Thema: Das Gedicht Weltgeheimnis (im folgenden WH) ordnet sich in die frühe Phase Hofmannsthals Werkes ein, es wurde 1894 - also mit ca. 20 Jahren - geschrieben, 1896 veröffentlicht. Diese Jahre (von 1894-1896) kann man als den Höhepunkt in Hofmannsthals lyrischem Schaffen bezeichnen.
Im Gedicht selbst, findet sich eine Thematisierung des Enigmatischen, Magischen und Wirklichen in Sprache, Liebe und Leben, deren Bedeutungen innerhalb dieser Hausarbeit erläutert werden sollen.
Ziel: Ich möchte im Rahmen meiner Seminararbeit - u.a. um mich auf das Seminarthema zu beziehen - eine Lesart des WH herausarbeiten, die im Wesentlichen auf das sprachkritische Element des Gedichtes gerichtet sein soll. Dazu korrespondierend sollen die Hauptelement des WHs interpretiert werden, um einen möglichst vollständigen Eindruck vom WH zu erhalten. Dabei werde ich versuchen, durch Hinweise zu anderen Werken und indem ich ggf. auf zeitgeschichtliche Einflüsse eingehen werde, meine Argumentation zu stützen.
Aufbau: Bei der Analyse/Interpretation des Gedichtes, werde ich am Gedicht entlang, die wichtigsten Stellen herausnehmen und nacheinander bei der allgemein das Gedicht betreffenden Weltgeheimnis- oder Brunnenthematik beginnend, über die 'magischen' Aspekte gehend, die Auflösung des 'Geheimnisses' in Form der Liebe werten und zur Sprachkritik kommen, um dort eine schlüssige, abschließende, dahingehende Lesart vorzulegen.
Generell bitte ich, zum Vergleich [1] heranzuziehen, da ich mich im Folgenden auf diese Version des Gedichtes beziehen werde. Es handelt sich dabei um die reguläre am 7.2.1896 in Stefan Georges 'Blättern für die Kunst' veröffentlichte Fassung. Dort findet sich bereits eine - von mir hinzugefügte - Kennzeichnung des Reimschemas, das die acht dreiversigen Strophen als 'abb-Schema' bzw. Terzinen ausweist, also eine Strophenform, die aus einer Waise und einem darauf folgenden Paarreim besteht. Des Weiteren sind die einzelnen Versfüße durch einen ' \mid ' voneinander getrennt, sowie die Hebungen durch ein ' [`] ', die Senkungen durch ein ' \breve ' gekennzeichnet.
Bei der Aufteilung des Gedichtes möchte ich Karl Pestalozzi zustimmen. Nach ihm bilden die ersten beiden Strophen den Aufgesang, die mittleren vier den Mittelteil und die letzten beiden den Abgesang. Diese Aufteilung läßt sich über eine inhaltliche - durch einen thematischen Wechsel am Anfang der dritten und siebenten Strophe - und z.T. durch eine formale Zäsur - durch die Wiederholung des ersten Verses in Vers sieben und die einziegen drei Punkte des Gedichtes am Ende von Strophe sechs - begründen.
Man kann also von einem formal runden und abgeschlossenen Gedicht sprechen, was sich durch die obige Aufteilung des Gedichtes in 'symmetrische' Auf- und Abklänge und den dazu proportionierten Mittelteil, dessen beide Paarstrophen von den unten näher beschriebenen Versen 15/16 zusammengehalten werden, weiter bestätigt.
Der erste Vers wiederholt sich in Vers sieben und 22, bildet also den Auftakt der ersten, (dritten) und letzten Strophe. Wobei sich sogar die weiteren Reime dieser beiden Strophen entsprechen, ohne dass der Wortlaut der jeweiligen zwei Folgeverse hundertprozentig übereinstimmen würde. Ebenfalls findet sich in beiden Strophen eine Häufung von Assonanzen auf 'u'. Diese deuten zusammen mit der mehrfachen Wiederholung des Brunnens auf seine Wichtigkeit in Bezug auf das 'es' bzw. Weltgeheimnis hin, um das dieser Brunnen offensichtlich weiß.
