollten. Ihr Ensemble schuf in vielen Kommunen eine neue Qualität selbstorganisierter Politischer Kultur.
Hartmut Krebs[34] hat Ende der achtziger Jahre in einer akribischen Studie nachweisen können, daß es mittlerweile sogar ca. 230 Zusammenschlüsse von Selbsthilfegruppen gab. Auch beachtliche, selbstorganisierte Finanzierungs-Einrichtungen wie das "Netzwerk Selbsthilfe" (Spendenaufkommen seit 1979 ca. 1 Million DM) und die "Ökobank" (die aufgrund zahlreicher Stolpersteine der Bankenaufsicht erst im Jahre 1995 die volle Konsolidierung erreichte) trugen zur Stabilisierung dieser Bewegung bei.
Schließlich erkannten sogar viele Städte den partizipatorischen und sozialpolitischen Nutzen der Sozialen Selbsthilfe-Initiativen, schufen "Fördertöpfe"[35] und kommunale "Selbsthilfe-Zentren" zur organisatorischen und räumlichen Unterstützung der Gruppen[36]. In den neunziger Jahren scheint es zu einer Stagnation auch der Selbsthilfebewegung (wie der Neuen Sozialen Bewegungen überhaupt) gekommen zu sein, obwohl auch in der ehemaligen DDR nach 1989 eine erhebliche Anzahl von Gruppen entstanden ist[37]. Demokratietheoretisch aber scheint mir festzustehen, daß mit diesem neuen Aufbruch aktiver Bürgergruppen - weg von Staatszentralismus und -fremdbestimmung (Sozialkonsum), hin zu mehr Dezentralität, Subsidiarität und kommunitärer Selbstorganisation - eine neue Ebene der Demokratisierung erreicht worden ist: von der Mitbestimmung zur Mitgestaltung gesellschaftlicher Bereiche.
Nicht zuletzt sind die völlig überraschenden, durch Gorbatschows Abkehr von der sowjetischen Hegemonialpolitik entbundenen Kräfte der sanften "demokratischen Revolution" in der DDR als ein neues, nicht nur parlamentarisch-politisch zu verstehendes Demokratisierungspotential wahrzunehmen. Es wurde allerdings weitgehend durch die destruktiven kolonialistischen Auswirkungen der westdeutschen Vereinnahmung zunichte gemacht - bis auf weiteres[38]
3. Entwicklungsbedingungen und Barrieren gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung
Hier drängt sich die Frage auf nach den Ursachen dieses Aufbruchs am Ende der sechziger Jahre: über die nur indirekten Partizipationsformen des Parlamentarismus hinauszugehen und im unmittelbaren Zugriff, in "außerparlamentarischer Opposition", wie auch durch Reformgesetze autoritäre Strukturen in der Gesellschaft infrage zu stellen und mitbestimmte Entscheidungsstrukturen an ihrer Stelle zu fordern. Danach aber stellt sich die nicht weniger bedrängende Frage: wieso dieser Aufbruch zum Erliegen gekommen oder in ganz anderer Form weiterhin wirksam geblieben ist.
Nicht nur konservative, auch die auf gesellschaftliche Umbrüche programmierte linke Theorie blieb angesichts jener großen Demokratisierungsbewegung ratlos, da die Motorik der Veränderung so gar nichts mit dem traditionellen linken Transformations-Szenario zu tun hatte. Versuche, die umfassenden Mitbestimmungsforderungen vor und in der Phase der sozialliberalen Reformpolitik aus irgendwelchen ökonomischen Krisen abzuleiten, haben keinerlei Basis in der Realität. Die große Mitbestimmungsdiskussion begann 1968/70, als die Rezession 1966/68 vorbei war. Die Studentenbewegung und alle mit ihr aufbrechenden antiautoritären Initiativen für mehr Bildungs- und Wirtschaftsdemokratie, weniger Patriarchat und mehr politische Beteiligung ökonomisch ableiten zu wollen, wäre Vulgärmarxismus. Natürlich gab es gesamtgesellschaftliche Krisen und Protestpotentiale, die sich akkumulierten: Zu dem Anstoß - ausgerechnet! - von der amerikanischen Studentenbewegung und ihrem Widerstand gegen den Vietman-Krieg kamen "deutsche" Elemente hinzu: der Kampf gegen die Notstandsgesetze, der Protest gegen die Atrophie der Demokratie in der Großen Koalition (1966-69) und - nicht zuletzt: der Aufstand gegen die "Deutsche Bildungskatastrophe" (W. Picht). In ihm kann man - weitab vom proletarischen Verelendungs- und Revolutionsszenario des Marxismus - sogar eine ökonomische Triebkraft festmachen: die Anklage gegen den desolaten Zustand der überfüllten und veralteten deutschen Universitäten.
Als eine weitere, eine unabdingbare Triebkraft der Demokratisierungsbewegung aber kam der vom "Wissenschaftlichen Sozialismus" immer vernachlässigte "subjektive Faktor" hinzu, der nicht ein "Überbau", sondern eine ganz eigene, aus keiner "materiellen Basis" ableitbare Kraft war. Es war im Laufe der sechziger Jahre eine Generation herangewachsen - genauer: eine aktive Minderheit innerhalb der jüngeren Generation -, die den krassen Widerspruch wahrnahm zwischen den öffentlich und in den Schulen verkündeten demokratischen Idealen und den höchst autoritären Realitäten des "Adenauerstaates", und diese demokratische Elite der "68er" Generation forderte nun die Einlösung der allerorten verkündeten Verheißungen des "Freien Westens" ein: Gleichberechtigung, soziale Marktwirtschaft, Mitbestimmung, denen in allen gesellschaftlichen Bereichen herrschaftliche, unsolidarische Strukturen gegenüberstanden.
