Forschungsberichte aus dem Institut für Psychologie

96-1

Katja Mruck* und Günter Mey**

Überlegungen zu qualitativer Methodologie
und qualitativer Forschungspraxis.

Die Kehrseite psychologischer Forschungsberichte




* Technische Universität Berlin, Psychologie im Institut für Sozialwissenschaften
ATLAS - Archiv für Technik, Lebenswelt, Alltags-Sprache
Hardenbergstr. 4-5 (HAD 40)
D-10623 Berlin-Charlottenburg
e-mail: mruck@zedat.fu-berlin.de

** Technische Universität Berlin, Psychologie im Institut für Sozialwissenschaften
Hardenbergstr. 4-5 (HAD 40)
D-10623 Berlin-Charlottenburg
e-mail: mey@gp.tu-berlin.de
 

Zusammenfassung

Meist hat das, was in Forschungsberichten dargestellt wird, nur einen sehr losen Zusammenhang zu dem Forschungsprozeß, auf den sich die Veröffentlichungen beziehen. Diese Trennung zwischen dem "context of justification" und dem "context of discovery" wird von naturwissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorien und Methodologien explizit gefordert, obwohl sie schon dort problematisch ist. Sie findet sich aber auch in qualitativen Forschungsarbeiten, allerdings - so ist zu vermuten - weniger bewußt intendiert und schwerwiegender entlang deren Prämissen. Deshalb wird im ersten Teil ausgehend von einigen "paradigmatischen Gemeinsamkeiten" qualitativer Forschung ein Reflexionsdefizit herausgearbeitet, das darin besteht, daß qualitative Methodologien sich häufig - analog einem in der qualitativen Forschungspraxis vorherrschenden naturalistischen Blick auf Untersuchungsgegenstände - durch ein naturalistisches Verständnis des Forschungsprozesses auszeichnen. In dem Bemühen, beide Kurzsichtigkeiten zu vermeiden, wird im zweiten Teil im Anschluß an Überlegungen, die im Rahmen der psychoanalytischen Sozialforschung entwickelt worden sind und entlang einer eigenen Forschungsarbeit zu Jugendarbeitslosigkeit zu rekonstruieren versucht, in welcher Weise die Persönlichkeiten der Forschenden, die Zusammenarbeit in einem Forschungsteam sowie die Einbindung in weitere wissenschaftliche Kontexte und Diskurse Einfluß auf die Erkenntnisgewinnung und -präsentation genommen haben. Abschließend werden einige Barrieren diskutiert, die u.E. die Forschungsarbeit kontinuierlich behindert haben und die zudem Hinweise dafür geben, warum sich empirische Forschung und Methodologie jenseits der monierten Kluft zwischen beiden mit einem Einbezug der Subjektivität der Forschenden und der Kontextualität von Forschung schwertun. Hierzu gehören zunächst Ausstattungs- und Vermittlungsdefizite hinsichtlich qualitiver Forschungsmethodik in der universitären Lehre und Rezeptionsdefizite auf Seiten qualitativer Methodologie vor allem in Bezug auf wissenschaftshistorische und -soziologische Arbeiten, sowie fortdauernde Berührungsängste in Richtung - für eine Reflexion des Forschungsprozesses wichtiger - (ethno-) psychoanalytischer Ansätze. Wesentlich scheinen darüber hinaus und teilweise damit verbunden hinter dem Rücken der Forschenden wirksame Imperative von Wissenschaft, die sich zum einen mit persönlichen Ängsten und (Berufs-) Rollen, zum anderen mit einer tiefgreifenden Verunsicherung bzgl. der Möglichkeit insbesondere human- und sozialwissenschaftlicher Aussagen treffen.

Stichworte:

qualitative Forschung, qualitative Methodologie, Psychoanalyse, qualitative Interviews, Wissenschaftsforschung, Wissenschaftspsychologie

Inhalt

Vorbemerkungen
1. Forschungsmethodologie und Forschungsalltag zwischen normativer Reflexion und unreflektierter Normalität?
2. Einige "Fallstricke" qualitativen Arbeitens am Beispiel der eigenen Projektarbeit
2.1 Themenfindung und Fragestellung
2.2 Durchführung der Interviews
2.3 Interviewauswertung
3. Diskussion und Ausblick
Literatur

Vorbemerkungen

Wenn empirische Forscher und Forscherinnen für ihre Aussagen das Prädikat wissenschaftlich reklamieren, greifen sie implizit oder explizit auf Wissenschaftstheorien und Methodologien zurück, in denen Spezifika wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und (rationale) Grundsätze formuliert sind, denen Handeln folgen soll, um als wissenschaftliches Handeln akzeptiert zu werden. Der Wissenschaftstheoretiker Gerard Radnitzky formuliert im Anschluß an Albert folgende Form einer "typischen" methodologischen Regel: "Wenn Ihr Ziel Erkenntnisfortschritt ist (was wir voraussetzen, da Sie forschen wollen) und wenn Sie sich in einer Forschungssituation vom Typ S befinden ..., dann empfiehlt Ihnen die Methodologie M, gemäß Regel R zu verfahren." (Radnitzky 1989, S.467) Eine derartige, erstmals von Reichenbach (1938) formulierte Beratungsaufgabe ("advisory task") erfüllen auch qualitative Methodologien, obwohl sie in Abgrenzung gegen den einheitswissenschaftlichen Anspruch naturwissenschaftlich orientierter Wissenschaftstheorien entstanden sind und auch deren technologischen und logizistischen Verkürzungen nicht folgen.

Irritationen können sich für empirisch Forschende u.a. aus dem Umstand ergeben, daß das, was eine Wissenschaftstheorie oder Methodologie als Voraussetzung zur Sicherung wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung postuliert, von der nächsten - teilweise verbunden mit einer gewissen verbalen Blutrünstigkeit - verworfen wird. Es sei an dieser Stelle exemplarisch auf einige "Todesanzeigen" verwiesen, die das laufende Jahrhundert flankieren (auch die vorangegangenen waren reich an Querelen und Händeln von dem Geist der Vernunft verpflichteten Wissenschaftler(inne)n und "Schulen"): 1929 verkündeten Wissenschaftstheoretiker des Logischen Empirismus den Tod der "traditionellen Philosophie" und machten "sich mit Vertrauen an die Arbeit, den metaphysischen und theologischen Schutt der Jahrtausende aus dem Weg zu räumen" (Carnap, Hahn und Neurath 1929, S.100). Die Worte waren kaum zu Papier gebracht, als in unmittelbarer Nähe bereits der nächste Mordversuch vorbereitet wurde. Er galt dem eben noch hoffnungsvollen Logischen Empirismus und konnte Jahrzehnte später durch eine nachträgliche Selbstbezichtigung geklärt werden: Er habe es nicht mit Absicht getan - so Karl R. Popper 1974 - aber "ich fürchte, daß ich mich als Täter bekennen muß" (Popper 1974, S.121). Als Popper dieses "Geständnis" niederschrieb, hielten er und der Kritische Rationalismus sich, so ist hinzuzufügen, bereits nur mehr sehr mühevoll und am Tropf der "raffinierten" Revisionen des Imre Lakatos (1970) am Leben: Denn von einer Seite - u.a. im Rahmen zwischenzeitlich erstarkter qualitativer Methodologien - wurde die Gültigkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisweisen insbesondere für Human- und Sozialwissenschaften bestritten. Die andere hatte sich - eingeleitet durch Kuhns "Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" (1962) - erdreistet, dem naturwissenschaftlichen Erkenntnismodell auf dem eigenen Terrain den Boden zu entziehen, indem sie hinter der "Logik der Forschung" Psycho- und Sozio-Logik als Modi procedendi wissenschaftlichen Fortschritts entdeckte. Weniger blutig, aber in der Wirkung den vorangegangenen Todesanzeigen vergleichbar ist, wenn Kuhn zu Poppers Falsifikationismus lakonisch bemerkt: "Macht man die Prüfung zum Kennzeichen der Wissenschaft, so geht man an dem vorbei, was die Wissenschaftler meistens tun, und damit an der charakteristischsten Eigenschaft der Wissenschaft." (Kuhn 1970, S.368)

Kuhns Differenzierung zwischen wissenschaftstheoretischen Erwägungen und dem Handeln von Wissenschaftler(inne)n verweist auf eine Kluft zwischen Methodologie und empirischer Forschung, die Paul F. Lazarsfeld 1968, bezogen auf das Verhältnis zwischen Sozialwissenschaften und naturwissenschaftlich inspirierten Methodologien, monierte: Zwar sei der Bedarf an methodologischer Begleitung und Reflexion auf seiten der Sozialforscher und -forscherinnen groß, aber - so Lazarsfelds Diagnose - die "Wissenschaftstheoretiker sind an der alltäglichen Arbeit des empirischen Forschers weder interessiert, noch wissen sie darüber Bescheid" (Lazarsfeld 1968, S.46). Ein Happy-End stand in seinen Augen schon zum damaligen Zeitpunkt kaum in Aussicht, sein Resümee wirkt resignativ: "Entweder müssen wir unsere eigenen Methodologen werden, oder wir müssen ohne die segensreichen Explikationen des methodologischen Klerus weiterwursteln." (a.a.O.)

Zumindest im Bereich qualitativer Methodologie wäre auf ein intimeres Miteinander von Methodologen bzw. Methodologinnen und empirisch Forschenden zu hoffen, da in vielen Fällen eine Personalunion von Forschungsarbeit und methodologischer Reflexion vorfindbar ist - als prominentes Beispiel sei an dieser Stelle auf die Arbeiten von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss und ihre "Grounded Theory" (1967) verwiesen. Gleichwohl scheint auch hier das Verhältnis zwischen Methodologie und empirischer Forschung problematisch. So stellen Lüders und Reichertz fast zwanzig Jahre nach Lazarsfeld der qualitativen Sozialforschung im Anschluß an eine kritische Zustandsbeschreibung die "Frage nach ihrer möglichen Janusköpfigkeit" und merken - Lazarsfelds Resümee präskriptiv wendend - an: "Daß etwas passiert, daß qualitative Sozialforschung offenbar funktioniert, reicht nicht aus. Sie muß wissen, wo ihr Kopf sitzt. Daher muß die qualitative Forschungspraxis stärker als bisher von einer methodologisch reflektierten Kritik der qualitativen Sozialforscher selbst begleitet werden, um so die eigenen blinden Flecke und Aporien ans Licht zu bringen." (Lüders & Reichertz 1986, S.98)

Wieder zehn Jahre später scheint qualitative Forschung, gemessen an dem Output an Veröffentlichungen, weiter zu "funktionieren": Neben einer - für die Psychologie im Vergleich zu dem nach wie vor weitgehend quantitativ orientierten Mainstream sicher bescheidenen - Zahl empirischer Studien zu unterschiedlichsten Fragestellungen sind eine Vielzahl Überblicksartikel, Monographien und mittlerweile sogar ein "Handbuch" sowie ein "Lehrbuch" qualitativer Sozialforschung (Flick, Kardorff, Keupp, Rosenstiel & Wolff 1991, Kleining 1995) zu verzeichnen, die die Prosperität qualitativer Arbeiten quer durch verschiedene sozial- und humanwissenschaftliche Disziplinen belegen. Dem stehen andererseits gravierende Probleme entgegen, die sich auch für qualitative Forscher und Forscherinnen ergeben, wenn sie sich mit der wissenschaftlichen Qualität ihrer Aussagen auseinandersetzen: Je nachdem, ob eine Studie z.B. den Prämissen der "Grounded theory", der "objektiven Hermeneutik" oder denen "qualitativer Inhaltsanalyse" folgt, werden unterschiedliche "Wahrheiten" über den Gegenstand "zu Tage befördert", die zudem zwischen den Forschenden, die unter dem Dach der einen oder anderen Methodologie bzw. mit der einen oder anderen Auswertungsstrategie antreten, nochmals variieren.

