Dresden-Hellerau

Dresden-Hellerau

Im ausgehenden 19. Jahrhundert verdoppelte sich die Einwohnerzahl der Stadt Dresden auf eine Drittelmillion. In der Innenstadt kam es zu Wohnungsengpässen, oft wohnten ganze Großfamilien in nur einem winzigen Zimmer einer Hinterhofwohnung. In England gab es zur selben Zeit ähnliche Probleme, besonders in Arbeitersiedlung. Der Architekt Ebenezer Howard (1850-1928) entwickelte die Idee einer Stadt der Zukunft: Im großen Stil Häuser mit Gärten an sauberer Luft am Rande der Großstädte aufzubauen. Er, sowie der Sozialist Robert Owen, der dafür eintrat, dass sich ein humanes Lebens- und Wohnumfeld positiv auf die Produktivität der Arbeiter auswirkt, gelten als die Begründer der sog. Gartenstadt-Idee, die „Vorteile städtischen Wohnens mit den Vorzügen des Lebens in ländlicher Umgebung zu vereinen“ (Galonska, 2007).

Die Geschichte Helleraus beginnt eigentlich mit dem Tischlermeister Karl Schmidt (geb. Carl-Camillo Schmidt, 1873-1843). Er lies sich um 1895 in Dresden nieder und gründete 1898 eine Möbelfabrik (namens Dresdner Werkstätten für Handswerkskunst). Schmidt war sehr kunstinteressiert und versuchte gleichsam, auch seine Angestellten für kulturelle Dinge zu begeistern: Sie bekamen beispielweise regelmäßig Unterricht im Fach Kunsthandwerk. Schmidt schaffte es, dass seine Möbel 1900 auf der Pariser Weltausstellung in der deutschen Werkschau vertreten waren. 1906-1907, mit der Fusion mit den Münchener Möbelwerken, wurde die neue Fabrik in „Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst“ umbenannt und sollte gänzlich nach Dresden ziehen. Schmidt suchte ein neues Fabrikgelände am Dresdner Stadtrand, also dort, wo genug Platz war, um benachbart auch Wohnbauten für seine Arbeiter errichten lassen zu können.

Er kaufte Land in der Gemarkung Hellerau und beauftragte seinen Schwager, den Architekten Richard Riemerschmid mit der Konzeption der Siedlung nach dem Vorbild der englischen Gartenstadtidee. Schmidt-Hellerau gründete ebenfalls 1907 mit elf anderen Unternehmern und zwölf Künstlern den „Deutschen Werkbund“. Als erster Vorsitzender wurde der Reformer Wolf Dohrn ernannt. Ziel des Werkbundes sollte sein, die Zusammenarbeit von Vertretern aus Industrie und Handwerk mit Künstlern (respektive „Designer“), Erziehungswissenschaftlern und Städtebauern zu fördern (ebd.).


Fotos: An der Winkelwiese (links), Karl-Liebknecht-Straße (rechts)
Plan rechts: Bebauungsplanentwurf von Riemerschmid für die Gartenstadt Hellerau

Die Gartenstadtgesellschaft zu Hellerau wurde am 4. Juni 1908 gegründet. An der Gründung waren der erwähnte Werkstättenleiter Karl Schmidt, der Architekt und Städteplaner von Hellerau, Richard Riemerschmid und der (heute würde ihn Manager nennen) Werkbundsvorsitzende Wolf Dohrn beteiligt. Zweck der Gesellschaft war die Planung von vier Bauabschnitten in der Gemarkung: den Fabrikbau der Deutschen Werkstätten, ein Kleinhaus-Viertel für die Arbeiter, ein Landhausviertel für die leitenden Angestellten, Gemeinschaftseinrichtungen (wie z.B. der Marktplatz).