So gab es also, mit Max Scheler zu reden, wirkmächtige "Realfaktoren" und "Idealfaktoren", die zur Außerparlamentarischen Opposition führten, aber ganz im Gegensatz zu Agnoli/Brückners These vom Verfall der parlamentarischen Demokratie [39] auch zum politischen Machtwechsel und zu einer unerwarteten Verlebendigung des Repräsentativsystems. Die sozialliberale Koalition war ein Ergebnis wie auch eine enorme Verstärkung der Demokratisierungsbewegung. Willy Brandt wußte schon, welchen Kräften er sich verpflichtet fühlte, als er das entscheidende Wort in seiner Regierungserklärung sagte: "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen ... Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein" [40]
In der bis heute anhaltenden politisch-ökonomischen Stagnationsperiode seit Mitte der 70er Jahre sind, wie oben skizziert, die von der sozialliberalen Regierung gestützten oder geduldeten Demokratisierungsansätze dann teilweise verkümmert, teilweise in anderer Form, autonom, außerhalb des "Deutschen Herbstes" und trotz der konservativen Wende zumindest bis zum Ende der achtziger Jahre vorangetrieben worden. Die zunehmende Massenarbeitslosigkeit, zunehmend auch Studierende bedrohend, die strukturelle Zukunftslosigkeit des sozio-politischen Milieus seit der liberal-konservativen Rück-Wende 1983 mit ihrem kontinuierlichen, schleichenden Abbau des Sozialstaats, die Absorbierung vieler Interessen wie geistiger und materieller Kräfte durch den weit mehr Anpassung als Demokratisierung fördernden "Vereinigungs"-Prozeß [41],- diese Faktoren haben in den vergangenen 10 - 15 Jahren Demokratisierungsprozesse teilweise verändert, teilweise aber auch zum Erliegen gebracht (s. Abs. 2).
Als eine sehr ernst zu nehmende Barriere gegen gesamtgesellschaftliche Demokratisierungsprozesse hat sich die Auslegungspraxis des Bundesverfassungsgerichts erwiesen. Es hat in der sozialliberalen Epoche das grundlegende Prinzip seines amerikanischen Vorbilds, des Supreme Court, sträflich außerachtgelassen: das Prinzip der "richterlichen Selbstbeschränkung" (judical self-restraint). In der zentralen Demokratisierungsforderung, der nach Mitbestimmung in den Führungsgremien der Großindustrie (nach dem Vorbild der Montanindustrie) scheiterte eine echte, dh. paritätische Mitbestimmungsregelung nicht nur am Widerstand der F.D.P., sondern auch an der Sorge der Sozialdemokraten, ein reales Mitbestimmungsgesetz könne vom Bundesverfassungsgericht verhindert werden. Dieses wurde dann tatsächlich von Kapitalvertretern angerufen. Es stellte in seiner Abweisung der Unternehmer-Klage (BVerfGE 50, 290) gegen das Gesetz dann lediglich fest, die in diesem kodifizierte Mitbestimmung sei ja "unterparitätisch", nur über deren Verfassungsmäßigkeit habe es zu befinden. Es nahm also ausdrücklich keine Stellung für die Demokratisierung, insofern es - obwohl prinzipiell doch zu Grundsatzurteilen berufen und ansonsten sehr bereit! - sich nur für die Verfassungsgemäßheit der unterparitätischen Mitbestimmung aussprach, die entscheidende Frage der paritätischen Mitbestimmung aber unentschieden ließ. Und in einem skandalösen Urteil zur Mitbestimmung der Wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten in den Hochschulen (BVerfGE 35, 79) wurde das Entscheidungsprivileg der Hochschullehrer festgeschrieben - skandalös, insofern in einer völlig willkürlichen Weise die Freiheitsgarantie der Forschung und Lehre nach Art. 5 GG ausschließlich dieser Hochschullehrergruppe zugesichert wurde, nicht aber gleichgewichtig auch dem wissenschaftlichen Mittelbau und den Studierenden.[42]
Insgesamt ist festzustellen, daß sich Reformstrategien und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, im Nachkriegsdeutschland eher in einer konjunkturell günstigen Situation entwickelt haben, während es in Zeiten ökonomisch-politischer Depression, also in angsterzeugenden Situationen eher zu Rückschritten kommt, sodaß man geradezu eine Umkehrung der Marx´schen Transformationstheorie formulieren muß: Nicht die Verelendung, sondern eine gewisse ökonomische Prosperität und sozialstaatliche Sicherheit, verbunden mit einem höheren Bildungs- und Anspruchsniveau, erzeugen ein höheres Selbstbewußtsein gerade auch bei den Abhängigen, während in Krisenzeiten die Menschen sich ängstlich an Bestehendes klammern und daher sogar auch die (partei-)politischen Fortschrittskräfte (SPD, Grüne, Gewerkschaften) ängstlicher, vorsichtiger werden, zu retten versuchen, was zu retten ist statt (gerade jetzt dringend notwendigen) Zukunftsprojekten sich zuzuwenden (Prototyp: Gerhard Schröder).
Allerdings muß auch in Zeiten politischen und wirtschaftlichen Aufschwungs und Zukunftsvertrauens der Stachel eines konkreten Leidensdrucks oder Notstands hinzukommen, sollen Initiativen demokratischen Fortschritts breitere Zustimmung finden und die demokratischen Eliten nicht in den Wattewänden einer quasi schweizerischen Selbstzufriedenheit sich totlaufen. Im Unterschied zu der Marx´schen Verelendungsthese geht es dabei aber um einen Leidensdruck, der von politisch selbstbewußten, aktiven Bürgern erlebt wird, die stärker als andere unter einem gesellschaftlichen Notstand leiden, der sich entwickelt und verstärkt, ohne daß sie selbst dadurch physisch verelenden. (So wurden die Aktiven der Friedensbewegung zunehmend handlungsfähiger trotz - ja sogar wegen zunehmender Atomkriegsgefahr angesichts der Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen seit Ende der siebziger Jahre)[43].
