Großbothen

2015-08-31 10.12.12-2Unser Wunschstandort für die Einrichtung eines psychologiegeschichtlichen Museums ist das leerstehende Sommerhaus (und gleichzeitig der Sterbeort) des berühmten deutschen Psychologen Wilhelm Wundt (1832-1920).

Bekannt ist, dass Wundt an der Universität Leipzig seine historisch höchst bedeutsame Wirkung entfaltet hat und deshalb als die vielleicht größte Gründerpersönlichkeit der Psychologie gilt. Weniger bekannt ist, dass er in Leipzig nicht nur das weltweit erste Laboratorium für Experimentalpsychologie einrichtete, sondern auch der Initiator für die Entstehung einer kulturgeschichtlich orientierten Entwicklungspsychologie war, für die er die – heute nicht mehr gebräuchliche – Bezeichnung Völkerpsychologie einführte.

Die Häuser, in denen Wundt in Leipzig wohnte, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten blieb sein letztes Domizil, das in Großbothen bei Leipzig, Grimmaer Straße 28 liegt. Dort lebte auch der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853-1932), mit dem Wundt eng befreundet war.

Das Gebäude ist „wohl proportioniert im italienischen Stil“ um 1903/04 nach Plänen des Maurermeisters Fleming errichtet worden (vgl. Fotos). Es hat eine Wohnfläche von etwa 120 Quadratmetern auf zwei Etagen und steht auf einem etwa 880 Quadratmeter großen Grundstück. Im Jahr 1915/1916 gehörte es Wundts Tochter Eleonore. Ursprünglich wollte Wundt im Jahre 1903 noch seinen Alterssitz in Mannheim einrichten und in Großbothen nur ein Sommerdomizil unterhalten. Im Jahr 1919 hat er es dann aber gekauft und verbrachte ab Juli 1920 bis zu seinem Tod den Sommer in Großbothen. Hier diktierte er am 24. August 1920 das Vorwort zu seinem Hauptband  „Erlebtes und Erkanntes“. Im Herbst wollte er ursprünglich nach Leipzig zurückkehren, verstarb dann aber am 31. August 1920. Ende 1920 wurde das Haus an einen Wilhelm Guhlemann  veräußert. Wundt Tochter verfügte nur über ein sehr geringes Einkommen und habe „sehr bescheiden“ leben müssen. Sie arbeitete von 1927 bis 1943 im Psychologischen Institut Leipzig und war mit Grete Ostwald, der Tochter des ebenfalls in Großbothen lebenden Chemikers und Nobelpreisträgers Wilhelm Ostwald befreundet. Im Jahr 1995 fand in Großbothen ein Treffen statt, an dem auch Angehörige der Familie Wundt und Vertreter der Leipziger Universität teilnahmen. Die Kosten einer Renovierung wurden damals auf 900.000 DM geschätzt.

2015-08-31 10.10.15-2Das Haus befindet sich heute nicht im Besitz der Nachfahren Wundts und ist seit längerer Zeit unbewohnt. Es steht zwar unter Denkmalschutz, doch der jetzige Besitzer ist an einer Erhaltung des Hauses nicht interessiert und deshalb wahrscheinlich bereit, es zu einem angemessenen Preis zu verkaufen. Im Falle eines Erwerbs würden zwar hohe Sanierungskosten anfallen, aber die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz hat im Vorfeld bereits signalisiert, dass sie ein derartiges Projekt finanziell großzügig unterstützen könnte.
Würde das Haus instandgesetzt, ließen sich Nutzungen in Betracht ziehen, die eng mit dem Namen Wundt verbunden sind. Es gibt zwar bereits den „Wilhelm-Wundt-Raum (Sammlung des Psychologischen Instituts Leipzig)“ und das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie in Würzburg, doch es wäre sehr wünschenswert, wenn gleichsam parallel zu dem in Leipzig bereits bestehenden, eher biologisch ausgerichteten „Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie“ ein Institut für eine kulturgeschichtlich orientierte Psychologie eingerichtet werden könnte. Hierfür würde ein dringender Bedarf bestehen und das Haus in Großbothen vielleicht als Standort infrage kommen.