Neben der Gartenstadtgesellschaft wurde auch eine „Bau- und Kunstkommission Hellerau“ gegründet. In ihr saßen sieben führende kunsthandwerklich engagierte Personen, die alle Architektenentwürfe auf Einheitlichkeit kontrollieren sollten. Denn auch, wenn es gewünscht war, dass die neue Gartenstadt von verschiedenen Bauleitern gestaltet wird, so wollte man doch eine gewisse Einheitlichkeit wahren. Der Begründer der Gartenstadtidee Ebenezer Howard war vom Projekt Hellerau begeistert. Der Bauhausarchitekt Walter Gropius hingegen diffamierte die Hellerauer Konzeptionen als „überholte Bauernromantik“.

Fotos: Marktplatz von Hellerau (beide) mit Gasthaus (rechtes Bild geradezu)

Fotos: Marktplatz (links), Blick in die Kurze Straße (rechts)

In der Zeit der Nationalsozialisten und während der DDR fiel das Gelände Hellerau etwas in einen Dornröschenschlaf. Der progressive reformistische Zeitgeist der Bauphase vor dem Ersten Weltkrieg war längt verflogen (oder war politisch nicht gewollt). Erst nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 kam neues Leben in den Stadtteil und es wird versucht, an die große Zeit vor 1914 bzw. 1933 anzuknüpfen.

Nach der Wende, im Jahre 1992, wurde eine Satzung für den Ortsteil Hellerau erstellt, die besagt, dass die Stadt Dresden und die Bewohner Helleraus sich stets um die „Erhaltung der städtebaulichen Eigenart des Gebietes“ bemühen sollen. Die neuen restriktiven Denkmalschutzbemühungen Dresdens sahen vor, einige zu DDR-Zeiten errichteten Anbauten wieder abzureißen. Viele Gebäudekomplexe wurden grundlegend saniert. Heute erstrahlt Hellerau wieder im alten Glanz und ist zu einem beliebten Wohnviertel geworden.

Fotos: Am Schütenfelde (links), Ruscheweg Ecke Am Schänkenberg (rechts)

Die Werkstätten

Der Grundstein für den Neubau der Deutschen Werkstätten wurde am 1. April 1909 gelegt. In Rekordzeit wurde die Fabrik errichtet, bereits im Frühjahr 1910 konnte mit der industriellen Fertigung begonnen werden. Die Anlage war – selbst nach heutigen Maßstäben – äußerst progressiv gestaltet. Zuvor waren Fabriken immer eng und dunkel, also äußerst arbeiterunfreundlich.

Die Hellerauer Werkstätten waren eine fast schlossartige Anlage. Die Hallen hatten so viele Fenster, dass es innen taghell war. Sie haben – aus der Vogelperspektive betrachtet – die Form einer Schraubzwinge, als Symbol für das Möbelhandwerk. Selbst die bei der Möbelproduktion anfallenden Holzspäne wurden zur Wärme- und Stromproduktion weiterverwendet. Viele für die industrielle Fabrikation wichtige Entwicklungen und Erfindungen gehen auf Hellerau zurück, so z.B. die Einführung des Holzleims.

Das Hellerauer Festspielhaus

Der „Bürgermeister“ von Hellerau, Wolf Dohrn lernte 1909 den Schweizer Musikpädagogen Emilie Jaques-Dalcroze kennen, der in Dresden zu dieser Zeit für Aufführungen gastierte. Dalcroze (1865-1950) gilt als Begründer der rhythmischen Gymnastik. Dohrn war so sehr von Dalcrozes Darbietungen begeistert, dass er ihn nach Hellerau einlud. Dalcroze wiederum war von der neuen Siedlung Hellerau und den Reformgedanken der Gründer ebenfalls beeindruckt. Zu jener Zeit suchte Dalcroze eine feste Spielstätte in Deutschland. Dohrn wollte ihn unbedingt nach Hellerau holen. Dies war ihm so wichtig, dass er 300.000 Reichsmark aus seinem privaten Vermögen für den Bau eines Aufführungsortes beisteuern wollte. Dieser Umstand, und das ausgearbeitete Konzept Dohrns, das er Dalcroze bereits im Frühjahr 1910 vorlegte, überzeugten Dalcroze, mit seinem Institut nach Hellerau zu ziehen und hier sein „Festspielhaus“ zu errichten. Der Grundstein wurde am 22. April 1911 gelegt. Der Entwurf stammte von Architekten Heinrich Tessenow. Im Sommer des Jahres 1912 war das Gebäude fertiggestellt (schon im Herbst 1911 begann Dalcroze mit seinen Proben auf der Baustelle). Rings um das neue Festspielhaus (auf dessen Giebel das Ying-und-Yang-Zeichen des Jaques-Dalcroze-Instituts prangte) wurden Wohnheime für die Musiklehrer und die Institutsschüler gebaut.