Nun bestünde für empirisch Forschende die Möglichkeit, dies leider noch fortdauernden Defiziten qualitativer Methodologien zuzuschreiben, "weiterzuwursteln" und zu hoffen, daß die Gegenstände geduldig bleiben und eines Tages doch noch von (qualitativen) Methodolog(inn)en überlistet werden, die dann endlich bessere, da "gegenstandsangemessenere" Verfahrensweisen für die empirische Forschung entwickeln. Ein anderer Weg, den wir vorziehen, besteht darin, die scheinbare Flüchtigkeit und Veränderbarkeit des jeweiligen Untersuchungsgegenstands im Lichte unterschiedlicher Annäherungsweisen anzuerkennen und von der - in Rahmen qualitativer Praxis in der Art ihrer Forschungsarbeit vollzogenen und auch auf Seiten einiger Methodologen und Methodologinnen fortdauernden - (naturalistischen) Hoffnung Abschied zu nehmen, Personen, Gruppen, Gesellschaften oder Kulturen möglichst so zu beschreiben, wie sie "an sich" sind. Der mit dieser Hoffnung verbundene Anspruch, den Forschungsprozeß von Störungen freizuhalten, wäre durch eine Reflexion der "Störungen" zu ersetzen, die mit jeder Definition, Beobachtung oder Untersuchung eines Gegenstandes einhergehen und die der französische Ethnopsychoanalytiker Georges Devereux bereits 1967 als "Eckpfeiler einer wissenschaftlichen Erforschung des Verhaltens" gesehen hat. Nach Devereux muß der "Verhaltensforscher ... lernen zuzugeben, daß er niemals ein Verhaltensereignis beobachtet, wie es in seiner Abwesenheit `stattgefunden haben könnte', und daß ein Bericht, den er zu hören bekommt, niemals mit dem identisch sein kann, den derselbe Berichterstatter einer anderen Person gibt." (Devereux 1967, S.29). Auch die Unterschiede zwischen den Berichten verschiedener Forscher(innen) wären hiernach nicht Ausdruck einer (mit Fortschritt der Wissenschaften aufzulösenden) Unzulänglichkeit auf Seiten der Untersuchenden oder der von ihnen verwandten Methodik, sondern selbst "einer theoretischen Erklärung bedürftig". Devereux schlägt vor, "die Existenz und die wissenschaftliche Bedeutung der Divergenzen zwischen den Berichten zweier Verhaltensforscher nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie darüber hinaus jeweils zu ihrer Persönlichkeitsstruktur, zu der strukturellen und funktionellen Komplexität ihres eigenen kulturellen Hintergrunds und der Kultur, die sie untersucht haben, in Beziehung zu setzen." (a.a.O., S.66)

Leider sind die Überlegungen Devereux' abgesehen von dem engeren Kreis ethnopsychoanalytischer Arbeiten in den Sozial- und Humanwissenschaften weitgehend folgenlos geblieben. Wir wissen jenseits methodologischer Ratschläge sehr wenig darüber, wie sich der Erkenntnis- und Deutungsprozeß im Rahmen qualitativer Forschungsarbeiten vollzieht, obwohl ein solches Wissen - das voraussetzen würde, daß Forschende sichtbar zu machen versuchen, worin jenseits der üblicherweise präsentierten Fassade der veröffentlichten Berichte ihre Forschungsarbeit besteht - auch einen wesentlicher Schritt über das bloße Konstatieren der Kluft zwischen qualitativer Methodologie und empirischen Forschungsarbeiten hinaus leisten könnte.

Im folgenden soll ein solcher Versuch in zwei Schritten unternommen werden. Zunächst werden einige "paradigmatische Gemeinsamkeiten" (Legewie 1991) qualitativer Methodologien, deren Reflexionsstand sowie mit diesem einhergehende Implikationen für die Forschungspraxis herausgearbeitet. Wesentlichstes Ergebnis dieser Bestandsaufnahme ist die These, daß im Rahmen qualitativer Methodologien zwar versucht wurde, die Beforschten aus dem objektivistischen und monadologischen Dunkel quantitativer Modelle und Laboratorien zu entlassen, daß aber die Subjektivität und Sozialität der Forschenden auch auf Seiten qualitativer Methodologie nur begrenzt zur Kenntnis genommen wird: Auch qualitative Methodolog(inn)en beschränken sich weitgehend - und dies verweist auf eine mit quantitativen Methodologien geteilte Prämisse - auf die Reflexion der Beziehung zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisgegenstand als den für wesentlich erachteten Konstituenten wissenschaftlicher Erkenntnis. Ausgeklammert bleibt die Ebene der "Mikropraktiken des Wissenschaftsbetriebs ..., [die] sich auf uns auswirkt, [auf] unsere Themen, Formen, Inhalte und unser Publikum ... Wir schulden diesen Fragen Aufmerksamkeit - und sei es nur, um ihr relatives Gewicht festzustellen." (Rabinow 1986, S.186f)

Im zweiten Teil wird deshalb entlang einiger "Eigentümlichkeiten" einer eigenen Forschungsarbeit versucht, den Forschungsprozeß als Folge von (nicht nur rationalen) Entscheidungen in der Spannung zwischen dem Untersuchungsfeld, der Persönlichkeit der Forschenden und der Wissenschaftskultur (Volmerg 1988) zu rekonstruieren. Das Unterfangen, am eigenen Beispiel einen Blick darauf zu werfen, wie qualitative Forschungspraxis neben und jenseits methodologischer Prämissen und Normen "funktioniert", ist mühevoll, noch sehr unsystematisch und oft (zu) vorsichtig. Die Ängste und Schwierigkeiten, die wir dabei "am eigenen Leibe" erlebt haben, lassen auch einige Vermutungen darüber zu, warum empirische und methodologische Arbeiten sich lieber mit der Subjektivität und Kontextualität der Beforschten befassen als mit der Subjektivität der Forschenden und der Kontextualität von Forschung. Obwohl es sich - unserer disziplinären Herkunft nach - um Überlegungen im Anschluß an ein psychologisches (allerdings sozialwissenschaftlich konzeptualisiertes) Forschungsprojekt handelt, gehen wir davon aus, daß Probleme wie die im folgenden thematisierten, die mit der Entstehung wissenschaftlicher Erkenntnis aus dem Zusammenspiel zwischen Forscherin bzw. Forscher, Untersuchungsgegenstand und Wissenschaft zusammenhängen, keineswegs nur für psychologische Arbeiten bedeutungsvoll sind.

Schließlich noch eine "warnende" Bemerkung: Bei dem Projekt, von dem im zweiten Teil die Rede sein wird, handelt es sich ursprünglich um ein Forschungsinitiativ-Projekt, das konzeptionell und organisatorisch von Studierenden durchgeführt wurde. Die Ergebnisproduktion ist - im nachhinein betrachtet - zwischen wissenschaftlichen Standards, Neugier, Pragmatik und den eigenen blinden Flecken verlaufen. Es wäre schade und kurzsichtig, dies lediglich als Besonderheit eines studentischen Projektes zurückzuweisen: Daß das wissenschaftliche Vorgehen nur scheinbar den veröffentlichten Prozeduren folgt, ist keineswegs auf studentische und ebenso wenig auf qualitativ-psychologische Arbeiten beschränkt: Karin Knorr-Cetina hat im Rahmen ihrer Studie zur "Fabrikation der Erkenntnis" in naturwissenschaftlichen Forschungsprojekten verdeutlicht, daß viele "Probleme ... im Labor aufgrund von lokalen, persönlichen und wohl auch ad hoc entwickelten Praktiken `aus dem Weg geräumt' [werden]. Man bedient sich hier eines unpublizierten Knowhow an Problemdiagnose und -bewältigungsroutinen, denen das Papier ein elegant bereinigtes Rezept glatter Verfahrensschritte gegenüberstellt" (Knorr-Cetina 1981, S.236). Wir gehen davon aus, daß qualitative Forschung sich notwendigerweise - wenn auch unterschiedlich extrem oder deutlich - Schwierigkeiten wie den nachfolgend beschriebenen gegenübersieht.
 

1. Forschungsmethodologie und Forschungsalltag zwischen normativer Reflexion und unreflektierter Normalität?

Denk- und Forschungsrichtungen, die in der "Familie" der qualitativen Forschung zusammengefaßt erscheinen, definieren sich vor allem im Rückgriff auf geisteswissenschaftliche Traditionen und in Abgrenzung gegen naturwissenschaftlich geprägte Vorstellungen von "exakter" - meist verstanden als mit quantifizierenden Verfahren arbeitender - Wissenschaft. In der mittlerweile über ein Jahrhundert dauernden Debatte um qualitative vs. quantitative Verfahren stehen auf der einen Seite Vorwürfe vor allem der Unwissenschaftlichkeit, des unkontrollierbaren Subjektivismus und der bloßen "Reproduktion des common sense" (so z.B. Buchmann & Gurny 1984, S.780), denen der anderen Seite - Formalisierung, Artefaktbildung und Trivialität - gegenüber: "Entweder die Antworten [sind] sowieso längst bekannt ... oder aber die Fragen interessieren [niemanden]" (Dörner 1983, S.13; vgl. auch die jüngste Debatte um die "beiden Kulturen in der Psychologie" in Schorr 1994). Während in der traditionellen, quantifizierende Verfahren präferierenden Position qualitativen Arbeiten ein lediglich heuristischer Wert zur Hypothesengewinnung bei Eintritt in "wissenschaftliches Neuland" eingeräumt wird (vgl. z.B. Bortz 1984), ist Kleining (1982) wahrscheinlich schon deshalb zu einer im Rahmen der Auseinandersetzung mit qualitativer Methodologie obligatorischen Referenz geworden, da er - Ausdruck des Aufbegehrens gegen die fortdauernde Hintanstellung des Qualitativen in den Sozialwissenschaften - quasi am anderen Ende des Argumentationspoles behauptet: "Qualitative Forschung ... muß in jedem Fall der quantitativen Forschung vorausgehen, braucht aber nicht von ihr gefolgt zu werden." (Kleining 1982, S.226). Zwischen beiden Polen bewegen sich - aktuell zunehmend - integrative Bemühungen unterschiedlicher Provenienz. So stellt zum Beispiel Früh in einem 1992 im Anschluß an einen Zuma-Workshop herausgebenen Sammelband zur "Handhabung verbaler Daten in der Sozialforschung" fest, daß "qualifizierende und quantifizierende Aspekte in verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses mit unterschiedlichem Stellenwert einfließen, fast immer wird ... aber eine Kombination beider Vorgehensweisen" (Früh 1992, S.60) zur Anwendung kommen.

Die letztliche Entscheidung für qualitative oder quantitative Verfahren wird - wenn überhaupt - von quantitativer Seite insbesondere mit Kriterien von Wissenschaftlichkeit bzw. dem Vorhandensein wissenschaftlich "geprüften" Wissens und von qualitativer mit Merkmalen des Gegenstandes begründet. Gemeinsam ist beiden damit eine wissenschaftsimmanente Begründungslogik, wohingegen wir davon ausgehen, daß die Entscheidung des einzelnen Forschers bzw. der einzelnen Forscherin in der sehr grundsätzlichen Frage qualitativer oder quantitativer Orientierung vor dem Hintergrund biographisch erworbener subjektiver Vorlieben und Weltsichten und entlang des Forschungskontextes, dem sie oder er zugehört, getroffen wird. Es kann mit Freud und entgegen allen rationalistischen (Selbst-) Beschwörungen von Wissenschaft angenommen werden, daß bei solch grundsätzlichen Fragen "die Neigungen ... mehr Einfluß nehmen werden als die Argumente" (Freud 1926, S.328). Gegen die von qualitativer Seite und in der Psychologie insbesondere durch Jüttemann (z.B. 1983, 1990) vertretene Argumentation, qualitative Verfahren seien "gegenstandsangemessen", während quantitative Forscher(innen) auf der Grundlage von Menschenbildannahmen operierten, ist einzuwenden, daß auch die eigene qualitative Vorgehensweise notwendig menschenbildgeleitet und nicht unmittelbar durch quasi "objektive" Gegenstandsmerkmale "erzwungen" ist. Außerdem kommen auch qualitative Forscher nicht umhin, auf Modellannahmen zurückgreifen, die eingreifende Komplexitätsreduktionen enthalten.

Gleichwohl ist das Argument der Gegenstandsangemessenheit sicher eine der "paradigmatischen Gemeinsamkeiten" qualitativer Sozialforschung. Qualitative Sozialforschung wendet sich gegen die auf Seiten quantitativer Forschung vollzogene "Entsubjektivierung, Dekontextualisierung und Quantifizierung von Sozialerfahrung" (Bonß 1982, S.59). Im Rahmen von psychologischen Arbeiten will sie "den Menschen in seiner Alltagssituation" (Jüttemann 1988, S.508) zum Ausgangspunkt der Untersuchung machen, statt mit der Suche nach dem "wahren Wert" jenseits des "Stör-`Rauschens' ... ein gegenstandstheoretisches Vakuum" (Bergold & Breuer 1992, S.27) zu schaffen.

