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Ein Kapitel aus:
Karl Walker: Das Geld in der Geschichte
Rudolf Zitzmann Verlag; Lauf bei Nürnberg; 1959

DIE BARBAREN UND DAS GELD

An Rhein und Donau waren die Legionen
des römischen Weltreichs stehen geblieben. Nord-
wärts und ostwärts dehnte sich in unermeßlicher
Weite waldreiches Land, bewohnt von halb no-
madenhaften Völkerschaften. Anfänge von stadt-
ähnlichen festen Siedlungen gab es fast nur an
der Grenze zum Römerreich.

Aus dem Osten über die Wolga hereinbre-
chend war der Mongolenstamm der Hunnen über
Europa gefegt, raubend und sengend und die
überfallenen Völker mitreißend oder vor sich
hertreibend. Die Schutzwälle, die das römische
Reich an seinen Grenzen errichtet hatte, konnten
die Flut nicht aufhalten. Das Weltreich der Rö-
mer ging unter, andere Völker und Reiche füll-
ten den Raum, jahrhundertelang sich in Kämp-
fen und Kriegen verändernd.

Den Zusammenhang zwischen Geldwirtschaft
und Geschichtsverlauf hat die eigentliche Ge-
schichtsforschung nie sonderlich berücksichtigt.
Aber die Wirtschaftsgeschichte kennt die soge-
nannten "langen Konjunkturwellen" als die Zeit-
abschnitte steigender Geldvermehrung. "Mir ist
keine Periode wirtschaftlicher Blüte bekannt, die
nicht auf einen außerordentlichen Zufluß von
Gold zurückzuführen wäre", sagt Sombart. Die
Kehrseite davon ist die wirtschaftliche Stagna-
tion, der Zerfall der sozialen Organismen und
der Kulturen, sobald das Geld sich vermindert,
abfließt oder in anderer Art versickert.

Eine solche Periode war mit der anhaltenden
Passivität der Handelsbilanz des römischen Welt-
reiches über die Kultur des Altertums gekommen
und hatte der Zeit der Völkerwanderung ihren
Stempel aufgedrückt. Jahrhundertelang waren
die Raubkriege und Beutezüge der mit den Wan-
derungen der Goten und der Hunnen in Bewe-
gung gekommenen Völker an der Tagesordnung.
Rom hat die Arbeitsteilung nicht weiterentwik-
kelt und ausgedehnt, sondern mit der Verschwen-
dung des Geldes zugleich sein wirtschaftliches
Blut verloren und seine Kraft vergeudet. Acker-
bau, Gewerbe, Handwerk und Handel verküm-
merten. Wer noch Geld hatte, hütete es als einen
Schatz. Selbst die Barbaren wußten schon das
alte römische Geld von den rot gewordenen Sil-
bermünzen des späten Rom zu unterscheiden und
verschatzten das bessere Geld. Die alten Germa-
nen bohrten ein Loch durch den beliebten römi-
schen Goldsolidus und trugen die Münzen an
einer Schnur um den Hals. Was der Sinn des
Geldes sein sollte, war fast vergessen. Aber die
Gier nach den gleißenden Schätzen von Gold
und Silber lag wie ein uralter Fluch über allem.
Die ganze Geschichte der Völkerwanderung
ist ein endloser Bericht über den Kampf um ge-
waltige Schätze, die dereinst einmal Geld waren
und eine volkswirtschaftliche Funktion gehabt
hatten, jetzt aber von der Raubgier und Pracht-
liebe der Großen verschluckt wurden. Gustav
Freytag schildert in seinen "Bildern aus der deut-
schen Vergangenheit" die Fürstenschätze aus
Armringen, Spangen, Diademen, Bechern, Bek-
ken, Schalen und Trinkhörnern samt ganzen
Tischplatten und Pferdeschmuck. Die Tafelauf-
sätze, silberne Becken für Speisen und Früchte
waren zuweilen von so protzigem Ausmaß, daß
man sie mit Hilfsgeräten auf die Tische heben
mußte; eines Mannes Kraft reichte nicht mehr
aus.

