Mein Weg nach „68“
Obwohl mir das Etikett des Achtundsechzigers immer wieder angehängt wird, bin ich keiner: Als Jahrgang 34 war ich 1968 bereits kein Student mehr, vielmehr bereits Assistent im Fachbereich Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Wir waren damals ganze drei Assistenten des gesamten Lehrkörpers der FU, die sich – von einigen wenigen sympathisierenden Professoren abgesehen - mit der Sache der politisierten Studentenschaft solidarisierten und darum von der Springer-Presse häufig als geheime Drahtzieher ausgemacht wurden: Johannes Agnoli, Klaus Meschkat und ich. Es ist kein Zufall, daß keiner von uns später auf die Abwege der pseudo-revolutionären Sektiererei geriet und wir darum, im Unterschied zu vielen aktivistischen Jüngeren, keine Renegaten wurden, die sich heute ihrer Vergangenheit schämen und das als Kritiker von 68 lauthals kompensieren; manche haben in dieser Rolle eine intellektuell bescheidene publizistische Identität gefunden. Mein 68 ist das Jahr 1965, oder noch weiter zurück das Jahr 1963. Und das kam so:
Von 1960 bis 1963 war ich als Fulbright-Stipendiat in den USA. Es waren die als elektrisierend und von meinen Kommilitonen als eine neue Epoche empfundenen Jahre der Präsidentschaft John F. Kennedys. Auch der vorangegangene Erfolg der idealistischen Freedom Riders gegen den südstaatlichen Rassismus lag noch in der Luft. Martin Luther King krönte diesen Aufbruch mit dem gewaltigen „Marsch auf Washington“ im August 1963 und dem Ruf: I have dream! An den prestigeträchtigen Universitäten Harvard, Yale und Columbia lernte ich den aufrechten akademischen Gang: Die Zimmer auch noch der berühmtesten Professoren standen buchstäblich offen, auch als unbekannter junger Deutscher konnte ich ohne Anzuklopfen eintreten und meine Fragen stellen; im Faculty Club war man als ihr gleichberechtigter Junior-Kollege willkommen, sie selbst scheuten sich nicht, in der Tagespresse Meinungskolumnen zu schreiben oder auch selbst als Berater in die Politik zu gehen – eine Wand zwischen Universität und Gesellschaft wie in Deutschland schien nicht zu existieren. Als ich im Herbst 1963 nach Berlin an die FU zurückkehrte, trugen die Assistenten noch die Einkaufstaschen ihrer Professoren-Gattinnen und hatten in Hab-Acht-Stellung zum Rapport bereitzustehen. Vor Ablauf meiner dreimonatigen Probezeit war ich gekündigt („Sie sind in Amerika verdorben worden“).
1964 versuchte die kleine Bezirkszeitung „Spandauer Volksblatt“ mit Unterstützung von Intellektuellen wie Günther Grass ein Zeichen gegen das Springer-Monopol zu setzen und zu einer berliner Zeitung zu werden. Ich meldete mich und bekam sogleich eine wöchentliche Kolumne. Dort schrieb ich über amerikanische Politik, viel Kritisches über Vietnam, aber auch über Innenpolitisches. 1965 jährte sich der 9. Mai 1945 zum zwanzigsten Mal. Der FU-Beauftragte für politische Bildung lud den politisch streitbaren Philosophen Karl Jaspers zum Festvortrag ein – aber als der Rektor von dieser „Eigenmächtigkeit“ erfuhr, wollte er ihn wieder ausladen lassen (Jaspers sagte glücklicherweise aus Krankheitsgründen ab) und bekräftigte gleichzeitig ein älteres Redeverbot für den bekannten Publizisten Erich Kuby, weil der früher einmal Kritisches über die FU gesagt hatte. Die vom AStA und ihrem Parlament vertretenen Studenten waren empört aber ohnmächtig. Einige von ihnen kannte ich aus meinen Seminaren. Ich erzählte ihnen von den amerikanischen Protest- und Demonstrationstechniken, die ich selbst miterlebt hatte: Zum Beispiel Picketting, das Tragen großer beschriebener Pappschilder, Sandwitch Men, vor öffentlichkeitswirksamen Orten wie dem Rektorat. Das taten sie dann auch: Die westberliner Presse, die so etwas wie diese von mir sozusagen angezettelten Studentenproteste noch nie gesehen hatte, war, natürlich ohne auf die Sache einzugehen, empört über die Unruhestifter – während ich wiederum meine wöchentliche Kolumne benutzte, um über die Verteidigung der Rede- und Meinungsfreiheit an der FU zu schreiben, einschließlich der Hintergründe aus dem Rektorat. Der Rektor fand das gar nicht lustig und nutzte die Gelegenheit, meinen gerade zur Verlängerung anstehenden Assistentenvertrag nicht zu unterschreiben. Wegen des „gestörten Vertrauensverhältnisses“ flog ich aus der Uni.