Wilhelm Wundt war der erste, der im Jahre 1883 das Wort „Historische Psychologie“ prägte, und bis zu seinem Tod die Anwendung der „historisch-psychologischen Methode“ für eine entscheidend wichtige Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung hielt. Der ‚Altmeister‘ hatte schon früh begriffen, dass nicht die kurze akademische Disziplin- und Institutionsgeschichte der Psychologie, sondern die vergleichsweise unvorstellbar lange Gegenstandsgeschichte des Psychischen (so u.a. der soziokulturell überformten DSCI0475-3inhaltlichen Wahrnehmungen, Kognitionen, Gefühle und Bedürfnisse) eine interessante Thematik darstellt und gerade deren Bearbeitung eine wichtige Forschungsaufgabe repräsentiert. Bereits im Jahre 1908 formulierte Wundt die folgenden Sätze: „Die Aufgaben der wissenschaftlichen Psychologie sind in den mannigfaltigen Gestaltungen des Seelenlebens selbst gegeben, nicht in den zufälligen Interessen, die gelegentlich im Kreis der Psychologen vorherrschen. Und vielleicht bedarf es keiner besonderen Sehergabe, um vorauszusagen, daß in nicht allzu ferner Zeit die experimentellen Gebiete der Psychologie gegenüber den völkerpsychologischen Problemen verhältnismäßig in den Hintergrund treten werden.“

Vor dem neuen Gebäude der Psychologie in Chongqing, d.h. in der Southwest University in China, steht eine lebensgroße Skulptur Wundts, geschaffen von dem chinesischen Meister He Lei. Das ist ein Beispiel für die aktuelle Weltgeltung Wundts, dessen Anerkennung bereits zu seinen Lebzeiten ein hohes Niveau erreichte. Wundt war auswärtiges oder korrespondierendes Mitglied von 13 Akademien sowie Ehrenmitglied in 12 wissenschaftlichen Gesellschaften des In- und Auslands. 1912 wurde er zum Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste gewählt. Die Asteroiden (635) „Vundtia“ und (11040) „Wundt“ erhielten seinen Namen.

Diese Ehrungen stehen in einem gewissen Widerspruch zu dem Schicksal des Hauses in Großbothen bei Leipzig, in dem Wundt zuletzt gelebt und gearbeitet hat. Seine Freundschaft zu dem 20 Jahre jüngeren Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (Ostwald sah in Wundt seinen Mentor) war der Grund für die Wahl des Standorts und den Kauf des Gebäudes Grimmaer Straße 28. Während der DDR-Zeit, als das Haus im Besitz der Öffentlichen Hand war, wurde zur Würdigung Wundts eine Inschrift angebracht. Diese Gedenktafel droht nun zu einem Symbol der „Entwürdigung“ zu werden, weil das Haus trotz des Denkmalschutzes verfällt (was ironischerweise zu DDR-Zeiten nie der Fall gewesen wäre). Die gegebene Situation halten viele für einen Skandal, aber eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht.

Stattdessen spitzt sich die Lage dadurch noch weiter zu, dass der diesjährige „Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie“ (18. – 22.9. in Leipzig) an den berühmtesten Gründervater der akademischen Psychologie erinnern und den Blick bereits auf das Jahr 2020 richten wird, d.h. den 100. Todestag Wundts.

Wilhelm Wundt ist zwar nicht so berühmt geworden wie Sigmund Freud, hat aber für die Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie eine ungleich größere Bedeutung als dieser und genießt dafür in Fachkreisen weltweite Anerkennung. Sein Frühwerk bezieht sich auf die Physiologische Psychologie und den experimentellen Ansatz. Wundt gründete 1879 das erste psychologische Forschungslaboratorium der Welt, das sehr schnell internationale Bedeutung gewann und als Beginn der akademischen Disziplin Psychologie angesehen wird. In seinem Spätwerk widmete sich Wundt dem Aufbau einer geisteswissenschaftlich fundierten Psychologie, die jedoch lange Zeit unbeachtet blieb, erst in den letzten Jahren (als Wundts „anderes Erbe“) wiederentdeckt wurde und eine wichtige Weiterentwicklung erfährt.

Da Wundt sowohl für die naturwissenschaftliche als auch für die geisteswissenschaftliche Psychologie eintrat, birgt sein Werk ein großes Integrationspotenzial. Sein „Grundriss der Psychologie“ enthält Aussagen, die in dieser Perspektive möglicherweise erst in Zukunft Aktualität erlangen. Durchaus naheliegend ist in diesem Kontext der Gedanke, Wundts Wohnhaus in Großbothen in Verbindung mit dem dort bereits seit vielen Jahren bestehenden Wilhelm Ostwald-Park (Gedenk- und Tagungsstätte) zum Bestandteil z. B. eines Zentrums und Museums für Geschichte der Psychologie werden zu lassen.

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