Der Brunnen bildet das kohärente ''Thema und Leitmotiv des Gedichts'' ([] S.29). Das Gedicht beginnt, setzt sich fort und endet nicht nur mit Strophen, die den 'Brunnenvers' erwähnen, sondern auch alle im Gedicht beschriebenen Auswirkungen gehen direkt oder indirekt vom Brunnen aus. Das zeigt sich bereits in der ersten Strophe.
So bezieht er sich mit seiner Tiefe und offensichtlichen Schweigsamkeit nicht nur inhaltlich auf die Menschen, die 'einst' lebten, sondern auch syntaktisch, zumal sich das unbestimmte Numeral 'alle' nicht nur auf eine Summe von Menschen, sondern auch auf den im vorigen Vers genannten Brunnen beziehen kann. Neben der später ausgeführten biographie-bezogenen Psychologisierung des Brunnenmotivs, könnte man rein textintern auf ein besonderes Menschenbild, das Hofmannsthal hier wohl ausdrücken möchte, schließen: Der Mensch und Brunnen - ein 'Urmensch', der durch den Brunnen symbolisiert wird also - , den es 'einst'gab und der offensichtlich noch um das Weltgeheimnis wußte, tritt heute als Unwissender auf. Nur der 'tiefe Brunnen' in ihm bzw. in seiner Welt weiß noch um das WH.
Dies stützt sich u.a. durch die Konstruktion der Tempi: Vers '1' ist im Präsenz gehalten und drückt so immerwärende Kontinuität seines (des Brunnens) Zustandes bzw. Wissens aus. Dagegen sind die Verse ab 'einst' - das sich gegensätzlich zum Metrum rhythmisch hervorhebt - im Präteritum gehalten, welches eine Dialektik zum heutigen 'Jetzt-Zustand' herstellt. Womit gemeint ist, dass die Antinomie der Tempi zwischen dem ersten und den beiden folgenden Versen darauf schließen läßt, dass der Zustand, der mit der Autorintention am ehesten korrespondiert, also das dem Narrator Heutige, eine Trennung zwischen dem noch vorhandenen Wissen des Brunnens und dem nicht mehr vorhandenen Wissen der heutigen 'Menschheit' darstellt, was also schon in der ersten Strophe eine Skepsis gegenüber dem Heutigen - eine Zeitkritik, ein kritisches Menschenbild - anklingen läßt. Dagegen wird der Brunnen, vielleicht auch die Person oder das Wesen 'Brunnen', positiviert, indem er um das WH weiß.
Man kann also von einer ausgewogenen Bipolarität der beiden Aspekte Brunnenpositivismus und Menschenheitsskeptizismus in der ersten Strophe sprechen. Wobei man bedenken muß, da sich keine direkten Hinweise auf ein Profil des Weltgeheimnisses finden, es vielmehr mit dem Brunnen gleichgesetzt wird und nur indirekt ein solches erhält, indem es später, in seiner Funktion als Leitmotiv, innere Handlung bzw. Entrückung initiiert. Die vielen Vergleichs- und Ansatzmöglichkeiten, das verschwommene Profil bewirken, dass das WH auch für die Rezeption ein Geheimnis ist, dem man sich nur versuchsweise annähern kann. Diese Konstruktion wurde wohl nicht nur gewählt, um Titel und Gegenstand des Gedichtes zu entsprechen, sondern sicher auch, um das Uneindeutige zu thematisieren, um sich hier einer Antwort schuldig zu bleiben, die der Dichter eben nicht geben möchte. Vielleicht auch, um jedem Leser eine eigene Antwort zu erlauben und eben nicht autobiographisch, sondern einer Definition moderner Kunst als eine uneindeutige, gerecht zu werden, bzw. sich dieser zugehörig zu fühlen.