Der fränkische König Chilperich (561-584)
ließ einen Tafelaufsatz aus Gold und Edelstei-
nen machen, 50 Pfund schwer; und der König
Gunthram erzählte beim festlichen Mahl: "Fünf-
zehn Schüsseln, so groß, wie die größten dort,
habe ich schon zerschlagen und habe nur diese be-
halten und eine andere, 470 Pfund schwer." Zu
solchen Prunkstücken wurde das gemünzte Gold
und Silber, das aus der Beute und aus den Tri-
butleistungen der jeweils Besiegten stammte, ver-
arbeitet. Als die Franken unter Clodevech die
Römer besiegt und aus Gallien vertrieben hat-
ten, waren ihnen riesige Bestände römischen Gol-
des in die Hände gefallen. Aber bevor etwas
Sinnvolles damit geschehen konnte, waren neue
Widersacher an die Stelle der Erschlagenen ge-
treten. Ein düsteres Bild von Tücke und Raub-
gier zeichnet Gustav Freytag nach mit der dra-
matischen Schilderung: "Als der Königssohn
Chloderich seinen Vater auf Anstiften des Chlo-
devech getötet hatte, zeigte er dem Boten des
argen Vetters die große Truhe, in welche der
Ermordete seine Goldstücke zu legen pflegte, da
sagte der Gesandte zu ihm: ,Miß die Tiefe mit
dem Arm aus, damit wir die Größe wissen!`-
und als der Frevler sich niederbeugte, zerschmet-
terte ihm der Franke den Kopf mit seiner Axt."
(s. G. Freytag: "Bilder aus deutscher Vergangen-
heit, S. 155.) - Verläßliche geschichtliche Nach-
weise über diesen Vorgang hat die Geschichts-
forschung nicht gefunden und so mag es sein,
daß die Fama hier - ebenso wie in der Nibelun-
gensage - Dichtung und Wahrheit vermischte.
Wieviel Wahrheit aber mag ganz im Dunkel der
Vorzeit versunken sein? -

Dem Golde gegenüber ist der Mensch uner-
sättlich, und so hortete also die Raubgier und
Besitzleidenschaft der kämpfenden Fürsten und
Könige die noch aus dem Altertum vorhande-
nen Edelmetallbestände mehr und mehr in nutz-
losen Schätzen. Als die fränkische Königstochter
Rigunthe 584 zu den Westgoten nach Spanien
gesandt wurde, füllte ihr Schatz 50 Frachtwa-
gen. Jedem Fürstenkind wurde schon bei seiner
Geburt ein Schatz angelegt. Zahllos sind auch
die Berichte von vergrabenen und versenkten
Schätzen. Wir denken an Alerichs, des Goten-
königs Grab im Busento, an die geheimnisum-
witterte Bestattung Attilas, des Hunnenkönigs
in goldenem, silbernem und eisernem Sarg, an den
Nibelungenhort und den ewigen Zwist um alle
Schätze. Bis auf den heutigen Tag ist das Rau-
nen um vergrabene Schätze zu hören. Noch 1895
wurde in Köln eine römische Kriegskasse mit
15 Zentnern römischer Münzen gefunden, ein
Schatz, der wohl vor dem herannahenden Feind
vergraben und nach verlorenem Kampf nicht
wieder gehoben werden konnte.

In diesen Jahrhunderten der Völkerwande-
rung gibt es denn auch nur wenige, jeweils bald
erstorbene Ansätze zur Neuerweckung einer
Geldwirtschaft. Kelten und Germanen haben in
ihren ersten Versuchen nur Nachprägungen der
römischen und griechischen Münzen vorgenom-
men. Das Münzbild solcher Prägungen ist ent-
sprechend roh, und die Unerfahrenheit des Stem-
pelschneiders zeigt sich mitunter sogar in seiten-
verkehrter Wiedergabe des Münzbildes, das als
Vorlage diente. Von einer Entfaltung der Geld-
wirtschaft kann erst wieder gegen Ende des er-
sten Jahrtausends gesprochen werden; der Reich-
tum des Altertums, der einstmals bereits in Mün-
zen geprägt einen volkswirtschaftlichen Dienst
getan und eine Entfaltung von Arbeitsteilung
und Kulturblüte ermöglicht hatte, war einfach
jahrhundertelang umgeformt und seiner Auf-
gabe entzogen worden: Objekt der Hortbildung,
der Machtgewinnung, des Prunkes, des ständigen
Kampfes und Raubes. Und die Kehrseite davon
skizziert Hugo Rachel in seinen Betrachtungen
zum Untergang der Antike, indem er schreibt:
"Durch das unaufhaltsame Schwinden des baren
Geldes trocknete das Wirtschaftsleben gleichsam
aus und glitt in ein längst überwundenes Sta-
dium, zur Naturalwirtschaft zurück." (s. Hugo
Rachel: Kulturen, Völker und Staaten, S. 99.)
Kriegsstürme, Raubzüge und Verwüstungen
sind ein unfreundliches Wetter für das Erblühen
einer neuen Kultur; die Lehre des Christentums,
die Wesentliches zur Gestaltung einer neuen
Welt bringen konnte, fiel noch auf steinigen
Acker, während sie im Römerreich bereits seit
dem Jahre 313 anerkannte Staatsreligion war.
Bei manchem aus den germanischen Stämmen
zum Christentum Übergetretenen verband sich
die neue Lehre noch in absonderlicher Weise mit
den überlieferten Begriffen der Väter, und noch
nach Jahrhunderten war manche Handlung mehr
vom Blut und Urväterglauben als vom Geiste
echten Christentums diktiert.

