Sie wollen auch bleiben

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Eine Begegnung mit einer albanischen Flüchtlingsfamilie und den Gründen für ihre Flucht nach Berlin.

Von Irina Corobca

Es ist ein heißer und trockener Sommertag, als ich an der U-Bahn Station Turmstraße ankomme und mich auf den Weg zum LAGeSo, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, mache. Hier melden sich täglich hunderte Flüchtlinge aus verschiedenen Teilen der Welt, die in der Hauptstadt Deutschlands ankommen und nach Hilfe und Sicherheit suchen.

Etwa 500 Meter von der U-Bahn-Station entfernt befindet sich das Amt, das für die Asylbewerber als zentrale Aufnahmeeinrichtung dient. Auf dem Fußweg stoße ich auf bedrückte Menschen, die meisten mit afrikanischen oder arabischen Gesichtszügen, die irgendwohin eilen oder einfach in die Gegend starren.

Nach einer Viertelstunde erreiche ich einen riesigen Hof – “einen Wartesaal unter freiem Himmel”. Hunderte Menschen unterschiedlichen Alters und verschiedener Hautfarbe sitzen auf dem Rasen in Gruppen oder stehen im Kreis mit gesenkten Schultern und unterhalten sich miteinander in verschiedenen Sprachen. Nur wenige sitzen allein, vielleicht die Neulinge, die noch keine Bekanntschaften gemacht haben. Die Kinder spielen unbesorgt herum, während die Mütter auf die Koffer mit dem wertvollen Familiengut aufpassen und die Väter so viele Informationen wie möglich im Gespräch mit anderen Männern herauszukriegen versuchen.

Die kleinen Mülltonnen sind mit Bergen von Kaffeebechern überfüllt. Das energiereiche Getränk ist sehr beliebt hier. Und es wird viel geraucht, Männer und Frauen paffen Zigaretten, deren Rauch sich in der Luft auflöst. Der Rasen ist nicht mit Blumen übersät, sondern mit Müll, vielen Plastiktüten und Abfällen, die noch stärker das Elend der Menschen hier deutlich machen. Welch ein Kontrast zu den sauberen Straßen nur ein paar Blöcke entfernt.

Die albanische Familie

Ich mache mich auf die Suche nach Flüchtlingen, mit denen ich mich unterhalten kann. 150 Meter von der Eingangstür des Amtes entfernt sitzt auf dem Rasen, ruhig und vertieft in ihre Gedanken, eine Frau mittleren Alters mit 3 Kindern um sich herum. Ich gehe auf sie zu in der Hoffnung, dass sie mit mir Russisch sprechen kann. Ich begrüße sie und frage: “Zdrastvuite, vi govorite po ruski?”, Guten Tag, sprechen Sie Russisch? Sie sieht mich verwirrt an und dreht sich zu einem Mädchen um, das so 12 Jahre alt ist und erfahre ich sofort, dass das ihre Tochter ist. Mit Hilfe des Mädchens und trotz ihres wenigen, aber ausreichenden Englisch, bekomme ich mit, dass die Frau mit den Kindern vor drei Tagen aus Albanien gekommen ist.

Ein paar Minuten später rückt ein brünetter, etwa 40-Jähriger Mann zu uns heran und stellt sich als Kopf der Familie vor. Er erklärt und wiederholt mehrmals, selbstverständlich auf Albanisch, dass er nach Deutschland für seine Kinder gekommen sei, und zeigt mir sofort seinen Nachwuchs, drei schöne Kinder, die schon die Ohren gespitzt haben. Er will ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen. Dann zieht er aus einer Tasche die Schulzeugnisse seiner 12-jährigen Tochter, um ihre hervorragenden Schulleistungen zu beweisen. Der Albaner beklagt sich über die niedrigen Löhne in seiner Heimat. Er arbeitet hart, und trotzdem schafft er es nicht, seiner großen Familie ein normales Leben zu bieten.

Ardit hat es geschafft

Diese Geschichte erfahre ich mit Hilfe eines jungen albanischen Flüchtlings, der sich freiwillig zum Übersetzen meldete. Der hochgewachsene 19-jährige Ardit ist vor 5 Monaten nach Deutschland gekommen, um hier sein Glück zu finden. Auch er will nicht für so wenig Geld in Albanien arbeiten. Zurzeit ist sein Status als Flüchtling anerkannt und er sucht einen Arbeitsplatz. Schnell stellte er aber fest, dass es leider nicht so einfach ist, wie er es sich dachte.

Ardit (19) aus Albanien. © Irina Corobca

Ardit (19) aus Albanien. © Irina Corobca

Am meisten überfordert den jungen Mann die Tatsache, dass er noch keine richtige Beschäftigung gefunden hat. Tagelang muss er in seinem Heim herumsitzen und irgendwie den langweiligen Alltag füllen. Die Arbeitslosigkeit bedrückt ihn sehr, da er seit seinem 16. Lebensjahr sein eigenes Geld verdient. Er war als Bauarbeiter tätig, wie sein Vater, der in Albanien geblieben ist.

Die Mutter von Ardit und seine vier jüngeren Geschwister sind vor ein paar Tagen angereist und warten geduldig vor dem LAGeSo. Ardit befindet sich bei seiner Familie und hilft ihnen, sich in der neuen Umgebung zurecht zu finden.

Diese Menschen wollen ihre Zukunft in Deutschland verbringen. Sie haben sich dieses wohlhabende Land ausgewählt, weil sie hier für sich und ihre Familien mehr Perspektiven sehen. Diese Migranten sehnen sich nach einem sicheren Ort, auch was ihre finanzielle Situation betrifft. Solange ein Land von Armut, Krieg und Instabilität geprägt ist und die Menschen keine Perspektiven sehen, werden sie immer nach einem besseren Zuhause suchen. Der Migrationsprozess wird nie enden.


Irina Corobca kommt aus der Republik Moldau. Sie hat dort Germanistik und Journalismus studiert und über mehrere Jahre in einer internationalen Hilfsorganisation gearbeitet. Irina interessiert sich für politische und soziale Themen im In-und Ausland. Sie schrieb diesen Artikel über Wirtschaftsflüchtlinge, da ihr Land selbst von diesem Problem betroffen ist. Viele Moldauer arbeiten im Ausland und unterstützen ihre Familien, die zu Hause geblieben sind.

2017-07-06T12:18:05+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, IJK, JIL '15, Lesen, Macht + Medien|Tags: , , , , |