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Kapitel aus:

Hundert Einwände und Bedenken gegen Freiland - Freigeld
Zusammengestellt und beantwortet von Fritz Schwarz
III. Auflage
Genossenschaft Verlag freiwirtschaftlicher Schriften
Bern 1933


Die freiwirtschaftliche Krisentheorie und die Einwände dagegen
 
 
Allgemeine Wirtschaftskrisen brechen aus, wenn
die steigende Preiskurve ihren Höhepunkt erreicht
hat und wieder abzusinken beginnt.
 
"Die Preise können aus drei Gründen zurück-
gehen:
 
1. weil die eigentümlichen Produktionsverhält-
nisse des Goldes eine willkürliche Anpassung des
Geldangebotes (Nachfrage) an die Warenerzeugung
(Angebot) nicht erlauben;
 
2. weil bei steigender Warenerzeugung (blühen-
der Volkswirtschaft) und damit Hand in Hand gehen-
der Vermehrung der sogenannten Realkapitalien der
Zins für diese zurückgeht, weil dann kein Geld mehr
für die Bildung neuer Realkapitalien sich anbietet
und der Absatz der hiefür bestimmten Waren (ein
ganz bedeutender Teil der Warenerzeugung, zumal
bei zunehmender Volkszahl) stockt;
 
3. weil bei vermehrter Warenerzeugung und
wachsendem Wohlstand das Geld (Nachfrage) von
den Goldschmieden eingeschmolzen wird, und zwar
im Verhältnis zum wachsenden Warenangebot.
 
Diese drei Ursachen des Rückganges der Waren-
preise genügen jede allein für sich, um eine Krise
hervorzurufen und ihre Natur ist so, daß, wenn auch
die eine etwa infolge genügender Goldfunde aus-
fällt, die anderen dafür in die Lücke springen.
Einer der drei Ursachen der Krisen ver-
fällt die Volkswirtschaft immer und ge-
setzmäßig."
 
"Wie könnten nun die Wirtschaftsstockungen
verhütet werden? In der Erklärung ihrer Ursache ist
auch schon die Bedingung angegeben, die für die
Verhütung der Wirtschaftsstockungen erfüllt werden
muß; und diese lautet: Die Preise dürfen nie-
mals und unter keinen Umständen fallen."
 
"Wir erreichen das:
1. Indem wir das Geld vom Golde trennen und
die Geldherstellung nach den Bedürfnissen des Mark-
tes richten;
 
2. indem wir das aus Papier hergestellte Geld so
gestalten, daß dieses unter allen Umständen gegen
Waren angeboten wird, und zwar selbst dann noch,
wenn der Kapitalzins, der Zins des Geldes sowohl
wie der Zins der Sachgüter (Realkapitalien), fällt und
verschwindet." (Silvio Gesell, "Natürliche Wirt-
schaftsordnung"
, 6. Auflage 1924, S, 191/192.)
 
 
 
40. Einwand: Krisen müssen immer sein. Sie
sind etwas Natürliches, wie ein befruchtendes Ge-
witter, oder sie entsprechen natürlichen Vorgängen
in der Natur, wie z. B. Ebbe und Flut.

 
Antwort: Der Vergleich ist unzutreffend. Die
Krisen gehen auf menschliche Einrichtungen zu-
rück, die im Lauf der Jahrhunderte geschaffen wur-
den und verbessert werden können. Wie das Geld
etwas Gemachtes ist, so auch die Krisen; man
braucht sich nur zu überlegen, wie eine rasche Ver-
mehrung des Geldumlaufes bei einer kommen-
den Krise wirken würde, um die Möglichkeit ihrer
Verhinderung oder Beseitigung sofort einzusehen.
"Das Mittel, die Baisse (Krise) aufzuhalten, wäre,
genug Noten auszugeben", sagte Leopold Dubois,
der Präsident des Verwaltungsrates des Schweizeri-
schen Bankvereins in der eidgenössischen Währungs-
kommission 1923. Und ähnlich schreiben eine Reihe
von Fachleuten.
 