Das aber war Öl ins Feuer gegossen: Aus dem Kuby-Jaspers-Skandal war der „Fall Krippendorff“ geworden, der die Freie Universität und bald darauf auch die bundesrepublikanische Öffentlichkeit dieses ganze Sommersemester 1965 beschäftigte: Studentische Vollversammlungen, bestreikte Seminare, plakatierte Erklärungen des Akademischen Senats, plakatierte Resolutionen des Studentenparlaments, Flugblätter von allen Seiten, Professoren, die sich gegenseitig in nicht gerade feinen Worten beschimpften, lange Artikel und Gegendarstellungen in der ZEIT, der FAZ, von der Springer-Stimme des empörten Volkes ganz zu schweigen. Die FU hatte damals etwa 10.000 Studierende – ein schwer zu ignorierendes Solidaritätspotential - und am Ende mußte der Rektor nachgeben: Er besorgte mir ein Habilitationsstipendium, damit ich mich mehr meiner wissenschaftlichen Arbeit widmen könne und nicht „auf Nebeneinnahmen angewiesen“ sei. Das Sommersemester 1965 war die eigentliche Geburtsstunde der Studentenbewegung von 1968. Von jetzt ab war Unruhe angesagt, die Politisierung war nicht mehr aufzuhalten und wartete nur auf weitere Anlässe, sich zu artikulieren. Und diese lagen buchstäblich auf der Straße.
Mit dem „Bewegungsgepäck“ von 1965 und befreit von Lehre und Assistentenpflichten ging ich ins Jahr 1966/67. Zur „Ruhe des wissenschaftlichen Arbeitens“ sollte es nicht mehr recht kommen. Meine im Juli 1968 abgeschlossene Habilitationsarbeit über amerikanische Außenpolitik entstand in den Pausen und unter der Hochspannung nunmehr in Bewegung geratener studentischer und außerstudentischer Politik wie im heute legendären Republikanischen Club. Das wichtigste Stichwort war „Vietnam“. Ich hatte mir noch in den USA eine fachliche Kompetenz zu diesem Thema erworben, das zunehmend die Öffentlichkeit beschäftigte und beunruhigte. Vorträge und Podiumsdiskussionen häuften sich, die westdeutschen Journalisten hatten mit wenigen Ausnahmen keinen internationalen Horizont und waren lange Zeit völlig hilflos im Umgang mit diesem mörderischen Krieg. Mit ihnen hatte ich bei Diskussionsveranstaltungen leichtes Spiel. Zumal wagten sie es meist nicht, die USA zu kritisieren oder gar zu attackieren. Ich hatte diese Hemmungen nicht, weil ich mir immer bewusst war, daß das imperialistische und kriegerische Amerika nicht die ganze Wahrheit der USA darstellte, daß es vielmehr auch ein anderes Amerika gibt, wie ich es selbst kennen- und bewundern gelernt hatte. Diese auch in ihren politischen Methoden so unglaublich kreative amerikanische Gesellschaft war gewissermaßen mein Thema. 1967 übersetzte ich zwei Kapitel aus einem amerikanischen „Handbuch für direkte Aktionen“ über die Techniken gewaltfreien Handelns, eine Broschüre, die ein wahrer Bestseller wurde und von der Polizei bald auch in anderen westdeutschen Großstädten gesichtet wurde, wo sich jugendlich-linke Bewegungen in der Öffentlichkeit mit der Polizei konfrontiert sahen; nicht selten wurde dabei das Bürgerrechtslied we shall overcome gesungen. Nichts ist darum dümmer – oder absichtlich böswilliger – als den Achtundsechzigern „Antiamerikanismus“ zu unterstellen; noch zehn Jahre später versuchte die westberliner CDU gemeinsam mit der US-Mission mit dieser Begründung meine Berufung an die FU zu verhindern. Absurd ist dieser dümmliche Vorwurf auch im Persönlichen: Sowohl Gretchen Dutschke als auch meine Frau sind Amerikanerinnen (und gut befreundet) und amerikanische Studenten spielten eine nicht unwesentliche Rolle innerhalb der 68er Bewegung.
