Berliner Morgenpost
Donnerstag
8. Januar 1998
 

Spurensuche in der Indogermanistik -
   Gibt es eine Ursprache? 

"Die Bedeutung der Indogermanistik in der modernen Ära des Internet liegt darin, daß gerade der technisierte Mensch in der Flut von Information und Kommunikation einer Kenntnis geschichtlich gewachsener Strukturen bedarf, die Rückschlüsse auf seine Herkunft erlauben."

Von Matthias Fritz 
 


Seit gut 175 Jahren gibt es die Indogermanistik in Berlin, wo Franz Bopp 1821 die weltweit erste Professur für das Fach erhielt. Bopp war es auch, der die Indogermanistik mit seinem Buch "Ueber das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache" 1816 begründet hatte. Die Namen vieler bekannter Indogermanisten sind mit Berlin verbunden. Als berühmteste Schüler Bopps dürfen Wilhelm von Humboldt und Friedrich Rückert gelten.

Die Indogermanistik widmet sich als Fach dem Vergleich und der Geschichte der indogermanischen Sprachen, die sich zur Zeit ihrer frühesten Zeugnisse (17.Jh. v.Chr. - 15.Jh. n.Chr.) vom indischen bis zum germanischen Sprachraum erstreckten. Aufgrund des vergleichenden Verfahrens und der historischen Ausrichtung spricht man auch von vergleichender oder historischer Sprachwissenschaft. Gegenstand dieser sprachwissenschaftlichen Betrachtung sind besonders die zwölf Sprachen bzw. Sprachgruppen (je eine Sprache ist genannt): Indisch, Tocharisch, Iranisch (Altpersisch), Armenisch, Anatolisch (Hethitisch), Griechisch, Albanisch, Italisch (Lateinisch), Slawisch (Altkirchenslawisch), Baltisch (Altlitauisch), Germanisch (Gotisch), Keltisch (Altirisch).

Da die Betrachtung der Geschichte dieser Sprachen nicht zuletzt dazu dient, eine allen gemeinsame Grundsprache zu rekonstruieren, werden vor allem jeweils die ältesten Sprachstufen einer Sprache erforscht, um schließlich bis zum vorgeschichtlichen Ur-Indogermanisch und seiner Geisteskultur vorzudringen. Ursprünglich waren im letzten Jahrhundert solche Forschungen von dem Wunsch beseelt, die Ursprache der Menschheit zu entdecken.

Von diesen romantischen Vorstellungen - die Indogermanistik ist ja ein Kind der Romantik - kam man jedoch sehr schnell ab, und man kennt heute zahlreiche Sprachfamilien, die neben der indogermanischen Sprachfamilie stehen, ohne daß eine nähere Verwandtschaft festgestellt werden könnte. Von den zwölf Gruppen innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie sind sieben in Europa beheimatet, weshalb die Indogermanistik für die Begriffsgeschichte Europas und für das Selbstverständnis der Europäer von einzigartiger Bedeutung ist: So wurde etwa die Bezeichnung für den Begriff "Vater" in vielen indogermanischen Sprachen seit 3000 Jahren und mehr durch keine andere Vokabel ersetzt, so daß zum Beispiel das heutige italienische padre fast wie das rekonstruierte urindogermanische pater klingt.

Mit der Spaltung Berlins und der Neugründung der Freien Universität (FU) 1948 und der Humboldt-Universität (HU) 1949 stand auch die Indogermanistik vor einem Scheideweg: Zuletzt war im Ostteil 1947 als Indogermanist noch Wilhelm Wissmann berufen worden, bevor das
Indogermanische Seminar der HU 1959 in ein größeres sprachwissenschaftliches Institut einging. Im Westen dagegen wurde das Fach vor 50 Jahren gleich bei Gründung der FU mit dem Indogermanischen Seminar in Dahlem eingerichtet, das bis heute, als Seminar für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft, die Tradition der Indogermanistik in Berlin fortführt.

Das Seminar ist heute nur mit einem Professor und zwei Akademischen Mitarbeitern ausgestattet und bildet zusammen mit den verschiedenen orientalischen Seminaren das Institut für Indogermanistik und Orientalistik, das dem Fachbereich Altertumswissenschaften der FU angehört. Die Lehre ist interdisziplinär ausgerichtet, wobei die Indogermanistik die historische linguistische Dimension in
Nachbarfächer wie etwa Germanistik oder Latinistik einbringt.

Die Forschungsschwerpunkte liegen derzeit in Grammatik und Lexikon des Griechischen,
Indoiranischen, Anatolischen, Italischen, Germanischen und Keltischen. Durch die Erforschung des Sprachwandels ergeben sich neue Erkenntnisse für Phonologie, Morphologie, Syntax und Etymologie der Sprachen. Ein als DFG-Projekt geplantes Forschungsvorhaben des jetzigen
Seminardirektors Michael Meier-Brügger ist die erforderliche Neubearbeitung der Griechischen Grammatik von Eduard Schwyzer und Albert Debrunner, die auf Karl Brugmann zurückgeht.

(Der Autor ist Akademischer Mitarbeiter am Seminar für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft der FU.)

 



 ©Berliner Morgenpost 1998