Aus dem Arbeitsleben einer ukrainischen Korrespondentin in Deutschland

Aus dem Arbeitsleben einer ukrainischen Korrespondentin in Deutschland

Natalia Fiebrig ist eine der wenigen ukrainischen KorrespondentInnen, die in Deutschland arbeiten und von hier aus in ihre Heimat berichten. Die 31-Jährige, die bereits vor zehn Jahren nach Berlin gekommen ist, ist eine von nur drei akkreditieren Journalisten aus der Ukraine, die im Verein der Ausländischen Presse in Deutschland organisiert sind. Der Fernsehnachrichtendienst TSN, für den Natalia Fiebrig berichtet, wird täglich auf 1+1, einem der berühmtesten Fernsehkanäle in der Ukraine gesendet.

Von Mariia Maliuta

Frau Fiebrig, wie sind Sie denn nach Deutschland gekommen?

Ich bin schon im Alter von 21 Jahren aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen. Ich habe einen deutschen Mann geheiratet. Damals hatte ich die Universität gerade absolviert und schon in den Medien gearbeitet. Gleich nach meinem Umzug bekam ich dann den Vorschlag vom neu gegründeten ukrainischen Fernsehkanal NTN, die Berichterstattung von Berlin aus zu organisieren. Das wurde zu einer unglaublich schweren Aufgabe. Ich denke, dass nur der Enthusiasmus meiner Jugend mir damals geholfen hat, diese Aufgabe zu bewältigen.

Warum?

NTN besaß damals zu wenig Geld. Wir hatten keine ordentliche Technik zur Verfügung. Die Akkus der Kameras waren schon nach 20 Minuten leer. Die Stativfüße sind ständig auseinandergeglitten. Nach einiger Zeit haben wir uns aber damit arrangiert. Und dann wurde unser Team auch noch vom Fernsehsender 1+1 übernommen. Unser Büro befand sich damals nicht weit weg vom Bundestag.

Arbeiten Sie immer noch in diesem Büro?

Nein. Ich habe heute ein bestimmtes Budget und kann selber entscheiden, was ich damit mache. Momentan miete ich eine Wohnung, in der ich wohne und gleichzeitig arbeite. Das hat aber auch Nachteile. Viele Journalisten in Berlin mieten ein Büro im Haus der Bundespressekonferenz. Dort treffen sie sich und tauschen sich aus. Ich dagegen fühle mich manchmal etwas isoliert.

Was ist hilfreich, um als Auslandskorrespondentin Deutsche anzusprechen und von ihnen die notwendigen Informationen zu bekommen?

Die Deutschen mögen es, wenn Ausländer ihre Sprache sprechen. Sie loben meine Sprachkenntnisse, obwohl diese alles andere als ideal sind. Dadurch komme ich mit den Menschen ins Gespräch, egal, ob mit Passanten auf der Straße, mit Unternehmern oder Abgeordneten. Auf Englisch würde das nicht so funktionieren.

© Natalia Fiebrig Privatarchiv. Ukrainische Korrespondentin Natalia Fiebrig berichtet live aus Berlin.

© Natalia Fiebrig Privatarchiv. Ukrainische Korrespondentin Natalia Fiebrig berichtet live aus Berlin.

Wie haben Sie Deutsch gelernt?

Ich habe Deutsch sozusagen als „crazy horse” gelernt. Bis spät in die Nacht habe ich den Spiegel und die Neue Züricher Zeitung gelesen, wo ein Satz manchmal eine halbe Seite umfasst. Am Ende des Satzes weiß du schon gar nicht mehr, womit er angefangen hat. Ich habe gelitten, habe mich über mich selbst geärgert und mir manchmal gesagt: „Na, nimm doch die Bild-Zeitung. Da ist alles so klar“. Dann habe ich aber immer den Kampf mit dem Spiegel fortgesetzt.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, für deutsche Medien zu arbeiten?

Nein. Für mich ist es sehr wichtig, für die Ukraine zu arbeiten. Erstens, haben wir einen riesigen Mangel an Informationen aus dem Ausland. Zweitens hatten wir in der Ukraine vor den Ereignissen auf dem Majdan nur wenige Sendungen über die Politik anderer Länder im Programm gehabt. Alle wussten zum Beispiel, dass Angela Merkel die deutsche Bundeskanzlerin ist. Alles andere hielt man bei uns aber für die inneren Angelegenheiten Deutschlands. Damals haben wir uns sehr viel mit dem sozialen Leben der Deutschen beschäftigt – wie funktionieren hier die Schulen, was geben die Bürger für Nebenkosten aus und so weiter. Heute überwiegen dagegen die Themen über die politische Lage in Deutschland und Europa.

Seit langem werden in Berlin Zeitungen für verschiedene Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund veröffentlicht. Es gibt aber keine für Ukrainer. Haben Sie schon einmal daran gedacht, vielleicht ein qualitativ gutes ukrainisches Produkt ins Leben zu rufen?

Von Zeit zu Zeit hatte ich tatsächlich solche Gedanken. Es gibt aber ein Problem dabei: In Berlin wohnen viele Ukrainer, die gleich nach dem UdSSR-Zerfall hierhin gezogen sind. Viele von denen leben immer noch in der Vergangenheit. Sie gucken oder lesen russische Medien und beschreiben dann die Lage in der Ukraine auch so, wie sie dort dargestellt wird. Die Frage ist, ob eine „kluge große Zeitung“ diesen Menschen helfen würde. Sie haben sich ja schon für bestimmte Informationsquellen entschieden.