 
 
 
41. Einwand: Die Ursache der Wirtschafts-
krisen ist das Auseinanderfallen der Produktion und
Konsumtion, das sich vor allem darin zeigt, daß die
Preise rascher steigen als die Einkommen, so daß die
verminderte Kauffähigkeit der Arbeitenden eine
Überproduktion zur Folge hat.
 
Antwort: Hier wird zweierlei übersehen:
1. Die Waren müssen gekauft werden, und zwar
entweder zu Verbrauchszwecken oder zu Sparzwek-
ken (Sachgüteranlagen). Für die Waren muß in bei-
den Fällen Geld als Nachfrage hergegeben werden:
Ist dieses Geld nicht in genügender Menge vorhan-
den, oder wird es zurückgehalten, so erhält der
Warenerzeuger das Gefühl der Überproduktion -
selbst bei geringer Gütererzeugung -, weil die
Preise dann ins Sinken kommen. Jede Geldvermeh-
rung oder jede Beschleunigung des Geldumlaufes (die
z. B. erreicht werden kann durch Zeitungsmeldungen
von steigenden Preisen) vermindert dagegen sofort
die angebliche "Überproduktion".
Dieses scheinbare "Auseinanderfallen von Pro-
duktion und Konsumtion" kann man jederzeit selbst
bei größter Warenarmut haben, sobald die Preise
(beim Gerücht von Preisabbau) Neigung zum Sinken
zeigen. 1918 warteten in Berlin die gleichen Läden
tagelang vergeblich auf Kunden, die wenige Wochen
später bei wiedereinsetzender Preissteigerung leer-
gekauft wurden. Waren die Leute unterdessen rei-
cher geworden? Wohl kaum! Man setzte bloß mehr
Geld um! Und die Baumwollerzeuger in den Vereinig-
ten Staaten hatten 1933 sofort Absatz und dachten
nicht mehr an Einschränkung der Anbaufläche, als
das Geld wieder vermehrt umlief.
2. Wenn die Preise rascher steigen als die Löhne,
so heißt das, daß das Einkommen der Freierwerben-
den, z. B. der Bauern, rascher wächst als das Ein-
kommen des Lohnarbeiters. Es handelt sich also hier
um eine Einkommensverschiebung. Diese könnte
eine Krise nur begünstigen, wenn das gesteigerte
Einkommen des einen Standes als Geld gehamstert
würde. Aber gerade bei steigenden Preisen ist dies
nicht der Fall; da wird das Geld rasch gegen Ware
umgetauscht. Einzig der Ertrag der Geldanlagen
geht zurück, was der Arbeit zugute kommt. Deshalb
tritt bei steigenden Preisen nie eine Krise auf, son-
dern nur bei sinkenden Preisen oder in der Erwar-
tung solcher.
 
 
 
42. Einwand: Die Krise ist eine Folge des
Weltkrieges.
 
Antwort: l. Dann müßte es vor dem Weltkrieg
keine Krisen gegeben haben. Aber 1913/19I4 stan-
den die Geschäfte allerorts äußerst schlecht und
riesige Arbeitslosenumzüge waren in allen Städten
an der Tagesordnung.
2. werden wir häufig damit getröstet, die Krisen
von 1857 oder 1874 oder 1880-90 seien noch schlim-
mer gewesen als unsere Nachkriegskrisen! Da war
es also doch kaum der Weltkrieg 1914-18!
3. gab es seit dem Weltkrieg Länder ganz ohne
Krisen, wie Finnland (bis 1929).
4. gab es seit dem Weltkrieg krisenlose Zeiten,
z. B. 1919 und 1927/29.
Das alles zeigt (siehe darüber näher in "Das Pro-
blem der Arbeitslosigkeit in internationaler Betrach-
tung", Bern 1930), daß die Krise keine Folge des
Krieges sein kann, sondern eine andere Ursache
haben muß. Restlos erklärt werden die Vor- wie die
Nachkriegskrisen durch die Feststellung, daß auf
jedes Zurückbleiben des Geldumlaufes hinter dem
Warenangebot die Krise auf dem Fuße folgt - im-
mer, und in allen Ländern.
 
