Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2001, Nr. 301, S. BS3 (Berliner Seiten)
 
Sprechen Sie Tocharisch?

Ein kleines Fach mit großem Auftrag jagt nach der Ursprache: Indogermanistik in Berlin

Hier, zum endenden Jahr der Sprachen, eine kleine Auswahl der Sprachen, die jeder beherrschen
sollte: Hethitisch, Sanskrit, Vedisch, Griechisch, Phrygisch, Gallisch, Lateinisch, Gotisch,
Altisländisch, Armenisch, Tocharisch, Litauisch, Altkirchenslawisch, Albanisch. Jeder, das heißt
jeder, der sich als ausgewachsener Indogermanist bezeichnen will. Die Wissenschaft, die durch den
Vergleich der indogermanischen Sprachen in ihrer frühen Form dem Ursprung auf der Spur ist, hat
ihrerseits ihren Ursprung in Berlin. Und seitdem - seit Franz Bopp 1816 die gemeinsame
Vorgeschichte der Sprachen nachwies und 1821 an der Berliner Universität auf den Lehrstuhl für
"Orientalische Litteratur und Allgemeine Sprachkunde" berufen wurde - erfordert dieses Fach eine
regelrechte Sprachbesessenheit.

Schon die schiere Existenz der Indogermanistik muß in den Zeiten des Bildungsnotstands, des
Schnellstudiums und der effizienzabhängigen Geldverteilung als völliger Wahnsinn erscheinen. Der
feinsinnige und freundliche Schweizer Michael Meier-Brügger, seit 1996 an der Freien Universität,
unternimmt nicht den Versuch, das zu verhehlen. Wer sein "Seminar für Vergleichende und
Indogermanische Sprachwissenschaft" besucht, das in einer kleinen, familiären Villa unweit der
Dahlemer Museen die große Berliner Tradition des Faches fortführt, erlebt Meier-Brügger zwar als
einen umtriebigen Propagator seiner Disziplin. Doch er sagt auch: "Es braucht eine gewisse
Blindheit." Damit meint er das Schielen auf Karrieremöglichkeiten. Es sei "eine sehr spezielle
Wissenschaft", die "eine lange, differenzierte Ausbildung" benötige: "Nach neun Semestern sind Sie
kein Indogermanist." Man müsse dafür "schon ein bißchen verrückt sein". In seinem Standardwerk
"Indogermanische Sprachwissenschaft", das jetzt - wiederum in ehrwürdiger Berliner
Wissenschaftstradition - beim Walter de Gruyter- Verlag in achter Auflage erscheint, schreibt
Meier-Brügger: "Es gibt nichts Spannenderes und Kreativeres als historisch-vergleichende
Sprachwissenschaft, so meine ich. Eine Warnung aber gleich vorweg: Der Weg zu einer
akademischen Anstellung ist steinig und dornenvoll. Wer dazu aufbricht, kann gewinnen, aber auch
verlieren. Wer viel Geld auf seinem Konto haben will, muß andere Wege gehen."

Der Markt ist klein, so klein wie das Institut, dessen bislang hervorragend bestückte Bibliothek von
studentischen Hilfskräften und Meier-Brügger selbst verwaltet wird. Er hat einen Assistenten und
eine Sekretärin in Altersteilzeit. Ins Hauptseminar kommen fünf bis zehn Studenten. Die
Indogermanistik ist eines der "Kleinen Fächer", auch wenn sie sich historisch und geographisch auf
"ein riesiges Gebiet" erstreckt, wie Meier-Brügger sagt. In diesem Widerspruch lebt er permanent:
Auf der einen Seite leidet das Institut wie andere, ähnlich zugeschnittene Fächer im geschichts- und
kulturwissenschaftlichen Fachbereich, dem es neuerdings angehört, am Mangel an Geld. Und, wie
Meier-Brügger findet, am Mangel an Verständnis des Vizepräsidenten, mit dem jedes Jahr die
sogenannten Zielvereinbarungen getroffen werden müssen. "Wir haben keine Firmen hinter uns." Die
Bibliotheksmittel langten in diesem Jahr nur wegen einer einmaligen Spende der Siemens-Stiftung;
da sieht der Professor jetzt, wie auch für den Mittelbau, eine düstere Zeit kommen. Hinzu kommen
die Sorgen um und über die Studenten: Immer weniger kommen mit den unabdingbaren Latein- und
Griechischkenntnissen von der Schule, immer mehr Basiswissen muß vermittelt und so die Kluft
zwischen Forschung und Unterricht immer größer werden.

