Ekkehart Krippendorff

E i n l e i t u n g,
aus: Kritik der Außenpolitik.
Frankfurt/M.:Suhrkamp Verlag, 2000

Hamlet: Werter Herr, wessen Truppen sind dies?
Hauptmann: Es sind norwegische, mein Herr.
Hamlet: Was ist ihre Bestimmung, mein Herr, ich bitte Euch?
Hauptmann: Gegen einen Teil von Polen.
Hamlet: Geht es gegen's Hauptgebiet von Polen, mein Herr,oder auf eine Grenzmark?
Hauptmann: Um wahr und ohne Zusätze zu reden, wir ziehen,um ein kleines Fleckchen Boden zu erlangen, daß außer seinem Namen keinerlei Gewinn birgt. Ich würde es für fünf Dukaten, fünf, nicht pachten; noch wird's dem Norweger oder Polen einen üppigeren Preis erbringen, würde es als freies Eigentum verkauft.
Hamlet: Nun, so wird der Pole es niemals verteidigen.
Hauptmann: Doch, es ist bereits mit einer Garnison belegt.
Hamlet: Zweitausend Seelen und zwanzigtausend Dukatenwerden doch nicht die Frage dieses Strohhalms ausfechten! Dies ist das Geschwür von viel Reichtum und Frieden, das innen aufbricht und nach außen keinen Grund anzeigt, warum der Mann wohl stirbt.
(Hamlet IV,4)
 
Aus dem Inhalt:

1. Die Erfindung der Außenpolitik
2. Krieg
3. Atomare Diplomatie
4. Kalter Krieg
5. Außenpolitik und Moral
6. Über Neutralität
7. Zwei Außenpolitiken
8. Deutsche Außenpolitik I
9. Deutsche Außenpolitik II
10. Die Sprache der Außenpolitik
11. Außenpolitik von unten

"Allsommerlich werden zwischen Indien und Pakistan Gefechte um den Siachen-Gletscher ausgetragen... Die von der UN entsandten Beobachter zeichnen diese Ereignisse minutiös auf. Dabei kämpfen die Kontrahenten von ihren hochgelegenen Bastionen um ein Gebiet, in dem keine Menschen leben und das wirtschaftlich keine Schätze zu bieten hat. Bezeichnenderweise sind die militärischen Vorposten in dem siedlungsfeindlichen Gebiet nach den jeweiligen Gründungsvätern Jinnah und Nehru benannt worden. Sichin wurde zum Streitpunkt aufgrund ungenauer Grenzmarkierungen. Die Sichin-Gletscherregion bietet nichts, wurde jedoch zum Grab für viele Soldaten aus dem Gebirgsraum, die als einzige in dieser Region zum bewaffneten Kampf eingesetzt werden... Diese Perversion des Kaschmir-Konfliktes hat die Einwohner der Bergregionen zu Spielbällen für die unausgegorenen Großmachtgelüste beider Staaten werden lassen, die hier umfangreiche Waffenarsenale horten und ohne Rücksicht auf andere Bedürfnisse die Infrastruktur den strategischen Vorgaben anzupassen versuchen...Bis dato sind nach unterschiedlichen Schätzungen mindestens 30.000 Einwohner Kaschmirs in diesem Konflikt umgekommen."
(Hermann Kreutzmann, in: "Südasien", Heft 7/8, 1997)
 
"Shakespeare ist ein Spiegel durch die Zeiten, unsere Hoffnung eine Welt, die er nicht mehr reflektiert. Wir sind bei uns nicht angekommen, solange Shakespeare unsere Stücke schreibt."