 
 
 
43. Einwand: Während des Krieges sind Länder
zur Selbstversorgung übergegangen, die vorher gute
Abnehmer waren. Das bedingt Arbeitslosigkeit bei
uns - und damit Krise, Es handelt sich da also um
"Strukturwandlungen".
 
Antwort: Wenn man Uhren in Südamerika
oder Maschinen in Mexiko herstellt, so gibt deren
Erzeugung in diesen Ländern genau so viel Arbeit
wie bei uns. Eine Vermehrung der Weltarbeits-
losigkeit kann daher aus dieser Ursache nie ent-
stehen; nur eine Verschiebung der Beschäfti-
gung. Die Weltarbeitslosigkeit müßte eher ab-
nehmen, weil neue Maschinen nötig werden! -
Ferner ist es eine bekannte Tatsache, daß die indu-
strialisierten Länder für uns eine weit bessere Kund-
schaft sind als die Länder ohne eigene Industrien,
weil die Industriebevölkerung besser lebt als ein
Volk von Farmern. "Strukturwandlungen" geben
also mehr und nicht weniger Arbeit!
 
 
 
44. Einwand: Die Krisen sind eine Folge der
anarchistischen Produktionsweise. Statt einer Be-
darfs- und Planwirtschaft haben wir eine Profitwirt-
schaft.
 
Antwort: Anarchistischer als bei der "Ware
aller Waren", wie Karl Marx das Geld bezeichnet
hat, geht es bei der Herstellung keiner anderen Waren
zu. Ueber die Geldversorgung entscheiden "Willkür
und Zufall", sagte der französische Ministerpräsident
Daladier auf der Londoner Konferenz 1933. Von der
Willkür der Großgeldbesitzer hängt es ab, ob das
Geld umläuft oder ob es gehamstert wird, und vom
Zufall, ob man Gold findet. Bei keiner anderen
Ware dürften Zufall und Willkür eine solche Rolle
spielen - und das Geld ist die unentbehrliche Vor-
aussetzung für Absatz und Arbeit. Die Störun-
gen, die die Produktion anarchisch er-
scheinen lassen, kommen ausnahmslos
alle von der Geldseite her, während die
Einordnung in einen natürlichen Wirt-
schaftsplan von den Warenerzeugern
herkommen. Selbst die brasilianische Kaffeeüber-
produktion ist eine Folge der allgemeinen Deflation,
in der die dortige Regierung den Kaffeepreis hoch-
halten wollte.
 
 
 
 
45. Einwand: Die Planlosigkeit unserer Wirt-
schaft führt zu einer zeitweisen Ueberproduktion,
auf die eine Krise folgen muß!
 
Antwort: Wir müssen hier zwei Arten der
Ueberproduktion genau auseinanderhalten: 1. Die
Ueberproduktion an Sachgütern (Real-
Kapital, z. B. Häuser, Fabriken, Werkstätten, Ma-
schinen usw.,) und 2. die Ueberproduktion an
Verbrauchsgütern. - Die Ueberproduktion an
Sachgütern gab es noch nie: ihr Kennzeichen wäre
das Sinken ihrer Zinserträge bei festem Preis-
stand unter Null - etwas Nochniedagewesenes! -
Die Ueberproduktion an Verbrauchsgütern wäre da,
wenn der Zins auf null Prozent steht, das arbeitslose
Einkommen also beseitigt und das Recht auf den
vollen, unverkürzten Arbeitsertrag verwirklicht ist
und dann die Waren von den Arbeitenden,
die im Vergleich zu heute den doppelten
und mehrfachen Arbeitsertrag haben,
nicht mehr gekauft werden: dann wäre die
Ueberproduktion da! Die Leute würden sofort die
Arbeitszeit verkürzen und damit die Produktion
auf das notwendige Maß zurückführen. Eine solche,
wirkliche Ueberproduktion hat die Welt noch nie
gesehen. Sie ist nur möglich, wenn .das Geld nicht
streiken kann, wenn der Zins fällt, und wenn es dem
Warenangebot so angepaßt wird, daß der Preisstand
nie sinkt.
 