Das Hellerauer Festspielhaus zog Künstler, Schriftsteller und Kunstbegeisterte aus dem ganz Europa an: Rilke, Kafka, Stefan Zweig, Rachmaninow und Strawinsky, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse und Thomas Mann, alle kamen nach Hellerau während der Festspielwochen. Musikschüler aus bis zu 14 Ländern lernten in Dalcrozes Institut. Doch dann begann der erste Weltkrieg. Der Schweizer Dalcroze wandte sich gegen die deutschen Kriegsanstrengungen, im November 1914 kündigte er seinen Vertrag mit den Hellerauer Festspielen. Nach kurzen eher erfolglosen Gastspielen anderer Intendanten wurde 1935 das Gebäude an den Staat verkauft. Die Nazis richteten 1938 hier eine Polizeischule ein und bauten Kasernen ringsum. Später wurde der Komplex sogar von der SS übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände zum Lazarett der Roten Armee (bis 1992). Nach der Wende gründeten sich mehrere gemeinnützige Organisationen zur Rettung des Festspielhauses – am 7. September 2006 konnte der Aufführungssaal wiedereröffnet werden (2002 konnte bereits das einstige Institut als Stipendiatenwohnheim des PEN-Zentrums eingeweiht werden).

Fotos: Eines der 1936 von den Nazis erbauten Polizeikasernenbauten (links) sowie das Schulgebäude von 1913 (Mitte) mit dazugehöriger Sporthalle (rechts) im Heinrich-Tessenow-Weg, unweit des Festspielhauses

Wohnviertel „Am grünen Zipfel“ 

Diese zwischen Markt und Werkstätten liegende Siedlung wurde für die Arbeiter der Deutschen Werkstätten errichtet. Da sie gerade Personen mit geringem Einkommen offen stehen sollten, sind sie recht klein gehalten. Viele Wohnhäuser haben nur eine Wohnfläche von 48 Quadratmetern. Häuser für Vorarbeiter hatten bereits 85 Quadratmeter Wohnfläche, leitende Angestellte gar 99 Quadratmeter zugewiesen bekommen. Insgesamt stehen hier über hundert Häuser, aber es wurden von Riemerschmid nur sieben verschiedene Haustypen entwickelt. Bemerkenswert sind auch die angelegten Gartenwege. Sie dienten und dienen zum einen dazu, dass Garten- und Baumaterial besser transportiert werden konnte, sollten aber zum anderen auch den sozialen Kontakt zwischen den Nachbarn erhöhen, da man über diese Wege unweigerlich an den Gärten der anderen Straßenbewohner vorbeikommt und so ein Plausch über den Gartenzaun oft unumgänglich war.

Links: Blick vom Markt in die Straße „Am grünen Zipfel“, rechts: Auf dem Gartenweg hinter dem grünen Zipfel.
Mitte: Arbeitersiedlung „Am grünen Zipfel“ um 1914.