(Heiner Müller)

Goethe berichtet, daß in seinem Gespräch mit Napoleon am 2. Oktober 1808 die Rede auf die "Schicksalsstücke", d.h. die klassischen Tragödien gekommen sei, zu denen der Kaiser anmerkte: "Was will man jetzt mit dem Schicksal, die Politik ist das Schicksal."[1] Natürlich hatte er mit der "Politik" sich selbst gemeint - und das auch nicht zu unrecht: Napoleons "dämonischer" Ehrgeiz hat das Leben von Millionen Menschen mehr oder minder einschneidend verändert und Hunderttausenden das Leben gekostet. Er spielte mit Völkern und Staaten, setzte neue Herrscher ein und alte ab, hob Grenzen auf und zog neue, schloß und brach Verträge, schloß Frieden und machte Kriege, schuf Bündnisse und hob sie wieder auf, verkaufte halbe Kontinente und bestellte selbst die höchste geistliche Autorität, den Papst, ein, damit er ihm bei der Selbstkrönung beiwohne - kurz: er betrieb Politik als das, was später Große Politik genannt wurde, nämlich Außenpolitik, und er gerierte sich dabei gottgleich. Goethe zog in poetisch knapper Form folgende Bilanz:
"Wer alles will will sich vor allem mächtig.
Indem er siegt, lehrt er die anderen streiten;
Bedenkend macht er seinen Feind bedächtig;
So wachsen Kraft und List nach allen Seiten,
Der Weltkreis ruht von Ungeheuern trächtig,
Und der Geburten zahlenlose Plage
Droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage."
(Des Epimenides Erwachen, 1815)
Napoleon war der verwirklichte Traum aller Außenpolitiker vor ihm - und nach ihm (S. Kap.1). Bis heute gefallen sich die Großen dieser Welt und ihre akademisch-intellektuellen Begleiter darin, "Neue Weltordnungen", "globale Sicherheitsarchitekturen" oder "regionale Gleichgewichtsstrukturen" zu ersinnen, die sie den Völkern und Kulturen oktroyieren möchten, in die sie - von ihren Think-Tanks aus - die Staaten dieser Welt einbinden können und mittels derer sie die politischen Klassen kleiner und mittlerer Teilhaber am internationalen System zu kontrollieren hoffen. Zwar hat kein Staatsmann je wieder die fast schon mythisch zu nennende Allmacht des Napoleon von 1808 erreicht, den Hugo von Hofmannsthal "Symbol des handelnden europäischen Individuums" und "ein ungeheures Sinnbild" auch für "das über den Menschen Hinweggehende" nannte.[2] Hitler war dieser Machtfülle 1941/42 nahe gewesen und dann noch einmal die "Großen Drei", als sie in Yalta 1944 und Potsdam 1945 die Welt in Einflußsphären aufteilten. Aber das Wunschbild bleibt bestehen.
Als in den 70er Jahren das Große Spiel neu strukturiert werden mußte, weil die Volksrepublik China, immerhin der bevölkerungsstärkste - und zugleich älteste - Staat der Welt nicht länger ausgeschlossen bleiben konnte, spielte die US-amerikanische Diplomatie unter Außenminister Henry Kissinger am 21. Oktober 1975 ihre "China-Karte" gegen die Sowjetunion aus:
"Kissinger: Wir sind nach Beijing gekommen, weil wir einen gemeinsamen Gegner haben und weil wir meinen, daß Ihre Ansicht von der Weltlage klarer ist als die irgeneines anderen Landes, mit dem wir es zu tun haben und mit der wir in einigen ... in vielen Punkten übereinstimmen.
Mao: Ich traue dem nicht. Diese Worte sind nicht vertrauenswürdig. Sie sind nicht vertrauenswürdig, weil nach Ihren Prioritäten die Sowjetunion an erster Stelle steht, an zweiter Europa und an dritter Japan.
Kissinger: Das ist nicht korrekt.
Mao: Das ist meine Meinung. (Er zählt mit seinen Fingern) Amerika, die Sowjetunion, Europa, Japan, China. Sehen Sie, fünf (er hält alle fünf Finger hoch).
Kissinger: Das ist nicht korrekt.
Mao: Dann streiten wir uns also.
Kissinger: Wir streiten uns. Die Sowjetunion ist für uns eine große Gefahr, aber sie hat keine Priorität.
