Schneidemühl

Schneidemühl

Schneidemühl war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine unscheinbare kleine Kreisstadt in der preußischen Provinz. Außer der Tatsache, dass die sog. preußische Ostbahn, also die Hauptbahnlinie von Berlin über Danzig nach Königsberg durch das kleine Schneidemühl am Flüsschen Küddow verlief, passierte nicht viele Weltbewegendes.

Dieser Zustand änderte sich mit der Grenzziehung zwischen dem Deutschen Reich und Polen nach dem Versailler Vertrag 1919. Der Großteil der Provinzen Posen und Westpreußen fiel – da hier überwiegend polnische Bevölkerung wohnte – an den neugegründeten polnischen Staat. Die wenigen Reste der alten preußischen Provinzen gliederte man aus politischen Gründen (obwohl es ökonomisch sicherlich sinnvoller gewesen wäre) nicht an die angrenzenden Ländereien wie Pommern, Brandenburg oder Schlesien, sondern führte sie in eine neue Provinz über: Die Provinz Posen-Westpreußen entstand: Erst im Januar 1921 als Regierungsstelle, dann endgültig am 1. Juni 1922 mit dem Ostmarkengesetz wurde Schneidemühl offiziell zur Provinzhauptstadt ernannt.

Leicht hatte die etwa 300.000 Einwohner große Provinz von Anfang an nicht, da sie in drei nicht miteinander verbundenen Teile aufgesplittert war, die sich nur in den strukturschwachen grenznahen Gebieten befanden. Gerade in den ersten Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges gab es von polnischer Seite einige Versuche, die Grenzen nachträglich gewaltsam zu verändern, man sprach auch in jener Zeit von der „brennenden Ostgrenze“.

Gerade dieser Umstand führte dazu, dass aus politischer Sicht in der Weimarer Republik die Rolle der stiefmütterlich behandelten Provinz gestärkt werden versuchte. Südlich der Altstadt des kleinen Schneidemühl entstand das „Forum“ der Provinzhauptstadt am neugestalteten Danziger Platz. Namhafte Architekten jener Zeit, wie Paul Bonatz und Bauunternehmer wie Adolf Sommerfeld wurden ausgewählt, ein neues Regierungsgebäude (heute Polizeischule), ein Rathaus und das Reichsdankhaus (als Kulturzentrum) nebst moderner Kirche zu errichteten. Die Gebäude haben den Krieg überlegt, das Forum heißt heute Plac Stanisława Staszica.

Die Nazis beendeten das kurze Intermezzo der Provinz Posen-Westpreußen und gliederte die Landesreste 1938 an die benachbarten Gaue an. Bis dahin florierte trotz der schwierigen Grenzsituation (sie lag nur 7 km von der Grenze zu Polen entfernt) die größte Stadt der Provinz: Die Zahl der Einwohner Schneidemühls stieg von etwa 25.000 im Ersten Weltkrieg auf über 37.000 Einwohner bei der Volkszählung 1939. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die gesamte ehemalige Provinz an Polen. Kurzzeitig erwachte das nun Piła heißende Schneidemühl, welches vor allem in den letzten Kriegstagen stark zerstört wurde, als Woiwodschaftshauptstadt zu neuem Leben. Heute schläft es wieder einen Dornröschenschlaf als Provinznest in Großpolen.

Ehemaliges Regierungsgebäude Posen-Westpreußen, Zustand 2012