Abschließend muß ein Mißbrauch der Demokratisierung in basisdemokratischen Strukturen selbst zur Sprache gebracht werden, der nicht wenig zu deren Pervertierung und zur Resignation, zum "Ausstieg" Tausender von "Freiwilligen", Aktiven aus Demokratisierungs-Projekten, zum Verfall selbstorganisierter und mitbestimmter Gremien und Einrichtungen geführt hat. Die Rede ist von der "Unterwanderung" vieler kleiner, auf freiwilliger Mitarbeit basierender Gremien und Gruppen durch ideologisch oder sonstwie präformierte Fraktionen. Deren gab es verschiedene, aber die destruktiv-folgenreichsten waren die DKP- bzw. SED-gesteuerten, die wir dann, Mitte/Ende der siebziger Jahre, beim Namen nennen mußten[44], da gerade sie idealistisches Engagement in demokratischer Partizipation in besonderem Maße mißbrauchten.
Immer wieder wurde versucht, unsere Analyse des "Marsches der DKP durch die Institutionen" als antikommunistische Phantomjägerei abzutun, da doch diese Partei bei Wahlen kaum ein Prozent der Stimmen erhalte. Aber genau hier lauert die Gefahr für die Demokratisierung, die wir damals analysierten:
In vielen - kleineren - Organisationen wird die politische Arbeit von sehr kleinen Minderheiten getragen, und die von diesen Minderheiten gewählten Vertreter und Exekutiven, die Delegierten, Räte, Sprecher, Ausschüsse werden daher de facto oft nur von einem Bruchteil der Betroffenen ausgewählt. "Mit diesem zweifellos demokratisch defizienten Modus von Demokratisierungsstrukturen ... konnte man sich ... so lange abfinden, wie davon ausgegangen werden konnte, daß jene aktiven Minderheiten und Funktionsträger ... sich inhaltlich legitimierten, indem sie nach bestem Wissen und Gewissen im Interesse aller Betroffenen und ihrer "Flügel" Konzepte, Willensbildungen, Interessenvertretung einzubringen und durchzusetzen versuchten. Die Krise und schließlich die Zerstörung demokratisierter Strukturen und schließlich des gesamten Demokratisierungskonzepts aber tritt dann ein, wenn diese Voraussetzung: daß die Aktivisten ... mit subjektiver Redlichkeit und in adäquat pluralistischer Zusammensetzung als Interessenvertreter ihrer Basis fungieren, nicht mehr ... gilt. Genau dies aber: daß die Akteure nicht mehr ihrer Basis entsprachen, ist eine bittere Erfahrung des hinter uns liegenden Jahrzehnts zahlloser Demokratisierungsversuche in Schulen und Hochschulen, in Parteien, Gewerkschaften und in spontanen Kampagnen ... Das eklatanteste Beispiel einer solchen Pervertierung von Basisdemokratie bieten zweifellos die Einflußstrategien von Sowjetkommunisten und ihrer Bündnispartner, die in Friedenskampagnen, in studentischen Interessenvertretungen an Hochschulen, in Juso-Gruppen, in der gewerkschaftlichen Jugend- und Bildungsarbeit unentwegt die politischen und ideologischen Positionen der DKP/SED/KPdSU agitatorisch miteinfließen lassen und bündnisfähig zu machen versuchen, so, als seien dies die Interessen der Basisgruppen.
Aber ... man würde das Ausmaß der Gefahr, das dem Gesamtkonzept einer Reform der Gesellschaft durch gesamtgesellschaftliche Demokratisierung droht, zu gering und einseitig einschätzen, wenn man nicht sähe, daß Demokratisierung nicht nur von diesen, sondern von vielen Interessen- und Parteigruppen als trojanisches Pferd mißbraucht worden ist"[45]. Für die Zukunft jedenfalls gilt: daß nur eine breite Beteiligung, eine obligatorische Rotation der Ämter und eine optimale Anwendung des Konsensprinzips Demokratisierungsprozesse und -strukturen vor ihrer Pervertierung bewahren können.
Insgesamt ist, an diesem von ungelösten europa- wie weltpolitischen Problemen überschatteten Ende des Jahrhunderts, dessen Politiker weder mit der Massenarbeitslosigkeit zurande kommen noch mit der schleichenden ökologischen Katastrophe, schwer zu sagen, ob neben den hemmenden wieder vorantreibende Kräfte für den Demokratisierungsprozeß sich entfalten. Es bleibt abzuwarten, wie lähmend der Mehltau der konservativen Zukunftslosigkeit im Verlauf der neunziger Jahre sich auf das Partizipationsverlangen auch der aktiven Minderheiten legt. Erfahrungsgemäß aber vollziehen sich alle gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen in "Gezeiten". Manch einer hat schon Ende der siebziger Jahre mit dem Deutschen Herbst eine unabsehbare gesellschaftliche Friedhofsruhe in der Bundesrepublik einkehren sehen und war dann sehr überrascht zu erleben, wie die neuen wirkmächtigen Demokratisierungsimpulse der Neuen Sozialen Bewegungen, insbesondere der Friedensbewegung 1979-85, der grünen Parteikarriere, der Selbsthilfebewegung, die gesellschaftlich-politische Landschaft der Republik veränderten. Und auch die Kräfte des Aufbruchs zu einer mehr als politischen Demokratisierung in der DDR, durch eine beispiellose Politik intranationaler Kolonialisierung seitens westdeutscher Machteliten paralysiert, können wieder Bedeutung gewinnen, wenn Menschen in Ostdeutschland zunehmend erkennen, daß die kapitalistische "Vereinigungspolitik" keine blühenden Landschaften schafft.[46]
4. Ein wissenschaftlicher Diskurs zur Bilanz der Demokratisierungsbewegung
Wenn es richtig ist, daß Wahrheit sich am ehesten als Ergebnis eines "herrschaftsfreien Diskurses" finden läßt, dann muß die Bilanz eines engagierten Einzelnen problematisch bleiben, auch wenn, wie ich hoffe, deutlich geworden ist, daß ich durchaus kritisch auf die zurückliegenden Jahrzehnte zurückblicke. Gleichwohl ist es gut, daß am Ende dieser "Bilanz" nicht ein Monolog, sondern ein Diskurs steht.
