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Michael Essers, Thomas Gerlinger, Markus Herrmann, Lioba Hinricher, Uwe Lenhardt, Andreas Seidler, Michael Simon und Klaus Stegmüller. (Hrsg.) ISBN:
3-88619-819-7 Inhaltsverzeichnis:
Editorial,
S. 4
Klaus-Peter
Kühl und Rainer Hellweg: Demenzen - Pathologie, Diagnostik,
Therapieansätze, S. 9 Michael
Pentzek und Heinz-Harald Abholz: Das Übersehen von Demenzen in der
Hausarztpraxis - Der Stand der Forschung zu möglichen Einflussfaktoren, S.
22 Andreas
Seidler: Können
psychosoziale Faktoren vor der späteren Entwicklung einer Demenzerkrankung schützen?,
S. 40 Helga
Schneider-Schelte und Hans-Jürgen Freter: Herausforderung Demenz -
Die Sicht einer Selbsthilfeorganisation, S. 49 Jan
Wojnar: Lebensqualität
Demenzkranker und betreuender Angehöriger,
S. 65 Gerd
Glaeske: Vergessen
wir die Demenz nicht!
Patientenversorgung in Zeiten des demographischen Wandels, S. 83 Klaus Priester: Pflegeversicherung und Demenz - Probleme, Handlungsbedarf und Gestaltungsoptionen, S. 102 Maik
H.-J. Winter: Qualifikationsprofile
und -anforderungen im Rahmen der professionellen pflegerischen Versorgung
demenziell Erkrankter,
S. 120 Über
die AutorInnen Editorial
im Volltext: Demenzerkrankungen
sind kein Randphänomen: Demenzen zählen zu den häufigsten und hinsichtlich
der Einbußen an Lebensqualität und der gesundheitsökonomischen Konsequenzen
wohl folgenschwersten psychischen Leiden im Alter. Bei geschätzten jährlichen
Neuerkrankungen von rund 200.000 leiden in Deutschland deutlich mehr als 1
Million Menschen an mittelschwer und schwer ausgeprägten Demenzerkrankungen --
Tendenz demografiebedingt steigend. Es ist davon auszugehen, dass in den
westlichen Industrieländern etwa 6 bis 8% der Bevölkerung von 65 und mehr
Jahren davon betroffen sind. Demenzerkrankungen können in vielen
Industrienationen als inzwischen vierthäufigste Todesursache gelten. Unter dem
Demenzsyndrom werden eine Vielzahl von Erkrankungen zusammengefasst -- etwa 55
an der Zahl. Allen Unterformen der Demenz ist gemeinsam, dass sie zu einem
Verlust der Geistes- und Verstandesfähigkeit führen, deren letztendliche
Ursachen ebenso vielfältig wie bislang noch weitgehend unbekannt sind. An die
Diagnose, Therapie, Versorgung und Betreuung demenziell Erkrankter sind
besondere qualitative und organisatorisch-strukturelle Anforderungen gestellt,
die sich aus der Erkrankung selbst, der Entwicklung der im wesentlichen
demografiebedingten Prävalenz, der im Vergleich zu anderen chronischen
Erkrankungen weitaus dringlicheren Vernetzung und Verknüpfung von Versorgungs-
und vor allem Betreuungsstrukturen sowie deren fachliche Unterstützung unter
Einbindung der Angehörigen, und nicht zuletzt aus dem Umfeld der Patientinnen
und Patienten selbst ergeben.
