Französischer Sektor

Französischer Sektor

Wie keine andere alliierte Besatzungsmacht prägten die Franzosen das Stadtbild in den nördlichen Berliner Bezirken Reinickendorf und Wedding. Für ihre Militär- und Zivilangehörigen baute die französische Armee ganze Stadtviertel. Die Straßen hatten französische Namen, die Einkaufszentren boten französische Waren an, es gab französische Schwimmbäder und Schulen. Im Jahre 1994 zogen die Besatzer, die zu Freunden geworden waren ab und ließen ihre französischen „Ministädte“ zurück. Leider wurden die Quartiere lange Zeit vernachlässigt, umso spannender ist die Spurensuche. Die merkwürdige Metamorphose zwischen französischer Architektur der 70er Jahre mitten in Berlin bietet Grundlage für einen spannenden Ausflug in den Berliner Norden.

Cinéma L’ Aiglon

Am Kurt-Schumacher-Damm, am Nordrand des Quartier Napoléon befand sich das Kino für die französischen Militärangehörigen. Im Jahre 1953 wurde ein Architekturwettbewerb für den Kinoneubau ausgeschrieben. Der deutsche Architekt Hans Wolff-Grohmann gewann und entwarf ein kombiniertes Gebäude mit Kino und Hotel mit gemeinsamem Portal. Benannt wurde das Kino nach dem berühmten Roman von Edmond Rostand, der um 1900 verfasst wurde. Das Kino wurde von 1954 bis 1993 betrieben, ist heute denkmalgeschützt, steht aber leer.

Cité Berthezène

Berlin-Tegel (nahe Kurt-Schumacher-Platz)

Läuft man vom Kurt-Schumacher-Platz den Kurt-Schumacher-Damm in Richtung Charlottenburg auf der rechten Seite so sieht man die Ruinen der zwei- bis dreistöckigen Bauten der 1951 erbauten „Cité Berthezéne“. In dem der Cité angegliederten Foyer waren einst ein französisches Einkaufszentrum, eine Kantine, Buchladen, Sportclub und diverse Freizeitangebote untergebracht. Die Cité wurde nach Général Berthezène benannt, der bei der Eroberung Algeriens Anfang des 19. Jahrhunderts eine tragende Rolle spielte.

Cité Foch

Berlin-Tegel

Um 1940 wurde von der Luftwaffe an der Cyklopstraße in Wittenau der Grundstein für eine Ärzte-Ausbildungszentrum gelegt. Nach Kriegsende übernahm die Rote Armee den Standort, bis sie – nach einem kurzem Gastspiel mit britischen Afrika-Soldaten im Juni 1946 von der französischen Militärpolizei besetzt wurde. Zu Beginn hieß das Areal noch „Camp des Cyklopes“. Das Stadtviertel mit Wohnungen, die Militärverwaltung, eine Kapelle und sogar ein Theater wurde 1952 angelegt und in „Cité Foch“ umbenannt.

Als im Jahre 1994 die Franzosen abzogen, wurden viele Gebäude in der Wittenauer Cité Foch umfassend saniert. Bonner Beamte sollten die freigewordenen Wohnungen beziehen. Der Bundesnachrichtendienst übernahm die alte französische Abhörstation in der Cyklopstraße, verlies aber bald wieder diesen Standort. Heute steht aber ein Großteil des Ensembles leer. Nur noch die Schule und ein Pflegeheim werden genutzt. Das französische Schwimmbad und das große französische Einkaufszentrum sind dem Verfall preis gegeben, eine gespenstische Atmosphäre herrscht zwischen der Allée Marie Curie und der Avenue Charles de Gaulle. Die Siedlung wurde nach Ferdinand Foch, einem französischer Marschall im Ersten Weltkrieg, benannt, der nach dem Sieg über Deutschland eine harte Bestrafung ein. Die französische Grenze wollte er sogar bis an den Rhein verlegen.

Cité Guynemer

Berlin-Tegel

Zwischen dem militärischen Bereich des Flughafen Tegels und dem Flughafensee liegt diese einstige französische Angehörigensiedlung. Georges Guynemer war während des ersten Weltkrieges ein erfolgreicher französischer Jagdflieger, 53 Siege konnte er verzeichnen, sieben Abstürze hat er überlegt – eine Art französischer Richthofen.

Cité Joffre

Berlin-Wedding

Zwischen 1952 und 1953 entstand diese französische Wohnsiedlung mit zwei bis dreigeschossigen Wohngebäuden, die nach dem französischen Marschall Joseph Joffre benannt wurde, der im ersten Weltkrieg lange Zeit Oberbefehlshaber des Heeres war. Auch sie gehört heute dem Bundesvermögensamt.

Zur Cité Joffre gehörte das Stadt Napoléon, also das Sportstadion der französischen Soldaten, sowie der Zentrale Festplatz, auf dem – bis heute – alljährlich das deutsch-französische Volksfest stattfindet.

Cité Pasteur

Am Flughafen Tegel

In der direkt an den Flughafen Tegel angrenzenden und in den 1950er Jahren erbauten Cité Pasteur wohnen derzeit 600 Personen. Benannt wurde die Siedlung nach dem berühmten Mikrobiologen Pasteur, der viele Impfstoffe und die Entkeimung der Milch (Pasteurisierung) erfand. Von 1952 bis 1974 befand sich am Nordrand der Siedlung, unmittelbar an den Flughafen Tegel angrenzend, das Französische Gymnasium.

Langfristig ist – mit der Schließung des Flughafens und Umwidmung des Geländes in einen Forschungsstandort – geplant, dort Raumfahrtindustrie anzusiedeln. Die Siedlung gehört heute der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

Gare Français Tegel

In der Tegeler Buddestraße wurde ein eigener Bahnhof für die französischen Militärs am 6. Dezember 1947 in Anwesenheit des Militärgouverneurs Ganeval eröffnet. Die Station bestand aus einem eigenen Bahnhofsgebäude aus Holz. Bis in die 90er Jahre brachten die sog. „Franzosenzüge“ von Tegel aus die französischen Soldaten und ihre Angehörigen bis nach Straßburg.

Quartier Napoléon

Berlin-Wedding, heute Julius-Leber-Kaserne

Auf dem Bauplatz einer Artilleriekaserne erbauten die Nazis 1937 die Hermann-Göring-Kasernen für die Luftwaffe. Nach Kriegsende übernahmen zuerst sowjetische, später dann französische Truppen das Kasernengelände. Das Hauptquartier der französischen Alliierten zog hier ein, 1947 folgte das 46. Infrantrie-Regiment und 1955 das 11. sog. “Armor”-Regiment Chasseurs. Am 28. September 1994 übernahm die Bundeswehr das Areal und zog mit ihrem Wachbattalion in die neu benannte „Julius-Leber-Kaserne“ dort ein.