Dass es sich um ein modernes Gedicht handelt, beweisen neben Zeit und Ort des Entstehens, neben Hofmannsthals Biographie, seinem Leben als Mitglied des ''Jungen Wiens'' innerhalb der ''Wiener Moderne'', auch eine Untersuchung [], die ausgehend vom Merkmal der modernen Lyrik: ''vielfältige Deutbarkeit der Zeichen''(S.86), die subjektive Redundanz des WH mit 50,3% ermittelte, was noch 'moderner' als Durchschnittsredundanzwert moderner Gedichte (53,2%) ist. Diese vielfältige Deutbarkeit zeigt sich geradezu exemplarisch im Brunnenmotiv. Während früher der Brunnen für sich selbst stand, steht er hier in diesem modernen Gedicht als polyvalentes Symbol da. Dessen Uneindeutigkeit scheint durchaus in die moderne Strömung des Symbolismusses zu passen, zu welchem man den frühen Hofmannsthal rechnen kann, auch wenn er nicht allen Aspekten (z.B. dem ästhetischen Immoralismus) zustimmte.
So ist für den Symbolismus der Einsatz reiner Wortkunst , die alle rhythmischen und klanglichen Mittel einsetzt (Sprachmagie) typisch. Mit dieser kunstvollen Vieldeutigkeit soll weniger auf das intellektuelle Verstehen, als auf die suggestive Empfänglichkeit des Lesers gezielt werden, wobei die Symbole meist metaphorische Zeichen für die Analogie zwischen Subjekt und Objekt sein sollen, die eine autonome Welt der Schönheit erzeugen, welche symbolhaft die geheimnisvollen, magisch-mysthischen Zusammenhänge zwischen den Dingen, die hinter allem Sein liegende Idee, erkennbar machen sollen.
Unzweifelhaft trägt das WH also formal symbolistische Züge, inhaltlich scheint es aber eher hinsichtlich des psychologischen Impressionismusses zu tendieren. Dies deutet zum einen die im Folgenden untersuchte Psychologisierung des Brunnensymbols an, aber auch das letzte Kapitel in dem ich versuchen werde, eine Intention als einen Ausdruck des Individuums im WH nachzuweisen. Denn ein Streben nach - ja schon die Andeutung einer - Aussage ist anders als bloße Ästhetik, nicht auf sich selbst fixiert bzw. auf dekadente Weise als Kunst für Kunst gedacht, sondern subjektiver Ausdruck.
Psychologisierung des Brunnen:
Im folgenden werde ich auf ein Zitat aus dem Ad me ipsum Hofmannsthals aufbauen (vergl. S.360 oder S.223):
''Der ambivalente Zustand zwischen Praeexsitenz und Leben. Das zu-sich-selber kommen (zu der höchern Existenz zurückkommen) auf direktem Wege. Dies Grundmotiv deutlich im 'Traum von großer Magie'. ebenso: 'der tiefe Brunnen weiß es wohl' - wobei der tiefe Brunnen als das eigene Ich.''
Es wird hierzu ein von Michael Hamburger in [] S.26 aufgeworfener Aspekt der Psychologisierung des Brunnensymbols, indem es als 'eigenes Ich' ausgelegt wird, aufgenommen.
Dabei wird im Ad me ipsum ein autobiographischer Bezug für den Brunnen gefunden bzw. später von Hofmannsthal hinzugedeutet, der womöglich - in einer skeptischen Lesart des Ad me ipsums - nicht mit der Realität des Hofmannsthals zum Zeitpunkt der Gedichtentstehung übereinstimmt. So läßt sich das 'zu-sich-selber-kommen' als nicht unbedingt autobiographisch relativieren. Im übrigen kann man auf Grund der zeitlichen Differenz generell nur bedingt vom Ad me ipsum als einer Primärquelle sprechen.
Trotzdem lassen sich einige Argumente für eine Psychologisierung des Brunnen-Symbols anführen, die auch auf den frühen Hofmannsthal zugetroffen haben könnten. Schließlich muß ja auch nicht das eigene, biographische Ich Hofmannsthals im WH thematisiert sein, sondern kann der Brunnen ganz unautobiographisch auch die Anfänge der damals vieldiskutierten Psychologie symbolisieren und somit das Brunnensymbol noch geheimnisvoller erscheinen lassen, was die Uneindeutigkeit als Grundstimmung des Gedichtes, welche sich vom Titel bis zur letzten Strophe zieht, noch verstärken würde.