Hierzu wird als notwendig erachtet, sich anstelle des geschlossenen Systems hypothetico-deduktiven Denkens mittels erkenntnis- und veränderungsoffener Verfahrensweisen und ohne Hypothesenbildung ex ante der Komplexität, Widersprüchlichkeit und Alltagssituiertheit des Gegenstandsfeldes zu nähern: Es soll auf eine theoretische Vorstrukturierung verzichtet werden, "bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat" (Hoffmann-Riem 1980, S.343). Dieses "Prinzip der Offenheit" sowie das ebenfalls zentrale Verständnis von qualitativer Sozialforschung als kommunikativem Prozeß ist - in Auseinandersetzung mit den Grundtheoremen und Implikationen quantitativer Sozialforschung - um weitere Postulate wie z.B. "Ganzheitlichkeit", "Historizität", "Reflexivität" etc. ergänzt bzw. präzisiert worden (vgl. z.B. Flick et al. 1991; Lamnek 1993, Mayring 1993).

Das diesen Prinzipien unterliegende Menschenbild (wir halten die Vermeidung von Menschenbildannahmen, wie erwähnt, für unmöglich) unterstellt in der Regel ein "reflexives, soziales und aktives Subjekt" (so z.B. Raeithel & Bergold 1985) in Abgrenzung gegen die Konstruktion eines "reaktiven" und außengesteuerten, "solipsistischen" und "blindlings aktiven", nicht-reflektierenden Subjektmodells. Aufgrund dieser Menschenbildannahmen wird es möglich und - vor dem Hintergrund des von König (1984) formulierten "Fremdheitspostulates", das im Anschluß an ethnologische Diskussionen ein selbstverständliches Ineinssetzen von wissenschaftlichen und alltäglichen Vorstellungen und Bedeutungen auch für die eigene Kultur untersagt - auch notwendig, Handlungs- und Sinnzusammenhänge auf Seiten der Beforschten zu rekonstruieren.

Dabei sieht sich die wissenschaftliche Erforschung von Menschen durch Menschen besonderen Schwierigkeiten gegenüber, auf die bereits sehr früh und eindringlich Georges Devereux - bekannt vor allem durch seine Arbeit über "Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften" (1967) - verwiesen hat. Devereux unternimmt, anschließend an zwei scheinbar sehr unterschiedliche Theoreme - die Freud'sche "Gegenübertragung" und die Heisenberg'sche "Unschärferelation" - den Versuch, die Verstrickung der Forscher(innen) in den Forschungsprozeß und dessen Resultate zu rekonstruieren. Er zeigt entlang von Fallbeispielen, daß nicht nur die "Wahrnehmung einer Situation ... von der Persönlichkeit des Wahrnehmenden radikal beeinflußt" (Devereux 1967, S.66) wird: Denn neben der Subjektivität von Wahrnehmung und Interpretation ist nach Devereux ein "grundlegendes Merkmal der Verhaltensforschung ... die aktuelle oder potentielle Reziprozität der Beobachtung zwischen Beobachter und Beobachtetem, die theoretisch eine symmetrische Beziehung konstituiert ... So ist die in einer Richtung geführte Beobachtung in der Verhaltensforschung weitgehend eine konventionelle Fiktion" (a.a.O., S.42) - Menschen handeln "in dem Bewußtsein vom Bewußtsein eines anderen - dem Wissen, daß man weiß" (a.a.O., S.45). Damit sind auch in der Forschungssituation die Äußerungen der Beforschten nicht Ausdruck monadologischer Individualitäten, sondern sie finden in einem konkreten Kontext und vor dem Hintergrund der (Antizipation der) Wahrnehmung und Interpretation ihrer Forschungsgegenüber statt. Dieser "interaktiv-kommunikative Charakter der Datengewinnung" wird für die Psychologie u.a. von Bergold und Breuer (1992) betont. Die Autoren kritisieren, daß in der Mehrzahl der empirischen Studien der "Forscher (und erst recht: die Forscherin) ... nicht als Bestandteil des Feldes, das zur Untersuchung steht, angesehen [wird]; seine (ihre) Stellung darin wird nicht als Bestandteil der Theorie aufgefaßt" (Bergold & Breuer 1992, S.26), wodurch Persönlichkeit und Subjektivität der Forschenden "weitgehend unreflektiert und unthematisiert" den Prozeß der Erkenntnisproduktion mitbestimmen.

Impulse zur Reflexion der Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten hat die Diskussion im Bereich qualitativer Methodologie u.a. aus den Debatten um die "Krise der ethnographischen Repräsentation" (Berg & Fuchs 1993) erhalten. Als Ausgangspunkt dieser Krise vermutete Stagl (1980) eine Erschütterung von bis dahin identitätsstiftenden Bezugnahmen auf einen "typischen Gegenstand", eine "typische Methode" und eine "typische Forschungsoptik": "Während ... dem Ethnographen sein Interpretationsmonopol einerseits von den erforschten Menschen bestritten wird, ist es andererseits auch seitens der Nachbarwissenschaften immer weniger gefragt: hier `Kolonialist' und dort `Dilettant', gerät der Ethnograph zwischen Skylla und Charybdis." (Stagl 1980, S.35)

Ethnolog(inn)en begannen "unter dem Schock dieser Krise" (Schmied-Kowarzik & Stagl 1980b, S.X) das Nachdenken über eine "grundlegende Neubesinnung". Ethische, erkenntnistheoretische und wissenschaftshistorische Voraussetzungen und Folgen des eigenen Handelns als Sozial- und Kulturwissenschaftler(innen) wurden thematisiert. Insbesondere wurde "die Frage [gestellt], in wessen Namen der Sozialwissenschaftler denn spricht, wenn er sagt, daß etwas dies bedeutet und nicht jenes" (Sixel 1980, S.335). Diese Frage nach der Darstellung bzw. "Repräsentation des Anderen" hat die Reflexion in der Ethnologie bis heute begleitet, wobei jenseits der unterschiedlichen Antwort- und Lösungsversuche einige Grundzüge der Diskussion erkennbar sind. Mittlerweile geteilt zu sein scheint die Annahme, daß der "Text ... nie identisch [ist] mit der Wirklichkeit, die er abbildet, er drückt sie immer nur aus und ist damit mehr und weniger zugleich" (Jeggle 1984, S.25). Die Nicht-Identität zwischen Beschriebenem und Beschreibung ist im Rahmen aktueller Überlegungen dahingehend präzisiert worden, daß "über andere zu reden heißt, über sich selbst zu reden. Die Konstruktion des Anderen ist zugleich die Konstruktion des Selbst." (Fuchs & Berg 1993, S.11) Mit dieser "reflexiven Wendung" wird die "ethnologische Sichtweise ... auf den Erkenntnisprozeß ausgedehnt, indem man versucht, die Teilhabe des Forschers an diesem Prozeß zu beobachten und zu beschreiben (a.a.O., S.14). Ebenfalls erkennbar ist eine Tendenz in Richtung kognitiver und linguistischer Sichtweisen, denn die "Überlegungen kreisen im Kern um den Prozeß des Schreibens oder der Verschriftlichung" (a.a.O., S.13), sei es als "Vertextlichung des mündlichen Diskurses" oder - wie insbesondere anschließend an Clifford Geertz (1983) - als ein Verständnis von "Kultur als Text" bzw. von ethnologischem Forschen als "Lesen kultureller Texte". Diese textuelle Wendung wird zwar teilweise als "zugleich eine Einengung des Handlungskonzeptes wie auch der eigenen wissenschaftlichen Praxis" (Fuchs & Berg 1993, S.59) diskutiert, aber Bemühungen, über die Beziehung zwischen Forscher(inne)n und Beforschten und deren Niederschlag in Texten hinaus auch den konkreten wissenschaftlichen Kontext der Forschenden in die Reflexion einzubeziehen, bleiben selten.

Interessanterweise schließt die aktuelle Rezeption dieser Debatte im Rahmen anderer Sozialwissenschaften insbesondere an die "textuelle Wendung" in der Ethnologie an und verbleibt - neben der Frage "wer spricht?" (Fuchs & Berg 1993, S.93) zusätzlich die Frage "wer liest?" thematisierend - bestenfalls bei einer Ausweitung der Dyade Forschende-Beforschte in Richtung der Triade Beforschte-Forschende-Rezipient(inn)en. Einen solchen Versuch hat in jüngerer Zeit z.B. Flick (1994) mit einer Arbeit zum "Text zwischen Mimesis und Welterzeugung" unternommen, in der er einige Fragen der methodologischen Diskussion aufgreift, so z.B. inwieweit es zur "Herstellung neuer Realitäten im Verlauf der Datenerzeugung und Interpretation [kommt]" (Flick 1994, S.2). In Flicks Konzeption der Rezipient(inn)en ist das Aufscheinen von wissenschaftlichen Gemeinschaften und Wissenschaftskulturen auf zweierlei Weise möglich: Zum einen wird auch eine von Wissenschaftler(inne)n vollzogene Rezeption von Forschungsergebnissen anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als interpretativer Akt verstanden, auch sie ist Herstellung einer neuen Realität: Das "Verstehen von Texten [und auch das Erstellen von Texten!; Anmerk. d.Aut.] wird ... zu einem aktiven Prozeß der Herstellung von Wirklichkeit, an dem nicht nur der Verfasser von ... Texten, sondern auch derjenige beteiligt ist, für den diese geschrieben werden und der sie liest" (a.a.O., S.7). Zum anderen betont Flick im Anschluß an das Konzept der "sozialen Repräsentationen" von Serge Moscovici die Transformation von Wissenschafts- in Alltagswissen. Beide Gedankengänge bleiben allerdings im Rahmen der beanspruchten methodologischen Reflexion über die "Welterzeugung" in Erkenntnis- und Deutungsprozessen von Human- und Sozialwissenschaftler(inne)n unzureichend. Hier scheinen Kurzschlüssigkeiten zu greifen, die möglicherweise schon mit dem Verständnis von qualitativer Sozialforschung als "Textwissenschaft" und mit dem scheinbar nicht weiter zu begründenden Rückgriff auf Wissenskonzepte einhergehen: So bleibt in der von Flick unternommenen Bezugnahme auf die Schütz'sche Differenzierung zwischen den (Alltags-) Konstruktionen 1. und den (Sozialwissenschafts-) Konstruktionen 2. Grades ausgeblendet, daß Wissenschaft zwar Konstruktionen über Konstruktionen produziert, aber auch Alltagshandeln von Wissenschaftler(inne)n ist (ebenso sind die Konstruktionen über Konstruktion über Konstruktionen der Methodolog(inn)en zusätzlich auch Konstruktionen 1. und 2. Ordnung). Insoweit wäre nicht nur von Bedeutung, was Alltagswissen und wissenschaftliches Wissen trennt, sondern auch, was wissenschaftliches Wissen und Handeln mit Alltagswissen und -handeln gemeinsam haben. Wissenschaftliche Tätigkeit findet nicht nur im Hinblick auf ihren jeweiligen Gegenstand und nicht nur entlang von Texten statt, sondern sie ist zu jedem Zeitpunkt auch bezogen auf die wissenschaftliche Gemeinschaft, der die Forscherin bzw. der Forscher zugehört oder zugehören möchte - sei es im Hinblick auf Veröffentlichungen, bei Tagungen, in dem Arbeitszusammenhang eines Forschungsteams bzw. der Abteilung eines Instituts, in der Betreuung wissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten oder auch in Form "innerer" Monologe oder Dialoge, in die inhaltliche, strukturelle und formale Aspekte einer Disziplin bzw. deren Antizipation einfließen.

An dieser Stelle scheint ein Blick auf das Verhältnis zwischen Methodologie und empirischer Forschung sinnvoll: Wesentlichster Unterschied ist, daß die im Rahmen methodologischer Reflexionen auf qualitativer Seite zunehmend vollzogene Anerkennung der gemeinsamen Konstitution der Daten durch Forschende und Beforschte und die teilweise daraus folgenden Forderungen nach "Selbstreflexion als Mittel/Instrument der Gegenstandserforschung" (Bergold & Breuer 1992, S.26) und nach dem systematischen Einbezug der Erkenntnissituation in die Datenauswertung jenseits alltäglicher qualitativer Forschungspraxis verläuft. Devereux mag zwar als rhetorische Waffe gegen quantitative Obsessionen genutzt werden, die Mehrzahl der qualitativen Forscher und Forscherinnen folgt ihm aber nicht, wenn er vorschlägt, "Gegenübertragungsdaten" - d.h. ego- und ethnozentrische "Verzerrungen" - als die "signifikantesten und charakteristischsten ... der Verhaltenswissenschaft [zu] behandeln und ... sich die aller Beobachtung inhärente Subjektivität als den Königsweg zu einer eher authentischen als fiktiven Objektivität dienstbar [zu] machen" (Devereux 1967, S.18). Auf der Grundlage von qualitativ erhobenem Material vollzogene Auswertungen pflegen in der Regel, dessen intersubjektive Konstitution beiseite zu lassen bzw. es als "Daten über den Gegenstand" zu behandeln.