So muß man, wenn man von einem "christ-
lichen Abendlande" spricht, wohl doch ein wenig
bedenken, daß dieser Begriff kaum vor dem
8. Jahrhundert seine Gültigkeit haben dürfte.
Als Bonifatius bei Geismar die Donar-Eiche
fällte, schrieb man bereits das Jahr 724; und als
der Stamm der Sachsen als letzter großer Ger-
manenstamm nach erbittertem Widerstand sich
dem Christentum beugte - Widukind ließ sich
im Jahre 785 taufen - neigte sich dieses Jahrhun-
dert bereits seinem Ende zu. -

Erstmalig seit dem Untergang des weströmi-
schen Reiches war in diesem 8. Jahrhundert in
dem Frankenkönig Karl, der damit der Große
werden sollte, ein Mann erstanden, der die Er-
ben der untergegangenen römischen Weltmacht,
die schon ziemlich festgefügten germanischen
Reiche auf dem geschichtlichen Boden der einsti-
gen römischen Herrschaft und weit darüber hin-
aus zu einem neuen Ganzen zu einen vermochte.
Erstmalig traten jetzt auch aus dem Schoße der
barbarischen Eroberer andere Gesichtspunkte als
Krieg und Raub politikbestimmend hervor. Dem
Weitschauenden erschloß sich der Blick in eine
neue Weltgestaltung, nicht minder großartig als
die des versunkenen Römerreiches. Überlieferte
Reste griechisch-römischer Kultur, Kunst, Ge-
setzgebung, Geistesbildung usw. auf dem Boden
des für eine Gemeinschaftsbildung unter den
Menschen unerhört fruchtbaren Christentums
neu begründet, fingen an, unter Karl dem Gro-
ßen zu gewaltigen Wandlungen zu führen.

Daß die Einführung des Christentums von
Karl d. Gr. nicht immer mit christlicher Duld-
samkeit und Großmut betrieben wurde, ist be-
kannt; aber man wird bei der Würdigung seiner
Taten bedenken müssen, daß die Einigung der
germanischen Stämme unter der Glaubenslehre
des Christentums von ihm als politische Not-
wendigkeit angesehen wurde. So betrachtet war
es weniger der Christ Karl als vielmehr der ger-
manische König und Schöpfer des nachmaligen
"heiligen römischen Reiches deutscher Nation",
dem es unerträglich gewesen sein mochte, inner-
halb dieses Reiches eine klaffende Lücke oder gar
einen Herd der Feindschaft zu wissen, der gleich-
wohl von Menschen desselben Blutes bewohnt
wird.

Doch wie man auch immer darüber denken
mag - mit späten Wertungen ändern wir nichts
an vollzogenen Werken, die Nachwelt hat auf
den Tatsachen weiterzubauen - unmerklich voll-
zog sich eine Verlagerung der wieder erwachen-
den Lebensströme des völkerbewegenden Ver-
kehrs vom Mittelmeerraum zum Rhein. Denn
unmerklich begann die innere Ordnung des wer-
denden Reiches, die gute Verwaltung, die sorg-
same Rechtspflege, die Förderung des Unter-
richts, dem sich der Kaiser im hohen Mannesalter
selbst noch unterzog, ihre Früchte zu tragen.
Auch die wirtschaftliche Förderung, hauptsäch-
lich bestimmt von der Ordnung des Bodenrechts,
der Lehensordnung, des Marktrechts und Münz-
wesens wirkte sich aus.

Die germanischen Stämme, insbesondere in
jenen Gebieten, die noch außerhalb der einstigen
Römerherrschaft, also nordöstlich von Rhein und
Donau, lagen, haben freilich bis in das letzte
Jahrhundert vor der Jahrtausendwende über-
wiegend in altväterlicher Naturalwirtschaft ge-
lebt. Soweit sie durch Tausch und Handel fremd-
ländisches Gerät, Schmuck, Münzen und derglei-
chen erwarben und Zinn, Bernstein, Honig,
Wachs oder Felle dafür gaben, diente das Er-
worbene nur dem persönlichen Bedarf, allenfalls
auch einer stetigen Schatzbildung. Die durch Be-
rührung mit den Römern und durch die Züge
der Völkerwanderung in die Hände der Germa-
nen gelangten griechisch-römischen Münzen wur-
den also, wie bei allen Naturvölkern, lediglich
als Schmuck und Schatzmittel betrachtet. So ver-
sickerte auch hier ein großer Teil der Münzbe-
stände des römischen Reiches in den unergründ-
lichen Wäldern Germaniens, ohne daß sie hier
schon jene Wirtschaftsbelebung herbeiführen
konnten, die in entwickelteren Kulturen bei sol-
cher Art "aktiver Handelsbilanz" zustande zu
kommen pflegt.