Einen solchen diskursiven Beitrag zu der hier versuchten "Bilanz nach einem Vierteljahrhundert" leistete ein Colloquium, das Ulrich v.Aleman und ich parallel zur IPSA-Weltkonferenz 1994 organisierten, weil diese zwar den Titel "Demokratisierung" trug, ihre Organisatoren aber den mit diesem Begriff verbundenen politisch-politologischen Aufbruch zu einem erweiterten Demokratieverständnis und -"wagnis" völlig verdrängt hatten. Ich übernehme im folgenden, mit freundlicher Genehmigung von Hilde Fauland, auszugsweise deren Zusammenfassung aufgrund ihres (Tonband-)Protokolls[47]
Fritz Vilmar wies in einem Interview der Studentenzeitung seines Fachbereichs am Vorabend des Kongresses darauf hin, daß der Leitbegriff der Groß-Konferenz völlig unpräzise gewählt worden sei: "Der Kongreß läuft unter einem politologisch falschen, irreleitenden Etikett. Demokratisierung ist in der gesamten Begriffsgeschichte zumindest der westlichen Politologie ein Oberbegriff für gesamtgesellschaftliche Demokratieentwicklung jenseits der 'bloßen' Demokratieform der Parlamentarischen Demokratie...Der Kongreß hat durchaus einen Themenschwerpunkt - nur nicht den der 'Demokratisierung'. Man kann ihn präzise benennen: 'Zukunft der Demokratie'. Es geht um den Zustand der politischen Demokratie in der Welt, unter besonderer Berücksichtigung der Schwierigkeiten der Demokratieentwicklung in der 'Dritten Welt' und in den Nachfolgestaaten des sowjetischen Machtsystems... Was nun aber die Demokratisierung betrifft, so gibt es ganze 11 von 213 Meetings, die sich mit diesem Thema in dem präzisen Sinne gesamtgesellschaftlicher Demokratieentwicklung beschäftigen." Vilmar beließ es nicht bei der Kritik. Mit einem anderen der grundlegenden Demokratisierungs-Theoretiker, Ulrich v. Alemann, wurde er sich einig, sozusagen "Kirche von unten" zu praktizieren: eine zukunftsorientierte Wiederaneignung der umfassenderen, gesamtgesellschaftlich gemeinten Demokratiekonzeption - nach einem Vierteljahrhundert! - ; diese nämlich schien den Organisatoren der Konferenz in ihrer eigenartig geschichtsvergessenen Art politologischer Demokratiediskussion abhanden gekommen zu sein. So veranstalteten sie während des Kongresses ein Colloquium unter dem Titel: "Demokratisierung ist mehr als Parlamentarische Demokratie."
Kompetente PolitologInnen waren dazu eingeladen worden - viele konnten wegen der zu knappen Planung nicht zusagen, begrüßten aber die Initiative. Sogar der prominenteste Demokratisierungs-Kritiker; Wilhelm Hennis (Universität Freiburg) schrieb geistreich, wenn nicht gesundheitliche Gründe ihn hinderten, hätte es ihn durchaus gereizt, - noch einmal "in diesen Fluß zu steigen" (der bekanntlich niemals der gleiche bleibt). Der Mannheimer Empiriker Max Kaase dagegen erklärte seine Bereitschaft zu einem kritischen Beitrag, obwohl er (wie - wortgleich - sein Kollege Klingemann) die Thematik "parochial" nannte - auch eine Deutung politologischer Geschichtsvergessenheit. Außer ihm kamen zu dem Colloquium noch der bekannte Demokratietheoretiker und Sprecher des "Komitees für Grundrechte und Demokratie" Wolf-Dieter Narr, der führende israelische Kibbuzexperte und Partizipationsforscher Menachem Rosner, die Initiatoren v. Alemann und Vilmar sowie die Berichterstatterin (als partizipativ orientierte Unternehmerin und Erforscherin neuer, selbstbestimmter, existenzerweiternder Lebensformen).