Weitere besondere Bauwerke: Das Zwillingshaus

Unterhalb des Gondlers (so nennt sich der Dorfteich Helleraus) stehen am Heideweg zwei Zwillingsbauten. Es sind Einfamilienhäuser, zweigeschossig, die – wie eineiige Zwillinge – exakt gleich aussehen, und nur durch ein etwas niedriges (für hauswirtschaftliche Zwecke nutzbares) Verbindungsstück zusammenhängen. Diese beiden Häuser wurden von Heinrich Tessenow entworfen. Sein Entwurf orientiert sich am Vorbild des Goetheschen Gartenhauses in Weimar, allerdings etwas abgewandelt als echter Kubus.

Links: Straßenseite, rechts: Gartenseite der Zwillingshäuser von Tessenow

 



Das Dohrnhaus

Nicht weit davon entfernt, etwas oberhalb, befindet sich das Wohnhaus von Wolf Dohrn (dem „Manager“ Helleraus) und seiner Familie. Er beauftragte für den Bau – ganz im Zeichen des englischen Landhausstils entworfen – den Architekten Theodor Fischer. Spätere Anbauten (wie z.B. das Pförtnerhaus) wurden unter der Leitung von Heinrich Tessenow durchgeführt.

 

Links: Das Dohrnsche Wohnhaus, rechts: Das Tessenowsche Pförtnerhaus
Unten links: Das Dohrnhaus um 1912, unten rechts: Grundriss Erdgeschoss

Das Dalcrozehaus

Riemerschmid entwarf in der Straße „Auf dem Sand“ ein Wohnhaus für den Direktor des Hellerauer Festspielhauses, den aus der Schweiz stammenden Musikpädagogen Dalcroze. Typisch für Riemerschmids Entwurf sind die plastisch ausgeführten Sohlbänke. Auch der Anbau des Hauses, in dem sich Dalcrozes private Musikschule befand, in der er privat Klavier spielte und Musikunterricht gab, ist auch in typischen Riemerschmidschen Stil entworfen. (ohne Abb.)


Fotos: Die Straße „Auf dem Sand“ (links). Die Feuerwache im Heinrich-Tessenow-Weg (rechts).

 

Die Waldschänke

Kommt man von der Dresdner Innenstadt nach Hellerau so wird man das verfallene Waldschänkengebäude erblicken. Lange vor der Entwicklung der Hellerauer Gartenstadt gab es hier ein Ausflugslokal. In diesem Restaurant wurde übrigens 1906 der Kaufvertrag mit den Anrainergemeinden geschlossen. Riemerschmid baute 1910 das Gebäude um und passte den Baustil an den der umgebenden Neubauten an. Seit der Wende steht es leer (ohne Abb.)

Fotos: Am Markt (links), Ruscheweg Ecke Am Schänkenberg (oben)

 

Die Fliegersiedlung

Zwischen dem Platz „Pilz“ (benannt nach einer früher hier stehenden Wildfutterstelle) und dem Heideweg führt ein kleiner Fußweg. Ihn säumen Wohnhäuser aus DDR-Zeiten, die um 1953 für Ingenieure des Flugzeugbaus errichtet wurden. Die Junkerswerke zogen nach dem Zweiten Weltkrieg von Dessau nach Dresden. Viele in die Sowjetunion verschleppte Ingenieure zogen nach ihrer Freilassung in die Hellerauer Wohnhäuser. (ohne Abb.)


Fotos: Abgefotografierter Lageplan vorm Festspielhaus (links), Aktuelle Festspielplakate (rechts)
Literaturverweise

Dohrn, W.: Die Gartenstadt Hellerau und weitere Schriften (Nachdruck 1992). Dresden: Hellerau-Verl.
Galonska, C.: Gartenstadt Hellerau. Einhundert Jahre erste deutsche Gartenstadt. 2007. Chemnitz: Palisander.
Hoppe, M., Lindner, R. und Lühr, H.-P.: Gartenstadt Hellerau. Die Geschichte ihrer Bauten. 2008. Dresden: Sandstein-Verl.