Neben dieser Differenz verbindet qualitative Methodologie und qualitative Forschungspraxis eine wesentliche Gemeinsamkeit - der naturalistischen Gegenstandssicht vieler empirischer Forscher(innen) entspricht eine naturalistische Sicht von Forschung auf Seiten der Mehrzahl der Methodolog(inn)en: Zwar gehören die zunehmende Anerkennung der Subjektivität der Forschenden und daran anschließende Überlegungen zum Umgang mit wechselseitigen Deutungsprozessen und ihren Konsequenzen für die Gültigkeit der so gewonnenen Interpretationen mittlerweile zumindest in Teilen zu deren Fundus. Gleichwohl besteht eine Zentrierung auf die Reflexion der Beziehung zwischen Forscher(inne)n und Beforschten weiter fort. Dagegen ist einzuwenden, daß es zwar noch einigermaßen nachvollziehbar ist, wenn methodologische Reflexion wissenschaftlicher Erkenntnisbildung zu Zeiten Kants entlang der Beziehung von Subjekt und Objekt - Erkennenden und Erkenntnisgegenstand - verlaufen ist. Aktuell ist die zurückgezogene Gelehrtenpersönlichkeit, die einsam versucht, ihren Gegenstand zum Sprechen zu bringen, eine Fiktion, an der vor allem interessant ist, daß sie sich solange und so beharrlich halten konnte.

Überlegungen, die über dieses Reflexionsdefizit hinausweisen, sind im Rahmen der psychoanalytischen Sozialforschung insbesondere von Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg (1988) ausgearbeitet worden. Dabei liegt die Besonderheit der Konzeption wissenschaftlichen Handelns im Sinne der psychoanalytischen Sozialforschung vor allem darin, daß - über Devereux hinausgehend - nicht nur die "angsterregende Überschneidung von Objekt und Beobachter" (Devereux 1967, S.17), sondern auch die teilweise nicht minder ängstigenden und mit der Zugehörigkeit zu dem sozialen System Wissenschaft einhergehenden Imperative und Verstrickungen in die Untersuchung einbezogen werden. Auf diese Weise ergeben sich sowohl Anstöße für eine Auseinandersetzung mit dem in der Auswertungspraxis nach wie vor vernachlässigten kommunikativen Charakter der Datenerhebung, als auch für eine Untersuchung des auf mehrfache Weise interaktiv-kommunikativen Charakters des gesamten Forschungsprozesses.

Nach Volmerg werden im wissenschaftlichen Handeln drei "ineinandergreifende sozialisatorische und kulturelle Kreise" (Volmerg 1988, S.141) wirksam: Forschungsarbeit findet statt im Spannungsfeld zwischen den Regelsystemen, Konfliktfeldern und Abwehrmechanismen 1. der zu untersuchenden Person, Gruppe oder Institution, 2. der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der die Forschenden zugehören und der sie genügen müssen, "sonst verlieren sie dort ihr Reputation" und 3. den durch die eigene Person und ihre Biographie gesetzten Möglichkeiten und Grenzen: "wenn mich das, was ich erforschen will, zu sehr ängstigt oder ich mich in den Methoden zu sehr eingeschränkt bzw. überfordert fühle, verliere ich die Verbindung zu meinen kommunikativen Fähigkeiten, zu meiner Beziehungsfähigkeit, die es mir überhaupt erst ermöglicht, Kontakt aufzunehmen, um mich flexibel auf die Sprachspiele einer mir fremden Lebenswelt einzulassen" (Volmerg 1988, S.139). Forschende müssen zwischen diesen verschiedenen Welt- und Wirklichkeitserfordernissen jonglieren, eine Anpassung "an nur eine Seite in diesem Dreieck führt unweigerlich zu Konflikten auf der anderen Seite und zur Gefahr, dort seinen Platz, seine Identität zu verlieren" (a.a.O., S.141).

Im folgenden soll versucht werden, mit der "Feld-Kultur-Person-Beziehung" verbundene Konflikte und Lösungsversuche anhand dreier Stationen im Forschungsprozeß - Finden einer Fragestellung, Interviewdurchführung und Interviewauswertung - und entlang einer eigenen Forschungsarbeit zu beleuchten. Es ist dabei wichtig anzumerken, daß die vorliegende Reflexionsarbeit lediglich von zwei der damals beteiligten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und erst einige Zeit nach Ende des Forschungsprojektes geleistet wurde. Obwohl während der gesamten Projektlaufzeit immer wieder Diskussionen stattfanden und Versuche unternommen wurden, den Forschungsprozeß z.B. durch Tonbandmitschnitte von Teamsitzungen zu rekonstruieren bzw. zu dokumentieren, hat ein systematischeres Inbeziehungsetzen des ermittelten Gegenstandswissen mit den Mechanismen seiner Herstellung nicht stattgefunden. Dem standen sowohl die institutionellen Rahmenbedingungen entgegen als auch die Dynamik zwischen den beteiligten Akteur(inn)en im Forschungsteam - wir gehen davon aus, daß eine weitergehende Auseinandersetzung zu dem damaligen Zeitpunkt und ohne kontinuierliche Supervision zu einem frühzeitigen Zerfall der Forschungsgruppe geführt hätte (vgl. Fußnote 25).
 

2. Einige "Fallstricke" qualitativen Arbeitens am Beispiel der eigenen Projektarbeit

Die Studie "Jugendarbeitslosigkeit und lokale Identität" wurde zwischen 1988 und 1991 an der TU Berlin durchgeführt und befaßte sich mit der Frage, welche Bedeutung räumlichen, sozialen und kulturellen Umwelten für das Erleben von und Umgehen mit Jugendarbeitslosigkeit zukommt. Hierzu wurden Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 25 Jahren aus zwei sozio-strukturell ähnlichen West-Berliner Bezirken - Kreuzberg/SO 36 und Tiergarten/Moabit - miteinander verglichen, wobei angenommen wurde, daß in Kreuzberg aufgrund der größeren Sichtbarkeit von Armut und alternativen Lebensformen eher offensive und kollektive, in Tiergarten eher individualisierte Umgehensweisen mit Arbeitslosigkeit zu finden sein würden. Für die Umsetzung dieser Forschungsfrage kam ein breites methodisches Instrumentarium zur Anwendung: Neben Interviews mit arbeitslosen und nicht arbeitslosen Jugendlichen wurden Statistiken und Materialien zu Arbeitslosigkeit und zur historischen und sozialen Situation in beiden Bezirken ausgewertet und freie und standardisierte Ortsbeobachtungen, Interviews mit in der Jugendarbeit und -politik tätigen Professionellen, eine Erhebung und Dokumentation aller für Jugendliche vor Ort relevanten Einrichtungen sowie eine abschließende repräsentative Fragebogenerhebung mit Jugendlichen durchgeführt.

2.1 Themenfindung und Fragestellung

Veröffentlichungen über Forschungsarbeiten beginnen üblicherweise mit der Explikation einer Fragestellung oder einer ersten Annäherung an das zu untersuchende Gegenstandsfeld, deren wissenschaftliche Bedeutsamkeit entweder vorausgesetzt oder im Rückgriff auf übergeordnete (z.B. gesellschaftliche oder soziale) Problemfelder begründet wird. In welcher Weise bereits die Problemwahl jedoch wissenschaftsimmanenten Produktionsbedingungen und persönlichen Idiosynkrasien gehorcht, bleibt in der Regel unthematisiert und unreflektiert. So finden sich auf Seiten der Forschenden unserer Erfahrung nach neben der manifesten und explizierten Fragestellung eine ganze Reihe verborgener Fragen und Erwartungen, die die Arbeit durchziehen und nur unwesentlich auf den Erwerb von "Gegenstandswissen" im engeren Sinne gerichtet sind. Anders ausgedrückt: Von der Gegenstandswahl über die Konzeption des Forschungsprozesses bis hin zur schließlichen Gegenstandsbearbeitung fungiert das, was "offiziell" untersucht wird, gleichzeitig als Fläche, entlang der - stillschweigend - Themen bearbeitet werden, die im Jenseits dessen angesiedelt sind, was traditionellerweise als wissenschaftlicher Erkenntnisprozeß angesehen und vorausgesetzt wird, diesen jedoch nachhaltig beeinflussen. Es geht dabei - noch vor jeder Berührung mit dem Themenfeld - z.B. um Fragen der Reputation und der Selbstdarstellung (zusammen mit/in Abgrenzung zu anderen Teammitgliedern und mit anderen bzw. gegen andere Forschungsgruppen in einem Forschungsbereich).

In unserem Falle ging der Entscheidung für eine Fragestellung ein langwieriger Prozeß der Suche nach einem geeigneten Forschungsthema voraus, bei dem drei Phasen rekonstruierbar sind. Zunächst hatte sich eine Arbeitsgruppe aus einem Seminar über "Aggression" konstituiert, an der Studentinnen, Studenten und ein Hochschullehrer teilnahmen. Als die Gruppe zufällig darauf aufmerksam wurde, daß die Universität die Möglichkeit vorsah, Forschungsinitiativ-Projekte zu beantragen und der die Arbeitsgruppe leitende Professor einer solchen Idee wohlwollend gegenüberstand, konstituierte sich eine Subgruppe von miteinander befreundeten Studierenden (insgesamt drei Frauen und vier Männer), die begann, ein solches Projekt gezielter in Angriff zu nehmen. In dieser zweiten Phase konturierte sich, anknüpfend an die Interessen des Hochschullehrers und den thematischen Ausgangspunkt "Aggression" das Themenfeld "Aggression in Liebesbeziehungen" - zum einen sicher dem Versuch geschuldet, sich den "fremden" Gegenstand Aggression zu eigen zu machen (im Vordergrund stand zum damaligen Zeitpunkt nicht so sehr das Interesse an dem Thema, sondern der Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit diesem Hochschullehrer, der sich auch in weiteren, inhaltlich sehr entfernten Projektideen niederschlug), zum anderen schloß dieses Thema sehr unmittelbar an einige zum damaligen Zeitpunkt recht konfliktreiche Liebesbeziehungen der Teilnehmenden an. Im Rahmen wechselseitiger Interviews wurde dann versucht, den Phänomenbereich zu sondieren und eigene Vorannahmen zu explizieren. Zu diesem Zeitpunkt verlief die Diskussion, teilweise auch infolge des im Verlauf der Interviews sichtbar werdenden "Materials" und durch Spannungen in der Arbeitsgruppe, schleppend; die Idee einer Projektbeantragung wurde immer verschwommener. Schließlich entschieden sich die drei beteiligten Studentinnen zu einer - damals nicht bewußten oder thematisierten - "Beziehungsaggression" und bildeten erneut eine Subgruppe. Initiiert wurde diese dritte Phase durch zunehmend schärfere Diskussionen mit vor allem pragmatischen Begründungen von Seiten der weiblichen Studierenden: Ziel war es, ein - dem damaligen Verständnis nach - nicht triviales Thema auf eine einigermassen angemessene und umfassende Weise zu behandeln, das zum einen die Neugier an der Gestaltung des Forschungsprozesses und Wünsche nach Anerkennung und gemeinsamer Arbeit befriedigen, zum anderen eine finanzielle Sicherung erlauben sollte. Hierzu schien der Anschluß an öffentlichkeitswirksame Themen notwendig - die Aufmerksamkeit "wanderte" von "Aggression" zu den zum damaligen Zeitpunkt wiederkehrenden und "heiß" diskutierten "Kreuzberger Unruhen" und zu dem - insbesondere von sozialwissenschaftlicher Seite damit in Beziehung gesetzten Problem der Jugendarbeitslosigkeit. In Bezug auf die potentiellen Geldgeber erschien dies ein wirkungsvoller "Köder" zu sein, und nach einer Phase der Literatursichtung wurde ein entsprechender Projektantrag geschrieben. Zwar konnte, nachdem der Projektantrag bewilligt worden war, niemals geklärt werden, ob die Geldgeber tatsächlich aufgrund des ausgelegten Köders "in die Falle gegangen" waren, ganz sicher hatten wir uns aber selbst in den eigenen Netzen verfangen: bis zum Projektende stellten wir uns in endlosen Diskussionen die Frage, welche Bedeutung den Kreuzberger Unruhen für das Umgehen mit Jugendarbeitslosigkeit zukommt, ohne daß dies tatsächlich Gegenstand der Untersuchung bzw. aufgrund der Anlage der Studie überhaupt beantwortbar gewesen wäre. Verantwortlich für diese Selbstblockade waren vor allem Schuldgefühle und Skrupel, denn wegen der "aggressiven" Projektvorgeschichte und entlang eigener (zum damaligen Zeitpunkt nicht thematisierter oder eingestandener) Wissenschaftsideale waren in Einklang mit dem herrschenden Wissenschaftsethos "niedere" persönliche Motive wie Neugier, Ehrgeiz, Wünsche nach materieller Sicherheit etc. in der Forschungsabsicht zwar teilweise zur Kenntnis genommen worden, sie wurden aber im weiteren Verlauf in ihrer Berechtigung bezweifelt. Wir befanden uns in einem Begründungsdiskurs, in dem der Bezug zur vorangegangenen Entstehungsgeschichte verlorengegangen war. Da zudem Forschung auf Produkte - Forschungsberichte - hin angelegt ist, die den (impliziten) Veröffentlichungsregeln folgend meist unpersönliche "Erfolgsberichte" (Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung 1990, S.13) sind, gelang es nicht, innezuhalten und diese Verstrickung zu reflektieren.