Die zentrale These Vilmars, als Einleitung in das Colloquium, lautete: "Wenn Demokratie nicht eine sehr begrenzte 'parlamentarische'Insel inmitten einer undemokratischen Gesellschaft bleiben soll, so müssen wir gesamtgesellschaftliche Demokratrisierung fordern: die Durchsetzung demokratischer Entscheidungsbildung in allen wichtigen Subsystemen unserer Gesellschaft." Menachem Rosner bestätigte diese Zentralthese und führte den Vorwurf der "parochialen" (deutschen) Kirchturmspolitik ad absurdum, indem er das Demokratisierungskonzept in dem viel weiteren anglo-amerikanischen Diskussionszusammenhang nachwies: Mit zahlreichen Literaturbelegen - nicht zuletzt ausgerechnet mit Bezug auf die seinerzeit grundlegende Arbeit der gegenwärtigen IPSA-Präsidentin Carol Pateman "Participation and Democratic Theory"[48] zeigte er, daß unter dem Leitbegriff der "Participatory Democracy" auch in der internationalen Diskussion ein den Rahmen des Parlamentarismus überschreitendes Demokratiekonzept entwickelt worden ist, das insbesondere das Arbeits- und Wirtschaftsleben sowie Schule und Hochschule mitumfassen sollte. Erinnert wurde an die anhaltende französische Debatte über die "participation" (zunächst de Gaulle von den Studenten aufgezwungen!), die immerhin noch Anfang der achtziger Jahre zu den sog. "Auroux-Reformen" führte, die den Arbeitern ein gesetzliches Mitspracherecht in den "Aussprachegruppen" ("groupes d'expression") im Betrieb sicherten[49]. Erinnert wurde an die umfassenden norwegischen Ansätze einer "Alltagsdemokratie", die vor allem zu erfolgreichen Versuchen einer Humanisierung der Arbeitsorganisiation führten.
Max Kaase wies die Kritik am IPSA-Kongreß zurück: Dieser beschäftige sich doch mit dem faszinierenden, geradezu atemberaubenden Prozeß einer demokratischen Transformation bisher autoritärer Systeme und mit den schwierigen Bedingungen einer Stabilisierung dieser politischen Demokratisierung gegenüber der Gefahr eines Rückfalls in totalitäre Regime. Der Kongreß liege daher mit der Behandlung dieser Thematik völlig richtig. "An einem Begriff der Demokratisierung, die alle gesellschaftlichen Subsysteme umfassen soll, bin ich nicht interessiert." Wenn überhaupt, dann sei der Arbeitsplatz das ideale Feld für mehr Partizipation. Dagegen "Universitäten sind ein Bereich, wo das Demokratisierungskonzept sich als unfähig erwiesen hat, eine leistungsfähige Organisation der Forschung und Wissensvermittlung zu schaffen". (Zwischenruf Vilmar: "Es ist ja nie erprobt worden - das Verfassungsgericht hat die Demokratisierung doch verboten!") . Man könne ein politisches Prinzip nicht auf alle gesellschaftlichen Bereiche übertragen. Etwas ganz anderes sei die Zunahme von Partizipation im eigentlich politischen Bereich. "Unsere multinationalen Studien haben gezeigt, daß es eine systematische Vergrößerung der politischen Beteiligung der Bürger gegeben hat." Auch die Neuen Sozialen Bewegungen und ihre Akteure hätten, wie Untersuchungen zeigen, Eingang gefunden in den politischen Entscheidungsprozeß. Allerdings dürfe auch nicht übersehen werden, daß mit den vielen zusätzlichen Partizipationformen ein neues Problem politischer Ungleichheit entstehe: Nach einem langen und schließlich erfolgreichen Kampf um das Allgemeine Wahlrecht müsse man jetzt feststellen, daß nur qualifizierte Minderheiten, nicht aber die "Durchschnittsbürger" sich an darüberhinausgehenden politischen Aktivitäten beteiligten. Einen Weg aus diesem Dilemma zeige Peter Dienels "Planungszelle".[50] Dies ist ein Modell der direkten Bürgerbeteiligung an politischen Entscheidungen, bei dem ein repräsentativer Querschnitt der Bürger in ein Gremium gewählt wird, das in einem intensiven Entscheidungsbildungsprozeß, von Experten beraten, für spezielle (kommunal-)politische Fragen Lösungen erarbeitet und einvernehmlich oder mehrheitlich verabschiedet.
Ulrich v. Alemann erinnerte daran, daß beim Beginn der Demokratisierungs-Diskussion von deren Gegnern nicht diese quasi coolen Töne bloßen "Desinteresses" à la Max Kaase zu hören waren, sondern sozusagen fundamentalistischer Widerspruch. Er zitierte Hennis, der 1969 geschrieben hatte: "Ich scheue mich nicht zu sagen, daß das, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, auf die Preisgabe von Grundlagen der abendländischen politischen Kultur hinausläuft, wie sie einschneidender nicht gedacht werden kann." v. Alemann verwies dann auf seine damalige große Studie "Partizipation - Demokratisierung - Mitbestimmung", in der er und seine Mitarbeiter gezeigt hätten, daß es ein ganzes Spektrum von Grundpositionen zur Demokratisierung gegeben habe. "1974 hat sogar Warnfried Dettling, damals Leiter der Planungsgruppe der CDU-Bundesgeschäftsstelle, eine Schrift verfaßt 'Demokratisierung - Wege und Irrwege', in dessen Fazit er, recht mutig, der CDU ein Konzept der 'Demokratisierung ohne Dogma' empfiehlt."
v.Alemann zeigte dann, daß das Thema der gesellschaftlichen Demokratisierung - belegbar durch Nennungen in der wissenschaftlichen Literatur (SOLIS-Literatur-Datenbank) - auch durch die achtziger Jahre hindurch bedeutend geblieben sei - wobei er freilich darauf verwies, daß eine ungeheure Zunahme des Begriffs Demokratisierung 1990/92 in der Tat den Prozeß politischer Basis-Demokratisierung in Osteuropa betraf. Das Thema erweiterter Partizipation sei aber keineswegs vom Tisch, kein Geringerer als der konservative Bundespräsident Roman Herzog habe bei der Eröffnungsveranstaltung des IPSA-Kongresses gesagt, "Demokratie ist ein Entscheidungsprozeß. Je mehr Menschen und Institutionen sich daran beteiligen - desto besser." Selbst im 1994er CDU-Grundsatzprogramm heiße es: Demokratie müsse als dynamisch fortzuentwickelnde politische Ordnung verstanden werden,- dies schließe "Elemente unmittelbarer Demokratie nicht aus". v.Alemanns Resumé: Das Demokratisierungs-Konzept sei in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion keineswegs verschwunden. Allerdings: "Eine Emphase ist nicht mehr zeitgemäß." Zunehmende Partizipation im Alltag sei angesagt. "Eine demokratische Durchorganisation der Gesellschaft wird nicht gelingen".