Der einleitende
Beitrag von Klaus-Peter Kühl und Rainer Hellweg gibt einen Überblick
über den aktuellen pathologischen, diagnostischen und therapeutischen Stand zum
Thema Demenzen. Die Autoren konstatieren ein inzwischen starkes Interesse an der
Diagnostik der Demenzen und sehen eine besondere Herausforderung in deren Früherkennung
bzw. deren potentielle Vorformen. Das diagnostische Vorgehen umfasst mit der
Diagnose des Demenzsyndroms und einer Differentialdiagnose der zu Grunde
liegenden Erkrankung zwei Schritte. Nach ICD-10 ist das Demenzsyndrom
charakterisiert durch Störungen in mehreren kognitiven Bereichen, die in der
Regel das Gedächtnis und Denkvermögen betreffen und bei klarem Bewusstsein
vorhanden sind. Diese Störungen müssen die Alltagsbewältigung nachhaltig
beeinträchtigen, mit einer Veränderung von Verhalten und Emotionen einhergehen
und länger als sechs Monate anhalten. Wird durch Anamnese, Fremdanamnese und
die Ergebnisse von standardisierten Untersuchungsverfahren (Demenz-Screeningtests,
neuropsychologische Testung, Skalen zur Erfassung nicht-kognitiver
Krankheitssymptome) ein Demenzsyndrom bestätigt, so werden zur Klärung der zu
Grunde liegenden Ursachen ein körperlich neurologischer Befund erhoben,
Laboruntersuchungen (Analysen von Blut, Urin, Liquor) durchgeführt und
apparative Diagnoseverfahren (z.B. MRT, EEG) eingesetzt. Im Beitrag werden die
wichtigsten Demenzursachen bzw. Demenzformen systematisiert und vorgestellt. Ein
anhaltendes Problem sehen die Autoren jedoch darin, dass kausale Therapien, die
den zu Grunde liegenden Krankheitsprozess stoppen, für die meisten Demenzen
fehlen. Aktuell eingesetzte Antidementiva basieren auf dem Prinzip, die gestörte
Neurotransmission des Gehirns zu verbessern, und können somit den
Krankheitsprozess nicht stoppen, aber für eine gewisse Zeit aufhalten. Als
Mittel der Wahl gelten insbesondere die Azetylcholinesterasehemmer, die das bei
Alzheimer-Patienten bekannte cholinerge Defizit symptomatisch bessern können.
Die Gabe von Antidementiva sollte -- so die Forderung der Autoren -- stets Teil
eines therapeutischen Gesamtkonzepts sein, das weitere psycho- und
soziotherapeutische Angebote sowohl für die Betroffenen als auch für deren
Angehörige bzw. sonstige Betreuungspersonen beinhalten muss. Zweifellos
hat die frühe Erkennung demenzieller Abbauprozesse Vorteile für die Patienten,
deren Angehörige, die behandelnden Ärzte und langfristig auch für die
Gesellschaft. Michael Pentzek und Harald Abholz unterstreichen in
ihrem Beitrag, dass insbesondere die Hausärzte aufgrund der hohen
Konsultationsrate älterer Patienten in einer guten Situation sind, Frühsymptome
rechtzeitig festzustellen und darauf zu reagieren. Doch die Studienlage
attestiert ihnen ein eher schlechtes Bild in der Erkennung früher
Demenzstadien. Die Gründe dafür sehen die Autoren zum einen in
krankheitsimmanenten Faktoren und in Einflüssen der Angehörigen, die einer Früherkennung
im Wege stehen. In der Literatur liegt der Schwerpunkt aber auf Seiten der Hausärzte,
bei denen wahrscheinlich ein komplexes Bedingungsgefüge zum »Übersehen« von
Demenzen führt. Im Beitrag wird der Nutzen der Früherkennung aus mehreren
Perspektiven dargestellt und auf die einzelnen Faktoren, die eine mehr oder
weniger effektive Früherkennung durch Hausärzte bedingen, eingegangen. Andreas
Seidler geht
in seinem Beitrag der Frage nach, ob psychosoziale Faktoren vor der späteren
Entwicklung einer Demenzerkrankung schützen können. Diese Fragestellung
gewinnt unter präventiven Aspekten insofern eine besondere Bedeutung, als
mehrere neuere Studien bei Personen mit niedrigem Bildungsstand und bei Personen
mit einem gering ausgeprägten psychosozialen Netzwerk ein erhöhtes Risiko
gefunden haben, an einer Demenz zu erkranken. Der Betrag fasst die bisherige
epidemiologische Evidenz zusammen und stellt die diesbezüglichen Ergebnisse
einer eigenen Fall-Kontroll-Studie vor. Im Ergebnis der eigenen
epidemiologischen Studie lässt sich der Zusammenhang zwischen einem gering
ausgeprägten psychosozialen Netzwerk und einer Demenzerkrankung bestätigen.