Inwiefern haben Sie persönlich Anteil daran, was den Ukrainern wie von Deutschland gezeigt wird?

Wir geben nicht alle Informationen weiter, die wir theoretisch geben könnten. Die Redakteure in der Ukraine, die für die Sendungen verantwortlich sind, haben eher ein Interesse am Ergebnis, nicht aber an einem politischen Prozess. Da kommen zum Beispiel eine Million Flüchtlinge nach Europa. Aber wie sie gekommen sind und wie ihre Unterkunft aussieht, das interessiert niemanden. Das schafft auch Manipulationsmöglichkeiten. Manchmal wird absoluter Blödsinn für die Wahrheit gehalten. Selbstverständlich reisen die Menschen aus der Ukraine auch ins Ausland. Aber erstens sind es wenige, zweitens hauptsächlich Menschen aus den großen Städten und drittens vorwiegend die Jugendlichen. Deswegen bieten die Medien immer noch einen guten Raum für die Verbreitung von Mythen.

Sie gehen live nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen europäischen Ländern auf Sendung. Haben sie immer Dolmetscher dabei?

Man muss improvisieren können. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Einmal musste ich rasch nach Italien fliegen. Luciano Pavarotti war gestorben. Das Gespräch mit meinem Sender TSN war kurz. „Ich kann kein Italienisch. Wie soll ich das machen?“ „Wie du willst“. Von 50 Menschen gab es dann vor Ort nur einen, der Englisch sprach. Mein Dolmetscher verspätete sich, und ich musste bald auf Sendung. Wir haben dann die Gefühle der Menschen auf dem Platz in Modena gefilmt und viel Stoff gesammelt. Ich konnte das aber wegen der fehlenden Übersetzung nicht verwenden. Plötzlich sah ich eine Frau, die den Rollstuhl einer älteren Frau schob. Das war wie eine Eingebung. Ich habe gefragt: „Sprechen Sie zufällig ukrainisch?“. Und das tat sie tatsächlich. Eine zufällig getroffene Passantin hat mir dann das Material für meine Live-Sendung übersetzt.

Gibt es deutliche Unterschiede zwischen der Arbeit von ukrainischen und deutschen Korrespondenten?

Ja. Unsere Arbeit stammt sozusagen von zwei völlig unterschiedlichen Planeten. Die ARD hat zum Beispiel unendlich viele Büros und lokale Produzenten. TSN hat dagegen nur zwei Sendestandorte – in Washington und Warschau. Der Unterschied ist galaktisch groß. Wir haben viele freie Mitarbeiter, die manchmal auch nur mit dem Handy filmen können. Trotzdem kriegen wir dann einen Eindruck vom jeweiligen Ereignis. Budget und Ressourcen – das sind die deutlichsten Unterschiede in unserer Arbeit. Ukrainische Journalisten müssen neben ihrer journalistischen Arbeit auch eine Vielzahl an anderen Aufgaben erfüllen. Ich muss selbst die Drehs vorbereiten, organisieren, zum Ereignisort fahren, die Sendung aufnehmen, bearbeiten und senden. Das braucht viel Zeit und Kraft. Du hast keinen, der dir helfen kann und bist immer selbst für alles verantwortlich. Und wenn etwas schiefgeht, dann bist natürlich nur du schuld.

Und wie arbeiten die deutschen KollegInnen?

In den deutschen Medien ist ein Korrespondent ein sehr wichtiger Mensch. Es passiert oft, dass nach der Heimkehr ein deutscher Auslandskorrespondent zum Moderator wird, wie zum Beispiel Thomas Roth bei den Tagesthemen. Das ist ein großer Karrieresprung. Im Ausland wurden sie vorher mit Wohnung, Büro, Auto und Krankenversicherung versorgt, ihre Kinder mit einer guten Schulbildung. Die Interviews organisierte ein Producer. Und die Löhne der deutschen Kollegen sind auch extrem hoch.

Sie wohnen schon seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Was vermissen Sie in der ukrainischen Diaspora am meisten?

Ein wichtiger Aspekt sind die Schulen. Es gibt in Berlin keine Schule, auf der den Kindern die ukrainische Sprache beigebracht wird. Es gab früher eine für ganz kleine Kinder, die von der Botschaft organisiert wurde. Sie wurde mittlerweile aber wieder geschlossen.

Frau Fiebrig, vielen Dank für dieses Gespräch.


Mariia Maliuta (22) ist in der Ukraine geboren, ist aber schon durch 16 Länder gereist. Sie studierte Übersetzungswissenschaft an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kiew und hat die Freie Schule der Journalistik in Kiew beendet. Sie engagiert sich oft freiwillig, unter anderem bei zahlreichen sozialen und kulturellen Projekten der Klitschko Foundation in der Ukraine und dem Bund Deutscher PfadfinderInnen in Deutschland und Griechenland.


2017-07-06T12:17:59+00:00 Kategorien: IJK, JIL '16, Lesen, Macht + Medien|Tags: , , , , , |