Wolf-Dieter Narr insistierte dagegen auf der fundamentalen Demokratisierungskritik von links: Das ganze Konzept und die kleinen Partizipationsfortschritte in bestimmten Bereichen blieben doch irrelevant angesichts der Tatsache, daß noch nicht einmal das restriktive Grundmodell der parlamentarischen Demokratie funktioniere. Welchen Realitätsgehalt habe selbst die bescheidenste "Schumpetersche" Form der Demokratie als demokratischer Elitenkonkurrenz, wenn diese (demokratisch auswechselbaren) politischen Eliten gegenüber der übermächtigen hohen Verwaltungsbürokratie, vor allem aber angesichts der Machtausübung der großen internationalen Konzerne und Kartelle kaum noch Substantielles zu entscheiden hätten? Anstelle der Demokratisierungsforderungen der sechziger und siebziger Jahre stehe heute ganz anderes auf der Tagesordnung: nämlich die Suche nach einem neuen Gesellschaftsmodell, in dem so etwas wie demokratisch verantwortliches Handeln überhaupt erst möglich werde.
Nach der Kundgabe solch abgrundtiefer Skepsis blieben die Teilnehmer des Colloquiums zunächst ratlos, sofern sie nicht Narrs Totalkritik selbst mit Skepsis begegneten. Daß jede/r sich am Ende selbst eine Position im hier vorgetragenen Spektrum der (mangelnden) Demokratisierungschancen würde erarbeiten müssen, wurde vollends klar, als Hilde Fauland-Weckmann "all die älteren Herren hier in dieser Runde" aufforderte, die ganz neuen Zeichen der Zeit von den Jüngeren erkennen zu lernen. Sie plädierte für ein "Weltbild des Offenen Werdens" und verwies auf Energien, die viele Menschen im Sinne dieser Vision bereits heute bewegen: "Es wird nicht nur von rationalen, sondern mehr von fürsorglichen, eher 'weiblichen' Energien getragen. Ein 'Großer Egoismus' bildet sich heraus: die Erkenntnis, daß es den Einzelnen nur dann wirklich gutgehen kann, wenn auch Menschen und Natur im näheren und weiteren Umfeld gedeihen. Dabei schaltet die ganze Gesellschaft zunehmend auf Selbstorganisation um, über Individuationsprozesse hinaus entwickeln sich Aktivitäten im Eigen- wie auch Gemeinschaftsinteresse, Individuen nehmen ihre Angelegenheiten zunehmend selbst in die Hand, Frauen befreien sich von patriarchaler Bevormundung, Kranke aktivieren in Selbsthilfegruppen ihre eigenen Heilungskräfte, MitarbeiterInnen in Betrieben gewinnen 'online' Zugang zu vielen Informationen, können selbständiger handeln - Hierarchien werden abgeflacht. Manches sieht nicht genau so aus, wie wir es uns vor 25 Jahren vorgestellt haben, doch wir erreichen gegenwärtig mehr Mitgestaltung, als wir je erhofft hatten."
[10] Strategien der Demokratisierung, Bd. 1: Theorie der Praxis, Bd. 2: Modelle und Kämpfe der Praxis, Darmstadt 1973 (mit über 60 Modellen, Gegenmodellen etc.,insgesamt
[11] Zit. nach K. v.Beyme (Hg.) Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt, München 1979, S. 252 ff.
[12] A.a.O. I, S.23.
[13] In diesem Sinne ordnete Willy Brandt, in jener historischen Regierungserklärung, sein "Demokratiewagnis" sehr treffend ein (a.a.O.): "Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an". Und nicht ohne Grund beginnt die theoretische Arbeit in den "Strategien der Demokratisierung" mit dem Kapitel "Geschichte der Demokratie als theoretisches Lehrstück", a.a.O. I, 56-97.
[14] Vgl. das zusammenfassende Referat dieser Positionen bei W. Röhrich, Eliten und das Ethos der Demokratie, München 1991, insb. S. 47 ff.
[15] ebenda
[16] Seit den siebziger Jahren wurde von A. Pelinka, C. Pateman (s.u. Abs. 4) und anderen anstelle der Dichotomie von identitärer und restriktiver Demokratietheorie als "dritte Position" die Theorie der Partizipativen Demokratie entwickelt. Vgl. A. Pelinka, Dynamische Demokratie, Stuttgart 1974.
[17] Im Lichte einer Historischen Theorie der Demokratie würden übrigens auch sehr schnell die Abwehr-Ideologien islamischer und anderer Fundamentalisten ad absurdum geführt: als handele es sich bei den Grundrechten nur um Normen einer bestimmten (europäischen) Kultur, die keine universelle Gültigkeit beanspruchen könnten. Das Übel der Herrschaftsgesellschaft ist universell, und daher haben auch die Essentials ihres Abbaus universelle Geltung. Ihre befreiende Bedeutung ist deshalb auch von allen Völkern der Welt gut verstanden worden. Der antieuropäische Affekt der Fundamentalisten aller Couleur erweist sich in dieser Sicht als das, was er immer war: die Verschleierung der Furcht privilegierter Männer, ihrer eigenen - oft religiös verbrämten - (patriarchalen) Herrschaftsprivilegien verlustig zu gehen.