 
 
46. Einwand: Die Maschinen und die Rationa-
lisierung schalten unausgesetzt Arbeitskräfte aus,
die nicht wieder verwendet werden können.
 
Antwort: Wenn dem so wäre, müßte die Ar-
beitslosigkeit steigen, wenn die Maschinen und die
Rationalisierung zunehmen, und umgekehrt. Nun
führt aber Prof., Dr. Marbach in seinem Buche
"Kartelle, Syndikate und Trusts" den Nachweis -
ohne dies besonders zu wollen -, daß die Jahre der
großen Arbeitslosigkeit stets die Jahre waren, in
denen und vor denen die Maschinen nicht besonders
vermehrt wurden, während in den Jahren guter Be-
schäftigung die Maschinen stark vermehrt wurden.
Es wurden im Jahre 1913, als man verhältnis-
mäßig wenig Arbeitslose zählte, in Deutschland für
2150 Mill. Mark Maschinen neu in Funktion gesetzt.
Von 1924 bis 1932 hat der Zuwachs und Erneuerungs-
bedarf diese Zahl nur in dem Jahre 1928 erreicht,
in allen übrigen Jahren blieb sie hinter
der Vorkriegszeit zurück. Dieser Rückstand
betrug:
1924: 38,8 Prozent; 1925: 22,9 Prozent; 1926: 40,5
Prozent; 1927: 10,6 Prozent; 1929: 8,1 Prozent; 1930:
30 Prozent; 1931: 49,6 Prozent; 1932: 70,8 Prozent.
Man muß feststellen, daß gerade die letzten
Jahre heftiger steigender Arbeitslosigkeit (Dr.
Brünings Preisabbaupolitik) von geradezu sturzartig
fallenden und niedrigen Maschineneinstellungen be-
gleitet waren.
Der Tiefstand der Maschineneinstellung war so
stark, daß er nicht einmal mehr ausreichte, den
normalen Erneuerungsbedarf zu decken.
Und trotz alledem stieg die Arbeitslosenziffer des
Jahres 1932 auf 6 Millionen!
Daraus geht hervor, daß es eine andere Ursache
sein muß, die Maschinen und Menschen gleich-
zeitig beschäftigt und sie gleichzeitig arbeits-
los macht. - Die Rationalisierung endlich ver-
mehrt und verbilligt die Herstellung der Erzeugnisse,
und wo dies unterlassen wird, tritt die Absatzstok-
kung ein, da der Wettbewerb den ausschaltet, der
nicht mit den neuesten Mitteln arbeitet. So hat im
Septemberbericht des Bankvereins 1930 der Be-
richterstatter die große Arbeitslosigkeit Englands der
dortigen Abneigung gegenüber der Rationalisierung
zugeschrieben!
 
 
 
47. Einwand: Trotz des Versuchs der Vereinig-
ten Staaten, die Indexwährung durchzuhalten, gelang
es 1929 doch nicht, die Krise zu verhindern.
 
Antwort: Es ist unwahr, daß die Federal-
reservebanken der Vereinigten Staaten gesetzlich
zur Innehaltung des festen Preisstandes, also der
festen Währung verpflichtet worden sind. Noch im
Jahre 1930 wurde eine Gesetzesvorlage von Glaß,
die den festen Preisstand verlangte, durch Hoovers
Veto zurückgewiesen, und 1924 schrieb Dr. E. Kel-
lenberger in einem Brief, den Bundesrat Musy na-
mens des Bundesrates unterzeichnete, daß man sich
vom festen Dollarkurs löse, falls in den Vereinigten
Staaten der Preisstand noch weiter gesteigert werde
- was nicht auf feste Währung schließen läßt! Tat-
sächlich hat man 1928 auf 1929 alles getan, um in
den Vereinigten Staaten den Preisstand zu senken,
statt ihn zu halten. Schon vorher war er nie so fest
wie der Preisstand in der Schweiz. (Genaue Zahlen
darüber in Schwarz, Konjunkturprognose, S. 63.)
Von 1929 ab ging man aber schnurstracks auf eine
Senkung los. Hier der Beweis:
 
Jahr        Produktionsziffer       Geldbestand
                (1923 = 100)
1928                111                      4973
1929                119                      4865
 
Gegen das Jahresende 1929 wurde der Geldbe-
stand nicht im nötigen Maße gehoben, während die
Produktion nicht zurückging.
 