Ähnliche Schwierigkeiten zeigten sich in Bezug auf die ursprüngliche theoretische Konzeption der Studie: Anschließend an den Stand der psychologischen Arbeitslosenforschung wurde Arbeitslosigkeit als Stressor verstanden - eine Auffassung, die gegenüber den Befunden längere Zeit resistent bleiben sollte - dessen individuelle Konsequenzen wir durch sozial-räumliche und kulturelle Mit- und Umwelten vermittelt sahen. Auf diese Weise war es möglich, einerseits an die psychologische Arbeitslosenforschung anzuschliessen und andererseits im Rahmen dieses Gebietes ein bis dahin eher vernachlässigtes Thema aufzugreifen, nämlich räumliche, historische und infrastrukturelle Gegebenheiten von Wohnquartieren und darauf basierende "lokale Identitäten" in ihrer Bedeutung für das Umgehen mit Jugendarbeitslosigkeit. Der damit vollzogene und von Geldgebern in der Regel vorgesehene Anschluß an den Stand der Forschung führte in unserem Falle zwar nicht zu einer Beschränkung auf quantitative Verfahren, aber - ungewollt - zu einer Übernahme des dem Denken der Arbeitslosenforschung unterliegenden Variablenkonzeptes und Kausalmodelles, das für uns sicher auch deshalb lange Zeit attraktiv blieb, da es eine gefällige und teilweise bestechende Vereinfachung der Komplexität erlaubte.

Insgesamt war diese erste Phase bestimmt durch das Zusammenspiel Forschende/ Wissenschaftskultur, wobei Kultur weiter zu differenzieren ist: in unserem Falle die ursprüngliche Arbeitsgruppe und das eigentliche Arbeitsteam, die namengebenden Professoren, die Hochschule, an die der Antrag gerichtet wurde, die im Rahmen von Veröffentlichungen niedergelegten Diskurse der qualitativen Forschung, der wir uns zugehörig fühlten und der psychologischen Arbeitslosenforschung, die wir mit einer ähnlichen Ambivalenz zwischen Zugehörigkeitswünschen und Kopfschütteln bedachten wie eine weitenteils variablenpsychologische und "seelenlose" Psychologie, sowie zuletzt die ebenfalls ambivalente Beheimatung in dem "System Wissenschaft". Zwischen diesen Bezugspunkten entwickelte sich, was - und auf welche Weise - für die beteiligten Personen, im Arbeitsteam und im Rahmen der konkreten Instititution bearbeitbar bzw. lohnend schien. Das "Feld" bzw. der Gegenstand waren zu diesem Zeitpunkt nur insofern von Bedeutung, als sie persönlich antizipiert wurden oder sich in wissenschaftlichen Diskursen über Jugendarbeitslosigkeit vorgefaßt fanden.

2.2 Durchführung der Interviews

Mit der Interviewauswahl und -durchführung tritt das Untersuchungsfeld bzw. der Untersuchungsgegenstand in das bis dahin weitgehend inneruniversitäre Spiel und zwar in einer Art und Weise, die zum einen theoretisch und methodisch durch die Wissenschaft-Forschende-Beziehung vorstrukturiert ist (das gilt auch für "streng" qualitative Vorgehensweisen: in jeder ersten Wahl eines Untersuchungsfeldes sind Vorstellungen über dessen Grenzen, seine Elemente, seine wissenschaftliche Bearbeitbarkeit etc. enthalten, sonst gäbe es keine Untersuchung), zum anderen durch die Antizipation von Wissenschaft auf Seiten derer, die sich für eine Untersuchung zur Verfügung stellen.

Im eigenen Projekt wurden insgesamt 41 mehrstündige Interviews zur Rekonstruktion der subjektiven Perspektive der Befragten durchgeführt, wobei als Erst-Interview ein "narratives Interview" in Anlehnung an Schütze (1983) vorgesehen war, das sich auf erzählungsgenerierende und direkte Verständnisfragen beschränken sollte, erst das Zweitinterview - als "problemzentriertes Interview" (Witzel 1985) konzipiert - sollte ermöglichen, u.a. die aus der Literatur bekannten Problembereiche anzusprechen. Insbesondere durch die narrativen Erstinterviews sollte vermieden werden, daß durch Leitfragen bereits die üblichen Belastungsdimensionen der Arbeitslosenforschung eingeführt würden, ohne noch zu wissen, ob Arbeitslosigkeit überhaupt in den Erzählungen der Jugendlichen von Belang sein würde.

Schon während der Erstinterviews entstanden erhebliche Probleme, von denen einige in der Literatur zu qualitativen Interviewverfahren diskutiert werden: Ein Teil der Interviewten war nicht sehr gesprächig, hierzu zählten insbesondere sehr junge Arbeitslose, die anderen kaum länger von sich zu erzählen in der Lage oder bereit waren, es sei denn, die Interviewer agierten als "Narrationsanimateure" (Bude 1985) und brachten die Jugendlichen geschickt zum Reden, indem sie aufspürten, was diese gerne erzählen wollten. In einem umgekehrten Fall erzählte ein Jugendlicher z.B. sofort und bereitwillig von seiner Leidenschaft für Wale, Reisen und spiritualistische Praktiken. Für die Interviewerin ergab sich damit die Schwierigkeit, daß sie, je länger und ausführlicher er erzählte, desto unsicherer wurde, ob das von ihm Erzählte tatsächlich für die Untersuchung "tauge", da es nicht ihren Vorstellungen von einem Interview mit einem Arbeitslosen entsprach. Deutlich wurde auch, daß die Interviewenden die Interviewsituationen unterschiedlich erlebten und ertrugen, wobei die je persönliche Lebensituation nicht mit Interviewbeginn vor der Tür blieb: Interviewte können auf vielfältige und mehr oder weniger subtile Weise nicht nur zum Reden, sondern auch zum Schweigen gebracht werden, ähnliches gelingt ihnen umgekehrt mit den Forschenden.

Gerade in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die methodischen Vorsichtsmaßnahmen von qualitativer Seite (so z.B. die Überlegungen von Hopf zur "Pseudo-Exploration" 1978) in ihrem Kern nicht weiterhin an einem eher passiven und reaktiven Bild der Beforschten festhalten. So konnte ein interviewter Jugendlicher, der eine der Interviewerinnen scheinbar als "langweiligen Sozialarbeitertypen" ablehnte, nicht durch das bloße Vermeiden von Suggestivfragen oder "Leitfadenbürokratie" zum Erzählen gebracht werden. Auch dürften alle Produktionen, zu denen es im Laufe dieses Interviews von Seiten des Interviewten gekommen ist, der "langweiligen Sozialarbeiterin" gegolten haben (vgl. auch Fußnote 18). Uns scheint es deshalb mittlerweile sinnvoller davon auszugehen, daß Forschung in einer sozialen Situation stattfindet, die Forschende und Beforschte entlang der in ihrer Biographie erworbenen je eigenen Schamgrenzen, der (antizipierten) eigenen und der vollzogenen Fremdwahrnehmung, der angestrebten Selbstdarstellung und in Vollzug ihrer jeweiligen Interessen gestalten, indem sie reden und schweigen, beobachten und beobachtet werden. Forscherinnen und Forscher scheinen allerdings kaum zu reflektieren, in welcher Weise sie von den Beforschten wahrgenommen werden und welche Konsequenzen dies für die Ergebnisproduktion zeitigt - Devereux (1967) vermutet in diesem Zusammenhang, daß "wir uns selbst und unseren Reiz-Wert nicht kennen ... und auch nicht kennenlernen wollen" (Devereux 1967, S.49).

Ähnlich nachdenkenswert erscheint das Verständnis von Interviewten als "Informationslieferanten" oder "Berichterstattern" z.B. bei Kleining (1982), das, obwohl nicht immer so explizit vertreten, als Vorstellung der gängigen Auswertungspraxis unterliegt, da nach wie vor auch qualitative Verfahren das erhobene Material als "Daten über die anderen" behandeln. Selten wird - trotz Forderungen in dieser Richtung - die beiderseitige Subjektivität und damit die kommunikative Geladenheit der Interviewsituation in die Auswertung einbezogen. Indem zwar nicht die qualitativen Grundüberzeugungen, aber qualitative Auswertungspraxen diese ignorieren, bewahren sie einen Teil der Naivität der Laborexperimentator(inn)en, die - dort allerdings zur Methode gemacht - annehmen, sie könnten die experimentelle Situation und sich selbst von der Wirkung auf die Produktionen der Versuchsperson ausschließen bzw. diese kontrollieren. Sowohl für die Laboratoriumsuntersuchungen als auch für das Gros qualitativer Studien bedeutet dies, daß eine Re-Analyse in einem anderen - kommunikativen und der beteiligten Subjekte bewußten - Licht andere Ergebnisse liefern würde: An dieser Stelle sei erneut auf Devereux verwiesen, der in Bezug auf die Psychoanalyse zwar die "Ermächtigung" sieht, "die psychoanalytische Situation so zu strukturieren, daß die Möglichkeiten des Analysanden, seinen Analytiker zu beobachten, auf ein Minimum reduziert werden. Wir sind jedoch nicht ermächtigt, auf unser eigenes experimentelles Arrangement hereinzufallen." (Devereux 1967, S.43)

Wichtig an der Schilderung von Problemen in und mit qualitativen Interviews ist nicht, bestimmte Interviewformen wie z.B. das narrative Interview als ungeeignet auszuweisen: Eine Vielzahl von psychologisch bedeutsamen Fragen kann nur auf einem solchen Weg behandelt werden. Wichtig ist, daß Probleme wie die genannten u.E. in qualitativ arbeitenden Projekten die Regel, nicht die Ausnahme sind: Sie werden teilweise erkannt, üblicherweise unter der Hand "geregelt" und sind, wenn es an die Daten und die Auswertung geht, mehr oder weniger vergessen. Keines der von uns geführten Interviews wurde als untauglich aus der weiteren Arbeit ausgeschlossen - was kaum wünschenswert gewesen wäre, denn jedes interaktiv gewonnene Material muß in diesem Sinne untauglich sein. Problematisch war allerdings, daß wir uns, wohl wissend um das Interview als kommunikativen Prozeß und um die Subjektivität der Beforschten und der Forschenden, in der folgenden Auswertungsphase ganz auf die Seite der "Inhalte" ("was bietet das Material für unsere Frage") geschlagen und den eigenen Beitrag zur Konstitution gerade dieser Inhalte ignoriert haben.