[18] Erinnert sei an die Zeile in einem Gedicht Heines: "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Demokrat", - sowie an den Titel einer Schrift des Obersten Griesheim (1848): "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", den dieser einem politisch-polemisch gemeinten Gedicht des liberalen Kammergerichtsrats W.v. Merckel entnommen hatte. Noch 40 Jahre später empfahl kein Geringerer als Bismarck die Sentenz dem jungen Kaiser Wilhelm II. für eine Reichstagsrede!
[10] F. Vilmar, 1973, Bd.I, a.a. O. S. 21
[20] W.Hennis, Demokratisierung. Zur Problematik eines Begriffs. Köln/Opladen 1970, S.9
[21] Vgl. Anm. 1, Bd.II.
[22] Vgl. Anm. 1, Bd.I.
[23] U.v. Alemann (Hg.), Partizipation, Demokratisierung, Mitbestimmung, Opladen, 2. Aufl. 1978
[24] M. Greiffenhagen, Hg., Demokratisierung in Staat und Gesellschaft, München 1973
[25] Um die Breite der damaligen Demokratisierungsbewegung in Erinnerung zu bringen seien hier, in Ergänzung des obigen Hennis-Zitats, die gesellschaftlichen Subsysteme genannt, in denen meine Dokumentation Demokratisierungsmodelle und -kämpfe ermittelte. Es handelte sich um Dokumente aus den Bereichen Kindergärten, Kinder/Elterngruppen, Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, Medien, Theater, öffentliche Verwaltung, Bürgerinitiativen, Planungszellen, kommunale Planung, Krankenhäuser, Strafanstalten, Betriebe, Unternehmen, Wirtschaft, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen.
[26] G. W. F. Hegel, Werke in 20 Bdn., Frankfurt 1979 ff., Bd. 7 (Vorrede zur Rechtsphilosohie), S. 28
[27] Es sei zu der hier folgenden Würdigung autonomer Demokratisierungsstrukturen ausdrücklich auf die Theorie der Demokratisierung (Vilmar,1973, Bd.I, 127-169) verwiesen, die unter den "Organisationsformen der Demokratisierung" niemals nur die durch gesetzlich kodifizierte Partizipationsrechte institutionalisierten Demokratisierungsformen verstanden hat, sondern ebenso auch die durch kollektive Gegenmacht und autonome Selbstorganisation konstituierten (die freilich, durch die Neuen Sozialen Bewegungen, erst nach der 1970-72 erfolgten Ausformulierung der Theorie voll zum Tragen kamen).
[28]Im Gegensatz zu verbreiteten Meinungen ergibt sich aus verschiedenen Untersuchungen, daß die Partizipationsform der Bürgerinitiative seit den frühen siebziger Jahren jedenfalls bis Ende der achtziger Jahre zunehmend gewählt wurde: "1977 gaben 3 Prozent eine mindestens einmalige Mitwirkung in einer BI an, 1980 waren es 6 Prozent, 1985 9 Prozent der unter 35-jährigen sowie 6 Prozent der über 35-jährigen und 1988 13 Prozent". Zit. nach einer unveröffentlichten Untersuchung von Markus Müller an meinem Fachbereich, Berlin 1994, der auf folgenden Quellen basiert: für 1977 W. Rudzio, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1987, 76; für 1980 O.W. Gabriel, Politischer Protest und politische Unterstützung, in: Politische Bildung, 23. Jg. 1990, Nr. 3, S.34ff.; für 1985 H-M.Uehlinger, Politische Partizipation in der Bundesrepublik, Opladen 1988, 140; für 1988 O.W. Gabriel,aaO.38.
[29] Die Dokumentation und theoretische Einordnung der NSB finden sich bei J. Raschke, Neue Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grunriß. Frankfurt/New York 1985, sowie bei U. Wasmuht (Hg.), Alternativen zur alten Politik? Neue Soziale Bewegungen in der Diskussion. Darmstadt 1989.
[30] Als exemplarisches Beispiel diene die gut verbürgte Geschichte, daß Helmut Schmidt, ansonsten sehr beherrscht, in vertrauter Kanzlerrunde mit einem unbeherrschten Wutausbruch auf die Publikation der "Limits to Growth" des Club of Rome reagierte und deren Ergebnisse als baren Unsinn deklarierte. Sehr verständlich: Die Vorstellung einer wirtschaftspolitischen Wachstumsbegrenzung stellte in der Tat die zentrale sozialkapitalistische Maxime der Politik - Wohlstandsmehrung ohne Umverteilung - infrage, wie sie von den meisten sozialliberalen Politikern verfolgt wurde. Wobei wenigstens in der sozialdemokratischen Programmatik, unter dem Druck der grünen Bewegung und Partei, die Quadratur des Kreises versucht wurde mit dem Wendekonzept eines "Ökologischen Umbaus der Wirtschaft".
[31] In ihrer Arbeit über "Die Friedensbewegung in den achtziger Jahren" (Gießen 1987) hat Ulrike Wasmuht in einem eigenen Abschnitt (S.136ff.) die große Wirkung der deutschen Friedensbewegung auf die Politik der SPD nachgewiesen: Diese rückte von der Schmidtschen Bejahung der us-amerikanischen Rüstungspolitik ab und forderte den bedingungslosen Abzug der atomaren Mittelstreckenraketen vom westdeutschen Territorium.