So hat Freud (ebenfalls Wiener) bereits 1890 in einem Aufsatz über 'Psychische Behandlung (Seelenbehandlung)' Psychosomatik thematisiert und die 'moderne Seelenbehandlung' umschrieben. Zum ersten Mal wird die Möglichkeit seelischer Erkrankung gesehen und eine realistische Heilungsperspektive für viele bis dahin nicht schlüssig erklärbare Symptome angeboten.
Sicherlich hat Hofmannsthal um diese Ergebnisse gewußt und sich auch Gedanken um Psychosomatik gemacht. Der Brunnen könnte unter diesem Aspekt ein Heilmittel sein, eine Möglichkeit, gesund zu werden, indem man sich in seine eigene Tiefe bückt und die seelische Symptomatik gleichauf mit der physischen (also die eigene Psychosomatik) erkennt. Im Text zeigt sich dann ja schließlich auch im Kontakt mit dem Brunnen, dass dieser etwas Gutes auslöst, der Mann ein Lied singt, durch das das Mädchen entrückt und zu einer Frau wird, die Liebe geben kann.
Also stünde das Erkennen der Psychosomatik als Lösungsansatz gegen das Nichtwissen, hinter dem Weltgeheimnis. In dieser psychologisierten Lesart könnte man also von einer neuen Behandlungsart, einem neuen Selbstverständnis des Menschen als ganzheitliches Wesen als Intention und Inhalt des WH sprechen.
Schon die 'Studien über Hysterie', die 1895 erschienen ganz zu schweigen von dem 1896 erstmals verwendetem Begriff 'Psychoanalyse' können allerdings Hofmannsthal nur schwerlich zum Zeitpunkt der Niederschrift des WH bekannt gewesen sein. Hier träfe der Begriff 'Präexistenz' also zu, wenn er sich weniger autobiographisch sondern ganz allgemein zeitgeschichtlich auf die Vorahnung der kommenden Entwicklung der Psychologie bezöge, in die Hofmannsthal, was sein Bücherbestand beweisen könnte, erst später nachweisbar 'einstieg'.
Die zweite Strophe fällt dadurch auf, dass sie von zwei Strophen eingerahmt ist, die mit: ''Der tiefe Brunnen weiß es wohl'' anfangen und auch zeitlich in deren zweitem und dritten Vers vom Präsenz in das Präteritum wechseln, während doch in der zweiten Strophe ausschließlich im Präsenz erzählt wird. Die obig schon erwähnte Antinomie der Tempi wird hier deutlich.
Durch die Wiederaufnahme des Brunnenthemas in der dritten Strophe wird der Aufgesang beendet und der Mittelteil begonnen. Die Strophe zwei bildet also sozusagen den Höhepunkt des Aufgesanges, was sich ebenfalls nicht nur wie oben formal sondern auch inhaltlich begründen läßt.
So wird ein Thema der ersten Strophe, der negative Aspekt: die Unwissenheit der heutigen Menschen im Gegensatz zur Allwissenheit (=dem Wissen um das WH) des Brunnens bzw. Urmenschens, - weitergeführt, verdeutlicht und auf den Punkt gebracht. Vom Positiven, das ja auf Grund der obig begründeten Bipolarität in ersten Strophe auch thematisiert wurde, ist erst im Mittelteil die Rede.
Die zweite Strophe verleiht dem Aufgesang also eine negative Tendenz: Wie Zauberworte wird das Wissen (um das WH) nur nachgelallt und unverstanden in die Welt gebracht.
Auffällig ist dabei der Begriff Zauberworte. Man kann zwar die ''Zauberworte'' was sich durch das ''Wie'' rechtfertigen läßt, mit dem WH gleichsetzen, muß aber auch eingestehen, dass das 'wie' auch einen distanzierenden Charakter hat; es kann statt dem gleichsetzenden 'genauso wie' ja auch ein nur näherndes 'ähnlich wie' gemeint sein.