             Sept.    Okt.     Nov.   Dez.
1928 :   4804   4836   4860   5003    Zunahme 4 %
1929 :   4811   4810   4845   4943    Zunahme 2 %
 
Auch der Diskontsatz (Zins für neues Geld!) war
seit 1926 ständig langsam gehoben worden, bis der
Preissturz infolge des Auseinanderfalles von Geld
= Nachfrage und Waren = Angebot kam:
 
                  Diskontsatz:
1926 :       3,99           1928 :       4,42
1927 :       3,85           1929 :       4,94
 
Hinzu kam die Verlangsamung des Geldumlaufes
mit dem Sinken des Zinses: der Ertrag der Aktien
sank von 5,2 im Jahre 1925 auf 2,8 % unmittelbar
vor Ausbruch der Krise. Statt die Aktienkurse frei
"steigen und fallen zu lassen, versuchte man 1929
diese zu festigen, d. h. also zu senken: statt dessen
sanken nun die Preise und damit war die Krise da.
Man hatte statt der Arbeit dem Wucherspiel ge-
holfen!
 
 
 
48. Einwand: England, Dänemark und Schwe-
den haben die Goldwährung aufgegeben und doch
haben sie noch Krise.
 
Antwort: Natürlich! Denn weder haben sich
diese Länder für die feste Währung erklärt, noch
haben sie diese nach den Vorschlägen der Freiwirt-
schafter durchgeführt, also das Bargeld mit einem
Schwund von 6 % belegt. Da mußte der Erfolg aus-
bleiben. Alle Länder haben im Gegenteil den Preis-
stand seither sinken lassen, England z. B. von 147
im Jahre 1931 auf 136 im Jahr 1933! Und da wun-
dert man sich, wenn die Krise nicht weicht?!
 
 
 
49. Einwand: Heute wird nicht mehr so viel
Geld gehamstert wie ehemals, die Thesaurierung
spielt keine große Rolle mehr.
 
Antwort: Präsident Hoover schrieb am 18.
September 1932 in der "Neuen Freien Presse": "Die
Hamsterung von Geld hat einen ganz ungeheuren
Umfang angenommen. Sie hat die Arbeitslosigkeit
gesteigert. Niemand kann bestreiten, daß
für die amerikanische Wirtschaft eine
große Erleichterung eintreten würde,
wenn die Riesensummen gehorteten Geldes (Hoover
schätzte sie auf 1 1/2 Mill. Dollar) wieder in Umlauf
gebracht würden." - Bundesrat Schultheß erklärte
am freisinnigen Parteitag in Olten (Oktober 1931):
"Schätzungsweise 800 Mill. Franken sind heute ge-
hamstert. Laßt die Millionen zirkulieren, heraus mit
diesem Gelde." - Heute sind 680 von 1500 Mill.
500er und 1000er Noten - und diese dienen meist
der Hamsterung. Im ersten Halbjahr 1933 sind 800
Mill. Franken in Gold aus den Notenbanken wegge-
nommen worden und verschwunden. - Im Oktober
1933 erklärte der französische Finanzminister Bon-
net: "Von der Thesaurierung kommt unsere ganze
Misere", und das Berliner Konjunkturfor-
schungsamt rechnet aus, es seien in den ersten
6 Monaten 1933 etwa 2 Milliarden neues Gold ge-
hamstert worden!
 
 
 
50. Einwand: Die Krise ist eine Weltkrise, die
wir nicht abwehren können, selbst wenn wir die
Preise nicht sinken lassen würden, weil alle Länder
wirtschaftlich eng miteinander verbunden sind.
 
