Verdrängung in Berlin: Das Gecekondu – Teil 1

Das Gecekondu am Kottbusser Tor. “Gecekondu” bedeutet auf türkisch “über Nacht erbaut” und folgt dem informellen osmanischen Recht, dass ein Häuschen nicht abgerissen werden darf, wenn es über Nacht erbaut wurde. Foto: Valeria Dobralskaya

Verdrängung in Berlin: Das Gecekondu – Teil 1

Die Neoliberalisierung hat seit einigen Jahren auch Berlin mit aller Wucht erreicht. Wohnraum wird nunmehr als marktwirtschaftliche Ware gehandelt. Die Mieten, auch im sozialen Wohnungsbau in Kreuzberg, stiegen um ein Vielfaches und die Bindungsverträge laufen nächstes Jahr aus. Unterwegs mit den Mitgliedern von Kotti & Co, die für ihr Recht auf bezahlbaren Wohnraum kämpfen und den Widerstand leben.
Von Valeria Dobralskaya und Maximilian Köhler

Die Luft steht am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Es ist heiß an diesem Montagnachmittag mitten im Sommer, es gibt viel Verkehr, die U-Bahn rattert immer wieder vorbei und der tiefblaue Himmel ist nur als Verheißung hinter den merkwürdig futuristisch aussehenden Hochhäusern zu sehen. Vor diesen Häusern steht ein aus Spanholz errichtetes Häuschen, in dem mehrere Leute in Ordnern blättern, sich mit Briefen Luft zu wedeln oder warten, bis man dran ist. Es ist zu heiß, um sich angeregt zu unterhalten und jedes angefangene Gespräch verstummt bald.Jeden ersten und dritten Montag im Monat kommen Anwälte zu dem Häuschen, dem Gecekondu, am Kottbusser Tor, um ehrenamtlich Mietrechtsfragen der sich sorgenden Anwohner zu beantworten. Es geht um verschimmelte Wände, fehlerhafte Betriebskostenabrechnungen, Verminderung von Wohnraum durch Sanierung – zusammengefasst darum, dass der Hausverwalter, größtenteils die Deutsche Wohnen AG, seinen Verpflichtungen gegenüber den Mietern nicht nachkommt.

Das Gecekondu steht seit sechs Jahren im öffentlichen Raum und gehört zu der Mietergemeinschaft Kotti & Co. Es wurde illegal dort errichtet, jedoch von dem damaligen Bezirksbürgermeister geduldet. Außerdem finden hier das wöchentliche Treffen der Kerngruppe der Mietergemeinschaft Kotti & Co statt, die es nun seit mehr als sieben Jahren schon gibt. Nachdem ihre Miete kontinuierlich erhöht worden war, trafen sich damals Mieter im Café Südblock, sammelten Unterschriften und gründeten letztendlich Kotti & Co.

Sozialer Wohnungsbau in Deutschland

Um zu verstehen, wie es dazu kam, ist es unumgänglich die Geschichte des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland zu rekapitulieren: Vor dem Hintergrund der akuten Wohnungsnot und der schwachen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, subventionierte der Staat den Bau von Sozialwohnungen. Der Deal war der folgende: Die Bauunternehmer stellen einen bestimmten Prozentanteil an günstigem Wohnraum für sozial schwächere Mieter zu Verfügung; im Gegenzug gleicht der Staate die Differenz zwischen den Baukosten und den zukünftigen Mieterlösen durch Fördergelder, Mietzuschüsse oder zinslose Darlehen aus. Mit der Tilgung der Fördermittel zieht sich der Staat schrittweise zurück – nach und nach entfällt die Verpflichtung der Bauunternehmer den Wohnraum zu günstigeren Bedingungen an sozial Benachteiligte zu vermieten. Das Projekt des Sozialen Wohnbaus sei also, so argumentiert Kotti & Co, schon immer ein staatliches Wirtschaftsförderprogramm für Bauunternehmer gewesen, denn je höher die Kosten des Baus, desto höher die vom Staat bezogenen Subventionen. Der Wegfall der staatlichen Förderung, das Auslaufen der Bindungsverträge, die willkürlichen Mieterhöhungen und die Umlagen für die Sanierungen treiben die Mieten in die Höhe. Für die Differenz müssen die Mieter aufkommen.Und genau die kämpfen gerade im Gecekondu mit den Papiertürmen. Sie zahlen monatlich jetzt 6 € Nettokalt (und teilweise mehr) und 4€ Betriebskosten pro Quadratmeter – zu viel für die meisten Bewohner, die von Transferleistungen abhängig sind, sodass Familienmitglieder aushelfen oder zusammenziehen müssen.