Andererseits kann Meier-Brügger zufrieden sein. Seit dem Studium in Zürich, einer anderen
Hochburg der Sprachforschung, hat ihn "das Faszinosum nicht mehr verlassen", die Sprachreste
vergangener Kulturen zu einem sinnvollen Puzzle zusammenzusetzen. Daß die Wörter und ihre
Geschichte von den tocharischen buddhistischen Texten aus Ost-Turkestan bis zur isländischen Edda
einem vielfältigen Wandel und gleichzeitig eben doch zu erarbeitenden Gesetzmäßigkeiten
unterliegen, bewegt eine blühende internationale Forschung, die keinen geringeren Auftrag hat, als zu
erklären, warum oder wenigstens wie die Sprachen wurden, was sie sind. Meier-Brügger ist weithin
anerkannt; er hat das erwähnte Übersichtswerk geschrieben, gibt das Hamburger "Lexikon des
frühgriechischen Epos" heraus und wird die monumentale Griechische Grammatik, den
"Schwyzer-Debrunner", überarbeiten. Er hält Berlin für "ideal, wenn man die Vielfalt nutzt", und
gibt selbst ein Beispiel, daß sein Fach in paradigmatischer Weise interdisziplinär ist. Gäste aus dem
Ausland, demnächst etwa ein Kollege aus Harvard, halten bei ihm Blockseminare. Meier-Brügger
hält Veranstaltungen gemeinsam mit Semitisten, Philosophen oder Prähistorikern und hat bei
Vorträgen in der Urania über Themen wie "Woher kommen unsere Namen?" ein vollbesetztes
Auditorium vor sich.

Während in Dahlem die Indogermanistik noch als ganze und eigenständig vertreten ist, ist sie an der
Humboldt-Universität, seit 1998 wieder besetzt, in das "Institut für deutsche Sprache und Linguistik"
eingebunden. Daraus ergeben sich eine eher dienende Rolle und eine engere Verbindung zur weniger
historisch ausgerichteten Sprachtheorie. Zwar hängen die allgemeine und die vergleichende
Sprachwissenschaft überall, auch an der Freien Universität, naturgemäß eng zusammen. Aber eine
gewisse inhaltliche Spannung besteht dennoch zwischen denen, die sich in die altiranische
Formenlehre hineinknien, und den Linguisten, denen gelegentlich ein dürftiges Geschichtsbewußtsein
vorgeworfen wird.

Ein Grund für die eher unübliche Eingliederung in die Germanistik ist, daß die Sprachwissenschaft
in der DDR besonders am Deutschen ausgerichtet war. Das spürte auch das Indogermanische - das
aus ideologischen Gründen wie im Englischen und Französischen "Indoeuropäisch" heißen mußte.
So hat es eine leichte Ironie, daß die alte Büste vom Ahnherrn des Faches, Franz Bopp, jetzt im
Arbeitszimmer von Wolfgang Hock steht, dem Indogermanisten in der Schützenstraße in Mitte und
in einigen Jahren dann im Neubau der Germanistik am Hegelplatz hinter dem Hauptgebäude der
Humboldt-Universität: Die traditionelle Ausrichtung - wohl kaum ein anderes Fach lebt derart von
seiner Gründungsthese - hat jetzt eher in Dahlem ihren Platz.