Mao: Das ist nicht korrekt. Sie ist eine Supermacht. Es gibt nur zwei Supermächte auf der Welt (er zählt mit den Fingern). Wir sind zurückgeblieben (er zählt mit den Fingern). Amerika, die Sowjetunion, Europa, Japan, China. Wir sind die letzten. Amerika, Sowjetunion, Europa, Japan, China - schauen Sie.
Kissinger: Ich weiß, daß ich fast nie anderer Meinung bin, als der Vorsitzende, aber an diesem Punkt ist er nicht korrekt - nur, weil es eine Frage unserer Priorität ist.
Mao: (Berührt seine beiden Schultern) Wir sehen, daß was Sie tun ist, daß sie auf unseren Schultern nach Moskau springen und diese Schultern sind jetzt nutzlos. Sie sehen, wir sind die fünften. Wir sind der kleine Finger. "[3]
Es ist schon atemberaubend, wie skrupellos hier die Völker und Kulturen der Welt auf die Macht von fünf Staatsblöcken reduziert und an den Fingern einer Hand abgezählt, wie ganze Kontinente auf die Waagschaale gelegt und gegeneinander abgewogen werden. Aber es ist auch demaskierend, wie es einen der politischen Hasardeuren, den Herrn über (damals) 600 Millionen Chinesen, erbittert, nicht zu den Ganz Großen des Weltmachtspiels gezählt zu werden (vgl. Kap. 7). Hier liegt der Nerv der Außenpolitik gewissermaßen gewissermaßen blank; sicherlich zum Vergnügen jener Theoretiker, die schon immer - unkritisch, versteht sich - das Spiel der Außenpolitik auf solch primitive Parameter reduzierten. 
Ein Stück verborgener, unbewußter, verdrängter Napoleon steckt letztlich in allen, die sich auf die weltpolitische Bühne drängen,[4] um zum exklusivsten Club zu gehören, den die Staatengesellschaft zu bieten hat: Dem Club der Außenpolitiker. Napoleon hatte sein Jahreseinkommen, mit dem er seine weltpolitischen Abenteuer bezahlte, nach Rekrutenzahlen berechnet. Seine Nachfahren bringen ihre Wirtschaftspotentiale und global einsatzfähigen Berufsarmeen ins Spiel um die Welt-Machtanteile - und wer zusätzlich über Massentötungstechnologien (Atomwaffen) verfügt, kann gar in den Clubvorstand gelangen. Dieser Vorstand versucht, mehr schlecht denn recht, die fast 200 Staaten zu regieren, die das heutige 'Weltsystem' bilden. Vor noch 50 Jahren noch waren es nur etwa 70, vor 100 Jahren lediglich ein knappes Dutzend, da fiel es leichter - und vor allem hatten sich die zwei Machtblöcke derart mit gegenseitigen Todesdrohungen in Schach gehalten, daß so etwas wie Ordnung und Disziplin unter den Bündnispartnern und Trabanten entstanden war. Heute trauern nicht wenige der Großen Spieler (und klammheimlich auch viele kleine Leute) den klaren Frontlinien und dem harten internationalen Regime des Kalten Krieges nach, zu dessen Zeiten der Zerfall ganzer Staaten und Gesellschaften, das Versinken in Gewalt, ethnonationalistische Konflikte und Bürgerkriege, unvorstellbar gewesen war. Genozide und staatlich betriebene Folter sind Symptome des Abgleitens in eine säkulare Barbarisierung.[5]
Aber was kann das für eine internationale "Ordnung und Disziplin" gewesen sein, die "Stabilität" nur war um den Preis der permanent über ihr schwebenden totalen Selbstzerstörung erlangte? Jene "Stabilität" hatte uns die vereinte ost-westliche "außenpolitische Intelligenz" [6] verschafft, und sie hatte ihre publizistischen wie wissenschaftlichen Repräsentanten darauf eingeschworen. Offensichtlich war die Barbarei in den Nischen dieser Ordnung genährt und groß geworden, ehe sie nach deren Zusammenbruch ins Offene trat. This is the imposthume of much wealth and peace,/ That inward breaks, and shows no cause without/ Why the man dies (Hamlet IV,4). Und was ist das für eine außenpolitische "Intelligenz", die das nicht gestört hat, nur weil der "Krieg" ein angeblich kalter war? Warum hat sie zur "strukturellen Gewalt" (Galtung) dieses 'Friedens' geschwiegen? Weil sie vom Wohlstand und der Sicherheit der Metropolen, von wo aus diese bipolare Welt dirigiert und interpretiert wurde, bestochen war? Die "strategy intellectuals" des Kalten Krieges sind als Publizisten und Professoren nach wie vor für die Erklärung und Formulierung von Außenpolitik und Internationalen Beziehungen zuständig und im Amt - und auch ein gut Teil derer, die Sicherheits- und Bündnispolitik aus den Amtsstuben der Macht- und Militärapparate "vor 1990" betrieben hatten. Das Spiel geht weiter, "Kontinuität" ist angesagt - nicht nur in der deutschen Außenpolitik einer rot-grünen Koalition.