Antwort: Der erste Satz ist eine Behauptung,
die mit den Tatsachen des Wirtschaftslebens im
Gegensatze steht. Aber man kann diesen Gegensatz
nur dann feststellen, wenn die Preisstände in den
verschiedenen Ländern entgegengesetzt verlaufen,
Das war der Fall von 1920 bis Ende 1924, in weniger
starkem Maße sogar bis 1928. Für diese Jahre stellt
das Internationale Arbeitsamt abschließend fest:
"Jedes Land machte seine Krise selbst" - weil die
Bewegung seines Preisstandes in jedem Lande ver-
schieden war. Das krasseste Beispiel waren 1921
Deutschland und die Schweiz: in Deutschland bei
steigendem Preisstand eine Einwanderung von 1 Mil-
lion Arbeiter, in der Schweiz bei sinkendem Preis-
stand gleichzeitig Abwanderung und trotzdem noch
146 000 Arbeitslose. - Der Uebergang eines Bezir-
kes zur Freigeldwährung hat bisher (in Schwanen-
kirchen und in Wörgl) nur so gewirkt, daß schleunigst
Verbote nötig wurden, um weitere Bezirke vor
dem Uebergang zum Freigeld abzuhalten, weil
die guten Auswirkungen sich selbst in kleinen Krei-
sen schon deutlich bemerkbar machten! So die Tat-
sachen. Auch in der Schweiz verbot die National-
bank ausdrücklich dem Detaillistenverband von
Luzern den geplanten Versuch mit Freigeld. Warum
wohl?!
Ferner: In der Weltkrise gibt es so gut wie
im Weltkrieg Neutrale, hier sind es die Länder mit
der festen Währung. Allerdings würden sie mittel-
bar auch berührt, aber so wenig sie im Kriege Ver-
wundete und Tote zu beklagen haben, so wenig müs-
sen sie hier Aufwertung der privaten und der Staats-
schulden, Erschwerung der Zinslasten und all die
Folgen dieser Vorgänge befürchten. Ein Beispiel hie-
für ist Deutschland: Im Jahre 1922 kamen auf 100
offene Stellen nur 72, im Februar 98, im März 89
Stellensuchende, in der Schweiz zählte man zur glei-
chen Zeit 150,000 Arbeitslose, das wären auf
Deutschlands Größe umgerechnet 2 1/4 Millionen.
Statt dessen wanderten damals in Deutschland über
eine Million fremde Arbeiter ein.
In den Vereinigten Staaten herrschte vom April
1920 an die Wirtschaftskrise, aber erst im Oktober
hielt sie ihren Einzug in der Schweiz, also erst, als
bei uns die Preise auch gesenkt wurden. Von 1873
bis 1893 durchlebten alle Goldwährungsländer eine
Krise, während Indien sich in dieser Zeit eines
prächtigen Aufschwungs erfreute - der ins Gegen-
teil umschlug, als es die währungspolitischen Dumm-
heiten der Goldwährungsländer ebenfalls mitmachen
mußte. Weltkrisen gab und gibt es nur, wenn das
Gold überall Währungsmetall ist und dann nach den
Ländern abströmt, wo es gehamstert wird, wo also
eine Krise ausbricht. Sobald ein Land währungs-
politisch eigenmächtig vorgeht, wie das unter der
festen Währung der Fall sein wird, werden die Kri-
sen nicht mehr über seine Grenzen kommen.
Eine allgemeine Weltkrise wird erzeugt durch
den allgemein gesenkten Preisstand. Ein Land
mit fester Währung behält jedoch seinen Preisstand
auf gleicher Höhe. Sein Wechselkurs sinkt des-
halb und erleichtert ihm die Ausfuhr in die Krisen-
länder. Es wird dort konkurrenzfähiger als alle dor-
tigen Firmen. Infolgedessen entgeht es nicht bloß der
eigenen Krise, sondern vergrößert seinen Kunden-
kreis in den Krisenländern.
 
 
 
 
51. Einwand: Die Keime jeder Wirtschafts-
krise liegen doch in der Zeit des wirtschaftlichen
Aufschwunges, indem nach und nach durch
tausend Handlungen der einzelnen Wirtschaftssub-
jekte ein Zustand entsteht, der einen Rückschlag
unvermeidlich macht. (Neue Zürcher Zeitung!)
 
