Heike Michel Berlin, im Dezember 1994 Eine Reise zu den Rentiernomaden der Mongolei Mitte September des Jahres 1994 fuehrte mich eine Reise zu den mongolischen Rentierzuechtern, mongolisch Zaatan, die ihre Heimat im Nordwesten des _Chowsgol-Aimaks, des noerd- lichsten Aimaks der Mongolei, haben. Der Name Zaatan leitet sich vom mongolischen Wort 'zaa buga' fuer Rentier ab. Eigentlich sind die Zaatan turksprachige Tuwiner vom Stamm der Sojon Urianchaj. In einer mongolischen Quelle, der Biografie des _Ondor Gegeen, finden sie erstmals Mitte des 18. Jahrhunderts Erwaehnung: " ... ein Mann auf einem weissen Rentier reitend, be- kleidet mit einem Tigerfellschurz und Tigerfellstiefeln ... begegnete uns auf einem der hohen noerdlichen Paesse und entbot dem Erleuchteten seinen Gruss ... " [1] Nach der Revolution von 1921 wurden die Rentiernomaden von Tuwa der Einfachheit halber entsprechend der Tiere, die sie zuechteten, Zaatan genannt [2]. Die Zaatan leben heute hauptsaechlich in den schwer zugaeng- lichen Gebieten der Somone Bajands^urch, Ulaan-Uul, Rintschenlch^umbe und Chach des _Chowsgol-Aimaks. Dieses Gebiet beginnt am suedlichen Eingang der Darchad- Senke und verlaeuft in noerdlicher Richtung bis Cagaan Nuur. Die Darchad-Senke befindet sich westlich des _Chowsgol-Sees, des groessten Suesswassersees der Mongolei; sie wird von ihm durch den Choridol-Saridag-Ruecken (dem Schneegebirge) ge- trennt, dessen hoechste Erhebungen bei ueber 3000 m ue.n.N. liegen. Die Darchad-Senke ist ueber einen einzigen Pass, den _Ol- Pass (ca. 2000 m ue.n.N.), zu erreichen. Der Pass ist eine sehr beruehmte Opferstelle, auf dem sich 12 mittlere und in deren Mitte ein sehr grosser Owoo erheben. Alten Glaubens- traditionen folgend geht auch heute kein Reisender an derar- tigen Staetten vorbei, ohne etwas Geld oder ein paar Sprit- zer der weissen Speisen (Milch, Tee oder Schnaps) an die Gottheit des jeweiligen Passes oder Berges zu opfern, um damit fuer eine glueckliche Weiterreise zu bitten. Wir hatten Glueck und trafen an dieser Stelle eine etwa 10- koepfige Darchad-Familie, die sich gerade auf dem Weg ins Herbstlager befand. Wir nahmen uns Zeit fuer die ueblichen Fragen nach dem Woher und Wohin und konnten ihnen bei ihrer Opferdarbringung in gemessenen Abstand zusehen. Auch wir waren gluecklich, es bis hierher geschafft zu haben, denn bis dahin sind von Ulan-Bator aus fast genau 1000 km Step- penpisten mit teilweise sehr unwegsamen Gelaende zu bewael- tigen. Durch den spaeten Abreisetermin und den beginnenden mongolischen Winter nahmen die Strapazen der Reise zu. Die Temperaturen bewegten sich tagsueber bei 5 - 10 Grad C, Schneefaelle begleiteten uns fast taeglich. Nachts lagen die Temperaturen weit unter Null, und die von vielen Baechen und Seen durchzogene Senke war sehr sumpfig und morastig. Das fuehrte zu einigen unliebsamen Verzoegerungen des Unterneh- mens, da selbst fahrerisches Koennen nicht immer ausreichte, die zunaechst unsichtbaren Gefahrenstellen zu ueberwinden. Das Gebirge westlich der grossen Senke heisst Rote Taiga, dessen hoechste Erhebung bei ueber 3300 m ue.n.N. liegt. Diese Gebirge westlich und oestlich der Darchad-Senke gehoe- ren zur Zone der Gebirgswaldsteppe, weiter im Norden geht diese ueber in Gebirgstaiga. Die vorherrschenden Baumarten sind Laerche (Larix sibirica), Kiefer (Pinus sibirica) und Tanne (Abies sibirica). Die Senke an sich gehoert zum Step- penguertel mit relativ kraeftigem Grasbewuchs. Dieser wird hier nicht naeher erklaert, denn meine Reise hatte ein ande- res Ziel, naemlich etwas ueber das Leben der Rentiernomaden zu erfahren, zu denen erst in den letzten 3 Jahren wenige Europaeer vorgedrungen sind. Das Material zu diesem kleinen Volk, vor allem das wissen- schaftliche ist entsprechend rar. Auch von mongolischer Seite gibt es nur vereinzelt Beitraege zu dieser Thematik. Das mag einerseits an der Nationalitaetenpolitik liegen, die die MRVP bis