[32] Diese Größenordnung ergab sich aus einer vorsichtigen Hochrechnung der wohl gründlichsten Felduntersuchung: H. Kreutz u.a., Eine Alternative zur Industriegesellschaft? Alternative Projekte in der Bewährungsprobe des Alltags. Eine repräsentative Umfrage in zwei großstädtischen Regionen. Nürnberg 1985
[33] In einer mehrjährigen Untersuchung haben wir herausgefunden, daß ca. 40.000 autonome Initiativen, Selbsthilfegruppen und Kooperativen in der alten BRD und West-Berlin existierten, und zwar in fast allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen: F.Vilmar, B.Runge, Auf dem Weg zur Selbsthilfegesellschaft? Essen 1986; 2. wesentl. erweiterte Aufl. (mit 900 Adressen) unter dem Titel Handbuch Selbsthilfe, Frankfurt 1988. Hartmut Krebs, Selbsthilfegruppen vernetzen sich - Selbsthilfe-Zusammenschlüsse als Beiträge zur autonomen Gesellschaftsgestaltung, Bonn 1990, kam bei seinen Hochschätzungen sogar auf ca. 50 000 Gruppen. Einen exzellenten Überblick gab erst 1993 C.W. Müller heraus: Selbsthilfe. Ein einführendes Lesebuch. Weinheim.
Wir haben damals den - inzwischen weithin akzeptierten - Begriff der Sozialen Selbsthilfegruppen in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt, um diese Bewegung von den Bereichen privater Selbsthilfe (Hausbau-Gemeinschaften und andere do-it-yourself-Aktivitäten) qualitativ zu unterscheiden, die keinen gesellschaftlich verallgemeinerungsfähigen Anspruch erheben können.
[34] Vgl. Anm. 23
[35] Ich habe die demokratietheoretische Relevanz dieser - bislang allerdings in Ansätzen steckengebliebenen - kommunalpolitischen Wende unter dem Stichwort "Vergesellschaftung statt Privatisierung des Staates" zur Sprache gebracht (1986,51 ff), und wir haben die Ansätze öffentlicher Förderung dokumentiert (1988,241ff); Berlin marschierte unter dem Sozialsenator Ulf Fink hier mit einem Fördertopf von 7 Mio. Mark jahrelang an der Spitze.
Zum Gesamtproblem der öffentlichen Förderung finden sich bei Müller (1993,153-230) informative Detailstudien.
[36] Vgl.dazu W. Thiel, Erfahrungen beim Aufbau und der Entwicklung lokaler Selbsthilfegruppen-Kontaktstellen, in: Müller 1993, 202ff.
[37] Vgl.dazu die Dokumentation und theoretische Einschätzung von B. Runge und F. Vilmar, Die Bedeutung Sozialer Selbsthilfe für die neuen Bundesländer, 2. Aufl. Berlin 1992.
[38] Vgl. dazu die Ergebnisse eines 1991-95 durchgeführten Forschungsprojekts zur kritischen Analyse und den - uneingelösten - demokratischen Alternativen des Vereinigungsprozesses: W. Dümcke, F. Vilmar (Hg.), "Kolonialisierung der DDR", Münster, 3. erw. Aufl. 1996
[39] J. Agnoli, P. Brückner, Transformation der Demokratie, Frankfurt 1968
[40] A.a.O. (Anm. 2). Vgl.dazu W. Röhrichs eindrucksvolle Schilderung des sozialliberalen Aufbruchs 1969: "Mehr Demokratie wagen. Von Brandt zu Schmidt, in: Die Demokratie der Westdeutschen. München 1988, S. 93 ff.
[41] Vgl. Anm. 28.
[42] Eine zusammenfassende kritische Darstellung der Entscheidungen des BVerfG in der sozialliberalen Reformperiode erarbeitete G. Biehler, Reformgesetzgebung und Bundesverfassungsgericht, Baden-Baden 1990. Vgl. speziell seine Referate und Kommentare des Mitbestimmungsurteils: 68 ff. und des Hochschulurteils: 100 ff. Nimmt man noch das Abtreibungsurteil des BVerfG hinzu (BVerfGE 39,1; dazu Biehler 137 ff.), in dem auf der Basis höchst subjektiver lebensphilosophischer Prämissen, jedes "judical self-restraint" vermissen lassend, den Frauen die Selbstbestimmung über ihren Leib verweigert wurde, so muß man m.E. zu dem Schluß kommen, daß das BVerfG in der sozialliberalen Reformperiode als ein schwerwiegend demokratisierungsfeindlicher Faktor in Erscheinung getreten ist.- Fairerweise muß man hinzusetzen, daß es andererseits im Laufe der neunziger Jahre Urteile gefällt hat, die ultrakonservativen Tendenzen entgegenwirken.
[43]Über die vorantreibende Kraft partieller Krisen und Notstände vgl. den Absatz 4.6.3 meiner Demokratisierungs-Theorie: "Krisen als Motoren der sozialistischen Transformation": Vilmar 1973, I, a.a.O. S.282-295.
[44] O. Flechtheim u.a., Der Marsch der DKP durch die Institutionen. Sowjetmarxistische Einflußstrategien und Ideologien, Frankfurt 1980; F. Vilmar, Was heißt hier kommunistische Unterwanderung? Berlin 1981
[45] F. Vilmar, Was heißt hier ...,a.a.O. 164f.
[46] Vgl. in diesem Sinne mein Plädoyer, das im Dez.'96 in der Festschrift zum 75. Geburtstag Erhard Epplers erscheint (Aufbau Verlag Berlin): Nach der Kolonialisierung: Aufbruch zu einer Strategie gesamtgesellschaftlicher Demokratisierung.
[47] Der vollständige Text wurde publiziert in "utopie kreativ", H. 51, Jan. 1995, S. 68-74
[48] Cambridge 1970
[49] Vgl. dazu die kenntnisreichen Erläuterungen von Leo Kißler über den "Citoyen im Blaumann": Neue Staatsbürgerlichkeit und alte Machtbeziehungen im Betrieb, in: K.-J. Scherer/ U. Wasmuht (Hg), Mut zur Utopie!, Münster 1994, S. 75ff.
[50] P. C. Dienel, Die Planungszelle, Opladen 1978