| Ekkehart Krippendorff |
E i n l e i t u n g,
aus: Kritik der Außenpolitik.
Frankfurt/M.:Suhrkamp Verlag, 2000
| Goethe berichtet, daß in seinem Gespräch mit Napoleon am 2. Oktober 1808 die Rede auf die "Schicksalsstücke", d.h. die klassischen Tragödien gekommen sei, zu denen der Kaiser anmerkte: "Was will man jetzt mit dem Schicksal, die Politik ist das Schicksal."[1] Natürlich hatte er mit der "Politik" sich selbst gemeint - und das auch nicht zu unrecht: Napoleons "dämonischer" Ehrgeiz hat das Leben von Millionen Menschen mehr oder minder einschneidend verändert und Hunderttausenden das Leben gekostet. Er spielte mit Völkern und Staaten, setzte neue Herrscher ein und alte ab, hob Grenzen auf und zog neue, schloß und brach Verträge, schloß Frieden und machte Kriege, schuf Bündnisse und hob sie wieder auf, verkaufte halbe Kontinente und bestellte selbst die höchste geistliche Autorität, den Papst, ein, damit er ihm bei der Selbstkrönung beiwohne - kurz: er betrieb Politik als das, was später Große Politik genannt wurde, nämlich Außenpolitik, und er gerierte sich dabei gottgleich. Goethe zog in poetisch knapper Form folgende Bilanz: |
| "Wer alles will will sich vor allem mächtig.
Indem er siegt, lehrt er die anderen streiten; Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig; So wachsen Kraft und List nach allen Seiten, Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig, Und der Geburten zahlenlose Plage Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage." |
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(Des Epimenides Erwachen, 1815)
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| "Kissinger: Wir sind nach
Beijing gekommen, weil wir einen gemeinsamen Gegner haben und weil wir
meinen, daß Ihre Ansicht von der Weltlage klarer ist als die irgeneines
anderen Landes, mit dem wir es zu tun haben und mit der wir in einigen
... in vielen Punkten übereinstimmen.
Mao: Ich traue dem nicht. Diese Worte sind nicht vertrauenswürdig. Sie sind nicht vertrauenswürdig, weil nach Ihren Prioritäten die Sowjetunion an erster Stelle steht, an zweiter Europa und an dritter Japan. Kissinger: Das ist nicht korrekt. Mao: Das ist meine Meinung. (Er zählt mit seinen Fingern) Amerika, die Sowjetunion, Europa, Japan, China. Sehen Sie, fünf (er hält alle fünf Finger hoch). Kissinger: Das ist nicht korrekt. Mao: Dann streiten wir uns also. Kissinger: Wir streiten uns. Die Sowjetunion ist für uns eine große Gefahr, aber sie hat keine Priorität. Mao: Das ist nicht korrekt. Sie ist eine Supermacht. Es gibt nur zwei Supermächte auf der Welt (er zählt mit den Fingern). Wir sind zurückgeblieben (er zählt mit den Fingern). Amerika, die Sowjetunion, Europa, Japan, China. Wir sind die letzten. Amerika, Sowjetunion, Europa, Japan, China - schauen Sie. Kissinger: Ich weiß, daß ich fast nie anderer Meinung bin, als der Vorsitzende, aber an diesem Punkt ist er nicht korrekt - nur, weil es eine Frage unserer Priorität ist. Mao: (Berührt seine beiden Schultern) Wir sehen, daß was Sie tun ist, daß sie auf unseren Schultern nach Moskau springen und diese Schultern sind jetzt nutzlos. Sie sehen, wir sind die fünften. Wir sind der kleine Finger. "[3] |
| "Massenvernichtungswaffen zu bekommen ist Saddams größter Wunschtraum. Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen: So wie die USA und die Sowjetunion bereit waren, alles zu tun, um die Fähigkeit zur gegenseitigen Abschreckung oder zum Sieg über einander zu entwickeln, tun es nun Inder und Pakistanis... [s. Kap. 3.] Mitglied des "Klubs" derer zu sein, die über die Letzte Waffe verfüggen, ist der glitzernde (wenn auch flüchtige) Preis der Sicherheit. Saddam weiß, daß Israel Nuklearwaffen hat und daß Iran auf dem Wege ist, sie zu bekommen. Andere seiner Nachbarn könnten sie in der näheren Zukunft kaufen oder sonst irgendwie bekommen. Er glaubt, davon bin ich überzeugt, daß er nie sicher sein wird, bis auch er sie hat. Für dieses langfristige Ziel ist er offensichtlich bereit, Sanktionen und wiederholte Militärschläge hinzunehmen. Zur Logik dieser Lagebeurteilung kommt das historische Gedächtnis hinzu.. .Irak und Iran werden verfolgt von der Erinnerung an den blutigen Krieg zwischen 1980 und 1988, dessen Opfer in die Hunderttausende gehen. Die alten Wunden sind nicht geheilt und die Streitfragen nicht beigelegt. Das ist besonders beunruhigend für Saddam, der in einer Gesellschaft aufwuchs und sich bis an dessen Spitze durchkämpfte, wo Rache ein Befehl ist. Obwohl es unmöglich ist, sein inneres Leben zu kennen, gibt es genügend Gründe für die Vermutung, daß er die größte Angst davor hat, daß Iran früher oder später es ihm heimzahlen wird, daß er praktisch eine ganze Generation Iraner vernichtet hat. Iran ist weit größer und stärker als der Irak und die Zeit ist auf dessen Seite. So wie Israel Atomwaffen gewollt hat als Trumpfkarte gegen seine zahlreicheren arabischen Nachbarn und Indien und Pakistan sie gegen einander haben wollen, so sieht auch Saddam in diesen Waffen seinen letzten Schutz. Wenn das seine strategische Lagebeurteilung ist, dann haben sowohl amerikanische wie russische 'politisch-militärische' Wissenschaftler ganze Bibliotheken mit Analysen produziert, die ihn bestätigen. Wir und die Russen haben schließlich lange Zeit dieselben Ziele verfolgt." [10] |