Aspekt a) Dichterbild
Zum einen können Zauberworte durchaus von Zauberern ausgesprochen werden, womit der Schluß naheliegt, diesen Zauberer der Worte, als Dichter zu bezeichnen, als einzigen, der im Besitz des WH steht. Diese Deutung erinnert an das Dichterbild Stefan Georges, der für das (Zauber-) Wort des Dichters (Zauberers) eine intellektuell und gesellschaftlich elitäre Position vorsah. Wobei Hofmannsthal, als langjähriger Mitarbeiter der Blätter für die Kunst und als kurzzeitiger Freund mit George durchaus schon zur Niederschrift des WH in Kontakt stand und es schließlich auch in dessen Zeitschrift veröffentlichte.
Stefan Georges Dichterbild äußert sich dabei in ähnlich vielsagender Manier in seinem Gedicht ''Der Herr der Insel'', in dem sich (in einer Lesart des Gedichtes) der Dichter mit dem Herrn der Insel, einem riesigen Vogel vergleichen läßt, der allein auf seiner Insel lebt und für die ''Freunde des Gesangs'' zuweilen singt, um dann zu sterben, wenn die Menschen seine Insel entdecken/stürmen. Hier äußert sich der Wunsch, aus der Ferne bestaunt zu werden, fern aller menschlichen Nähe, elitär und allein auf einer Insel der Exklusivität.
Dies entspräche dem ästhetischen Symbolismus par excellence, ließe sich aber schwerlich auf das WH übertragen. Zwar ist der Brunnen ein ebenso vieldeutiges Symbol wie der Vogel, aber gar nicht in ästhetizistischer hinsicht. Der Brunnen will keineswegs angeschaut werden, vielmehr soll man sich in ihn bücken, wie es der Mann , der ''begriff es und verlor es dann'', tut. Der Brunnen initiiert dann Handlung (der Mann singt) und ist nicht nur bloßer (schöner) Selbstzweck, wie das Singen des Vogels, also weniger ein symbolistisches als ein impressionistisches Symbol.
Aspekt b) Wortmagie
Andererseits ist es auch möglich, das ''Wie Zauberworte'' als Erläuterung des Weltgeheimnisses, für den Leser zu verstehen, als Erklärung der Unvorstellbarkeit, des Unaussprechlichen. Also das Zauberwort als Mysthikum - auch im symbolistischen Sinne, als Geheimnis, das man nur unvollkommen ''nachlallen'' kann. - Eine Art Magie also, etwas Göttliches, Unerreichbares: Wortmagie, die der Mann 'begreift' und das Kind entrückt. Bei Betrachtung des Mannes, erscheint mir dieser unzweifelhaft als Dichter, was zum Aspekt a) korrespondiert. Wie beim Herrn der Insel, zeichnet sich die (vom WH empfangene) Gabe des Mannes (bei George hat der Vogel diese Gabe) als ein Lied ab (''sang ein Lied''), wobei das Lied als Metapher für Dichtung verstanden werden kann, was sich auch durch ihre wesentliche Gemeinsamkeit, die Wortkunst stützt.
Allerdings - und diese Einschränkung scheint in Bezug auf das Dichterbild Georges wichtigt - verliert der Mann das Weltgeheimnis wieder (''verlor es dann''), was darauf hinweist, dass das Weltgeheimnis also in dieser Lesart eine Form der Sprachmagie, die man erwerben und auch wieder verlieren kann darstellt, die einmal erworben nicht für immer reicht, sondern lebendig ist und stetig neu erworben werden will (dazu korrespondiert der Begriff Leben bei Karl Pestalozzi), was dem Dichter seinerseits viel Mühe, viel 'Bücken in den Brunnen' abverlangt, also weit demütiger und pragmatischer scheint, als der einsame, selbstgerechtere 'Paradiesvogel' Georges, zumal nicht zuletzt das WH ja auch etwas bewirkt, die Liebe.
Die Kadenz aus Vers 15 wird in Vers 16 wiederverwand und macht diesen so nicht mehr zu einer Waise, bewirkt aber auch keinen formalen Bruch, sondern verleiht diesen Versen bzw. ihrer Aussage besonderes Gewicht und scheint sie - wie auch ihre beiden Strophen - formal und auch inhaltlich zu verknüpfen.