Erstmalig werden in der vorgestellten eigenen Fall-Kontroll-Studie darüber
hinaus auch psychosoziale Arbeitsbedingungen auf ihren Zusammenhang mit einer
Demenzerkrankung untersucht. Im Ergebnis entwickeln sich Demenzerkrankungen
seltener bei Beschäftigten mit als abwechslungsreich und interessant
empfundenen Tätigkeiten sowie bei Beschäftigten mit hohen Einflussmöglichkeiten
auf ihre Tätigkeit. Auch Personen, die früher Tätigkeiten mit hohen sozialen
Anforderungen ausgeübt haben, weisen signifikant seltener die Diagnose einer
Demenzerkrankung auf. Zusammenfassend kommt dem psychosozialen Netzwerk ebenso
wie abwechslungsreichen, selbstbestimmten Arbeitsbedingungen möglicherweise ein
präventives Potential im Hinblick auf die Entstehung von Demenzerkrankungen zu.
Umgekehrt könnte eine hohe Arbeitslosenzahl in Verbindung mit dem Abbau
sozialer Leistungen den zukünftigen Anstieg der Zahl von Demenzerkrankungen
beschleunigen. Trotz
zunehmender Fortschritte ist die Versorgung Demenzkranker keineswegs
zufriedenstellend und die Angehörigen klagen über fehlende Unterstützung --
so ließe sich die zusammenfassende Bewertung des Beitrages von Helga
Schneider-Schelte und Hans-Jürgen Freter auf eine Kurzformel
bringen. Die AutorInnen werfen aus Sicht der Deutschen Alzheimer Gesellschaft
einen Blick auf die »Herausforderung Demenz«. Ihre Befunde stützen sich auf
Auswertungen des »Alzheimer-Telefons«, das von der Deutsche Alzheimer
Gesellschaft, dem Bundesverband der Alzheimer Gesellschaften in Deutschland,
getragen wird. Auf dieses ist seit ca. zwei Jahren geschaltete Telefon gehen jährlich
mehr als 6.000 Anrufe von pflegenden Angehörigen, Betroffenen und beruflich und
ehrenamtlich Engagierten ein. Die Gespräche werden dokumentiert und
ausgewertet. Vor diesem Erfahrungshintergrund werden im Beitrags eine Reihe von
Themen, die häufig als Anlass für die Beratung genannt werden, wie z.B.
Schwierigkeiten im Umgang mit dem Erkrankten, Diagnostik, Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten
angesprochen und diskutiert. Diese und andere Erfahrungen aus dem Kontext der
Selbsthilfeorganisationen münden ein in einen Vorschlag für ein abgestuftes
Versorgungssystem, das den Bedürfnissen der Kranken in unterschiedlichen
Krankheitsphasen und Lebenslagen gerecht zu werden beabsichtigt.
Angesichts
der Tatsache, dass rund ein Drittel der Demenzerkrankten zuhause betreut werden,
kommt den Angehörigen bei der Gestaltung der Lebensqualität der ihnen
Anvertrauten eine kaum zu unterschätzende Bedeutung zu -- und vice versa. Während
sich die Fachliteratur ausführlich mit den Auswirkungen der Betreuung von
Demenzkranken auf die psychische und körperliche Gesundheit der pflegenden
Angehörigen beschäftigt, werden die Folgewirkungen der Pflege auf die Kranken
dagegen weitgehend vernachlässigt, obwohl -- so die Ausgangshypothese des
Beitrages von Jan Wojnar -- höchstwahrscheinlich hier die wesentlichsten
Ursachen für die eingeschränkte Lebensqualität der Demenzkranken zu suchen
sind. Trotz intensiver Forschungen ist es bislang weder gelungen, Lebensqualität
eindeutig zu definieren und entsprechende Messinstrumente zu entwickeln, noch
fundierte Erkenntnisse über den Einfluss der Umgebung auf das Verhalten und die
Lebensqualität der Demenzkranken zu gewinnen. Der Autor plädiert in seinem
Beitrag für einen Umgang mit den Demenzerkrankten, bei dem deren
Verhaltensweisen nicht als -- zumeist medikamentös -- zu behandelnde
Verhaltensstörungen interpretiert, sondern ein Milieu geschaffen wird, das
ihren Fähigkeiten und Defiziten angepasst ist, »primitive« Verhaltensmuster
akzeptiert, adäquate pflegerische Maßnahmen durchzuführen weiß und kreativ