Irgendwann klopft jemand gegen die Fensterscheibe. Er wird von allen “Sandy” genannt, ein großer drahtiger Mann, Hände in den Hosentaschen, ernster Blick. Er begrüßt die Leute, die zwischen den Ordnern begraben sind, geschäftig, man könnte fast meinen nebensächlich. Man kennt sich halt, wie unmissverständlich in der Art und Weise klar wird, wie alles seiner Routine nachgeht. Er ist einer der Mitbegründer von Kotti & Co. Wir setzen uns hin, er bietet Tee aus dem Samowar an. Wenn er etwas gefragt wird, wartet er hellhörig bis und vor allem wie man die Frage stellt – zieht dabei erst an der selbstgedrehten und dann später an seiner E-Zigarette und die Dampfschwaden stauen sich an den Fensterscheiben, die zum Südblock schauen.

Alexander “Sandy” Paul Omar Abdullah Kaltenborn vor dem Gecekondu. Eines der in den Medien bekannteren Gesichter von Kotti&Co. Es ist längst nicht das Einzige. Foto: Valeria Dobralskaya

“Magisches Momentum” der Solidarität

“Als meine Freundin mich anrief, war ich unter einer Palme in Südindien und sie sagte: ‘Wir besetzen das Kotti!’ Und ich hab gesagt: ‘Ihr seid bescheuert! Super Idee’. Ich wusste aber in dem Moment, dass mein Leben aus den Fugen gerät.“, sagt Sandy sichtbar stolz, damals dabei gewesen zu sein, als einige Mieter die Europaletten tatsächlich mit einem Transporter von einem Großhändler geholt und im Schatten des Straßenfestes Pfingsten 2012 die Protesthäuschen aufgebaut haben. Das Gecekondu hat sich über die Jahre entwickelt: Die L-förmig arrangierten Europaletten wurden verkleidet, es kamen Spanplatten, Türen und Strom von dem benachbarten Kopierladen hinzu. „Wir bleiben so lange bis unsere Probleme gelöst sind”, hieß es in den ersten Wochen ihres Protestes. Sandy erzählt gerne von der Anfangszeit, die er als „magisches Momentum“ beschreibt. Es war eine Zeit in der “alle Solidarität gelernt und erfahren haben und die Nachbarn voneinander, miteinander und durcheinander gelernt haben.“ Sie war aufregend, bewegend und, vor allem, medienwirksam. Kotti & Co wurde Stadtgespräch und generierte großes politisches Kapital.
“Der ehemalige Bezirksbürgermeister, Frank Schulz, kam jeden Morgen mit einer großen Tüte Brötchen und hat hier mit den Nachbarn gefrühstückt. Als die Polizei kam, habe ich ihn angerufen. Nach einer Stunde kam der Einsatzleiter zurück und meinte: ‘Ist okay, Herr Kaltenborn, sie können bleiben!’ Und damit war das gegessen. Dadurch waren wir nicht mehr irgendwelche Besetzer am Kotti, sondern ein Akteur in diesem Spiel.” Die Zeit sei aber auch sehr kräfteraubend gewesen, schließlich haben die ProtestlerInnen ein halbes Jahr etwa jeden Tag ein Programm gehabt, Nachtschichten gehalten, den Platz besetzt. Die Kerngruppe hat noch zwei Jahre danach 24/7 an neuen Plänen, Vorgehensweisen und der Organisation an sich gearbeitet. Für Sandy selbst ist es bis heute eine tagtägliche Beschäftigung.

