Ratibor/Racibórz

Ratibor/Racibórz

Ratibor (polnisch Racibórz) liegt an der Oberoder in der polnischen Woiwodschaft Schlesien, rund 60 Kilometer südwestlich von Kattowitz. Die Stadt liegt nahe der Grenze zur Tschechischen Republik (nächstgrößere Städte: Troppau und Ostrau), sowie zur Woiwodschaft Oppeln (Opole).

Der ehemalige Landkreis Ratibor ist Teil des Schlesischen Tieflands und ist im Süden durch das Oppagebirge und im Norden durch das Oberschlesische Hochlandbegrenzt. Südlich des Landkreises liegt die sog. Mährischen Pforte, der markanteste Oder-Gebirgsdurchfluss. Die historische Altstadt erstreckt sich am linken Oderufer. Ratibor hat heute rund 57.000 Einwohner.

Innenstadt Ratibor (Ring, 2013)

Oder nahe der Innenstadt (links) / Matka-Polska-Statue zwischen Oderufer und Innenstadt

Schloss Ratibor
Eingang zum Schloss (links) und Oderverlauf nördlich der Innenstadt
Straßenszenen und Siedlungshäuser westlich der Innenstadt

Berendorf/Bienkowice

Das Dorf Benkowitz wurde vermutlich im ausgehenden 12. Jahrhundert gegründet. Die erste urkundliche Erwähnung findet der Ort im Jahre 1283. Bis ins 19. Jahrhundert gehörte Benkowitz dem Dominkanernommenkonvent zu Ratibor. Sehenswert ist die 1730 erbaute barocke Dorfkirche mit dem klassizistischen Pfarrhaus. Ebenfalls in Benkowitz ist die Kapelle des heiligen Johannes zu finden, die im 19. Jahrhundert errichtet wurde. Im Jahre 1936 wurden viele slawisch klingende Ortsnamen im Kreis Ratibor „eingedeutscht“. Benkowitz erhielt den Namen Berendorf. Seit 1945 heißt der Ort Bienkowice.

Durch Benkowitz fließt das lieblich mäandernde Flüßchen Psina, bevor es bei Tworków in die Oder mündet.

» Bilder von Benkowitz (von Mariusz)

Orte in der Umgebung

Sudol (dt. Trachkirch)– Ende des 13. Jahrhundert gegründet, gehörte Sudol dem Breslauer Bischof Nanker. 1977 wird das Dorf nach Ratibor-Stadt eingemeindet. Sehenswert in Sudol ist die neugotische Pfarrkirche Maria Rosenkranz von 1905.

Boleslaw (dt. Bunzelberg) – Der Ort wurde Ende des 14. Jahrhundert erstmalig erwähnt. Die Dortstraße ist zugleich die alte Handelsstraße, „Teerbrennerweg“ genannt, die von Ratibor in das südliche Mähren führte. Sehenswert ist im Ort ein alter Holzspeicher aus dem 19. Jahrhundert. Bis 1936 hieß der Ort Boleslau.

Tworków (dt. Tunskirch) – Der ehemalige Herrensitz der Familie Tworkowski wurde im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt. Die Ruinen des 1872 errichteten Renaissanceschlosses und die 1694 erbaute Peter-und-Paul-Kirche sind sehenswerte Punkte im Ort.

Krzyzanowice (dt. Kreuzenort) – In der Ende des 13. Jahrhundert gegründete Ortschaft ist das 1853 im englischen neugotischen Stil errichtete Herrenhaus besonders sehenswert. Die Marienkirche in der Ortsmitte wurde 1793 errichtet.

Buslawitz/Bohuslavice

Erstmalig Erwähnung findet Buslawitz im Jahre 1434: Die Familie Drahotusove hatte zu dieser Zeit in Buslawitz einen Wirtschaftshof neben einer damals schon existierenden Kirche errichtet. Im ausgehenen 15. Jahrhundert wurde in Buslawitz eine Festung errichtet, die im Dreißigjährigen Krieg traurige Berühmtheit erlangen sollte. Besonders pittoresk mutet die heute Ortslage durch die beiden großen Dorfteiche „Chmelnik“ und „Secný“ an.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde Buslawitz im Zuge des Versailler Vertrages vom Landkreis Ratibor abgespalten und – wie das gesamte umliegende „Hultschiner Ländchen“ der Tschechoslowakei zugesprochen. In der Gegend um Buslawitz lebten damals überwiegend Tschechen, weshalb die Abspaltung ohne Abstimmung wie in Ostoberschlesien, durchgeführt wurde. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Grenzkorrekturen zwischen dem Hultschiner Ländchen und dem Ratiborer Kreis. Im Oktober 1938 marschierten Truppen des Dritten Reiches in Hultschin und Umgebung ein und annektierten das Gebiet. Es kam im Gegensatz zu den anderen tschechischen Grenzregionen nicht zum Sudetenland, sondern gehörte bis 1945 wieder zum Landkreis Ratibor. Seit 1945 ist Buslawitz wieder tschechisch.