Womöglich war der atomar strukturierte Kalte Krieg gar keine krankhafte ideologische Verirrung der Außenpolitik - denn sonst wären doch nach dem Ende des sog. Ost-West-Konflikts wenigstens Schritte zur Abrüstung des Atomwaffenarsenals durch die "Siegermächte" unternommen worden. Das Gegenteil ist der Fall - die Außenpolitik kann oder will auf ihr entsetzlichstes Drohmittel nicht verzichten. Der Physiker und wegens seines Engagements für nukleare Abrüstung 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Präsident von Pugwash, Joseph Rotblat, schlug 1998 Alarm, als ein Geheimpapier der US-amerikanischen Regierung (Presidential Decision Directive, PDD) bekannt wurde, mit dem die Beibehaltung und sogar der Ausbau und die Verbesserung amerikanischer atomarer Waffensysteme festgeschrieben wurde: nicht mehr nur als Abschreckung gegen atomare Bedrohung, sondern "gegen Angriffe mit jeder Art von Waffen, ob chemisch, biologisch oder konventionell" (obwohl die USA zweifellos jeden denkbaren militärischen Angriff mit ihren allen überlegenen konventionellen Streitkräften mühelos zurückschlagen könnten). "Wenn die USA, die stärkste Militärmacht der Welt, erklären, daß sie Nuklearwaffen für ihre eigene Sicherheit benötigen, wie können sie dann eine solche Sicherheit jenen Staaten verweigern, die ernste Gründe für ihre Unsicherheit haben?" [7] Gleichzeitig sahen sich 75 amerikanische Bischöfe von "Pax Christi" herausgefordert, ein dringliches Manifest über "die Moralität der nuklearen Abschreckung" zu veröffentlichen, das detailliert über das amerikanische Atomwaffenarsenal informiert feststellt: "Die USA behalten sich das Recht eines Ersteinsatzes von Kernwaffen vor, einschließlich vorbeugender Angriffe auf Länder, die selbst keine Kernwaffen besitzen. 'Flexible Zielplanungsstrategien' richten sich gegen Länder in der Dritten Welt; " usw. [8] Aber damit nicht genug: Die Forschungslabors des amerikanischen Militärs bereiten neue Waffen- und Kommunikationssysteme für einen "Krieg von morgen" vor, deren Details aberwitzig klingen, und doch gehören sie keineswegs in den Bereich der Science-fiction, sondern sind vielmehr nüchtern belegt.[9] Historisch gesehen haben die waffentechnologischen 'Phantasien' die Eigenschaft, nicht nur verwirklicht, sondern schließlich irgendwann auch angewandt zu werden.
