Mein Vorteil ist mein Migrationshintergrund

Mein Vorteil ist mein Migrationshintergrund

Migrant zu sein ist gar nicht so leicht, weil man sich in einer ganz neuen Gesellschaft und einem neuen Kulturraum integrieren und die Regeln akzeptieren muss. Eine Lehrerin mit usbekischem Migrationshintergrund gibt Integrationskurse für Flüchtlinge und Migranten. Sie versteht, welche Schwierigkeiten auftauchen können, wenn man in ein neues Land umzieht, da sie selbst vieles erlebt hat. Deshalb kann sie helfen, damit dieser Prozess für die Betroffenen leichter wird.

Von Dilnoza Akhmedova

Es gibt in Berlin viele Integrationskurse mit zahlreichen Teilnehmern, die dort Hilfe und Unterstützung suchen und finden. Die Lehrer sind sehr hilfsbereit. Aber wenn man das alles erlebt hat, hat man auch selbst wichtige Erfahrungen hinter sich. Menschen mit Migrationshintergrund und pädagogischer Ausbildung sind für Integrationskurse als Spezialisten und Spezialistinnen gefragt. Multikulturalität ist die Forderung der neuen Gesellschaft und jedes entwickelten Landes.

Nilufar ist so eine Lehrerin. Sie kommt aus Usbekistan und lebt seit 10 Jahren in Deutschland. Sie hat dort in ihrem Bachelorstudium Germanistik studiert und dann in Deutschland ihren Master und ihre Promotion im Bereich Interkulturelle Germanistik absolviert. Seit fünf Jahren ist sie bei der DTZ Integrationsschule für Flüchtlinge und Migranten tätig. Gerne gibt sie Unterricht und hilft täglich mit ihren Ratschlägen, weil sie selbst diesen Integrationsprozess erlebt hat.

Ich komme kurz vor der verabredeten Uhrzeit, um die dortige Atmosphäre und die Menschen zu beobachten. Das Gebäude des Integrationskurses befindet sich an der Kurfürstenstraße. Es ist nicht groß, aber sieht modern aus. Vor dem Haus stehen etwa 10 Leute, jeder von ihnen hat einen ganz unterschiedlichen Hintergrund, einer ist ein Flüchtling, ein anderer ist ein Spätaussiedler oder Migrant.

Ich trete in die Klasse ein und sehe eine sehr modern gekleidete usbekische Frau. In einer halben Stunde beginnt der Unterricht erst, deswegen sind wir in der Klasse mit ihren zwei Töchtern nur zu viert. Ich begrüße die Mädels auf Usbekisch „Salom”(„Hallo”). Überrascht kriege ich die Antwort „Was bitte?”. Die Mama sagt, “sie können kein Usbekisch“. Sie hätte jetzt eine Ausrede finden können, um zu erklären, warum ihre Töchter nicht ihre Muttersprache sprechen, aber sie lässt es. Während unseres Gesprächs betont sie aber, dass man die nationale Mentalität beibehalten sollte, obwohl man irgendwo anders in einer ganz anderen Atmosphäre wohnt und die Kinder erzieht. „Ich fordere immer Respekt von meinen Kindern und den Kursteilnehmern für die Sprache, Kultur und Tradition des Gastlandes, da sie vom Land akzeptiert und unterstützt werden.“

Wir führen ein freundliches Gespräch. Sie erzählt mir, wie ihr Integrationsprozess war, welche Schwierigkeiten sie am Anfang erlebte und wie sie anderen hilft. Es ist ihrer Meinung nach schwer mit Flüchtlingen aus Syrien und Palästina zu arbeiten, weil sie ganz andere Buchstaben und eine andere Schreibweise haben. Ein anderes Problem ist, wenn 50- oder 60-jährige Flüchtlinge nach Deutschland fliehen und Asyl beantragen. Bei dieser Altersgruppe muss mit Buchstaben und Lauten angefangen werden und es ist nicht so leicht, sich das in diesem Alter noch zu merken. Sie sagt, „kannst du dir vorstellen, wie schwer es ist, als Rentner Buchstaben aus Papier zu basteln? Deswegen müssen wir gut erklären können, warum sie die Sprache auf diese Weise lernen müssen.“ Sie selbst musste ein paar Wörter in arabischer und türkischer Sprache lernen, um in der Anfangsphase des Lehrprozesses helfen zu können.