Dies verstärkt, dass der Ausdruck ''wie Liebe'' in beiden Versen vorkommt. Auch der Gedankenstrich vor ''wunderbar wie'' - welcher übrigens mit jenem Am Ende des Verses 16 nicht zufällig der einzige im ganzen Gedicht ist - zieht Aufmerksamkeit auf diese Stelle. Dass es sich hier um eine Alliteration handelt, deute ich ebenfalls dahingehend.
Klanglich fallen ebenfalls die vier 'e's auf, die auf die ersten vier Jambussenkungen des Verses 16 fallen, sowie das ''Liebe tiefe'', wo sich ein 'ie' auf den Hebungen wiederholt (man könnte auch noch das 'wie' und das 'gibt' anführen). Wir haben es hier also mit einer Reihung (Häufung) von Assonanzen in Vers 16 zu tun.
Diese Häufung der Kunstmittel weißt auf den Symbolismus hin (s.o.) und deutet eine besondere Mühe, etwas transportieren zu wollen, seitens des Erzählers an. Ja man könnte in diesen Versen vom rhetorischen Höhepunkt des Gedichtes sprechen.
Es geht um ein Kind, das auf einen dunklen Spiegel gebückt, entrückt wird und ohne etwas ''von sich selbst'' (Vers 13) zu wissen, ''wie Liebe gibt''. Diese Liebe verleitet ihren Empfänger dazu, ''an Dinge dumpf geahnt'' (Vers 17) zu werden.
Hier bietet die Liebe einen Hinweis auf das WH, das vorher als 'es' unbestimmbar blieb, dann aber im Kontakt mit einem Kind zu bzw. wie Liebe wird. Dies brächte auch einen Ad me ipsum-kritischen Leser dazu, einen Menschen, oder besser noch, das Innere eines Menschen, das eigene Ich, im Brunnen sehen zu können, da Liebe als ein menschliches Gefühl, ausschließlich im Inneren vor sich geht und auch im Gedicht von einem Menschen gelebt wird. Das Geheimnis (es, der Brunnen) scheint hier seine Erklärung, seine Auflösung durch die (annähernd vollständige) Kongruenz von Brunnen und Liebe zu finden.
Zwar ließen sich skeptische Tendenzen im Mittelteil am ''dunklen Spiegel'' festmachen, zumal fraglich ist, ob ein dunkles Spiegelbild, noch dem entspricht, das es spiegelt. Da dieses Motiv jedoch nicht weiter ausgeführt oder bewertet wird, rechne ich es zur Unbestimmbarkeit des Brunnenmotivs hinzu, das sich einfach nicht näher einkreisen läßt und bei jedem Menschen ein anderes Bild hinterläßt, nie aber das unreflektierte, wahre Bild, sondern immer nur ein Abbild, eine Ahnung der Warheit.
Ganz klar positiv wertend wird der Mittelteil durch das ''wunderbar'' und die ''tiefe Kunde'', die das Mädchen gibt, geprägt. Diese beiden Ausdrücke zeigen an, dass die Liebe alles positiviert, dass sie tief ist (wie der Brunnen) und stumm (wie der Brunnen) allein durch Küsse mahnen kann (wie der Brunnen entrücken, verändern kann). Dies rechtfertigt auch die obig konstatierte These der Kongruenz der Motive Brunnen und Liebe. Was also die Liebe gedichtintern auch mit dem WH gleichsetzt und so die bisher nachvollziehbarste Deutung des WH darstellt.
Auch wenn bisher noch kaum auf den sprachkritischen Aspekt des Gedichtes eingegangen, sondern zu verschiedenen, jeweils zu einer bestimmten Gegenbebenheit am schlüssigsten scheinenden Lesart tendiert wurde, möchte ich in diesem abschließenden Kapitel, alles Vorige relativieren und eine einheitliche Lesart präsentieren, die es ermöglichen soll, den sprachkritischen Aspekt im WH nachvollziehbar zu machen.