Inzwischen sieht es so aus, als wäre die pathologische Struktur des Kalten-Kriegs-Systems zum Modell und Vorbild für die Außenpolitiken der "zweiten Garden" geworden. Ich zitiere aus der Analyse eines Historikers, Geschäftsmannes und US-Außenpolitikplaners mit jahrzehntelangen Erfahrungen im Mittleren Osten und langen Aufenthalten im Irak: 
"Massenvernichtungswaffen zu bekommen ist Saddams größter Wunschtraum. Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen: So wie die USA und die Sowjetunion bereit waren, alles zu tun, um die Fähigkeit zur gegenseitigen Abschreckung oder zum Sieg über einander zu entwickeln, tun es nun Inder und Pakistanis... [s. Kap. 3.] Mitglied des "Klubs" derer zu sein, die über die Letzte Waffe verfüggen, ist der glitzernde (wenn auch flüchtige) Preis der Sicherheit. Saddam weiß, daß Israel Nuklearwaffen hat und daß Iran auf dem Wege ist, sie zu bekommen. Andere seiner Nachbarn könnten sie in der näheren Zukunft kaufen oder sonst irgendwie bekommen. Er glaubt, davon bin ich überzeugt, daß er nie sicher sein wird, bis auch er sie hat. Für dieses langfristige Ziel ist er offensichtlich bereit, Sanktionen und wiederholte Militärschläge hinzunehmen. Zur Logik dieser Lagebeurteilung kommt das historische Gedächtnis hinzu.. .Irak und Iran werden verfolgt von der Erinnerung an den blutigen Krieg zwischen 1980 und 1988, dessen Opfer in die Hunderttausende gehen. Die alten Wunden sind nicht geheilt und die Streitfragen nicht beigelegt. Das ist besonders beunruhigend für Saddam, der in einer Gesellschaft aufwuchs und sich bis an dessen Spitze durchkämpfte, wo Rache ein Befehl ist. Obwohl es unmöglich ist, sein inneres Leben zu kennen, gibt es genügend Gründe für die Vermutung, daß er die größte Angst davor hat, daß Iran früher oder später es ihm heimzahlen wird, daß er praktisch eine ganze Generation Iraner vernichtet hat. Iran ist weit größer und stärker als der Irak und die Zeit ist auf dessen Seite. So wie Israel Atomwaffen gewollt hat als Trumpfkarte gegen seine zahlreicheren arabischen Nachbarn und Indien und Pakistan sie gegen einander haben wollen, so sieht auch Saddam in diesen Waffen seinen letzten Schutz. Wenn das seine strategische Lagebeurteilung ist, dann haben sowohl amerikanische wie russische 'politisch-militärische' Wissenschaftler ganze Bibliotheken mit Analysen produziert, die ihn bestätigen. Wir und die Russen haben schließlich lange Zeit dieselben Ziele verfolgt." [10]
Diese plausible Synthese enthält in gedrängter Form das verkehrte, perverse Wesen dessen, wozu die Politik als Außenpolitik verkommen ist: Die Verschmelzung von Macht und ihrer psychologischen Verarbeitung mit der Herrschaftsform Staat, der die Menschen zum Mittel degradiert - das Ganze dann in eine rationale Analyse von Weltpolitik gepreßt, die sich auf die akkumulierte Intelligenz wissenschaftlicher Politikerklärungen berufen kann und damit schließlich die größten Katastrophen auslöst. Though this be madness, yet there is method in't - ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode (Hamlet II,2): das ist das Hauptthema dieses Buches.
