Tragik und Minne
Interdisziplinäre Tagung an der Goethe-Universität Frankfurt vom 16.-18. Februar 2012, Tagungsleitung gemeinsam mit PD Dr. Regina Toepfer (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Die metaphysischen Deutungsperspektiven des Tragischen, die in der deutschen Theoriegeschichte spätestens seit Hegel dominant wurden, entstammen spezifisch neuzeitlichen ideengeschichtlichen Kontexten. Sie lassen sich daher nicht unmittelbar auf vormoderne Literatur übertragen und für deren Erschließung fruchtbar machen. Neben diesen für die Konstitution der Moderne prägenden Konzepten und Synthesen von Poetik, Metaphysik und Geschichtsdeutung gibt es alternative Konzepte des Tragischen, die auf die Bestimmung dessen konzentriert sind, was im eigentlichen Sinn zu einem Text oder einem Bühnenstück gehört, insofern es Literatur ist.
Dies kann als das Ergebnis der Tagung bezeichnet werden, die im Februar 2010 zum Thema
Tragik vor der Moderne stattfand und an der sich klassische Philologen und Mediävisten verschiedener Fachdisziplinen beteiligten. Die historische und ideengeschichtliche Indizierung eines als überzeitlich geltenden, aber tatsächlich spezifisch modernen, weltanschaulichen Tragikkonzepts ermöglichte es nicht nur, Aristoteles und die griechische Tragödie unabhängig von idealistischen und romantischen Positionen zu interpretieren, sondern auch in den Werken des christlichen Mittelalters Elemente des Tragischen zu entdecken.
Im Vergleich zur Antike zeichnet sich im Mittelalter eine Veränderung ab, die die Motivation des Unglücks eines tragischen Helden betrifft: Das Motiv der Minne, das in der ‚Poetik‘ des Aristoteles nicht mit dem tragischen Handlungsverlauf in Verbindung gebracht wird, dient in der erzählenden Literatur des Mittelalters oft und mit einem herausgehobenen Stellenwert als ausschlaggebende Ursache für das Leid der Figuren und steht im Zentrum tragischen Handelns. In der griechischen Tragödie der Antike hingegen sucht man nach einer solchen exklusiven Bedeutung des Erotischen vergeblich. Liebe als Handlungsmovens erscheint hier als ein Motiv neben anderen. Die Tragik des Geschehens scheint sie nicht zu bedingen oder alleinig erklären zu können.
Dieser unterschiedliche Zusammenhang zwischen Tragik und Liebe und die wachsende Bedeutung des Liebesmotivs in als tragisch bezeichenbaren Handlungsverläufen soll auf der geplanten, zweiten Tagung daher ins Zentrum gestellt werden. Während auf der vorausgehenden Tagung die Differenzen zwischen den modernen und vormodernen Tragikvorstellungen beleuchtet wurden, ist nun zu fragen, inwiefern sich antike und mittelalterliche Erzähl- und Handlungsformen des Tragischen unterscheiden.
Für eine solche komparatistische Untersuchung bieten sich vor allem die antiken Stoffe und Autoren an, die in Mittelalter und Früher Neuzeit rezipiert, kommentiert und adaptiert wurden: die Werke Vergils, Ovids und Senecas. Aber auch andere, nicht in der Antike vorgebildete Stoffe sollen dann herangezogen werden, wenn ihre literarische Gestaltung Aufschluss über die Gründe für den Aufstieg der Minne als bevorzugtes Thema tragischen Erzählens zu geben verspricht. Neben der literarischen Gestaltung tragischen Handelns in den mittelalterlichen Antikenromanen und kleineren Erzählformen sind auch die Aussagen in Poetiken, Minneliedern und Minnereden von Interesse, in denen das Konzept einer tragischen Liebe akzentuiert wird.
Durch die Fokussierung auf das Motiv der Liebe und den Bezug auf eine gemeinsame stoffliche Grundlage sollen Kontinuitäten und Differenzen in der Gestaltung tragischen Handelns in Antike und Mittelalter erarbeitet werden. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Gräzisten, Latinisten, Germanisten, Romanisten und Anglisten kann dazu beitragen, ein differenzierteres Bild von literarischen Entwürfen des Tragischen vor der tragödientheoretischen Reflexion der Moderne zu gewinnen.