Sehenswert in Bohuslavice sind die alte Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit aus dem Jahre 1747 und der vierhundert Jahre alte Eichenbaum „Struhala“.

Hultschin / Hlucin

Kriegsbach/Bojanow

Das Dorf Bojanow (dt. Kriegsbach) wurde erstmalig im Jahre 1313 urkundlich erwähnt. Die Dominikanernonnen aus Ratibor errichteten um 1370 hier ihren Klosterkonvent. Bis in das 16. Jahrhundert hinein befand sich Bojanow im Privatbesitz der Herzöge von Ratibor.
Sehenswert in Bojanow ist die 1928 errichtete Christus-König Pfarrkirche (s. Bild oben), die anstelle einer seit 1818 existiernden Kapelle trat. Überlieferungen zufolge sollen hier die Sapiehanischen Truppen auf dem Weg nach Wien ein Blechbild der Mutter Gottes von Koden hinterlassen haben. Außerdem befindet sich in Bojanow ein historischer Getreidespeicher aus dem 18. Jahrhundert. Im Jahre 1936 wurden viele slawisch klingende Ortsnamen im Kreis Ratibor „eingedeutscht“. Bojanow erhielt den Namen Kriegbach. Seit 1945 heißt der Ort wieder Bojanów.

Pfarrkirche zu Bojanow, Ansichtskarte von 1920

Kirche (1998)

» Materialsammlung Bojanów
» Aktuelle Fotos aus Bojanów

Orte in der Umgebung

Wojnowice (dt. Weihendorf) – 1370 urkundlich erwähnt, war es bis 1796 im Besitzt der Familie Reiswitz. Geburtsort von Józef Rostek (1858), Gründer mehrerer polnischer Vereine im damals deutschen Landkreis Ratibor. In Wojnowice steht ein neobarockes Schloss aus dem 19. Jahrhundert.

Krzanowice (dt. Kranstädt/Kranowitz)– Kranstädt besaß zwischen 1265 und 1874 Stadtrechte. Noch heute sind Überreste der ehemaligen Stadtstruktur zu erkennen: Von einer quadratischen Ringfläche innerhalb der früheren Stadtmauern gehen die Hauptstraßen ab. Sehenswert in Kranstädt sind die barocke Mariensäule am Ring, mehrere Kapellen und die Kirchen St. Nikolaus und St. Waclaw.

Borucin (dt. Streitkirch)– 1302 erstmals Erwähnung fand Borucin, dessen Namen auf den altslawischen Waldgeist Boruta zurückgeht. Mittelpunkt des Ortes sind die St. Augustinuskirche und ein altes Parkgeländes. Auch in Borucin sind noch heute diverse Getreidespeicher aus dem 18. Jahrhundert zu finden.

Verkehrsgeschichte

Der 1847 eröffnete Bahnhof Ratibor, Ansichtskarte 1910er Jahre

Die erste Eisenbahnlinie wurde am 18. Januar 1846 zwischen Ratibor und Heydebreck (Kedzierzyn) eröffnet. Der Hauptbahnhof wurde ein Jahr später fertiggestellt.

Auch noch während des ersten Weltkrieg war Ratibor ein bedeutender Personenbahnhof: Hier war der Grenzbahnhof des deutschen Orient-Expresszuges auf der Fahrt von Berlin über Wien nach Istanbul. Am Tag hielten am Hauptbahnhof 50 Nahverkehrszüge, elf Schnellzüge und zwei Expresszüge.
Rund um Ratibor sind alle regionalen Bahnstrecken für den Personenverkehr außer Betrieb. Lediglich die Fernzugstrecke Opole – Nedza – Racibórz – Chalupki – Ostrava ist elektrifiziert und wird regelmäßig bedient.
Um Racibórz existiert heute anstatt eines Bahn- ein dichtes Regionalbusnetz

Eisenbahnstrecke Ratibor (Racibórz) – Troppau (Opava)

Am 24. Oktober 1919 war die Ortschaft Kranowitz (bei Ratibor) Schauplatz eines großen Eisenbahnunglückes. Eine Lok des Personenzuges P 1002 auf der Fahrt von Kuchelna (Troppau) kommend fährt auf einen Güterzug auf. Dabei brach im Packwagen ein Feuer aus, bei dem ein dort transportiertes Fass hochprozentigen Alkohols explodierte. Das Feuer griff auf die Personenwagen über. Da zu dieser Zeit viele Fahrgäste Alkohol am Körper von Troppau nach Ratibor schmuggelten, hatten an die 60 Fahrgäste keine Überlebenschance.
Die Strecke nach Troppau (Opava) endet heute bereits in Kranowitz und führt nicht über die tschechische Grenze. Ob sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird, ist unklar.