2.3 Interviewauswertung

Die letztliche Ausblendung der eigenen Person war für den Auswertungsprozeß kennzeichnend und folgenreich: Zunächst sahen wir uns den bekannten Problemen gegenüber, auf die qualitative Forscher und Forscherinnen treffen, wenn sie alle Interviews abgeschlossen und eine Fülle verschrifteten Materials zu bearbeiten haben: Obwohl wir im Antrag - und vergleichbar dem Versuch, das interessierende Thema an einem "guten Aufhänger", den Kreuzberger Unruhen, festzumachen - angaben, uns an bestimmten qualitativen Erhebungs- und Auswertungsverfahren zu orientieren, wollten wir im Grunde möglichst große Spielräume für die eigene Arbeit sicherstellen und suchten deshalb ein gängiges Etikett (als welches z.B. die "Grounded theory" - nach Glaser & Strauss 1967; vgl. auch Strauss 1991 - taugt bzw. immer wieder genutzt wird). Tatsächlich entwickelten wir jedoch eigene Auswertungsroutinen unter Hinzuziehung verschiedener methodischer Versatzstücke, sofern diese uns bei dem jeweiligen Stand der Arbeit dienlich erschienen. Im nachhinein bemühten wir uns dann wieder, die Erreichung unserer Ergebnisse durch unterschiedliche Referenzen zu legitimieren - dies ist insoweit bedauerlich, als es im Sinne methodologischen Wissens ertragreicher gewesen wäre, das tatsächliche Procedere möglichst genau zu bescheiben.

Interessanter noch als die oft mehr oder weniger verzweifelten Versuche, die Materialfülle zu bändigen und die ebenso aufwendigen Bemühungen, das eigene Handeln durch akzeptierte Referenzen zu legitimieren war, daß sich einige Auffälligkeiten in Bezug auf die Ergebnisse zeigten, die auf die Persönlichkeiten der Interviewerinnen und auf die Teamstruktur verwiesen: Schon bei den Vereinbarungen zu den Interviews - mit den Befragten wurden ausführliche Verträge über Anonymisierung, Weiterverwendung des Materials und auch über die Archivierung im Rahmen eines Datenverbundes gemacht - hatte sich gezeigt, daß deren Bereitschaft, ihre Daten archivieren zu lassen, häufig in Einklang stand mit der Haltung, die die jeweils Interviewende gegenüber einer Archivierung in diesem Verbund einnahm. Darüber hinaus fanden sich die Interviewerinnen jedoch auch in der Struktur der Ergebnisse wieder: Obwohl die Interviews wie erwähnt narrative und teilstrukturierte Anteile enthielten und obwohl entlang verschiedener Kriterien möglichst unterschiedliche Jugendliche für Interviews ausgewählt wurden und obwohl die Aufteilung der Jugendlichen auf die Interviewerinnen alleine nach räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeiten erfolgte und obwohl das Erstinterview immer von zwei Interviewerinnen durchgeführt wurde, waren am Ende bestimmte "Typiken" erkennbar: So sammelte sich bei einer Interviewerin das Gros der Jugendlichen, für die - entgegen dem in der Literatur dominierenden Belastungsdiskurs - Arbeitslosigkeit teilweise gewählt, teilweise produktiv gewendet, selten aber ein Stressor im traditionellen Sinne der Arbeitslosenforschung war. Bei einer anderen häuften sich die klassischen "Opfer" der Arbeitslosenforschung, im dritten Fall fanden sich schließlich vermehrt Jugendliche, die zwischen diesen beiden Polen standen.

Dieses Durchschlagen - aggressiver, leidender, normalisierender - Persönlichkeitsanteile der beteiligten Forscherinnen in der Interviewdurchführung bzw. -auswertung und der Polarisierung von Positionen in Diskussionen des Teams konnte zum damaligen Zeitpunkt aus verschiedenen Gründen nicht systematisch zur Kenntnis genommen und reflektiert werden - dem standen sowohl Ängste vor Unwissenschaftlichkeit, Vermeidungstendenzen aufgrund einer immer wieder schwierigen Teamdynamik und vor allem auch die Erfahrung entgegen, daß eine solche Reflexion im Wissenschaftskontext nicht üblich ist: Wir waren überzeugt und erfreut, in unseren Ergebnissen eine größere Bandbreite als in der psychologischen Arbeitlosenforschung gemeinhin diskutiert zu finden (vgl. Fußnote 17) und interpretierten diese ausschließlich als unterschiedliche Umgehensweisen der befragten Jugendlichen mit Arbeitslosigkeit.

Mittlerweile gehen wir davon aus, daß die anfänglich ängstigende Vermischung von Forschenden und Beforschten kein Manko, sondern unumgehbar ist. Das gleiche "Datum" kann - je nach Haltung und Position und wissenschaftlicher Zugehörigkeit der Interpretierenden - unterschiedlichste Bedeutungen erlangen. Und obwohl wie in den eigenen, so auch in anderen wissenschaftlichen Produktionen "über" den Gegenstand die Welt- und Gegenstandssichten der jeweiligen Produzenten erkennbar sind, ist nahezu ausschließlich vom Gegenstand und sehr selten von denen die Rede, die in ihm ihre Sichten verbreiten; meist ist es erst die Zeit, die diese irrtümlich für den Gegenstand selbst gehaltenen Perspektiven als historisch, sozial und persönlich verankerte "entlarvt". Diese grundsätzliche Subjekt- und Standortabhängigkeit aller Erkenntnis und damit auch jeglicher wissenschaftlicher Deutung ist u.E. unhintergehbar: "Erkenntnis ohne erkennendes Subjekt" (Popper 1973, S.126) ist - da Erkenntnisse notwendig von Subjekten produziert und/oder rezipiert werden - eine subjektive und im Kontext der spezifischen Wissenschaftsvorstellungen und -diskurse nachvollziehbare Fiktion.

Die Unterschiedlichkeit der eigenen Befunde im Vergleich zu der weitgehenden Homogenität der psychologischen Arbeitlosenforschung kann nicht einfach mit der Unterschiedlichkeit der untersuchten Jugendlichen begründet werden - diese haben insoweit Eingang in die Ergebnisse gefunden, als ihre Beiträge keine bloße Erfindung sind, sondern Ausdruck eines spezifischen kommunikativen Aktes, in dem, die Unterschiedlichkeit der Persönlichkeiten und Perspektiven der Interviewenden vorausgesetzt, eine entsprechende Breite an Ausdrucks- und Deutungsmöglichkeiten auf Seiten der Interviewten anzutreffen war. Ebenso scheint die Befolgung üblicherweise diskutierter konzeptioneller und methodischer Regeln zur Anlage von qualitativen Untersuchungen (so zum Beispiel das Konzept der Methodentriangulation) nicht auszureichen, um das Zustandekommen von Befunden, die über das anfänglich zugrundegelegte Belastungsmodell hinausgingen zu klären. Wesentlich waren darüber hinaus vermutlich Faktoren, die dem Entstehungszusammenhang wissenschaftlichen Wissens zuzurechnen sind, so z.B. der gleichzeitige Anschluß an und Widerstand gegen die traditionelle Forschung - es sollten Ergebnisse gefunden werden, die über das "Topos des Leidens" hinausgingen - und die internen Arbeitsbedingungen: Das gemeinsame Antreten gegen diverse "Außen" erforderte eine Einheitlichkeit der Forschungsgruppe, die nach innen auf dem Wege der Interpretation Differenzierungen erzwang und aufgrund der Teamstruktur - keine offizielle Hierarchie - auch ermöglichte.

Gleichzeitig verhinderte die aus dem Zusammenspiel der "Feld-Kultur-Person-Beziehung" resultierende Dynamik und deren fortdauernde Tabuisierung allerdings auch eine systematische Reflexion des kommunikativ gewonnenen Materials, zumal als Adressat dieser letzten Phase wiederum die Wissenschaft und deren Spiel- und Veröffentlichungsregeln im Vordergrund standen. Zwischen dem Adressaten der Forschungsberichte, der geldgebenden Institution, und den internen Zwängen, die mit der Dynamik des Forschungsteams einhergingen, war in dieser letzten Phase der Untersuchungsgegenstand lediglich indirekt, damit aber auch als potentielle Quelle von Schuldgefühlen im Dilemma zwischen Wissenschaft und Beforschten gegenwärtig. Wir befanden uns, wie Volmerg zutreffend beschreibt, in der Not, "es mit keiner Seite zu verderben und dennoch uns selbst, d.h. der moralischen und politischen Legitimation unserer Forschung und ihrem wissenschaftlichen Anspruch treu zu bleiben. Es ist der Konflikt zwischen Strategie, Moral und Glaubwürdigkeit, dem wir in vielen Schattierungen - situations- und persönlichkeitsbedingt - ausgesetzt waren." (Volmerg 1988, S.158)
 

3. Diskussion und Ausblick

Ausgangspunkt unserer Überlegungen war die schwierige Beziehung zwischen Methodologie und empirischer Forschung: Einerseits entwerfen auch qualitative Methodologien Regularien und Handlungsanweisungen, die dem empirischen Forscher und der empirischen Forscherin nahelegen, was zu tun sei, um die Wissenschaftlichkeit des eigenen Handelns sicherzustellen. Sie enthalten jeweils unterschiedliche Annahmen über die Grenzen und Beschaffenheit ihres Erkenntnisgegenstandes und beschränken sich häufig - im Rahmen von Methodo-Logien und ganz ähnlich ihren quantitativen Antipoden - auf den von diesen vorab definierten Bereich der Reflexion von Erkenntnis: Bereits die Subjektivität der Forschenden wird auch im Rahmen qualitativer Methodologien bestenfalls auf ihre kognitiven bzw. "symbolischen" Ausdrucksweisen hin "entschärft". Systematisch ausgeblendet bleiben die (Mikro-) Praktiken der Wissenschaftskultur in ihrer Einflußnahme auf die wissenschaftliche Erkenntnisbildung und Ergebnisproduktion.

Eine offensichtliche Berührung zwischen methodologischen und einzelwissenschaftlichen Diskurslinien findet dann statt, wenn empirisch Forschende ein bestimmte Methode verwenden bzw. legitimatorische Rückgriffe auf Verfahren vornehmen - häufig ohne sich bewußt zu sein, welche methodologischen und erkenntnistheoretischen Implikationen mit der Methodenwahl verbunden sind (eine tatsächliche "Anwendung" formalisierter Routinen ist im Bereich qualitativer Forschung entlang der Vieldeutigkeit auch vergleichsweise gut ausgearbeiteter Ansätze wie z.B. der Grounded Theory unmöglich, wobei wir allerdings auch dem Verständnis einer subjektunabhängigen "Anwendung" von Methoden im Bereich quantitativer Forschung widersprechen, ohne es an dieser Stelle weiter ausführen zu können). Während Methodolog(inn)en normative Vorgaben für einen "wissenschaftlich angemessenen" Umgang mit dem Erkenntnisgegenstand in deutlicher Entfernung zur Forschungspraxis entwickeln, versuchen empirische Forscher(innen), "Wissen" zu produzieren, das ihrer Darstellungsweise nach ausschließlich Erkenntnisse über die jeweiligen Gegenstände beinhaltet - sei es in Form des Nachvollzugs subjektiven Sinns oder dessen z.B. tiefenhermeutischer Auslegung. Deutungen der Forschenden werden als "Merkmale" des Untersuchungsgegenstandes verhandelt, unterschiedliche Interpretationsweisen werden nicht aufeinander und auf den Prozeß ihrer Herstellung bezogen, Diskrepanzen erscheinen nicht erklärungsbedürftig. Das zwar nicht in den Konzepten, aber in diesem Vorgehen unterlegte Menschen- und Weltbild fällt häufig hinter erkenntnistheoretische Reflexionen auf Seiten der Naturwissenschaften zurück, die Joachim G. Leithäuser im Anschluß an Heisenberg dahingehend charakterisiert hat, "daß das heutige Naturbild der exakten Naturwissenschaft `eigentlich nicht mehr ein Bild der Natur, sondern ein Bild unserer Beziehung zur Natur ist'" (Leithäuser 1957, S.72). Diesen Unterschied zwischen "klassischen" und modernen erkenntnistheoretischen Positionen präzisiert Heisenberg für die Atomphysik wie folgt: "Die klassische Physik beruhte auf der Annahme - oder sollten wir sagen auf der Illusion - daß wir die Welt beschreiben können oder wenigstens Teile der Welt beschreiben können, ohne von uns selbst zu sprechen ... Ihr Erfolg hat zu dem allgemeinen Ideal einer objektiven Beschreibung der Welt geführt ... Man kann vielleicht sagen, daß die Quantentheorie diesem Ideal soweit wie möglich entspricht ... Aber sie beginnt mit der Einteilung der Welt in den Gegenstand und die übrige Welt ... Diese Einteilung ist in gewisser Weise willkürlich und historisch eine unmittelbare Folge der in den vergangenen Jahrhunderten geübten naturwissenschaftlichen Methode." (Heisenberg 1958, S.38f) Der im Vergleich hierzu "naturalistischen" qualitativen Forschungspraxis entspricht eine qualitative Methodologie, die in weitaus größerem Maße an die traditionelle Wissenschaftlogik anschließt, als ihr dem Anspruch nach lieb sein dürfte. Auch sie ähnelt - insbesondere in ihren textuellen Varianten - "eine[r] Tanzschule des Denkens ... und der Tanz, den sie lehrt, ist nicht der einzig mögliche" (von Weizäcker 1983 nach Breuer 1991, S.49).

