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DIE QUECHUA-ERZÄHLUNGEN DES APOLINARIO LÓPEZ (1905-8)
fortgeführt, welche ebenfalls von López stammen. Die gesamten Dokumente besitzen keine Datumsangaben, weisen aber auf den genannten Autor mit folgenden, auf Quechua geschriebenen, Worten hin: "Apolinay Lopezpa llamkacusccan", was folgendes ins Deutsche übersetzt heisst: "Bearbeitet durch den jungen Apolinay Lopez". Das verwendete Papier ist unter "Kartenpapier" (34 x 22cm) oder auch DIN-B bekannt, die Schrift besitzt eine eingerückte Form (moderne Kursivschrift) und wurde mit einem angespitzten Stift ausgeführt. Der Konservierungszustand ist in sehr guter Verfassung. Bezüglich des Autors wissen wir nichts über seine Biografie. Allerdings kann man sagen, dass es sich um einen jungen Quechuasprachler mit einer aus der Umgebung von Cusco stammenden Dialektform handelte (dies könnten einige Provinzen des Departments Cusco oder der Provinz Grau im Department Apurímac sein). Apolinario López, Zusammensteller und Verfasser der von den quechuasprechenden peruanischen Völkern kreierten und nachkreierten Erzählungen, ist in seiner Muttersprache ein hervorragender Erzähler und Schreiber. Bei seinen in Quechua verfassten Verschriftlichungen hat er die fast wörtliche und somit typische Form der mündlichen Erzählungen der Anden beibehalten. Auch hier wird die rückläufige Form, in der auf schon bekannte Abschnitte zurückgegriffen und somit einige Episoden wiederholt und bestätigt werden, um "nicht zu vergessen" und den roten Faden der mündlich erzählten Geschichte fortzuführen, angewandt. Zudem verwendet er zur Gestaltung des erzählerischen Momentes in seinen Quechuaerzählungen regelmäßig spezifische Quechuaausrufeworte. Diese Quechuatechnik, welche den mündlichen Zusammenhang imitiert, wirkt sehr klar, wenn López in seiner Weise die sehr schweren Wörter des cuzquenischen Quechuas transkribiert, um sie in dieser Weise einer nicht-quechuasprechenden Person verständlich zu machen. Der Zusammenhang der zwei Quechua-Erzählungen: Beiden Erzählungen, die wir präsentieren, liegen das Indigene vermischt mit dem Mestizischen zu Grunde. Eingebettet sind sie in ethische und moralische Themen, welche im Rahmen der religiös-katholischen Erzählungen wiedergegeben werden. Die "Geschichte von Malicacha und dem Priester" beschreibt das Gewohnheitsrecht de Dienstbarkeit im Quechua unter dem Namen "mita" bekannt. Gemeint ist damit der persönliche, unvergütete und verpflichtende Dienst der Männer und Frauen der andinen Dörfer an Großgrundbesitzer, staatliche Autoritäten, Priester und Kaziken. Die Erzählung handelt von zwei verschiedenen moralischen Aspekten, bei denen es sich um einen westlichen und einen andinen Ursprung handelt. Der katholische Priester bricht durch das Liebesverhältnis zu einer Indigenen, die zur "señorita" konvertiert und somit verwestlicht ist, das Zölibat seines religiösen Berufes. Des weiteren übt er Nekrophilie an ihr aus, indem er ihren toten Körper liebt. Diese beiden durch die Ethik (sowie durch den christlichen Priesterstand) verbotenen Aspekte werden durch Gott bestraft, indem er Dämonen schickt, die den Liebhaber umbringen und ihm endlos höllische Qualen bringen. Aber der Lebende rettet seine Person, indem er sich am Kreuz festhält, seine Gewissensbisse mit Hilfe des katholischen Sakraments und der Norm, der Beichte überlebt, um dann die Zuwiderhandlerer der göttlichen und menschlichen Rechte zu reformieren. Bei Betrachtung der gleichen Erzählung in Hinblick auf die andine Moral, die vielleicht noch als Überbleibsel der Inkazeit gesehen werden kann, bedeutet dies das Brechen der Abstammungslinienregeln ("ayllu"), indem man seine Vorfahren, die Eltern, verneint oder verleugnet. In diesem Fall verleugnet und verneint Malicacha, die zur "señorita" konvertierte Liebhaberin des Priesters, verachtend ihre fleischlichen Eltern, die "Indios". Das ist das Schlimmste was jemand machen kann: sich gegen die andine Kindes- und Elternliebe wenden (letztere findet auch in den Zehn Geboten Moses wieder). Die indigene Zeremonie, um diese selbst beschlossenen Außenseiter der Abstammungslinie zu verfluchen, besteht in ihrer Besprühung mit Milch und mütterlichen Tränen, damit "ihm die Verfluchung genauso befällt wie das Öl die Seele"; so