Übrigens ebenso absurd und bösartig ist die in jüngerer Zeit vielfach erhobene Beschuldigung, die 68er Linke sei antisemitisch. Diese Behauptung aus den Kreisen jüdischer Intellektueller, die selbst damals zur Linken gehört hatten, heute aber entweder etabliert sind oder sich sonst von ihrer Vergangenheit mit schlechtem Gewissen distanziert haben, verwechselt wie im Falle der USA Kritik am Regierungshandeln mit (in jedem Falle unzulässiger) kollektiver Kritik und verdrängt und verschweigt die wichtige Rolle, die die aus evangelischen Kirchenkreisen 1957 entstandene Deutsch-Israelische Studiengruppe DIS im größeren Kontext des moralischen Aufbruchs der späten sechziger Jahre gespielt hat; Helmut Gollwitzer war dabei eine Schlüsselfigur, dessen begeisterte Berichte von seinen Israel-Reisen über das Land, in dem wichtige Ideale der deutschen Jugendbewegung verwirklicht worden seien, bei vielen deutschen Studierenden auf fruchtbaren Boden fielen. Mindestens bis zum politisch so katastrophal siegreichen 6-Tage-Krieg 1967 hatte der Staat Israel bei der studentischen Linken im Kontext der von ihr eingeklagten Aufarbeitung der verdrängten NS-Vergangenheit und der Rolle, die die nazistische Judenverfolgung bei der Konstitution Israels gespielt hatte, seine vergleichsweise stärkste zivilgesellschaftliche Unterstützung. Als am 5. Juni 1967 mitten hinein in eine vom Mord an Benno Ohnesorg drei Tage zuvor extrem erregte studentische Vollversammlung im Audimax der FU die (irrtümliche) Nachricht durchgegeben wurde, soeben sei Tel Aviv bombardiert worden, erhoben sich, von Rudi Dutschke aufgefordert, alle zu einer Schweigeminute der Israel-Solidarität.
In der heutigen öffentlichen Wahrnehmung dominiert von 68 das Bild von Krawallen, Straßenschlachten und Demonstrationen; typisch dafür die von der Bundeszentrale für politische Bildung ausgerichtete Ausstellung im berliner Amerika-Haus in der Hardenbergstraße, mit einem Wasserwerfer monströse Ikone staatlicher Ordnungsmacht. Natürlich hat es die gegeben – aber als Ausnahmeerscheinungen und ohnmächtige Reaktionen auf polizeiliche Provokationen wie am 2. Juni 67 oder die „Osterunruhen“ 1968. Der politische Alltag sah ganz anders aus – da wurden studentische Versammlungen auf allen Ebenen und in allen Instituten und Fakultäten organisiert, Forderungen erhoben und begründet nach Universitätsreformen, mehr Mitsprache für Studierende, eigenverantwortete, „selbstbestimmte“ Seminare, die Gründung einer „Kritischen Universität“ innerhalb der FU mit selbstgewählten Dozenten und Professoren. Daran mitzuarbeiten, mitzudiskutieren war für mich ebenso selbstverständlich wie spannend.