Die unterschiedlichen Profile waren allerdings die Rettung für eine Präsenz der historischen
Sprachwissenschaft an beiden Universitäten. Die Niederlegung in Dahlem wäre ein Sakrileg, in
Mitte schützt die große und starke Germanistik. Anders als andere Disziplinen konnten sich die
Indogermanisten dem Drängen auf Zusammenlegungen bisher erfolgreich widersetzen und dies auch
inhaltlich begründen. So ist an der Humboldt-Universität ein neuer Bachelor- und
Master-Studiengang "Historische Linguistik" geplant; in Zusammenarbeit mit der Älteren deutschen
Sprache, der Romanistik und dem Nordeuropa-Institut wird dabei weniger spezialisierte
Sprachforschung als eine allgemeine, eher auf Breite ausgehende Ausbildung vermittelt werden. Sie
fängt mit allgemeineren Veranstaltungen an und schreibt erst danach Kurse in Sanskrit vor - verfährt
also gegenüber der reinen Lehre, bei der man erst einmal lange Zeit mit dem Spracherwerb
beschäftigt ist, genau umgekehrt. "Bescheidener, aber zielgerichteter", sagt Wolfgang Hock.

Eine weitere Besonderheit ist an der Humboldt-Universität, daß Hock dabei ist, einen Schwerpunkt
mit den baltischen Sprachen zu setzen, für die er Fachmann ist. Dies paßt gut zu dem Blick auf die
Ostsee-Region, den die Humboldt-Universität hat. Kontakte mit der litauischen Botschaft haben den
Sprachwissenschaftlern bereits mehrere Kisten voller Büchergeschenke verschafft. Die sind
allerdings auch bitter nötig: Unter der Bibliothekssituation leidet Hock, der von einem großzügigen
Münchener Institut hierher gekommen ist, am meisten. Es gibt so gut wie keine Fachzeitschriften,
man fühlt sich von der aktuellen Forschung abgeschnitten.

Hier liegt, bei allem verständlichen Beharren darauf, daß sich alles wunderbar ergänzt, ein
grundsätzliches Dilemma im Verhältnis zwischen Freier und Humboldt-Universität: Letztere hat,
auch wenn man hier und da nachkauft, vielfach katastrophale Bibliotheken; "die Lücke wird nie mehr
aufgefüllt", sagt Hock. Gleichzeitig fehlt an der Freien Universität, die oft gute Bestände hat, das Geld
für Neuanschaffungen. Wer von den Institutionen abstrahiert, sieht sofort, daß die
Zusammenlegung von Bibliotheken, zumal in speziellen Fächern, der einzig sinnvolle Weg wäre.
Aber Vorschläge von Konzentration würden umgehend auch als Anregung verstanden werden,
Institute zu kombinieren und Stellen einzusparen. Deshalb spricht keiner, der eine Stelle hat oder
eine erhofft, aus, was aus wissenschaftlicher Sicht und im Hinblick auf die Arbeitsmöglichkeiten der
Studenten geboten wäre. Die Fächer hingegen, die sich aus verschiedenen Gründen bereits
zentralisiert haben, wie Theologie oder Skandinavistik, stehen heute besser da.

Vorerst jedoch läßt man sich bei den Indogermanisten nicht davon abhalten, mit unterschiedlicher
Akzentsetzung die Geschichte unserer Sprachen und so jene Ursprache zu erforschen, die
irgendwann zwischen 5000 und 3000 vor Christus unsere Vorfahren gesprochen haben. Das Fach
ist ein typisches Beispiel für eine Wissenschaft, deren Transferleistungen für die
Informationsgesellschaft, für Arbeitsplätze, für die Berliner Wirtschaft nicht auf der Hand liegen.
Das könnte man doch streichen, oder? Wer aber darin, daß ein Fach, das mit vergleichsweise
lächerlichem Kostenaufwand den sprachlichen Anfang unserer Kultur aufzeigen kann, einen
übergeordneten Nutzen erkennt, wird auch diesen verrückten Gelehrten, die steinige und dornenvolle
Wege gehen, einen angemessenen Platz zwischen, sagen wir, Wirtschaftwissenschaft und
Geschlechterforschung einräumen.

JOHAN SCHLOEMANN

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