Dabei ist Sprachkritik schon allein das Reden über Sprache, Metasprache, Kommunikation mit der Kommunikation, aber im engeren Sinne auch das Aufzeigen und Diskutieren der Kompetenzen und Grenzen der Sprache
Im WH kommt dazu dem Brunnen, der - ganz das rätselhafte Symbol, als das er auch zu Anfangs erschien - schon in mehrere mögliche Deutungen gebracht wurde, eine besondere Bedeutung zu, da er als Leitmotiv allen Theorien gegenüber der Prüfstein ist. Ob Urmensch, inneres Selbst, Beginn der Psychologie oder gar Liebe, alle Deutungen scheinen mir schlüssig, die der Liebe - wie schon erwähnt - am schlüssigsten und lassen sich am Brunnen nachvollziehen.
G. Kaiser meint, 'der Brunnen bewahre nicht Worte sondern das WH, und zwar in seiner Stummheit; solange sie stumm wie der Brunnen wären, wüßten sie drum, seit aber Sprache herrsche, sei das Geheimnis verschlossen'. Dies zeigt bereits schlüssig, (auch wenn auf Grund des Platzmangels für eine ausführliche Interpretation seitens Kaisers, wenig differenziert) Sprachkritik am Brunnen. Hierbei erscheint das Nichtsprechen als Schlüssel zum WH, was ansätzlich an Hofmannsthals Chandos-Brief erinnert, wo die Sprache als unvollständig, die 'Nichtsprache' (Sprache des Herzens) als vollständiger empfunden wird.
Im Einzelnen zeigt sich Kritik schon in der ersten Strophe anhand des anklingenden Menschheitsskeptizismusses (s.o.), was sich jedoch noch nicht zu Sprachkritik konkretisiert. Diese offenbart sich zunächst im Ausdruck 'Zauberworte', der das Gegenteil von Sprachskepsis darstellt, also eine Allmacht der Worte, die sogar Zauber vollbringen können, was Kaisers Auslegung entgegenstünde. Sprachpositivistisch erscheint auch das Lied des Mannes, das das Mädchen entrückt und Liebe geben, also die Pragmatik der Sprache gut wirken läßt.
Gegen Kaisers Darlegung der Sprachverneinung im WH steht zunächst auch die ''tiefe Kunde'', die das Weib wie Liebe gibt, weil dies einen Bezug auf Worte und Sprache andeutet: etwas Kundgeben, Kundtun, ausdrücken, sagen. - Dies hieße hier, dass die Frau das WH (auch) durch ihre Worte gibt. Für seine Auslegung spricht dann aber, dass die Küsse nicht aber die Worte an die Dinge mahnen und dass man auch ohne zu sprechen (eben durch Küsse) etwas kundtun kann.
Hier klingt aber auch an, was im viel später geschriebenen Chandos-Brief deutlicher hervorkommen wird: Der Bezug zwischen Ding und Wort, Sprache und Bezeichnetem, der den Kern der sogenannten Chandos-Krise bezeichnet, die eben in deren Diskrepanz besteht, also eine Unüberwindbarkeit der Unfähigkeit des Dichters darstellt, mit Worten das zu bezeichnen, zu treffen, das als Ding in der Welt existiert.
Dass im WH an Dinge dumpf geahnt wird, kann man zwar treu nach dem Ad me ipsum Hofmannsthals als präexistenziellen Hinweis auf die Chandos-Krise deuten, indem die Dinge hier als fremdartig und fern erscheinen, wie in dieser Krise, man sollte darüberhinaus aber nicht vergessen, dass es sich hier auch um einen Bezug auf das WH handelt, das in seinen Ausläufern, nur noch dumpf geahnt werden kann (also auch so schon sprachskeptisch erscheint) und sich auch hier nicht ausschließlich auf Hofmannsthals Aussagen verlassen.