Für sie persönlich war es am Anfang schwer sich dran zu gewöhnen, dass man hier einander duzt. In vielen muslimischen Ländern ist das nicht üblich. Wenn man sich an eine Person oder an Ältere per du wendet, dann kann das als Respektlosigkeit wahrgenommen werden.

Die halbe Stunde ist vorbei und nacheinander kommen die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer mit lächelnden oder traurigen Gesichtern aus dem Raum. Man sieht an ihren Gesichtern, dass bei jedem der Integrationsprozess anders abläuft. Für einen, der aus einem europäischen Land kommt, ist es leichter sich anzupassen, weil Kultur, Religion und Traditionen ähnlich sind. Aber wer wegen des Kriegs und politischer Verfolgung aus islamischen Ländern fliehen musste, dem fällt die Integration in die neue Gesellschaft nicht so leicht. Manche von ihnen streben nach einer besseren Zukunft für sich selbst und ihre Familien, andere aber kämpfen mit ihrer Angst aufgrund der Verfolgung in ihren Heimatländern. Viele fürchten in Deutschland nicht akzeptiert zu werden.

Um Interkulturalität und Respekt zueinander zu entwickeln, werden gemeinsame Frühstücke organisiert und traditionelle Feste gefeiert, bei denen alle landestypisches Essen mitbringen. Es gibt einige, die aktiv am Unterricht teilnehmen, weil sie sich bewusst sind, dass alles von Deutschland finanziert wird und es keinen Weg zurück in ihr Heimatland gibt. In der Heimat gibt es keine gute Zukunft für sie, weil dort Krieg herrscht und sie politisch verfolgt werden. Aber andere wollen gerade wegen ihrer Religion und Tradition nicht die deutsche Sprache lernen, auch weil sie genügend Bekannte in Deutschland haben, die ihre Sprache sprechen. Aber reicht diese Form der Integration aus? Was wird aus ihren Kinder?

Nilufar beschreibt mir ein typisches Beispiel. Es passiert oft, dass ihr Mann zu ihrer 7-jährigen Tochter sagt, ”Zieh die schwarze Jacke und nicht die rote an“ und sie antwortet, “Papa, du darfst das nicht bestimmen. Jeder muss eine eigene Meinung haben und eine Entscheidung treffen“, dann antwortet der Papa „Ja, ok., mach das was du willst“. Aber so eine Antwort und Reaktion würde in einer traditionellen muslimischen Familie nicht akzeptiert werden. Alles muss so sein, wie der Vater der Familie es will. Es ist normal als Tochter, in solchen Gesprächen zu schweigen und den Willen des Vaters zu erfüllen. Sie betont, wir wollen nicht, dass unsere Töchter von jemandem abhängig werden und keine eigene Meinung haben. Eine richtige Integration ist, laut ihrer Meinung, die eigene Mentalität zu behalten, wobei man eine andere auch akzeptiert, respektiert und teilweise übernimmt. Sie kann nichts Negatives daran finden, wenn Flüchtlinge oder Migranten ihre eigene Wertvorstellung und Denkweise an die der neuen Gesellschaft anpassen.

Wanderung ist Leben und Fortschritt – Sesshaftigkeit ist Stagnation.

— E. G. Ravenstein


Dilnoza Akhmedova ist 23 Jahre alt und kommt aus Usbekistan. Sie interessiert sich schon seit langem für Interkulturelle Kommunikation und Migration, besonders dafür, wie der Integrationsprozess in Deutschland bei Menschen mit islamischer Religion abläuft. Sie ist davon überzeugt, dass eine multikulturelle Gesellschaft eine bessere Zukunft für alle schaffen kann.

2017-07-06T12:18:06+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, IJK, JIL '15, Lesen, Wissen + Wirken|Tags: , , , |