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Kultur

«Hier spricht Guantánamo»

Roger Willemsen hat Ex-Insassen des US-Gefangenenlagers interviewt - Kritik an Medien


Roger Willemsen beginnt die Vorstellung seines neuen Buches «Hier spricht Guantánamo» am Freitag in Berlin mit einer Medienschelte. Der TV-Moderatior und Autor kritisiert die Mehrzahl der Berichte, die in Deutschland über das US-Gefangenenlager erschienen sind, als einseitig.

Foto: ddp

Berlin (ddp-bln). Roger Willemsen beginnt die Vorstellung seines neuen Buches «Hier spricht Guantánamo» am Freitag in Berlin mit einer Medienschelte. Der TV-Moderatior und Autor kritisiert die Mehrzahl der Berichte, die in Deutschland über das US-Gefangenenlager erschienen sind, als einseitig. Teilweise seien Artikel von Verlautbarungen der US-Regierung beeinflusst, die Journalisten einen direkten Zugang zum Lager verwehre.

«Nach dem deutschen Rechtsgrundsatz muss auch die Gegenseite gehört werden», sagt Willemsen. Bisher habe es hierzulande kein Interview mit Ex-Häftlingen gegeben: «Das ist kein Ruhmesblatt des deutschen Nachrichtenjournalismus», meint Willemsen, der die Dokumentation über Guantánamo lückenhaft findet.

Für sein Buch hat Willemsen Interviews mit fünf früheren Insassen des Lagers geführt - einem Jordanier, einem Palästinenser, zwei Russen und einem Afghanen. Sie hätten teilweise bis zu vier Jahre ohne Gerichtsverfahren in dem Lager gesessen und seien dann als unschuldig entlassen worden. Die USA hätten bisher keinen Nachweis über die Mittäterschaft eines der Guantánamo-Häftlinge an den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erbringen können.

Willemsen berichtet, seine Zweifel an der Ernsthaftigkeit der US-Regierung, in Guantánao die Wahrheit finden zu wollen, hätten sich durch die Interviews bestätigt. Das Lager sei ein Ort, an dem Gewalt an Menschen vollstreckt werde, an deren Schuld die Amerikaner selbst nicht wirklich glaubten. Die Beschreibungen der Haftbedingungen mit psychischer und physischer Folter erinnerten an Szenen des absurden Theaters. Hier laufe eine Macht Amok.

Der 50-Jährige legt Wert auf die Feststellung, dass bei der Übersetzung der Interviews auf größte Genauigkeit geachtet worden sei: «Das, was die Leser im Buch finden, ist das, was die Ex-Häftlinge gesagt haben». Die Männer, manche von ihnen sehr einfache Menschen, hätten sich jeder Polemik enthalten und stattdessen sehr gesammelt und differenziert auf die Fragen geantwortet. Ihre teilweise unterschiedlichen Wahrnehmungen fänden sich genau auf dem Papier wieder. Die Leidenserfahrung und die Selbstbeherrschung der früheren Gefangenen nötige doppelten Respekt ab.

Die Recherche für das Buch sei nicht leicht gewesenen, erzählt Willemsen. Die Kontakte zu den Interviewpartnern seien über mehrere Hilfsorganisationen wie Amnesty International geknüpft worden. Als spektakulär bezeichnet der Autor das Zustandekommen seines Gesprächs mit dem Ex-Taliban-Sprecher und früheren afghanischen Botschafter in Pakistan, Abdulsalam Daeef, der zu diesem Zeitpunkt erst einen Monat aus der Haft entlassen gewesen sei. Daeef habe die gebrochenen Häftlinge repräsentiert, von denen die meisten seelisch und körperlich geschädigt am Rand der Existenz lebten - ohne eine Chance auf Rehabilitation.

(ddp)


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