Unser Versuch, am Beispiel einer eigenen Arbeit die Beziehung zwischen Untersuchungsgegenstand, Persönlichkeit der Forschenden und Wissenschaftskontext für unterschiedliche Stadien des Forschungsprozesses zu beleuchten, sollte sowohl einer naturalistischen Gegenstandkonzeption als auch einer naturalistischen Konzeption des Forschungsprozesses entgegenwirken. Wir sind im Verlauf dieses Unternehmens immer wieder Tabus begegnet, die auch die vorliegende Arbeit durchziehen und blockieren - so sind z.B. die vielen Bezugnahmen auf Autor(inn)en, die wir versucht haben vorzunehmen, zwar zum einem dem Wunsch geschuldet, auf für eine Reflexion qualitativer Forschung u.E. wesentliche Diskussionsstränge zu verweisen, sie entspringen aber zum anderen auch dem Bedürfnis, prominenten Begleitschutz für einen auch in qualitativen Kreisen eher unüblichen Diskurs zu finden. Ebenso hat die Auseinandersetzung mit der "Feld-Kultur-Person-Beziehung" nicht grundlos erst nach Projektende stattgefunden: Zum Zeitpunkt der Durchführung der Studie war nur ab und zu verschwommen erkennbar, daß in der Gestaltung des Forschungsprozesses und in der Produktion und Darstellung der Ergebnisse mehr und anderes eine Rolle spielte als der Untersuchungsgegenstand selbst - wir haben uns unsere Ergebnisse als zusätzliches Wissen über Jugendarbeitslosigkeit geglaubt. Wir hätten zwar (zumindest teilweise) zugestimmt, aber es wäre für unser empirisches Arbeiten folgenlos geblieben, wenn Renato Rosaldo feststellt: "Alle Deutungen sind vorläufig; sie werden von Subjekten gegeben, die von einer bestimmten Position aus sprechen und darauf vorbereitet sind, bestimmte Dinge zu erkennen, andere jedoch nicht." (Rosaldo 1984, S.383).

Was hat uns eine solche Perspektive bzw. deren Realisierung im Forschungsprozeß erschwert und unmöglich gemacht? Wir halten diese Frage für wesentlich, da wir am eigenen Beispiel, aber auch bei Studierenden und Kollegen und Kolleginnen immer wieder Ansätze erkennen, sich der eigenen Subjektivität und der Kontextualität von Forschung und ihren Konsequenzen für die Erkenntnisgewinnung zu stellen, die meist schnell und entmutigt ein Ende finden.

1.) Wir wußten zuwenig von den Überlegungen, die andere Wissenschaftler(innen) zu dieser Thematik beigetragen haben: Bereits die qualitative Methodenausbildung fristet an den meisten psychologischen Instituten ein Schattendasein (ähnliches haben Hopf & Müller 1994 auch für die Soziologie festgestellt); ebenso dürftig ist die Vermittlung von für die qualitative Methodologie wesentlichen Auseinandersetzungen z.B. in der soziologischen oder ethnologischen Nachbardisziplin. Noch gravierender sind die Defizite in Lehre und Forschung hinsichtlich (ethno-) psychoanalytischer Arbeiten, Berührungsängste, die interessanterweise sogar in der aktuellen Diskussion zur Krise der Ethnologie fortdauern: "Devereux wird vor allem in der sogenannten ethnopyschoanalytischen Literatur aufgegriffen. In der hier wiedergegebenen Debatte wird er, wie auch sonst, bei aller thematischen Nähe, nur am Rande beachtet." (Fuchs & Berg 1993, S.65). Völlig unsichtbar bleibt der Alltag von Forschung jenseits der veröffentlichten Berichte bzw. er wird in das Reich einer von Wissenschaftstheorie, Methodologie und Einzelwissenschaften wiederum separierten "Wissenschaftsreflexion" verbannt, die zwar viel zur "Entzauberung der Wissenschaft" (Bonß & Hartmann 1985) beigetragen hat, aber im Rahmen qualitativer Methodologien kaum berücksichtigt, geschweige denn in eine systematische Reflexion einbezogen wird.

2.) Wir kapitulierten, ohne daß uns dies zum damaligen Zeitpunkt bewußt war, vor mächtigen Imperativen von Wissenschaft. Aufgrund unserer Sozialisation innerhalb wissenschaftlicher Denkstile und Riten und in der Absicht, ein Forschungsvorhaben tatsächlich auch finanziert zu bekommen, akzeptierten wir, ohne sie genauer bestimmen zu können, die in den tradierten Wissenschaftstheorien vorgefaßten und auch im Rahmen qualitativer Methodologien nicht weiter hinterfragten Prämissen wissenschaftlicher Erkenntnisbildung, die zur Scheidung "gesicherten Wissens" von bloßen "Überzeugungen" verhelfen sollen: Hierzu gehört zum einen der von Reichenbach (1938, S.6f) in die Wissenschaftstheorie eingeführte Gegensatz zwischen dem "Entstehungs-" und dem "Begründungszusammenhang" wissenschaftlichen Wissens ("context of discovery" vs. "context of justification"), verknüpft mit dem Postulat, Wissenschaftstheorien mögen sich auf die zweite, wissenschaftsimmanente Seite wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion beschränken (zur Illustration dieses Unterschiedes verweist Reichenbach auf einerseits den Prozeß der tatsächlichen Erkenntnisgewinnung und andererseits die veröffentlichte Form der so gewonnenen Erkenntnisse). Dieses Gebot ist folgenreich auch jenseits des beschränkten Rahmens der Wissenschaftstheorien und Methodologien quer durch unterschiedlichste Wissenschaftsdisziplinen. So beschreibt z.B. Clifford für die Ethnologie, in welcher Weise der "Forschungsprozeß ... von den Texten, die er hervorbringt, und von der fiktiven Welt, die diese Texte heraufbeschwören sollen, getrennt [wird] ... Die dialogischen, situationsbedingten Aspekte ethnographischer Interpretation werden ... häufig genug aus dem endgültigen, repräsentativen Text verbannt. Nicht völlig versteht sich; es existieren anerkannte topoi für die Darstellung des Forschungsprozesses." (Clifford 1988, S.133f). Ein vergleichbares Vorgehen rekonstruiert Knorr-Cetina (1981, S.227) für naturwissenschaftliche Untersuchungen. Diese "literarischen Strategien", zu denen auch gehört, daß "Resultate nicht zu ihrem Erzeugnisprozeß, sondern zu anderen Resultaten in Beziehung [ge]setzt [werden]", verhelfen erst zu "dem Bild der Wissenschaft als `Fakten' produzierende[r] Instanz". Von ebenfalls zentraler Bedeutung für die Produktion des Mythos der Wissenschaftlichkeit ist zum anderen die von Weber inaugurierte Trennung von Tatsachen- und Werturteil, wonach "Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet nur der [hat], der rein der Sache dient" (Weber 1919, S.591). Der Biologe Monod merkt in einer Arbeit über "Erkennen und Ethik" an, daß das Verbot "der Vermischung von Erkenntnis und Wertung ..., dieses `erste Gebot', durch das die objektive Erkenntnis begründet wird, [selber] ... eine moralische Regel, eine Verhaltensvorschrift [ist] ... Die wahre Erkenntnis kennt keine Wertung, doch um sie zu begründen, bedarf es eines Werturteils oder vielmehr eines wertenden Axioms." (Monod 1971, S.113) Diese beiden wissenschaftsgeschichtlich gesehen jungen Ge- bzw. Verbote sind so wirksam, daß selbst qualitative Forscher(innen) häufig Subjektivität, sofern sie überhaupt reflektiert wird, in den Anhang verweisen und Ich-Formen oder offensichtliche Wertungen zu unterlassen bzw. zu unterbinden versuchen.

Das Problem des Umgangs mit der Subjektivität der Forschenden wird noch verschärft, wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich der Reflexion und Untersuchung der Voraussetzungen ihres Tuns zuwenden. Immer wieder ist in diesem Zusammenhang von Angst die Rede: So eröffnet Bourdieu seinen "Homo academicus", indem er denen dankt, die ihm geholfen haben, seine "Angst vor der Veröffentlichung ... zu überwinden" (Bourdieu 1984, S.7). Er führt weiter aus: "Angesichts dieser Herausforderung: eine Welt zu untersuchen, an die man durch vielfältige, gleichermaßen intellektuelle wie `weltliche' Bindungen und Investitionen genüpft ist, läßt sich zunächst an gar nichts anderes denken als an Flucht. Dem Vorwurf der Voreingenommenheit versucht man dadurch zu begegnen, daß man sich als `interessegeleitetes', `befangenes' Subjekt ... `aufhebt', indem man auf die unpersönlichsten, mechanischsten und damit auch ... unanfechtbarsten Verfahren zurückgreift." (a.a.O., S.38) Ähnlich betont Merton in der bereits erwähnten Untersuchung zur "Ambivalenz des Wissenschaftlers", von ihm aufgespannt zwischen den Polen der Werte der "Originalität" und der "Bescheidenheit", daß das Ansinnen, sich mit der Psychologie von Wissenschaftler(inne)n oder der Soziologie wissenschaftlicher Institutionen zu befassen, in der Regel mit Vorwürfen bedacht wird, "er wolle nur im Schmutz wühlen, über den der feine Mann mit Schweigen hinwegsieht. Mehr noch, wer sich systematisch mit diesen Fragen beschäftigt, gilt nicht bloß als Schmutzwühler, sondern als Verschmutzer." (Merton 1963, S.122). Und Angelika Faas, die sich mit der "Konstruktion wissenschaftlicher Realität in qualitativ forschenden Projekten der Psychologie" befaßt hat (oder besser befassen wollte - auch der Gefährlichkeit des Gegenstandes scheint geschuldet zu sein, daß sie ihre Fragerichtung unter der Hand auf das Ziel einer Konzeption von Forschungssupervision verengt), räumt resümierend am Ende ihrer Arbeit ein, sie habe "eher vorsichtig experimentiert, zu tief saß anfangs noch die Angst vor der vermuteten Skepsis einer imaginierten Fachöffentlichkeit und ihrem phantasierten Vorwurf der Beliebigkeit der Interpretationsrichtungen oder schlimmer, dem der Unwissenschaftlichkeit!" (Faas 1992, S.273f)

3.) Aufgrund der Unsichtbarkeit und Allgegenwart der wissenschaftlichen Imperative und ihrer institutionellen Verankerung sowie infolge der Vermittlungs- und Reflexionsdefizite auch von Seiten qualitativer Methodologien fühlten wir uns, wenn wir auf unsere eigenen Verstrickungen (Motive, Neigungen, Herangehens-, Denk- und Schreibweisen oder "Spiele" im Wissenschaftskontext etc.) stießen, schuldig bzw. erlebten diese ausschließlich als persönliches Manko oder rationalisierten sie als wissenschaftliche Notwendigkeiten. Dies war umso naheliegender, als wir als Studierende (bereits vor dem Studium erworbene Lebens- und Berufserfahrungen schienen uns mit diesem Status und zum damaligen Zeitpunkt wertlos) und zudem als qualitativ orientierte Forscher(innen) befürchteten, antizipierten und/oder explizierten fremden und (heimlich) eigenen Kriterien von Wissenschaftlichkeit nicht zu genügen, denn die Versicherung durch und der Rückgriff auf ein scheinbar nicht weiter zu begründendes und präzise ausgearbeitetes methodisches Instrumentarium vergleichbar dem quantitativen fehlte. Wir befanden uns damit in einem Kreislauf, der uns den Initiationsprozeß als qualitativer Forscher und qualitative Forscherinnen, der in Veröffentlichungen kaum sichtbar wird bzw. werden darf, einsam (oder in heimlicher Komplizenschaft mit einigen Vertrauten) durchlaufen ließ. Besondere Brisanz erhielten diese auf Seiten qualitativer Forschung sicher nicht unüblichen Probleme durch zusätzliche Ängste und Unsicherheiten, die u.E. mit der Berufsrolle psychologischer Forscher(innen) verbunden sind: Diese scheint, sofern man sich nicht sogleich in den akademischen Rechenbetrieb zurückzieht bzw. dessen müde ist, eine besondere "psychische Gesundheit" bzw. Kompetenz im Umgang mit Psychischem aufzuerlegen, die einer Beschäftigung mit den eigenen Störungen und Neurotizismen entgegensteht. "Psychische Probleme" von Psycholog(inn)en würden ähnlich den Schreibstörungen von Schriftsteller(inne)n oder der "Angst vor Wahnsinn" bei Psychiater(inne)n die eigene (berufliche) Identität zutiefst in Frage stellen. Gleichwohl und deshalb sind Auseinandersetzungen um diese Tabus untersagt (und begleiten diese Berufsgruppen als potentielle persönliche Drohung und bei der Gestaltung ihrer Arbeit möglicherweise ein Leben lang).