zur politischen Wende 1990 verfolgte, anderer- seits an der diffizilen Problematik, die die Zaatan an sich als Tuwiner aufwarfen. Der groesste Teil des Zaatanvolkes lebt nach wie vor nicht im Gebiet der Mongolei, sondern in den Grenzen von Tuwa. Wie uns von einem Offizier der Grenz- truppen bestaetigt wurde, sind die Grenzgaenger schwer zu kontrollieren und es kommt nicht selten zu Konfliktsituatio- nen. Die Staatsgrenze ist zwar durch Grenzsteine markiert, befindet sich aber in einem sehr unzugaenglichen Gebiet. Dazu kommt, dass die Grenzposten in keiner Weise ausreichend sind. Die Zaatan, die sich hauptsaechlich von der Jagd ernaehren, leben so nahe an der Grenze, dass sie diese sehr oft, bewusst oder nicht, ueberschreiten. Da heute nur noch etwa 30 Zaatan-Familien auf mongolischer Seite leben, war es nicht einfach, diese in der unwegsamen Taiga aufzufinden, zumal diese im nordwestlichsten Zipfel des Aimaks leben sollten. Vom _Ol-Pass konnten wir noch ca. 200 km weiter fahren. Nachdem wir Rintschenlch^umbe und Zagaan-Nuur als letzte feste Siedlungspunkte (Somonzentren) passiert hatten, setzten wir unseren Weg zu Pferde fort. Vor uns dehnten sich weitere 70 km im verschneiten Gebirge. Zunaechst ritten wir einen Tag am Schischigt-Fluss in westlicher Richtung ent- lang. Nach ca. 35 km von unserem Ausgangspunkt muendet der Tengis-Fluss in den Schischigt, welchem wir dann einen Tag spaeter in noerdlicher Richtung folgten, bis wir ihn an einer guenstigen Stelle ueberqueren konnten. Anschliessend bogen wir, weiterhin den Tengis-Fluss entlangreitend, nord- westlich in ein Tal ein, an dessen Ende, nach Auskunft un- seres wegekundigen Fuehrers, einige Zaatan-Familien leben sollten. Voellig erschoepft und sicher in der Annahme, dass wir uns verirrt hatten, erreichten wir bei Einbruch der Dunkelheit endlich doch den Lagerplatz von sechs Familien. Unsere Muehe wurde belohnt mit einem neugierig-freundlichen Empfang und einer Schale dampfender Rentier-Suppe am heissen Ofen. Die Behausung der Zaatan heisst mongolisch Urz. Dieses Zelt erinnert stark an Indianertipis oder an die Zelte der Samen in Lappland. Beim Aufbau des Urz werden erst drei schlanke Staemme an den oberen Enden mit einem Seil fixiert, denn werden weitere Staemme dazugestellt. Das Geruest wird an- schliessend von unten beginnend mit Zeltplanen, frueher auch mit Haeuten, bedeckt. Die Rauchoeffnung in der Mitte bleibt offen, da sich in der Mitte des Zeltes die Feuerstelle befindet. Noch aus den 70er Jahren wird berichtet, dass der Dreifuss, der die Feuerstelle umschloss, der einzige metal- lene Einrichtungsgegenstand gewesen sei. Alle anderen Geraetschaften seien aus Holz oder Haeuten selbst gefertigt gewesen. Das Urz erschien uns fuer den zu erwartenden Winter nicht ausreichend warm zu sein, da die Temperaturen in diesem Gebiet leicht bis -45 Grad C sinken. Die Jurten der mongoli- schen Araten mit ihrem dicken Filzbezug erscheinen dagegen verlockend warm und sicher. Die Schlafstellen sind Felle und Decken, die am Abend auf der blanken Erde ausgerollt werden. Da unsere Gastgeber und deren Kinder trotz der ungemuetli- chen Witterung ziemlich leicht bekleidet, z.T. sogar barfuss herumliefen, kamen wir zu der Ueberzeugung, dass sich ihr Organismus auf die rauhen Bedingungen eingestellt haben muss. Das wurde uns schliesslich bestaetigt. Die Rentierno- maden ziehen mit ihren Tieren im Sommer der Kaelte hinter- her, d.h. die Sommerlager befinden sich in den hoechsten Lagen, nur im Winter kommen sie in die Taeler hinab, damit die Rentiere ihre Nahrung in der kargen Taiga finden. Die sechs Familien, denen wir begegneten, und zu denen insgesamt 30 Personen gehoerten, betreuten ca. 400 Rentiere. Im Sommer ernaehren sich die Zaatan ueberwiegend von "weissen Speisen", die aus Rentiermilch gewonnen werden. Die Milch hat einen Fettgehalt von 14 % (Kuhmilch dagegen hat 4,1 % Fett). Die hohe Ergiebigkeit der Milch gleicht die