Antwort: Den Zustand, der durch "die Hand-
lungen von tausenden von Wirtschaftssubjekten" in
der guten Konjunktur entsteht, und der dann zur
Krise führt, den gerade hat ja Silvio Gesell
haarscharf beschrieben. Aber Silvio Gesell hat auch
beschrieben, wie man dafür sorgen kann, daß die
Wirtschaft keine "Zustände" mehr bekommt!
Der "Zustand" besteht nämlich gerade darin, daß
die Zinsen sinken und die Löhne steigen,
daß also der Zins gefährdet wird! Die Geldbesitzer
antworten auf diese "Zustände" mit Geldhamste-
rung. "Es ist schon gut, keinen Zins zu zahlen -
aber geh' und laß Dir also leihen", schrieb schon
Ulrich Zwingli. Da die Geldhamsterung immer noch
eine Folge dieser "Zustände" ist, so gab Gesell durch
seinen Freigeldvorschlag uns ein Mittel, daß diese
Folge nicht mehr eintreten kann. Der Zustand des
gedrückten Zinses und vermehrten Warenangebots
macht eben nur solange einen "Rückschlag unver-
meidlich", als auf der Geldseite nichts ge-
tan wird, um diesen Rückschlag zu ver-
meiden.
Wenn für unsere Wirtschaftskutsche jemand mit
seinen Pferden, die er vorspannt, die Fahrmöglich-
keit gibt, die Pferde aber jedesmal dann abspannt,
wenn wir in gute Fahrt kommen, weil sie dann müde
geworden sind, dann kann er wohl sagen, daß die
tolle und anstrengende Fahrt, das flotte Tempo den
"Keim" dafür in sich trägt, daß die Gäule schließ-
lich nicht mehr können und abgeschirrt werden
müssen. Wenn man dann aber kommt, einen Motor
erfindet und in den Wagen einbaut, dann ist die
Sache eine ganz andere. Und so verhält es sich mit
der bisherigen Zinswirtschaft, bei welcher der Zins
immer den Wirtschaftskarren ziehen mußte und mit
der Erfindung des Freigeldes, bei dem der Wirtschaft
auf der Geldseite ein eigener Motor eingebaut ist,
der niemals müde wird. Bei Freigeld ist die flotte
Fahrt kein Grund mehr zum Abstoppen, bis wir eine
wahre Ueberproduktion haben.
Wie wenig heute von einer Ueberproduktion
gesprochen werden kann, zeigen folgende Zahlen,
die wir der Völkerbundsveröffentlichung "Produc-
tion mondiale et les prix 1932/33" entnehmen. Es
betrugen, das Mittel 1925-1929 =100 gesetzt:
 
 
          Die Gesamter-           Die land-      Die nicht-     Die (ohne Ruß-      Der Welt-
          zeugung von               wirtschaft-    landwirt-      land) industri-        handel
          Lebensmitteln             liche Er-       schattliche    elle Erzeugung        Menge
          und Rohstoffen           zeugung        Erzeugung
1925           96                         98                90                      93                   92
1926           96                         97                92                      94                   94
1927           99                         99              100                    100                 101
1928         103                       103              105                    103                 105
1929         106                       104              114                    110                 111
1930         102                       103              101                      96                 102
1931           98                       103                86                      84                   93
1932           94                       102                73                      69                   80
 


Die angebliche Ueberproduktion an Getreide:
 
Getreide-   1925 1926 1927 l928 1929   1930   1931    1932
erzeugung   100     99     99    103   100     102   100*)    104*)
 
Daß endlich von einer " Ueberinvestie-
rung" nicht gesprochen werden kann, stellt Prof.
Cassel ausdrücklich fest. (Die Krise des Weltgeld-
systems, Berlin 1933, S. 109)
 
 
*) Provisorische Zahlen!


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Dieser Text wurde im Februar 1998 ins Netz gebracht von Wolfgang Roehrig. Weiterverbreitung ausdrücklich erwünscht.