4.) Die hier angesprochenen Irritationen und Erschütterungen verweisen zudem auf Beunruhigungen, die die Sozial- und Humanwissenschaften begleiten, seit mit der Frage "wer spricht" die subjektive Beteiligung der Forschenden an ihren Produkten ins Blickfeld gerückt ist, die "ganz generell an die Grundlagen des humanwissenschaftlichen ... Selbstverständnisses rührt" (Berg & Fuchs 1993, S.11). Deutlich wird dies, wenn z.B. James Clifford für die Ethnologie feststellt: "Vieles von unserem Wissen über andere Kulturen muß nunmehr als zufällig angesehen werden, als das problematische Ergebnis eines intersubjektiven Dialogs, von Übersetzung und Projektion." (Clifford 1986, S.217) Noch eindringlicher hat Devereux sich mit der Frage wissenschaftlicher Subjektivität auseinandergesetzt. Devereux sei, so Weston La Barre in den Vorbemerkungen zu "Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften" ein "Störenfried, ... [der] die alarmierende Möglichkeit aufgezeigt [hat], daß die Feldethnographie (und in Wirklichkeit jede Sozialwissenschaft) wie sie im Augenblick praktiziert wird, ein Form der Autobiographie sein könnte" (1967, S.10). Und auch die Naturwissenschaften sind von der Erschütterung der Grundlagen des heutigen Verständnisses von Wissenschaft nicht unberührt geblieben: Angst vermutet der Biologe Jacques Monod als Ursache des Strebens nach objektiver Erkenntnis, "jene Angst, die uns zwingt, den Sinn des Daseins zu erforschen. Diese Angst ist die Schöpferin aller Mythen, aller Religionen, aller Philosophien und selbst der Wissenschaft." (Monod 1971, S. 105) Insbesondere im Rahmen moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisweisen sei der Forscher (und die Forscherin) mit der verunsichernden Aussicht konfrontiert, so Monod, "daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen" (a.a.O., S.110). In ganz ähnlicher Weise beschreibt Devereux das Trauma der "Stummheit der Materie", auf die "der Mensch mit Panik [reagiert]. Da er ihre Stummheit verleugnen und seine Panik kontrollieren muß, fühlt er sich dazu veranlaßt, physikalische Begebenheiten animistisch zu interpretieren und ihnen, um sie als `Antworten' erfahren zu können, `Bedeutungen' zuzuschreiben, die sie nicht besitzen." (Devereux 1967, S.55)

Versuche, der Vorläufigkeit von Wissen und der Drohung des Subjektiven und Autobiographischen zu entkommen, sind zahlreich und finden sich insbesondere bei denen, die geholfen haben zu verdeutlichen, daß es "die eine" Geschichte nicht gibt und "daß wir uns selbst für unterschiedliche Varianten von Geschichte öffnen [müssen]" (Clifford 1986, S.232). Immer wieder bleiben die Ausgänge merkwürdig beschwörend: So prognostiziert Heisenberg, der wie kaum ein anderer die Erkenntnis der Verschränkung von wissenschaftlichen Ergebnissen mit ihren historischen und methodischen Produktionsweisen vorangetrieben hat: "Es mag manchmal viele Jahre dauern, bevor man die Lösung eines Problems kennt, bevor man zwischen Wahrheit und Irrtum sicher unterscheiden kann; aber schließlich werden die Fragen entschieden werden, und die Entscheidungen werden nicht von irgendeiner Gruppe von Wissenschaftlern, sondern von der Natur selbst getroffen." (Heisenberg 1958, S.188). In dem eben erwähnten Aufsatz von Clifford finden sich zahlreiche Hinweise, die die Ethnolog(inn)en versichern sollen, ihre Deutungen seien "zu keinem Zeitpunkt unendlich oder lediglich `subjektiv' (im pejorativen Sinne)" (1986, S.233). Auch die Befürchtung eines "Nihilismus bei der Auslegung ... verwechselt Kontroversen um Bedeutung mit Unordnung" bzw. versuche, "eine `objektive' Rhetorik zu bewahren" (a.a.O.). Clifford endet mit der "mit tiefgründigen Ironien" kämpfenden Aufforderung: "Wenn wir schon dazu verdammt sind, Geschichten zu erzählen, über die wir keine Kontrolle haben, könnten wir dann nicht zumindest Geschichten erzählen, von denen wir annehmen, daß sie wahr sind?" (a.a.O., S.235). Von Tendenzen in Richtung eines "Nihilismus" und "interpretativen Skeptizismus" ist auch bei Pierre Bourdieu die Rede. Er versichert, daß es gelinge, "die absolutistischen Ansprüche klassischer Objektivität zurückzuweisen, ohne daß dies dafür zum Relativismus führt" (Bourdieu 1993, S.373).

Entlang eigener irritierender Erfahrungen vermuten wir, daß es sich bei diesen Beschwörungen um das Pfeiffen verängstigter Forscher im Wald einer Wissenschaft handelt, die zwar die Dogmen der Theologie ablösen konnte, nun aber den eigenen Glaubenssystemen gewahr zu werden im Begriff ist. Diese Angst, daß wissenschaftliches Wissen und damit Wissenschaft selbst hinfällig werden könnte - und damit notwendigerweise auch die eigenen Identität als Wissenschaftler(in), ist auch deshalb schwerwiegend, da sie stillschweigend wissenschaftliche Arbeiten durchzieht und blockiert. Ihre fortdauernde Tabuisierung verhindert eine Auseinandersetzung mit der Frage, in welcher Weise Forschung und mit welchen Ergebnissen verlaufen könnte, die sich ihren subjektiven und intersubjektiven Konstitution stellt. Insoweit sind die Folgen einer solchen Umorientierung für "Gegenstandswissen", für Wissenschaft und für die einzelnen Forscher und Forscherinnen nur in Ansätzen erkennbar: Forschende könnten, wenn sie auf die Ausblendung der eigenen Subjektivität und (sozialer) Abhängigkeiten verzichten, überhaupt erst verstehen und thematisieren lernen, wie konsequent sie sich in dem verewigen, was sie bisher über ihre "Gegenstände" behaupten, und auf wie vielfältige Weise Wissenschaftsimperative und die Institution Wissenschaft in Entscheidungen im Forschungsprozeß und in "scheinbar nur der Forschung verplichtete[n] - Handlungen im Feld" (Volmerg 1988, S.159) einwirken. Ein erster Schritt hierzu wäre, sich mit Devereux daran zu erinnern, daß es "ganz einfach ausgedrückt, ... immer hilfreich [ist], sich erst einmal genau zu überlegen, was man eigentlich tut" (Devereux 1967, S.29) und sich hierüber mit anderen Wissenschaftler(inne)n auszutauschen. In diesem Sinne verstehen wir unseren Beitrag auch als Ermutigung für einen Dialog, der u.E. die Voraussetzung für eine systematische Auseinandersetzung mit und damit Untersuchung der Herstellung von "Wissen" im qualitativen Forschungsprozeß wäre. Dies scheint umso wichtiger, als eine fortdauernde und aus den Diskursen weitgehend ausgeblendete Unsicherheit qualitativer Forschung über ihren wissenschaftlichen Wert sonst die von uns nicht für sinnvoll gehaltene schrittweise Entwicklung von und Einschwörung auf - den quantitativen vergleichbare und ebenfalls eher der Angst der Wissenschaftler(innen) denn ihrem Bemühen um ihren Gegenstand geschuldete - "qualitative Statistiken" zur Folge haben könnte. Sicher hilfreich wäre die Einrichtung von Forschungssupervisionen, um "der `Betriebsblindheit' gegenüber der eigenen Forschungsarbeit [entgegenzuwirken]" (Bock 1992, S.101; vgl. auch Breuer & Bergold 1992; Faas 1992; Flick 1991; Leithäuser 1992; Volmerg 1988). Da die Finanzierung von Forschungssupervision allerdings angesichts der weiterhin bestehenden Vorherrschaft eines naturalistischen und objektivistischen Gegenstandsverständnisses auch auf Seiten geldgebender Institutionen nur sehr selten gelingt, besteht eine zusätzliche Möglichkeit in der Bildung (kollegialer) Supervisionsgruppen. Eigene Erfahrungen im Rahmen einer "Projektwerkstatt qualitatives Arbeiten", die seit etwa einem Jahr mit Diplomand(inn)en durchgeführt wird und zwischen Kolloquium, Supervision und Interpretationsgemeinschaft angesiedelt ist, haben deutlich werden lassen, in welcher Weise derartige Gruppen zur Begleitung des Forschungsprozesses, zur Entlastung der Forschenden und zur Öffnung des Interpretationsraumes im Rahmen der konkreten Forschungsarbeit beitragen können, wenn Denk- und Thematisierungsverbote tatsächlich und am eigenen Beispiel überschritten werden (dürfen). Gerade in diesem Zusammenhang kann Forschungssupervision sehr wesentlich zur Fortschreibung qualitativer Methodologie beitragen. Dort gewonnene Erfahrungen wären - unter Hinzuziehung von Befunden und Konzepten der Reflexionswissenschaften - für eine systematische Untersuchung des Zusammenspiels von Forschenden und deren "Reizwert(en)" mit den materiellen, sozialen und ideellen Bezügen von Wissenschaft und Wissenschaftskultur in ihrer Bedeutung für die Ergebnisproduktion zu nutzen, anstelle der bisherigen empirischen Erfolgsberichte und von methodologischen Ratschlägen jenseits qualitativer Forschungspraxis. Dies würde allerdings voraussetzen, daß Methodolog(inn)en, statt zu versuchen, sich "an den Haaren aus dem Sumpf des Unwissens [zu ziehen]" (Popper 1973, 167f), einen Blick in diesen "Sumpf" riskieren. Und für die Wissenschaften schließlich stünde eine Relativierung ihrer Ergebnisse dahingehend an, daß sie für sich und der Öffentlichkeit gegenüber entgegen objektivierender Dogmatik Interpretations- und Handlungsräume verdeutlichen und eröffnen, die mit einer Reflexion des Zustandekommens der wissenschaftlicher Ergebnisse einhergehen. Mögliche Folgen der offensichtlichen Unterschiedlichkeit wissenschaftlicher Standpunkte zeigen sich derzeit im Bereich der Naturwissenschaften, bei denen die "Einschränkung des Realismus- und Objektivitätsanspruches ... inzwischen eine höchst praktische Angelegenheit geworden [ist]" (Bonß, Hohlfeld & Kollek 1993b, S11). Hier ist forciert durch die Medien in den Blickpunkt öffentlicher Diskurse getreten, daß "das im Labor erarbeitete `Naturgesetz´ ... sich nicht beliebig in die Natur übertragen [läßt, da] ... nichtintendierte Nebenfolgen mit unter Umständen katastrophalen Effekten" (a.a.O.) nicht prinzipiell auszuschließen sind.

Wenn wir abschließend entlang der von uns vorgestellten Überlegungen die von Christian Lüders und Jo Reichertz (1986) getätigte Diagnose zum Zustand qualitativer Forschung Revue passieren lassen, so könnte ein eventuell sinnvoller Indikator für eine Entwicklung, die über ein bloßes "Funktionieren" hinausreicht sein, daß die teilweise wahllos erscheinende Veröffentlichungspraxis, die häufig nur noch den Logiken des akademischen Marktes zu folgen scheint, abflaut und quantitativ weniger, aber möglicherweise andere Berichte veröffentlicht würden. Auch wäre - um in dem Bild von Lüders und Reichertz zu bleiben - nicht nur wünschenswert, daß qualitative Forschung weiß, "wo ihr Kopf sitzt", sondern auch fühlt, ob ihr Herz noch schlägt.
 

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