Schmalspur-Straßenbahn Oderberg (Bohumin)

Im mährischen Teil des Ratiborer Landkreises um die Städte Oderberg (heute Bohumin) und Mährisch-Ostrau (heute Ostrava) gab es zwischen 1902 und 1973 ein europaweit einmaliges Straßenbahnnetz.
Die Züge verkehrten erst von Pferdekraft gezogen, später auf Dampf und Elektrobetrieb umgestellt, auf der seltenen Schmalspurweite von 760 mm (zum Vergleich: Normale europäische Eisenbahnschienen haben eine doppelt so große Spurweite).

Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es drei Betreibergesellschaften: Eine Deutsche, zwei Tschechische, die nach dem Krieg zusammengefasst wurden.

Die Schmalspurbahnstrecken reichten von Ostrau nach Oderberg, nach Peterswald (heute Petrvald) und nach Krawin (Karviná). Alle Linien trafen sich am Smetanaplatz in Ostrau.

Zwischen 1952 und 1973 wurde das Straßenbahnnetz um Oderberg schrittweise stillgelegt. Im Raum Ostrau wurden die Schmalspurgleise durch normale Schienen ersetzt. Nachstehend die einzelnen Stilllegungsdaten:

Linien 18 und 19 nach Oderberg

1960: Ostrau, Smetanaplatz – Zamosti – Muglinov (ersetzt durch Obuslinie)
1961: Muglinov – Hrusov, Zizkova (ersetzt durch Obuslinie)
1962: Hrusov, Zizkova – Hrusov, Radnice
1966: Hrusov, kino svet – Hrusov, Radnice
1973: Hrusov, Radnice – Bohumin Nadrazi
1973: Nadrazi Bohumin – Bohumin Vozovna
1973: Nadrazi Bohumin – Bohumin, Ostravska – Bohumin, OUNZ
1968: Bohumin, OUNZ – Bohumin Mesto

Die Linie 11 nach Peterswald und Krawin

1952: Abzw. Michalkovice – Michalkovice
1959: Ostrau, Smetanaplatz – Zarubek – Hranecnik
– wurde durch eine normalspurige Straßenbahnlinie ersetzt –
1967: Hranecnik – Petrvald, Delnicky dum – Karvina Nadrazi
1961: Karvina Nadrazi – Karvina OUNZ – Karvina, Stalingrad

Die Linie von Oderberg nach Krawin

1971: Bohumin, Vozovna – Dolny Lutyne
1966: Doubrava, Finske domky – Kopaniny – Horni Lytyne – Dolny Lutyne
1964: Jindrichova – Karwina, nadrazi – Doubrava, Finske domky
1966: Doubrava, Finske dumky – Kopaniny – Orlova, Namesti

Im technischen Museum zu Brno Líšen können übrigens noch die alten Züge der einzigen Straßenbahn im Kreis Ratibor besichtigt werden.
Übrigens: Bis in das Jahr 1982 hinein fuhr die normalspurige Straßenbahnlinie Linie 1 von Ostrau über Petrkovice und Ludgerovice bis nach Hultschin.

Straßenbahn und Obus-Betrieb Troppau (Opava)

Im Jahre 1905 wurden die städtischen Straßenbahnlinien in Troppau eröffnet. Nach dem zweiten Weltkrieg entschied die Stadtverwaltung, die Straßenbahnlinien durch Oberleitungsbusse zu ersetzen. Bis 1956 wurden die drei Troppauer Strecken sukzessive stillgelegt:

Linie 1

Nemocnice – Ustav pro Nervove chore (1951)
Namesti Obrancu miru – Nemocnice (1952)
Nad. Opava Vychod – Namesti Obrancu miru (1952)

Linien 2 und 2A

Depot – Namesti Obrancu miru – Svedska kaple (1956)
Jaktar – Depot (1953)
Depot – Gottwaldowy sady (1952, Linie 2A)

Linie 3

Mestsky Hrbitov – Namesti Obrancu miru (1950)

 

Troppau, Straßenbahn am Stadttheater, Ansichtskarte 1917                                                Troppau, Straßenbahn am Stadttheater, Ansichtskarte 1934

Troppau, Inbetriebnahme eines Straßenbahnwagens, 1911                                               Troppau, Straßenbahn auf dem Franz-Joseph-Platz, Ansichtskarte 1907