Eine Flucht nach Hause?

Eine Flucht nach Hause?

Er ist gut angezogen, kann in Cafes und Restaurants essen, hat auch Geld für Reisen. Aber er nennt sich Flüchtling. Er ist ein Flüchtling, der vor 23 Jahren in Berlin geboren ist. Jetzt aber flüchtete der Hip-Hop Sänger und Tierarzt aus Kosovo, wo Mafia und Rechtlosigkeit blühen. Trotz allem nennt er Kosovo seine einzige Heimat, möchte aber nie dorthin zurückkehren.

Von Svetlana Chernushevich

„Wohnst du in dieser Unterkunft für Flüchtlinge?“

„Ja, aber ich bin in Berlin geboren.“

„Waaaas“, entfährt es mir einfach, „Wie kann das eigentlich passieren? Bist du geflüchtet?“. „Das ist eine lange Geschichte“, antwortet er, „Ich bin vor zehn Monaten aus dem Kosovo geflüchtet“. Wir schweigen eine Weile, etwa zwanzig Meter von dem Heim stehend. Ich denke schon, dass er nichts mehr sagt. Aber dann fragt er: „Möchtest du vielleicht einen Kaffee trinken, dann probiere ich mal, dir was von meinem Leben zu erzählen“. „Gerne“, nicke ich schnell, viele Gedanken gehen durch meinen Kopf. So beginnt unsere Bekanntschaft. Bernd, 23, aus Kosovo, geboren in Deutschland. Jetzt ist er hier nicht erwünscht.

Geboren in Berlin

Auf dem Weg zur U-Bahn Haltestelle erzählt er, dass er schon zehn Monate in Berlin ist. In der Unterkunft, neben der wir uns getroffen haben, wohnt er erst zwei Tage. Wo ist er dann die ganze Zeit gewesen? „In einem Hotel“, sagt er. „Es kostete etwa 60 Euro pro Nacht.“ Aber es wurde nicht von ihm, sondern von einer Sozialstelle bezahlt. Er weiß nicht, warum er in einem Hotel wohnen konnte, während viele andere Geflüchtete in Flüchtlingsunterkünften gewesen sind. Obwohl, es macht es ihm gar keine Sorgen. „Es war gut dort, aber hier in meinem Heim ist es auch ok. Man hat alles, was man braucht, ohne irgendwelche extra Sachen“, bemerkt er, fügt aber hinzu, dass das Heim, wo jetzt seine Eltern wohnen, ein bisschen schlechter ist.

„Wir müssen jetzt einen kurzen Stopp machen“, sagt er. Im Laufen hält er für einen Augenblick an, guckt auf die Karte der U-Bahn, um über einen Weg nachzudenken. „Ehrlich, ich kenne Berlin nicht mehr so gut, besonders alle diese Linien“, zuckt er mit den Schultern und wendet den Blick von der Karte.

Wir steigen in Neukölln aus. Während wir durch die Strasse gehen, erfahre ich, dass er Tiermedizin studiert hat. „Aber ich kann meinem Beruf nicht nachgehen, weißt du?“, sagt er mit einer Hoffnungslosigkeit. Als wir uns in ein Café setzen, erzählt er weiter, dass eine Beamte ihm glatt ins Gesicht gesagt hat, dass er sein Diplom in Kosovo gekauft hat. Er verbindet diese Aussage mit dem Verhältnis zwischen Deutschland und Kosovo. „Die Deutschen mögen Albaner nicht, weil sie so viel Schlechtes hier in Deutschland gemacht haben“, so meint er. „Guck mal, wie viele Türken gibt’s hier“, sagt er winkend in die Richtung von einer türkischen Tafelrunde hinter uns. „Sie können schnell Papiere machen, weil Deutschland und Türkei «Freunde» sind. Aber ich habe noch keinen Pass, obwohl ich hier geboren bin“, sagt er und zeigt mir seinen Geburtsschein.

Wessen Schuld ist das?

Wir warten auf Kaffee und mich bewegen viele Fragen. Diese kniffelige Geschichte des Hin- und Zurückfahrens, nach Deutschland, dann zurück nach Kosovo und endlich noch einmal nach Deutschland. Die Eltern von Bernd kommen aus dem Kosovo, wegen des Kriegs mussten sie flüchten. Sie entschieden sich nach Deutschland zu flüchten. Dort ist Bernd geboren. „Weißt du, ich bin hier in diesem Bezirk geboren, wo wir uns jetzt befinden. In Neukölln“, sagt er mit einem wehmütigen Gefühl.

Die Eltern von Bernds Vater sind in Kosovo im Krieg gestorben, während Bernds Familie schon in Berlin war. „Mein Opa hat sich entschieden nicht zu flüchten. Er war Soldat in diesem Krieg“, erklärt Bernd.