Erweitertes Wohnzimmer. Anwohner und Gäste sitzen zusammen draußen. Quelle: www.kottiundco.net

Kreuzberger Mischung

Es war aber auch vor allem ein “magisches Momentum”, weil die Anwohner ungeachtet ihrer Herkunft zusammen kamen und für eine gemeinsame Sachen kämpften. “Hier geht es nicht um Multi-Kulti-, Integrations- oder Toleranz-Gerede. Es geht um den normalen Umgang zwischen verschiedenen Menschen”, heißt es auf der Website von Kotti & Co. Multikulti hat es immer in Kreuzberg gegeben, aber richtige Überschneidungen, wo diverse Milieus tatsächlich zusammenkommen, sieht man selten. “Dafür sind wir eine kleine Ausnahme. Eine ganz kleine zarte Blüte.”
Auf die Frage, wer Mitglied bei Kotti & Co sei, fällt es Sandy schwer eine Antwort zu geben. Zwar gäbe es die Kerngruppenmitglieder, aber eben auch den “erweiterten Dunstkreis”, ein familiäres Kollektiv der Nachbarschaft, ohne die Kotti & Co niemals existieren hätte können. Diese Identität einer Familie grenze die Bewegung gegenüber anderen politischen Bewegungen ab. 

Etwa 80 Prozent der Anwohner am Kottbusser Tor haben einen türkischen Migrationshintergrund. Die Gastarbeiter zogen vor Generationen, als Berlin noch geteilt war, in den Schatten der Mauer, nach Kreuzberg, Neukölln und Wedding, weil sonst kaum jemand dort hin wollte. Als die Mauer fiel, fielen sie plötzlich in das Zentrum der Stadt. „Viele Nachbarn sind Teil dieser Migrationsgeschichte. Zusammen sind wir diejenigen, die diesen Stadtteil aus ganz unterschiedlichen Biografien heraus zu dem gemacht haben, was er heute ist“, stellt Sandy klar. Er erzählt außerdem von vielen „nervigen“ AktivistInnen, die sie „verscheucht” haben, als jene versuchten den Nachbarn, „die Jahre lang malocht hatten, zu erklären, was Kapitalismus ist”. Einige Mitglieder mussten sich vor türkisch-konservativen Leuten rechtfertigen, warum sie mit Ungläubigen und biertrinkenden Leuten zusammensitzen, anderen wiederum, warum sie mit Leuten zusammensitzen, die die AKP gewählt haben. „Respekt heißt verstehen und zuhören und mal stehen lassen können und das ist immer wieder eine Herausforderung. Aber das haben wir trotz einiger Konflikte auch über die letzten 7 Jahre ganz gut geschafft und sind stolz drauf.“

So ist das Gecekondu bis heute ein offener und diverser Ort. Sie hätten häufig Anfragen von Pressen abgelehnt, die gerne eine türkische Familie interviewt hätten, die von Verdrängung bedroht wäre. “Dann haben wir immer gesagt: ‘Sorry, wir haben nur ein arabischen Schafhirten. Nimmst du auch den?’“ Es geht vor allem um ein Narrativ, das größer ist als die einzelnen Zuschreibungen und Identitäten. “Es gibt nicht ein Kotti, es gibt 1001 ein Kotti und Kotti & Co gibt es auch mehrere,” erklärt Sandy vermutlich nicht zum ersten Mal. “Die Leute von der Miet- und Sozialrechtsberatung haben bestimmt eine ganz andere Vorstellung von Kotti & Co als ich sie habe. Ich bin da praktisch nie.” Das Gecekondu trägt vor allem eine Symbolwirkung. Wichtig ist dabei, dass sie was erreicht haben, nämlich dass sie faktisch in den meisten Fällen eine Mietsteigerung verhindern konnten. Für diesen kollektiven Erfolg steht es im öffentlichen Raum – zusammengezimmert aus Spanplatten und Europaletten. Die Geschichte ihres Protestes lässt sich gut erzählen. Es ist aber auch sechs Jahre her. Das Gecekondu steht zwar noch, ist aber häufig abgeschlossen.  Neben der Kerngruppentreffen und den Beratungen, wird das Gecekondu immer öfter für Kindergeburtstage genutzt. Ist der Protest Geschichte?