| Diese plausible Synthese enthält in gedrängter Form das verkehrte, perverse Wesen dessen, wozu die Politik als Außenpolitik verkommen ist: Die Verschmelzung von Macht und ihrer psychologischen Verarbeitung mit der Herrschaftsform Staat, der die Menschen zum Mittel degradiert - das Ganze dann in eine rationale Analyse von Weltpolitik gepreßt, die sich auf die akkumulierte Intelligenz wissenschaftlicher Politikerklärungen berufen kann und damit schließlich die größten Katastrophen auslöst. Though this be madness, yet there is method in't - ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode (Hamlet II,2): das ist das Hauptthema dieses Buches. |
| "Hochgestellte Personen tun gut daran, sich in die Meinung anderer zu versetzen, um sich selbst für glücklich zu halten; denn wenn sie nach ihren eigenen Gefühlen urteilten, käme es ihnen nicht so vor. Wenn sie sich aber ausmalen, was andere von ihnen denken und daß viele gern mit ihnen tauschen möchten, dann sind sie glücklich, gleichsam wie durch Widerhall, auch wenn sie innerlich vielleicht das Gegenteil empfinden."[11] |
| "Mao: Wollen Sie unsere
chinesischen Frauen? Wir können Ihnen zehn Millionen geben. (Gelächter,
vor allem bei den Frauen)
Kissinger: Der Vorsitzende steigert sein Angebot. Mao: Indem wir das tun, können wir sie Ihr Land mit Unheil überfluten lassen und Ihre Interessen schädigen. Wir haben in unserem Land zu viele Frauen, und die machen alles auf ihre Weise. Sie setzen Kinder in die Welt und wir haben zu viele Kinder. (Gelächter) Kissinger: Das ist ein ganz neuer Vorschlag, wir werden ihn studieren müssen. Mao: Sie können einen Ausschuß einsetzen, um diese Sache zu untersuchen. So löst Ihr China-Besuch das Bevölkerungsproblem. (Gelächter) Kissinger: Wir werden die Nützlichkeit und ihre Unterbringung studieren. Mao: Wenn wir sie bitten, zu gehen, glaube ich, sie wären willens. Tschu: Nicht unbedingt. Mao: Das kommt von ihrem feudalen Denken, großnationaler Chauvinismus. Kissinger: Wir sind gerne bereit, sie aufzunehmen."[12] |
| Anmerkungen:
[1] Autobiographische Schriften. HA Bd. 10, S. 546 [2] Napoleon (1921); in: Ausgewählte Werke in zwei Bänden; Frankfurt/Main 1958,Bd. 2, S. 636 - 642 [3] William Burr (ed.), The Kissinger Transcripts: The Top-Secret Talks with Beijing and Moscow; The New Pass, New York, 1998.- Hier zit. nach Jonathan Spence, Kissinger -the Emperor; The New York Review of Books, March 4, 1999; p.22 [4] Dazu gehört auch das Militär, der klassische Zwillingsbruder der Außenpolitik. In einem Bericht über die neuesten strategischen Planungen der NATO ("die Kombination von Kreativität, Instinkt undEntschlußkraft, von der im Ernstfall [!] der Erfolg abhängt") heißt es: "Es genügt, sich der Fähigkeitenzu besinnen, die einmal die Qualität [...] der napoleonischen Grande Armee ausgemacht hatte: die Fähigkeit zur freien Operation." vgl. Karl Feldmeyer, FAZ 26. Januar 1999, S. 6 [5] Vgl. Eric Hobsbawm, Barbarei. Ein Leitfaden; in: Lettre international, 33 (Winter 1994),S. 33 - 37 [6] So die Themenbezeichnung eines Heftes der Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation zurAußenpolitik; Nr. 103, Dezember 1998 [7] Joseph Rotblat, New Dangers to World Security; in: Pugwash Newsletter, Vol. 35, No.2,November 1998, S. 51 [8] Vollständig abgedruckt bei Wolfgang Sternstein u.a. (Hg.), Atomwaffen abschaffen; Idstein, 1998, S. 143 - 152 [9] Vgl. detailliert dazu Maurice Najmman, "Dr. Seltsam plant für das nächste Jahrhundert."In: Le Monde Diplomatique, Februar 1998, S. 10f. - Vgl. auch Regine Hagen: "Gefährliche Sonne", in: Friedensforum (März/April 1998), sowie über die Kriegsvorbereitungen der US-Luftwaffe im Weltraum: USAF Scientific Advisory Board: New World Vistas. Air and Space Power for the 21. Century. [10] William R. Polk, "Iraq: A New Leaf"; in: The New York Review of Books,February 18, 1999; p. 35 [11] Francis Bacon (1561 - 1626), Essays oder praktische und moralische Ratschläge; Stuttgart, (Reclam) 1970, S. 33f. - Elias Canetti hat in "Masse und Macht" dieselbe Erkenntnis, nur ungemein aufwendiger und komplexer, d.h. weniger schlicht und deutlich, mitgeteilt. [12] A.a.O.(Anm.3), S. 21. - Das Protokoll vermerkt, daß die chinesischen Übersetzerinnen von diesem herablassenden Bemerkungen höchst "irritiert" waren uns sich dagegen empörten... [13] Klaus von Beyme, Niedergang der Parlamente. Internationale Politik und nationaleEntscheidungshoheit; in: Internationale Politik 4/1998, S. 21ff |
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