mit überraschenden Reaktionen umgehen kann. Der
demografische Wandel und der medizinisch-technische respektive therapeutische
Fortschritt werden in der gesundheitspolitischen Debatte allenthalben als die
entscheidenden „Sprengsätze“ für die Zukunftsfähigkeit der Gesetzlichen
Krankenversicherung angeführt. Als eine kaum hinterfragte Setzung kann dabei
gelten, dass insbesondere die Behandlungskosten der Alterskrankheiten scheinbar
linear mit dem Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft steigen. Immer
deutlicher werden auf dieser Annahme basierende Überlegungen zur Rationierung
in der medizinischen und betreuerischen Versorgung artikuliert. Gerd
Glaeske
plädiert in seinem Beitrag dagegen für eine differenzierte Betrachtung der mit
dem Alterungsprozess verbundenen künftigen finanziellen Belastungen des
Versorgungssystems; was im Hinblick auf einen kostenseitigen Mehraufwand für
die Demenzerkrankungen gelten mag, ist nicht auch grundsätzlich zutreffend auf
den demografischen Wandel und die Morbiditätsbelastung insgesamt. Zahlreiche
systemische Fehlanreize, das gleichzeitige Nebeneinander von Über-, Unter- und
Fehlversorgung bei der Demenzbehandlung im Speziellen -- und hier insbesondere
im Bereich der medikamentösen Therapie -- wie bei weiteren Altererkrankungen im
Allgemeinen, verweisen auf eine Dringlichkeit, die Qualität und Struktur der
Versorgung von älteren Menschen einer grundlegenden Revision zu unterziehen.
Eine Umschichtung von solchen Ressourcen, die bei der Erschließung von
Rationalisierungspotentialen bei nicht-altersabhängigen Krankheiten frei
werden, könnte das vermeintlich übermächtige Finanzierungsargument entzaubern
und den Freiraum dafür bieten, die Versorgungs- und weniger die
Finanzierungsprobleme ins Blickfeld zu nehmen.
Klaus Priester befasst
sich mit den zu erwartenden Auswirkungen des demographischen Wandels auf die
Verbreitung von Demenzerkrankungen. Er bekräftigt die These, dass in den
kommenden Jahrzehnten mit einer starken Zunahme zu rechnen ist. Vor diesem
Hintergrund macht er auf ein zweifaches Problem aufmerksam: zum einen erweisen
sich die Leistungen der Pflegeversicherung für Demente, auch wenn in der jüngeren
Vergangenheit einige Verbesserungen erreicht worden sind, als unzureichend; zum
anderen ist eine umfassende Modernisierung der gesamten Pflegeinfrastruktur
erforderlich, wenn die steigende Zahl Demenzkranker eine angemessene
pflegerische Versorgung erhalten soll. Der
Beitrag von Maik Winter widmet sich vor dem Hintergrund der im
vorangegangenen Beitrag konstatierten deutlichen Zunahme von Versorgungs- und
Betreuungsaufgaben der Qualifikationssituation in der professionellen Pflege und
geht der Frage nach, inwieweit die vorhandenen qualifikatorischen Kapazitäten
quantitativ sowie qualitativ diesem wachsenden pflegefachlichen Bedarf bei der
Versorgung demenziell Erkrankter gerecht werden. Im Anschluss an eine kritische
Auseinandersetzung mit dem Nachwuchsmangel in den Pflegeberufen und einer
Analyse der aktuellen Personalsituation in der stationären Altenpflege sowie in
ambulanten Pflegediensten diskutiert der Autor die Qualifizierungspraxis in der
Altenpflege vor und nach Einführung des neuen Ausbildungsgesetzes in der
Altenpflege. Die Analyse der Aufgabenverteilungen und Verhaltensunterschiede bei
professionell Pflegenden mit verschiedenen Qualifikationsprofilen stehen im
Zentrum des Beitrages. Abschließend werden aktuelle pflegepädagogische Überlegungen
zu zentralen Kompetenzanforderungen an die beruflichen Pflege demenziell
Erkrankter beschrieben und darauf bezogene Entwicklungserfordernisse aufgezeigt. aktualisiert am 10. Juni 2004 |