So spricht sich Gotthart Wunberg in [], VII für eine weniger Ad me ipsum-treue Auslegung aus. Nach ihm zeigt sich eine sorgfältige Selektion Hofmannsthals in Ad me ipsum: Hofmannsthal habe ''zum Teil [...] solche Gedichte, in denen von der Unzulänglichkeit der Sprache die Rede ist, überhaupt nicht veröffentlicht'' (S.120), teils seinem Publikum, teils aber auch des in Ad me ipsum formulierten Bruches von Präexistenz und Existenz zu liebe. Da Wunberg dies durch diverse frühe Zitate aus Hofmannsthals Lyrik und Leben, die oftmals dem Nachlaß entnommen wurden, stützen kann, möchte ich ihm diesbezüglich zustimmen. Er unterstreicht hier deutlich, dass bereits der frühe, skeptische Hofmannsthal keineswegs in einem präexistenziellen Zustand lebte, sondern durchaus mehr als nur bloße gesehen haben kann.
Deshalb möchte ich daran anknüpfend im Text anhand folgender Untersuchung diese bewußte Sprachkritik aufzeigen. Im einleitenden Vers des Abgesanges (''In unseren Worten liegt es drin'' ) erschließt sich dabei ein deutlicher Hinweis auf Metasprache bzw. das Reden über Sprache.
Die Verse 19-21 fehlen in einem Entwurf vom 1.1.1894 völlig, wurden also erst später vor der Veröffentlichung hinzugefügt. Ebenfalls ist zu bemerken, dass sich in diesem Vers im Possesivpronomen 'unseren' der einzige Daktylus-Versfuß des Gedichtes befindet.
Dies deutet darauf hin, dass es sich hier um einen jüngeren, für den Dichter sehr dringenden Einfluß in das Gedicht handelt. Frei gedeutet, würde ich auf eine geradezu plötzliche Erkenntnis, darüber, dass 'es' (das Weltgeheimnis) in unseren Worten drinliegt, tippen, die Hofmannsthal da hat umzusetzen versucht, wobei das 'unseren' zumal es durch die metrische Unregelmäßigkeit (s.o.) betont wird, dem Vers geradezu einen Apellcharakter verleiht und Hofmannsthals Drängen Ausdruck verleiht. Was nicht zuletzt auch dafür spricht dass das Gedicht eher zum Impressionismus als zum Symbolismus tendiert (s.o.).
Er drängt dabei 'uns' (bezieht sich auf 'unseren', korrespondiert zu 'alle') dazu, den tiefen Brunnen zu erkennen, das Weltgeheimnis aufzulösen und die Worte zu Zauberworten werden zu lassen, die Wichtigkeit des Wortes zu erkennen und verstärkt hier das, was das Weltgeheimnis wie Liebe durch des Weibes Küsse ausgelöst wird: tief gemahnt zu werden. Das Weltgeheimnis thematisiert sich hier sozusagen selber und mahnt den Leser, es selbst nicht außer Acht zu lassen.
Dieser Mahnung wird dann der Edelstein, der heute von des Bettlers Fuß als Kies getreten wird, entgegengesetzt und von ihm gestützt. Auch die Aufnahme des Leitmotivs in der Folgestrophe mahnt; aber es resümiert das Gedicht auch und läßt ganz in diesem Apellcharakter ein Ende in Form einer Auflösung, offen, läßt das WH als Traum im Kreis herumzucken, als eine Möglichkeit, als einen Zugang zum Ich, zum Weltgeheimnis, als eine positive Schlußtendenz der Hoffnung, aus der Resignation über den Verlust des Wissens um das WH geboren.
Abschließend zeigt sich also die Sprachkritik im WH weder negativierend noch sprachpositivistisch, sondern recht ambivalent. Sicher wird das Nichtsprechen und das Erkennen des tiefen Brunnens in uns selbst, der eben stumm ist, thematisiert. Andererseits weisen die 'Zauberworte' und die Aussage, dass 'es in unseren Worten drinliegt' auf eine ungeahnte Möglichkeit der Sprache hin. Ob hiermit eine Sprache des Herzens gemeint sein kann, bleibt unklar. Zumindest wird die Relevanz der Sprache nicht völlig negiert, sondern in einem Spannungsfeld von Zu- und Mißtrauen reflektiert und der Sprachmagie gegenübergestellt. Denn wie im Chandos-Brief brilliert hier Hofmannsthal durch absolute Perfektion der sprachlichen Ausdrucksmittel und schafft es auch so, dass man ihm Sprachnegation nicht vorwerfen mag.