Das Kottbusser Tor mit dem NKZ im Hintergrund, das mittlerweile rekommunalisiert wurde – ein großer Erfolg für Kotti&Co. Foto: Valeria Dobralskaya

Kotti&Co hat sich institutionalisiert

Die Antwort hängt mit der entscheidenden Frage zusammen, die nicht nur in Berlin die Stadtpolitik bestimmt: Können Bürger, die sich zusammentun, den Kampf gegen eine neoliberale Urbanisierung gewinnen? Der Protest ist nicht Geschichte. Er hat sich bloß verändert. Kotti & Co hat seit dem Bestehen viele Texte veröffentlicht, darunter auch die Bücher „und deswegen sind wir hier” und „Die Legende des Sozialen Wohnbau.“ Vertreter von Kotti & Co sitzen bei wohnungspolitischen Fragen des Bezirks am Verhandlungstisch und arbeiten an mehreren Studien im Auftrag der Stadt. 2014 haben sie einen Verein gegründet, der mit etablierten sozialen Trägern zusammen arbeitet und derzeit verschiedene Projekte im Kiez umsetzt, was rechtlich von der Protestbewegung getrennt ist.

Kotti & Co ist von einer kleinen Mieterinitiative, die drei Häuser im Blick hatte zu einer Bewegung angewachsen, mit dessen Politik 400.000 Berliner Wohnungen etwas zu tun haben – rund ein Viertel des Berliner Bestandes. Sie haben erreicht, dass sich in den meisten Wohnungen seit 2012 die Mieten nicht mehr erhöht haben und die Mietzuschüsse für Sozialmieter sich erhöht haben. “Faktisch haben wir hier einen Verdrängungsstopp eingeführt und das größte Gebäude am Platz, das Neue Kreuzberger Zentrum, in die kommunale Hand überführt und somit gleichzeitig 90 Gewerbeeinheiten gesichert. „Im Herzen von Kreuzberg!”, sagt Sandy stolz. Man hat im Gecekondu gelernt zu kämpfen und Gehör zu finden. Und man hat realisiert, dass sich der Kampf nicht ausschließlich auf der Straße gewinnen lässt – obwohl er dort angefangen hat. Eines wird klar, je länger wie im Gecekondu sitzen, nämlich dass sich zwei Arbeitsebenen bei Kotti & Co entwickelt haben: Die politische Bühne und eine klassische Nachbarschaftsarbeit. Während sie politische Erfolge verzeichnen konnten, ist es schwierig das magische Momentum voller Euphorie im gnadenlosen Kampf inmitten der neoliberalen Urbanisierung aufrechtzuerhalten.

An einem warmen Sommerabend, gegen 22 Uhr, sitzen etwa 200 Leute draußen auf den Bierbänken der Café-Bar „Südblock“. Das gegenüberliegende Gecekondu ist abgeschlossen, kein Licht brennt. Aber man sieht in den Häusern ringsherum Myriaden von Lichtern der einzelnen Wohnungen. Die Belegungsbindungen in der Admiralstraße laufen 2023 aus, d.h. dass dann die Deutsche Wohnen ihre letzten Kredite an die Landesbank Berlin abbezahlt. Nach der darauffolgenden zehnjährigen Anschlussförderung ist Sozialer Wohnungsbau endgültig vorbei und dann werden alle Wohnungen nacheinander in den freien Markt überlassen. Es wird dieses Jahr zu einer Reform des sozialen Wohnbaus kommen, die, egal wie sie ausfällt, ein Ende der alten Forderungen mit sich ziehen wird. Die Frage ist, was dann mit dem Gecekondu passiert.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Beitrags.


Valeria Dobralskaya studiert im 2. Mastersemester Islamwissenschaft und möchte nach dem Studium als Journalistin in Osteuropa und Zentralasien unterwegs sein.



Maximilian Köhler studiert im 6. Semester Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Publizistik und Kommunikationswissenschaften und möchte als Journalist über gesellschaftlich relevante Themen berichten.