sagen die Quechuasprachler. Dies ist eine beispielslose Abscheu, um als asoziale Person für die indigene Kommune zu gelten. Dieser Akt von Malicacha, verbunden mit der religös-katholischen Moral, ist der Schlüssel, der die Türen zu den Unterwelten öffnet, und die Erzählung fatal enden läßt. Die "Geschichte von der Schäferin und dem Bär" ist eine einheimische, vermutlich prähispanische Erzählung; sie befasst sich mit dem Thema des Bären (Tremarctos ornatus), der –nach der Qechualegende- schöne Frauen aus der Andenregion entführt, um mit ihnen Geschlechtsverkehr zu haben. Repräsentationen dieser Vorstellung einer sexuellen Vereinigung von Frau und Bär finden sich auf verschiedensten Moche-Keramiken. An diesen ersten Teil der Erzählung fügt sich eine zweite Geschichte über das Leben des Sohnes des Bären, den die entführte Frau gebar. Der Bärensohn, als Figur dieser Anekdoten, wurde in der peruanischen Kolonialzeit erschaffen und repräsentiert, entsprechend seines Erscheinungsbildes, den Mestizen, der über außergewöhnliche, übermenschliche Kräfte verfügt; dieser ist auch bekannt unter den Namen "Juan der Bär", "Juan Puma", "Pablito" und "Lucas Bär". Vermutlich besteht ein Zusammenhang zwischen dieser berühmten Figur und den "ogros" (Menschen fressenden Riesen) der europäischen Mythoserzählungen, die ebenso übermäßige Kräfte besitzen. Dieser Teil der Geschichte, wie sie von López erzählt wird, endet mit dem Sieg des Bärensohnes in einem physischen Kampf mit dem Verdammten des Jenseits oder mit der Seele eines geizigen Großgrundbesitzers und Ausbeuters von Indigenen; die verdammte Seele befreit sich von ihren Höllenqualen und verwandelt sich in eine weiße Taube, die zum Himmel fliegt. Dies ist das fiktive Ende der Geschichte des Verdammten, weniger des Bärensohnes, dem die andine Folklore noch weiteres Leben verleiht, damit, nach einer Reihe heroischer Taten seine Existenz tragisch endet. Dieser Teil der Quechua-Erzählung ist nicht mehr von Apolinario López geschrieben. Es gibt viele Versionen dieser Art von Erzählungen in den Andendörfern, jeweils mit verschiedenen regionalen Varianten. Die Bearbeitungen der Quechua-Erzählungen: Bisher ist dieses Material auf Deutsch von Antje Kelm publiziert worden, unter der Schirmherrschaft des Iberoamerikanischen Institutes, Preußischer Kulturbesitz von Berlin (1968). Diese deutsche Version ist eindeutig aus der Übersetzung von López, die ein defizitäres Spanisch aufweist, entstanden. Die Version von Kelm beinhaltet Widersprüche mit dem Original, bis zu dem Punkt, dass es möglich erscheint, dass besagte Autorin eine vom Original abweichende Version oder Kopie benutzte; sie enthält Mängel in der Darstellung, weil mehrere Absätze an den Stellen vertauscht worden sind, an denen die Übersetzerin anscheinend manche Wörter des Quechua nicht richtig erkannte sowie auf Grund der sehr schlechten Übersetzung ins Spanische. Unsere Version der "Geschichte von der Schäferin und dem Bär" unterscheidet sich von der Kelms in den Seiten 22, 29 und 31; in der Erzählung der "Geschichte von Malicacha und dem Priester" in den Seiten 34, 36 und 41, welche am meisten ins Auge springen. Seit der Publikation dieser Erzählungen unter dem Titel "Vom Kondor und vom Fuchs" hat es keine Neubearbeitung gegeben. Unsere Transkription: Diese erste Präsentation der beiden Erzählungen, die aus dem Quechua-Original ins Deutsche und ins Spanische übersetzt wurden, dient uns als Grundlage für eine vollständige Publikation in naher Zukunft. Die Transkription wurde von Studenten des Kurses "Quechua Ayacuchano II" des Lateinamerikainstitutes der Freien Universität Berlin durchgeführt, nachdem sie eine grundlegende Vorbereitung im Hinblick auf dieses Ergebnis erfahren hatten. Die Korrekturen jeder Transkription wurden von dem Autor des vorliegenden Textes vorgenommen, ebenso wie die Übersetzung ins Spanische. Die Übersetzung ins Deutsche übernahmen Frau Sarah Greve für die "Geschichte von Malicacha und dem Priester" und Frau Kim Jakobiak für die "Geschichte von der Schäferin und dem Bär", denen wir für ihre Mühen sehr dankbar sind. Die Namen derjenigen, die die Transkripte anfertigten, geben wir im Zusammenhang mit der jeweiligen Erzählung bekannt. Berlin im Sommer 2004 Dr. Alfredo Alberdi Vallejo Dozent des LAI, FU Berlin |