Da ich das Vertrauen der Studenten in AStA, SDS, Republikanischem Club etc. besaß, schickten sie mich ständig zu Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen nach Westdeutschland, um die Fackel der berliner Rebellion weiterzugeben, obwohl ich nur in meinem eigenen Namen sprechen konnte und wollte. Höhepunkt dieser hektischen „Revolutionsreisen“ war ein mit enormer Publizität vom BBC in London organisiertes „Gipfeltreffen“ der westeuropäischen Linken im Juni 1968, bei dem ich für die Deutschen zu sprechen hatte. Für England kam Tariq Ali, für die Tschechoslowakei Jan Kavan (er ging später ins englische Asyl und wurde nach 1989 Außenminister), Genossen aus Italien und Jugoslawien waren gekommen, mit besonderer Spannung aber wurde Daniel Cohn-Bendit erwartet, der inzwischen von der französischen Polizei gesucht wurde – er tauchte dann tatsächlich auf, aber mit schwarz gefärbtem Haar. Die TV-Sendung hatte höchste Einschaltquoten und am nächsten Tag wurde ich wiederholt auf der Straße angesprochen und dazu beglückwünscht, daß ich jetzt im freien England sein durfte... Gleichzeitig war ich selbst auf die amerikanische Liste der „unerwünschten Personen“ gelangt und erhielt kein Visum, um eine Gastprofessur in New York anzutreten. Das jedoch gab mir die – traurige – Chance, mich am 22. August am großen Protestmarsch gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag zu beteiligen, der den von uns allen hoffnungsvoll begrüßten „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zur brutalen Fratze verzerrte. Nicht die lautstarken bürgerlichen Antikommunisten, die uns in Berlin auf den Straßen gejagt hatten, demonstrierten gegen die Unterdrückung der politischen Freiheit, sondern wir, die verteufelten Krawallmacher, zogen zu Tausenden würdig und schweigend zur Tschechischen Militärmission in Dahlem, wo wir den betretenen Botschaftsbeamten ein Protest- und Solidaritätsschreiben überreichten.- Wenige Tage danach erhielt ich dann doch noch mein US-Visum: Die berliner Amerikaner wollten dann doch lieber keinen neuen Konflikt mit den 10.000 Fu-Studentinnen und Studenten....
Was aber war, hinter all dem Schall und Rauch, dem chaotischen Lärm der Versammlungen und der Flut oft anspruchsvoll formulierter Flugblätter und Manifeste die zugrunde liegende treibende Kraft, was motivierte diese enorme und seitdem nie wieder erreichte Mobilisierung und politische Energie der vielen Tausenden? Wollten sie, wollten wir, die nachholende Korrektur gescheiterter deutscher Revolutionen – 1848, 1919? Endlich den Kapitalismus überwinden, an dem die Arbeiterklasse gescheitert war? Eine Kulturrevolution wie in Maos China? Eine Räterepublik in Westberlin als Modell für die Bundesrepublik (die DDR interessierte eigentlich niemand)? Beim geschriebenen Wort genommen ließen sich daraus naiv-idealistische, meist unreife und bisweilen auch totalitäre politische Programmatik rekonstruieren; hämische „Historiker“ haben das gerade jüngst wieder getan. Dabei verfehlen sie das Wesentliche. Das – jedenfalls habe ich es so erlebt, gelebt und lebe es noch immer – bestand in einer Re-Moralisierung der Politik, in einem Aufbegehren gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die militärische und strukturelle Gewalt, mit der die gerade entkolonisierten Länder der Dritten Welt daran gehindert wurden, eigene, nicht-kapitalistische Wege zu gehen. Der bis heute ungesühnte und auch wohl unsühnbare brutalst mögliche Krieg gegen das Volk von Vietnam steht stellvertretend für die Mordpolitiken in Afrika und Lateinamerika, für die wir uns mitverantwortlich fühlten, aber auch die moralische Empörung über die „ungesühnte Nazijustiz“ (so der Titel einer vom SDS organisierten und von der SPD bekämpften Ausstellung) gehört dazu, über das auch von der Bundesrepublik tolerierte Apartheids-Regime, über den realpolitischen Zynismus, mit dem Willy Brandt seine Emigrantenehre dem fragwürdigen Gewinn der Regierungsbeteiligung unter einem NS-Parteigenossen opferte – die Liste ist quantitativ und qualitativ beliebig verlängerbar. „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!“ skandierten wir bei Demonstrationen gegen die damalige Große Koalition, gegen Berufsverbote und Notstandsgesetze. Der moralische Ausverkauf der SPD der sechziger Jahre zeigt seine Folgen heute geradezu dramatisch und ohne Hoffnungsschimmer an irgendeinem Horizont. Mobilisierbare moralische Ressourcen, über die die amerikanische Gesellschaft in der Figur von Barack Obama zu verfügen scheint, haben die linken ebenso wie bald darauf die grünen Realpolitiker um kurzfristiger taktischer Erfolge willen damals verdorren lassen. Was würden um die Zukunft unserer Gesellschaft besorgte Bürgerinnen und Bürger heute nicht geben, wenn sie auch nur einen Teil des moralischen Enthusiasmus der 68er, wie utopisch er im Konkreten auch gewesen sein mag, wiederbeleben könnten! Insofern bleibe ich auch ohne diese Etikettierung einer der Ihren – und stehe damit nicht allein.
(gek. in Neues Deutschland, April 2008)