weit geringere Menge des Melkertrages aus. Rentierfleisch wird sehr selten gegessen. Als Ernaehrungsgrundlage dienen die Jagdertraege (Baeren, Wildschweine, Rotwild, Hasen u.a.). Das Geweih der Rentiere wird zu medizinischen Zwecken benutzt und nach Russland und China verkauft. Ausserdem wer- den die Rentiere zum Reiten genutzt, Pferde sind dafuer aber auch bekannt. Schafe, Ziegen und Rinder sind als Haustiere nicht bekannt, und das Erscheinen unserer Lastrinder loeste grosses Erstaunen aus. Beim Umzug nehmen sie nicht all ihren Hausrat mit ins naechste Lager, wie das die Mongolen tun. Nicht benoetigte Sachen, wie bestimmte Kleidungsstuecke oder Haushaltsgeraete werden in kleinen Unterstaenden zurueckgelassen, d.h. sie suchen immer wieder die gleichen Lagerplaetze auf. Obwohl Versuche der mongolischen Regierung in den 50er Jahren fehlschlugen, die Zaatan sesshaft zu machen bzw. in wohnlicheren Gebieten anzusiedeln, besteht ernstlich die Gefahr, dass sie sich von ihrer urspruenglichen Lebensweise abwenden. Zu dieser Sorge fuehren verschiedene Gruende, die im folgenden erlaeutert werden: 1. Alle Zaatan sind vom Bildungssystem der Mongolischen Re- gierung erfasst worden, d.h. alle haben mindestens eine 8-klassige Schulbildung absolviert, wobei in der Schule nur mongolische Sprache unterrichtet wurde und wird. Juengere Leute bis Mitte 30 sprechen ihre eigene Sprache nur noch partiell; das Wissen um Braeuche und Traditionen droht verloren zu gehen, selbst Liedgut ist nur noch alten Menschen bekannt. 2. Die Kleidung ist mongolisch; es wird die mongolische Nationaltracht, der Deel, getragen; die Kopfbedeckungen sind europaeisch. Handschuhe und Winterstiefel werden aus Rentierfell selbst hergestellt, ansonsten werden russis- che Militaerstiefel getragen. 3. Ehepartner werden nur aus dem eigenen Volk gefreit, d.h. Ehen mit Mongolen werden aeusserst selten eingegangen. Das Schafehueten, die Existenzgrundlage der Mongolen, wurde traditionell als Suende angesehen. Um Toechter aus- zuschimpfen, gebrauchten Eltern die Worte "wir werden dich einem, der Schafe huetet, geben" [3]. Davor scheinen sich die jungen Frauen heute noch zu fuerchten. Fuer die Eheschliessung gibt es Regeln, z.B. duerfen keine Ver- wandten 1. und 2. Grades geheiratet werden, trotzdem be- steht die Gefahr der Degeneration und Reduzierung des Volkes durch die damit verbundene sinkende Lebenser- wartung. 4. Europaeische Touristen, die das Abenteuer der "letzten Wilden" suchen und keine Kosten und Angebote privater Reiseunternehmen in der Mongolei scheuen, um ihre Ein- druecke spaeter mehr oder weniger gut zu verkaufen. Diese Leute ueberschuetten die bis vor kurzem in relativer Ab- geschiedenheit lebenden Nomaden mit Unmengen von Zivili- sationsmuell (Feuerzeuge, leere Bierdosen, Baseballmuet- zen, Plastiktueten, zerrissenen Jeans etc.). Dadurch wer- den natuerlich Sehnsuechte auf die grosse Welt geweckt, ein Problem, das aus allen Dritte-Welt-Laendern bekannt ist. Nicht nur bei den Mongolen sind die Folgen deutlich sichtbar, die Zaatan werden ihnen nachfolgen. Anmerkungen: [1] _Ondor Gegeenij namtar orschibai, Teil 23,24 [2] S. Badamchatan 1962, S. 4 [3] S. Badamchatan 1962, S. 27 Quellen: 1. S. Badamchatan: _Chowsgolijn zaatan ardyn adsh bajdlyn tojm, Ulaanbaatar 1962 2. S. Badamchatan: _Chowsgolijn darchad jastan, Ulaanbaatar 1965 3. Arjaas^uren, Ch. Njambuu: Mongol jos dsanschlyn ich tajlbar tolj, Ulaanbaatar 1992 4. _Ondor Gegeenij namtar orschibai, Handschrift, Ort und Jahr unklar, Teil 23,24 5. U. Ottinger: Taiga, Berlin 1993 6. Voelker zwischen Baikal und Pazifik, Museen Preussischer Kulturbesitz, Berlin 1989 7. V. Raith, C. Naundorf: Steppen, Tempel und Nomaden, Muenchen 1994 8. H. Barthel: Mongolei - Land zwischen Taiga und Wueste, Gotha 1988 Anmerkung des Herausgebers: Bis auf die an MLS4UNIX angepasste Vokalschreibweise wurde die Originaltranskription der Autorin beibehalten. OC, 10. Januar 1995