Als der Krieg in Kosovo zu Ende war, entschied der Vater für die ganze Familie zurück zu gehen. „Ich war klein, als wir von Berlin nach Kosovo gegangen sind.“

„Aber du bist schon 16 gewesen. Warum sagst du dann klein?“

„Ja, 16. Aber wenn ich mit 16 Jahren hier in Berlin alleine ohne meine Familie, ohne Mama und Papa geblieben wäre? Was würde ich eigentlich machen?“.

Als Bernd darüber spricht, sieht man, dass er noch heute über seinen Vater verärgert ist. „Der Punkt ist, ein Jahr später hätten wir schon deutsche Papiere bekommen können. Er ist schuld. Und er fühlt sein Schuld selbst“. Aber mit Verständnis sagt er weiter, „Warum hat er das gemacht? Weil er seine Heimat vermisste und seine Eltern im Krieg gestorben waren.

Löst das Geld alle Probleme?

Warum er vor zehn Monaten noch mal von Kosovo nach Deutschland geflüchtet ist, erklärt er damit, dass es in Kosovo fast gar keine Perspektiven gibt. Man verdient 300 Euro, oft weniger, 150-200 Euro. Darüber hinaus ist es nicht so einfach eine Arbeit zu finden ist. „Die Leute mit Diplom können Zigaretten verkaufen. Was für ein Leben ist das? So verdient man nur Geld um was zum Essen kaufen, für Zigaretten und sich anzuziehen übrig. Aber Schuhe kosten etwa 300 Euro“, sagt er auf seine Adidas-Sportschuhe zeigend, die er anhat.

Ich habe damals nicht verstanden, dass seine Probleme mit denen der Kosovoeinwohner nichts zu tun haben. Tatsächlich, wie kann sich ein Flüchtlinge die Schuhe für 300 Euro leisten oder die Arbeit auf einer Baustelle als zu schwer empfinden.

Nur paar Tage später erkenne ich, dass er vor keiner Armut geflüchtet ist, dass seine Familie 5 Lokale zu Hause hat und dass es für ihn kein Problem war, 800 Euro für diese Flucht zu zahlen. Das sagt er mir direkt ins Gesicht. Es war für ihn auch kein Problem, jemandem Geld an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn zu geben, um ohne Reisepass weiter mit dem Zug nach Österreich zu fahren und endlich Deutschland zu erreichen. „Mit Geld kannst du alles machen“, behauptet er, fügt aber hinzu, dass man mit Geld in Deutschland keine Papiere illegal erhalten kann.

Immer illegal sein

Er reist gerne und er macht es ohne Papiere. Er fährt durch Europa, gern zu seiner Tante, die jetzt in Hamburg wohnt. Oder in diesem Jahr fuhr er zu seinem Bruder und dessen deutscher Frau, die Urlaub in Spanien machten. Er reist nur mit dem Zug oder mit dem Bus, weil man beim Flugzeug den Reisepass zeigen muss. Wenn er irgendwo hingeht, setzt er einfach die Sonnenbrille und Kopfhörer auf. „Man darf die Nerven nicht verlieren“, erklärt er. Es gibt ein Risiko, dass es auch im Zug Passkontrollen gibt. Die Polizei macht jetzt viele Kontrollen wegen des großen Flüchtlingsstroms. Einmal ist Bernd auf dem Weg nach Frankreich in eine solche Kontrolle gekommen. Er hat sein Ticket in die Hand genommen und so getan als ob er schläft. Drei Polizisten sind vorbei gegangen. Sie hielten ihn wohl für einen Touristen. Jetzt träumt er davon, nach New York zu gehen, um richtige Wolkenkratzer zu sehen.

Auf dem Potsdamer Platz träumt er von New York. © Svetlana Chernushevich

Auf dem Potsdamer Platz träumt er von New York. © Svetlana Chernushevich

„Ain’t a woman alive that could take my mama’s place“

„Jeder hat seine eigenen Interessen. Man kann niemandem vertrauen“ – wiederholt er immer wieder – „Niemandem, außer der Familie“. Die Familie ist für ihn von großer Bedeutung. „Ich liebe meine Geschwister sehr und wünsche ihnen alles Gute, dass es ihnen besser geht als mir. So machen es alle.“, sagt er. Seine Mutter ist für ihn unbedingt was Besonderes.