Außenpolitik ist eine pathologische Erscheinungsform und Praxis des Politischen. Pathologisch wird das Politische, die große Entdeckung von Öffentlichkeit und Selbstbestimmung, wenn es in das Streben von Menschen nach Herrschaft über Menschen verkehrt wird - durch die "seltsame Begierde, nach Macht über andere zu streben und die Herrschaft über sich selbst zu verlieren." Diese Macht macht ihren Besitzer zwar nicht glücklich: aber die Beherrschten meinen, daß der Mächtige eigentlich glücklich sei, weshalb sie ihn beneiden, ihm nacheifern oder ihn zumindest bewundern - und das wiederum macht den Herrschenden dann doch auf eine entfremdete Weise glücklich. In Francis Bacons Essay "Über die hohe Stellung" heißt es weiter: 
"Hochgestellte Personen tun gut daran, sich in die Meinung anderer zu versetzen, um sich selbst für glücklich zu halten; denn wenn sie nach ihren eigenen Gefühlen urteilten, käme es ihnen nicht so vor. Wenn sie sich aber ausmalen, was andere von ihnen denken und daß viele gern mit ihnen tauschen möchten, dann sind sie glücklich, gleichsam wie durch Widerhall, auch wenn sie innerlich vielleicht das Gegenteil empfinden."[11]
Die Macht, die die "hochgestellten Personen" ausüben, ist natürlich alles andere als genderneutral: Sie ist männlich kodiert, wie es im feministischen Jargon heißt, auch wenn hier und da Frauen an die Regierung gelangen. An dieser Stelle sei noch einmal eine Stelle aus dem Gipfelgespräch zwischen Mao und Kissinger zitiert, das emblematisch für die maskilistische, misogyne Haltung dieser Staatsmänner ist::
"Mao: Wollen Sie unsere chinesischen Frauen? Wir können Ihnen zehn Millionen geben. (Gelächter, vor allem bei den Frauen)
Kissinger: Der Vorsitzende steigert sein Angebot.
Mao: Indem wir das tun, können wir sie Ihr Land mit Unheil überfluten lassen und Ihre Interessen schädigen. Wir haben in unserem Land zu viele Frauen, und die machen alles auf ihre Weise. Sie setzen Kinder in die Welt und wir haben zu viele Kinder. (Gelächter)
Kissinger: Das ist ein ganz neuer Vorschlag, wir werden ihn studieren müssen.
Mao: Sie können einen Ausschuß einsetzen, um diese Sache zu untersuchen. So löst Ihr China-Besuch das Bevölkerungsproblem. (Gelächter)
Kissinger: Wir werden die Nützlichkeit und ihre Unterbringung studieren.
Mao: Wenn wir sie bitten, zu gehen, glaube ich, sie wären willens.
Tschu: Nicht unbedingt.
Mao: Das kommt von ihrem feudalen Denken, großnationaler Chauvinismus.
Kissinger: Wir sind gerne bereit, sie aufzunehmen."[12]
Außenpolitik ist, um den Begriff Bacons aufzunehmen, der "Widerhall" des Politischen, ist seine Entfremdung, Verkehrung und Abstraktion. Ihre Spielregeln und Begriffe lassen sich leicht lehren und lernen - und sie ist verführerisch, weil sie sich in einer Sphäre abspielt, die denkbar weit entfernt ist von den konkreten Problemen, mit denen es die Menschen - "die Wähler" - tagtäglich zu tun haben: Gesundheit, Schulen, Arbeitsplätze, Renten, Umwelt. Sofern sie nich militärische Konsequenzen nach sich ziehen, fallen bei der Außenpolitik in der Regel nur vergleichsweise geringe Finanzlasten bei zu treffenden Entscheidungen an, weshalb der "Dilettantismus" von Abgeordneten hier besonders ausgeprägt ist; "jeder Narr kann im Parlament über Außenpolitik reden", wird eine englische Stimme aus einem Wahlkreis zitiert [13] - und er tut es auch: In der Außenpolitik kann man zumindest rhetorisch "gestalten" (S. Kap. 10). Eben deshalb hat das Außenamt bei allen Regierungen den höchsten Stellenwert inne - der deutsche Vizekanzler möchte natürlich kein anderes Ministerium als das Auwärtige Amt übernehmen, um zu "regieren". In den USA ist das "Department of State" das einzige, das den amerikanischen Staat namentlich in der Regierung = administration repräsentiert. Frankreich hat zwar einen Außenminister, aber die Verfassung der 5. Republik hat ihn nur zum Gehilfen des für die Außenpolitik primär zuständigen Präsidenten gemacht - und wo die Verfassung solches nicht vorsieht, vertritt ohnehin der jeweilige Regierungschef seinen Staat bei allen nur halbwegs wichtigen oder öffentlichkeitswirksamen Anlässen der Weltpolitik. Es wäre ein gar nicht zu überschätzendes Signal gegen die Verführungskraft der Außenpolitik gewesen, hätte der "starke Mann" der deutschen Grünen nicht dieses Amt sondern beispielsweise das Umwelt- oder das Verkehrsministerium übernommen: Denn hier werden die wirklichen Weichen für die Zukunft unserer Gesellschaft gestellt, nicht im NATO-Hauptquartier, nicht bei der OSZE und ganz gewiß nicht in der UNO.