Um diese Zeit wäre es hier für eine ausge-
dehnte Geldwirtschaft auch einfach noch zu
früh gewesen. Erst kam es darauf an, von der
Naturalwirtschaft zur Arbeitsteilung zu gelan-
gen; und auf dieser Linie der Notwendigkeit
hatte das römische Kolonisationstalent - ob-
wohl die Barbaren die Herren und die Römer
die Unterlegenen waren - ein dankbares Betä-
tigungsfeld gefunden. Was jetzt aus Rom kam,
kam freilich nicht mehr in klirrenden Waffen,
die früher die römische Kultur begleitet hatten,
sondern es kam im Habitus der neuen Religion
des Christentums. Sicher ist die fortschreitende
Verschmelzung der fränkischen Herrschaft mit
der römischen Kirche, die mit der Kaiserkrö-
nung Karls d. Gr. ihren Höhepunkt erreichen
sollte, einer der bedeutungsvollsten Vorgänge
der europäischen Geschichte gewesen. Und wenn
es in diesem Zusammenhang auch nicht primär
wichtig sein mag, so war es doch andererseits
auch nicht von Nachteil, daß das ganze Erbe der
geldwirtschaftlichen Erfahrung der Römer sich
im Zuge dieser Entwicklung auf die Völker des
fränkischen Herrschaftsbereichs fortpflanzte.

Was die römische Kirche diesen Völkern zu-
gleich mit dem neuen Weltbild des Christen-
tums an gewerblichen Fertigkeiten und ökono-
mischen Künsten des Rechnungswesens mit
Maß-, Gewichts- und Geldeinheiten brachte,
machte sich aber für die Kirche auch bezahlt
durch die junge Kraft, deren die Kirche als
Schutz bedurfte. Der Zerfall der alten römi-
schen Weltmacht in einn weströmisches und ost-
römisches Reich - im Jahre 395 waren Rom
und Byzanz endgültig geschieden - hatte auch
für das Christentum, wenn nicht ursächlich, so
doch als weitere Vertiefung der Kluft den gro-
ßen Glaubenskonflikt zwischen arianischer und
römisch-katholischer Christusvorstellung ge-
bracht. Da die Vandalen, Goten, Langobarden
und andere germanische Stämme sich zuerst der
arianischen Lehre, wonach Christus nicht als
Gottes Sohn gilt, zuneigten, bedeutete der Sieg
des Frankenkönigs Chlodewech und sein Über-
tritt zum katholischen Christentum (496) zu-
gleich den Sieg der römischkatholischen Kirche
über die arianisch-byzantinische. Der Fama zu-
folge soll Chlodewech vor der Schlacht gelobt
haben, zum römischen Glauben überzutreten,
wenn Christus ihm den Sieg schenckt. Daß man
so etwas mit dem fremden Gott aushandeln
könne, war dem Vorstellungsvermögen des
fränkischen Kämpen durchaus natürlich. - Nun,
waren also die Würfel gefallen und so ging die
Entwicklung auf Jahrhunderte hinaus ihren
neuen Weg.

Währenddessen erfuhr auch das byzantinische
Reich ein wechselvolles Schicksal, bis es 1453
endgültig den Mohammedanern (Mohammed
II.) erlag. In seiner hohen Blütezeit trugen die
byzantinischen Münzen vornehmlich Christus-
und Marienbildnisse. Justinian II (658 - 711)
hatte als erster ein Christusbild auf seinen So-
lidus gesetzt, wie Robert Eisler meint, sicher
weniger aus Frömmigkeit als vielmehr, um den
Mohammedanern das Nachprägen seiner Mün-
zen religiös zu verleiden (s. Rob. Eisler: "Das
Geld" S. 160). Die Handelsbeziehungen mit
Byzanz waren während der Zeit der Völker-
wanderung noch schwach; erst die Jahrhunder-
te der Kreuzzzüge brachten den fränkisch-ale-
manischen Völkern den näheren Kontakt mit
dem Orient - und damit auch byzantinische
Einflüsse auf ihr Münzwesen. Letztere traten
in der Brakteatenprägung der Stauferzeit, wor-
auf wir noch kommen werden, besonders deut-
lich hervor.


Dieser Text wurde ins Netz gebracht von: W. Roehrig. Weiterverbreitung ausdrücklich erwünscht.
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