Traditionell gibt es in Kosovo oft große Familien, wie die von Bernd auch. Sein Vater hat drei Schwestern, ein Bruder ist vor kurzem gestorben. Die Zahl der Geschwister von seiner Mutter beträgt neun. Bernd selbst hat zwei kleinere Schwestern, 18 und 21 Jahre alt, und einen älteren Bruder. Er erzählt mit Stolz, dass seine jüngste Schwester Englisch im Internet gelernt hat und ihm jetzt hilft, wenn mal was übersetzt werden muss. Bernd hat selbst Englisch in der Schule gelernt, aber er erinnert sich nur an einige einfache Phrasen.

Seine 21-jährige Schwester ist schon verheiratet. Das ist normal für Albaner, dass die Mädchen früh heiraten. „Ich nenne meine Schwester Teddy-Bärchen. Sie ärgert sich darüber und meine Mutter sagt dann: ‚Du betrittst dieses Haus nie mehr, wenn du nochmal sowas sagst“ erzählt Bernd lächelnd. „Aber meine Schwester hat letzte Zeit viel zugenommen.“ Bernd denkt, dass sie noch nichts sagen möchte, aber ein Kindchen unter dem Herzen trägt.

Keine Angst mehr

Neben der Familie bilden zwei Dinge die Grundlage seines Lebens in Kosovo, die Tiermedizin und die Musik. Mit beiden hat er in Berlin nichts zu tun.

Die Tiere liebte er seit der Kindheit. Er erinnert sich bis heute, wie seine zwei Hunde bei der Polizei in Kosovo aus dem Haus gesprungen und getötet worden sind: „Die Kette war kaputt, so sind sie losgelaufen und die Polizisten fühlten sich bedroht. Nach paar Minuten war alles zu Ende“.

Das Studium der Tiermedizin war wichtig für ihn. «Da hatte ich ein Erlebnis, wo ich richtige Angst hatte“, besinnt er sich, „als ich einer Kuh Geburtshilfe leisten musste. Ich stand da und wusste nicht, was zu machen, hatte Angst. Mein Professor sagte mir, dass ich keine Angst haben muss und ich schaffte das. Meine Regel für das ganze Leben ist seitdem nie Angst zu haben». Bernd war «der Zweite» in der Klasse. «Der Erste» arbeitet jetzt in Kosovo. Und Bernd weiß nicht, ob er irgendwann noch eine Möglichkeit als Tiermediziner zu arbeiten haben wird.

Was die Musik angeht, er singt Hip-Hop auf Albanisch, seitdem er 16 Jahre ist. „Bei diesen Liedern zeige ich die Farbe. Schwarz oder Weiß“, sagt er. Hip-Hop ist die Musik der Straßen, der Straßen voll mit Kriminalität, Hass und Gefahr. Bernd hatte viel Streit mit verschiedenen Gruppen. Er wurde auch mal beschossen. Gott sei Dank hat der Schuss ihm nicht getroffen und er blieb unverletzt. Zwei von seiner Gruppe wurden getötet. Und was macht die Regierung? „Sie fanden nur die kleinen Fische, nicht die großen Fische“, stellt er gelassen fest und zündet sich eine Zigarette an. „Für 500 Euro wird ein Mensch getötet. Das ist eine richtige Mafia“.

Rauchen ist eine schlechte Angewohnheit aus der Heimat, auf die Bernd verzichten möchte. © Svetlana Chernushevich

Rauchen ist eine schlechte Angewohnheit aus der Heimat, auf die Bernd verzichten möchte. © Svetlana Chernushevich

Ich frage ihn, was seine Heimat ist. Er antwortet ohne Zögern. „Kosovo. Meine Mama und Papa kommen aus Kosovo. Das ist in meinem Blut. Aber ich vermisse es nicht. Da kann man nicht ruhig leben. Ich will meine Kinder nicht dort aufwachsen lassen.“ Er möchte unbedingt in Berlin bleiben, auch illegal.

Das ist eine kontroverse Geschichte. Man muss selbst entscheiden, ob es eine Flucht oder eine Suche nach einem besseren Leben ist. Irgendwie hofft man, dass dieser Mensch mit seinem schwierigen Schicksal seine Heimat findet, wo auch immer das sein mag.


Svetlana Chernushevich kommt aus Russland, aus der sibirischen Stadt Krasnojarsk. Sie hat im Juni 2015 ihr Studium abgeschlossen. Svetlana hat Öffentlichkeitsarbeit an der Sibirischen Staatlichen Universität für Luft- und Raumfahrttechnik studiert und ist auch journalistisch tätig. Sie ist davon überzeugt, dass Treffen mit anderen Menschen nicht zufällig sind. Jedes Kennenlernen ist wie eine Reise in das Innere der menschlichen Seele, die bei uns Spuren hinterlässt. Das ist eine von solchen Geschichten.

2017-07-06T12:18:06+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, IJK, JIL '15, Lesen|Tags: , , , , |