Aber es gibt und gab auch schon andere Signale: Als 1995 die italienische PDS (vormals KPI) erstmals in der Nachkriegsgeschichte in die Regierung eintrat, konnte sich ihr wichtigster Mann, Walter Veltroni, jedes Ministerium aussuchen. Er entschied sich für die Kultur.

Anmerkungen:
[1] Autobiographische Schriften. HA Bd. 10, S. 546
[2] Napoleon (1921); in: Ausgewählte Werke in zwei Bänden; Frankfurt/Main 1958,Bd. 2, S. 636 - 642
[3] William Burr (ed.), The Kissinger Transcripts: The Top-Secret Talks with Beijing and Moscow; The New Pass, New York, 1998.- Hier zit. nach Jonathan Spence, Kissinger -the Emperor; The New York Review of Books, March 4, 1999; p.22
[4] Dazu gehört auch das Militär, der klassische Zwillingsbruder der Außenpolitik. In einem Bericht über die neuesten strategischen Planungen der NATO ("die Kombination von Kreativität, Instinkt undEntschlußkraft, von der im Ernstfall [!] der Erfolg abhängt") heißt es: "Es genügt, sich der Fähigkeitenzu besinnen, die einmal die Qualität [...] der napoleonischen Grande Armee ausgemacht hatte: die Fähigkeit zur freien Operation." vgl. Karl Feldmeyer, FAZ 26. Januar 1999, S. 6
[5] Vgl. Eric Hobsbawm, Barbarei. Ein Leitfaden; in: Lettre international, 33 (Winter 1994),S. 33 - 37
[6] So die Themenbezeichnung eines Heftes der Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation zurAußenpolitik; Nr. 103, Dezember 1998
[7] Joseph Rotblat, New Dangers to World Security; in: Pugwash Newsletter, Vol. 35, No.2,November 1998, S. 51
[8] Vollständig abgedruckt bei Wolfgang Sternstein u.a. (Hg.), Atomwaffen abschaffen; Idstein, 1998, S. 143 - 152
[9] Vgl. detailliert dazu Maurice Najmman, "Dr. Seltsam plant für das nächste Jahrhundert."In: Le Monde Diplomatique, Februar 1998, S. 10f. - Vgl. auch Regine Hagen: "Gefährliche Sonne", in: Friedensforum (März/April 1998), sowie über die Kriegsvorbereitungen der US-Luftwaffe im Weltraum: USAF Scientific Advisory Board: New World Vistas. Air and Space Power for the 21. Century.
[10] William R. Polk, "Iraq: A New Leaf"; in: The New York Review of Books,February 18, 1999; p. 35
[11] Francis Bacon (1561 - 1626), Essays oder praktische und moralische Ratschläge; Stuttgart, (Reclam) 1970, S. 33f. - Elias Canetti hat in "Masse und Macht" dieselbe Erkenntnis, nur ungemein aufwendiger und komplexer, d.h. weniger schlicht und deutlich, mitgeteilt.
[12] A.a.O.(Anm.3), S. 21. - Das Protokoll vermerkt, daß die chinesischen Übersetzerinnen von diesem herablassenden Bemerkungen höchst "irritiert" waren uns sich dagegen empörten...
[13] Klaus von Beyme, Niedergang der Parlamente. Internationale Politik und nationaleEntscheidungshoheit; in: Internationale Politik 4/1998, S. 21ff