Kolonie Neu-Zehlendorf

Kolonie Neu-Zehlendorf

Die Gründung der Bauernkolonie Neu-Zehlendorf, dessen Gründungsjahr auf 1776 oder 1777 festzumachen ist, bildet auch das Datum der ersten neuzeitlichen Besiedlung jenes Gebietes, welches heute als Berliner Ortsteil „Schlachtensee“ zu bezeichnen ist.

Als der Reisende Büsching im Jahre 1775 seine „Beschreibung einer Reise von Berlin über Potsdam nach Rekahn“ veröffentlichte, spricht er nur von einem Haus entlang seinem Wege von Zehlendorf nach Stolpe, dem „Hubertshaus“: „Der Weg nach Hubertshaus ist sehr sandig und beschwerlich und führt durch eine schlechte und unangenehme Gegend. Bald darauf, nachdem man aus Zehlendorf gekommen, hat man zur rechten Hand Buschwerk von Fichten oder Kienholz, und auf der linken Seite sah ich einen tiefen Grund mit schlechtem Wasser eine kleine Heerde Schaafe weiden.“ Er beschreibt „Hubertshaus“ als eine neue Anlage, welche den Namen ihres „Urhebers und Besitzers“ Kammerrat Hubert führt. 1775 bestand diese nur aus einem rohr- und strohgedeckten Wohnhaus und einer Scheune nördlich der heutigen Potsdamer Chaussee, wohl in der Gegend um das heutige Studentendorf Schlachtensee.

König Friedrich der Große soll bei seinen Fahrten zwischen Berlin und Potsdam aufgrund der vielen Sandschellen so „unangenehm berührt“ gewesen sein, dass er auf den Gedanken kam, eine Kolonie für „Ausländer“, die sich in der preußischen Armee verdient gemacht haben und verheiratet waren, anzulegen. Diese „Ausländer“ sollen nach einem „rauhen Soldatenleben“ bei Ackerbau und Viehzucht ihren Ruhestand bestreiten. Es lässt sich leider nicht mehr nachforschen, ob Kammerrat Hubert auf eigene Faust oder durch Veranlassung des Königs mit der Begründung der Kolonie „Neu-Zehlendorf“ angefangen hat. Beurkundet sind lediglich gehäuft auftretende Gebietsstreitigkeiten zwischen den Neubauern und den alten Zehlendorfer Landwirten. Eine weitere überlieferte Streitigkeit bestand zwischen den Kolonisten und der „Muttergemeinde“ in Gütergotz (heute Güterfelde), als sie die Bauern weigerten, mit handwerklichen Tätigkeiten auszuhelfen.

Nach der bekannten im Jahre 1620 stattgefundenen Schlacht am Weißen Berg wurde das protestantische Böhmen wieder katholisch. Viele Böhmen protestantischen Glaubens („böhmische Brüder“) gingen in den Folgejahren in die Diaspora. Friedrich Wilhelm I. bot den Exilanten Möglichkeiten zur Ansiedlung. Friedrich II. gewährte den Siedlern Religions- und Steuerfreiheit. Auf heutigem Berliner Stadtgebiet entstand so z.B. Böhmisch-Rixdorf (Český Rixdorf, 1737 gegründet, siehe Foto oben rechts)und im Potsdamer Stadtteil Babelsberg das böhmische Weberdorf Nowawes (Nová Ves, 1754). Auch die Kolonie Neu-Zehlendorf sollte Zufluchtsort für die böhmischen Religionsflüchtlinge werden. In einem Bericht vom März 1779 sind bereits sechs Kolonisten erwähnt: Martin Sasse, Martin Saroffsky, Johann George „Lemke“ Müller, Wenzel Manditz, George Noack und Michael Haupt. Nicht nur der Name Wenzel Manditz lässt 1779 noch eine böhmische Herkunft vermuten, auch die anderen Namen können eingedeutscht sein, Preußen war bedacht, die Siedler auch etymologisch zu „assimilieren“. Lemke Müller war nachweislich der erste Schulze von Neu-Zehlendorf.

Das Datum 18. Juli 1780 wird in den Unterlagen als Abschluss der Koloniegründung genannt – spätestens dann sind alle sechs Kolonistenhäuser bezogen. Martin Sasse wird 1783 „Schöppe“ von Neu-Zehlendorf. Ob Kammerrat Hubert die Kolonisten als „Tagelöhner“ beschäftigte oder diese eigenstädig ihrer agrarischen Tätigkeit nachgehen, ist ebenfalls fragwürdig.
Im Jahre 1801 sind in Bratrings „statistisch-topographischer Beschreibung“ in Neu-Zehlendorf noch sechs Büdner, d.h. Kleinbauern, verzeichnet, zusammen mit drei Einliegerfamilien umfasste die Kolonie zum damaligen Zeitpunkt 37 Einwohner.

Auf einer Karte von 1879 sind noch alle sechs Kolonistenhäuser verzeichnet. Doch auf schon Karten nach 1900, als die Besiedlung von Schlachtenseee und Nikolassee einsetzte, existieren nur noch der Bauernhof Hönow (heute befindet sich dort das Studentendorf an der Wasgenstraße Ecke Potsdamer Chaussee), der heutige „Lindenhof“ (Wasgensteig Ecke Königsweg) und der kleine Gottesacker (Friedhof) der Kolonie, der sich ungefähr auf dem Gebiet der heutigen Grundschule Am Rohrgarten befunden hatte.

Der Bauernhof Hönow

Auf dem Gelände des heutigen Studentendorfes Schlachtensee stand bis zum Oktober 1957 der Kolonistenbauernhof des Landwirts W. Hönow. Akten beurkunden, dass dieser Hof wohl zwischen 1782 und 1796 errichtet worden sei. Der Hof musste dem Neubau des Studentendorfes weichen.

Nach dem Ende des Bauernhofes taucht der Familienname Hönow im Bezirk Zehlendorf nur noch bei einer Architektenfamilie auf. Die Nachfahren von Günter Hönow, ein bedeutender Berliner Baumeister der Nachkriegsmoderne, „Sohn eines Landwirts“ leben bis heute im Ortsteil Wannsee. Eine weitere Nachfahrin des alten Hönowhofes wohnte lange Zeit im Borsody-Haus in der Tewsstraße 18.
Heute ist von den alten Kolonistenhäusern nur noch der „Lindenhof“ am Wasgensteig übrig geblieben, der seit den 1970er Jahren ein Kinderheim beherbergt. Interessanterweise gehörte der Lindenhof bis zum Bau der Gartenstadt Düppel aus historischen Gründen verwaltungstechnisch zur evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee.