Flucht über Generationen

Flucht über Generationen

Hakob ist Nachkomme der Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich während des ersten Weltkreges. Seine Großeltern sind vor hundert Jahren wegen der Vertreibungen und Deportation nach Syrien geflohen. Nun war Hakob wegen des Bürgerkrieges in Syrien gezwungen, von dort zu fliehen und eine neue Heimat zu finden.

Von Nane Khachatryan

Vor 100 Jahren hießen sie armenische Flüchtlinge in Syrien, heute armenische Flüchtlinge aus Syrien. Wegen des Bürgerkrieges in Syrien scheint sich für viele Syrienarmenier die Geschichte zu wiederholen. Sie sind die Nachkommen der Überlebenden des Völkermordes an den Armeniern im Osmanischen Reich. Ab dem Frühjahr 1915 wurden hunderttausende Armenier auf die Todesmärsche in die syrischen Wüsten geschickt. Nach monatelanger Flucht ins Ungewisse haben wenige von ihnen überlebt und in Syrien eine neue Heimat gefunden.

Alte Fotos geben Lebenskraft

Hakob ist einer der Syrienarmenier, der sein Hab und Gut in Syrien gelassen hat und nach Deutschland geflohen ist. Seit einem Jahr lebt der Mediziner Hakob mit seiner Familie in Berlin. Der Alltag der Familie beginnt und endet mit den Neuigkeiten über die Situation in Syrien. Ständiges Warten und Gedanken über die Zukunft beschäftigen Hakob.

Geboren ist er in Aleppo – eine Stadt, mit der seine Kindheit, Jugend, Freunde, Lieben und Erinnerungen eng verbunden ist. Nur ein paar Familiengegenstände konnte er nach Deutschland mitbringen. Auf einem Foto sind seine Großeltern Karapet und Anahit zu sehen, deren Flucht- und Überlebensgeschichte nie Hakob so geprägt hat wie jetzt.

Fotos, die einhundert Jahre Familiengeschichte bewahren © Nane Khachatryan

Fotos, die einhundert Jahre Familiengeschichte bewahren © Nane Khachatryan

Die Geschichte einer Flucht

Hakobs Großvater kommt aus Erzurum, eine Stadt in der Türkei. Von seiner Familie ist er der einzige, der den Völkermord überlebt hat. Im Jahre 1915 war er 8 Jahre alt, als er vom Feld kam und seine Familie nicht mehr fand. Die osmanischen Soldaten haben seine Familie umgebracht und das Haus in Brand gesetzt. Der kurdische Nachbar nahm Hakobs Großvater unter seinen Schutz und stellte ihn den Türken als sein Sohn vor. Aber nach einiger Zeit musste der Großvater aus seiner Heimatstadt Eruzurum fliehen, weil es für ihn als Armenier gefährlich war, weiter im Osmanischen Reich zu bleiben.

Auch Hakobs Großmutter hat die Schrecken des Völkermordes erlebt. ,,Meine Großmutter war eine schweigsame Frau. Sie mochte nicht, dass man sie über die Flucht und ihre Familie befragte‘‘ erzählte Hakob. Nur manchmal beim Nähen hatte Hakob ihr verstecktes Lächeln gesehen, begleitet von dem Murmeln eines armenischen Volksliedes. Die Großmutter wurde zusammen mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern 1916 aus Igdir vertrieben. Die Endstation der syrischen Wüste Deir El Zor hat aber nur Großmutter Anahit erreicht. Sie ist dann in einem syrischen Waisenhaus zusammen mit hunderten armenischen Kindern großgeworden.

Barfuß sind wir gekommen und barfuß werden wir gehen

Wie die Vögel haben die Großeltern von Hakob ihr neues Nest in Syrien gebaut. Später eröffnete sein Vater in Aleppo ein kleines Kaffeehaus. Hakob ist in einer frommen Familie aufgewachsen, wo das Bewahren der eigenen armenischen Identität ein wichtiger Bestandteil des Lebens war. Er ist in eine armenische Schule gegangen, hat sonntags eine armenische Kirche besucht und schließlich eine Armenierin geheiratet. ,,Unabhängig von religiösen Ansichten haben wir jahrelang in Syrien friedlich mit Arabern, Assyrern, Kurden und anderen Völkern gelebt, aber als der Krieg ausbrach…“.

Das neue Lebenskapitel in Deutschland

Der Weg nach Deutschland war sehr schwer. Man wollte darüber nicht sprechen. Nach einem Jahr ihres Aufenthalts hat sich die Familie einigermaßen von dem schrecklichen Geschehen des Krieges befreit. Hakob möchte wieder als Mediziner arbeiten. ,,Ich möchte von dem Gefühl frei werden, ein unnütze Person zu sein.“

Den ersten Stempel setzt die Sprache auf diese Flüchtlingsgeneration. Neben Armenisch lernen sie auch die Landessprache. So sprach der Großvater von Hakob Armenisch und Türkisch, bei seinem Vater gab es die armenisch-arabische Sprachkombination, während seine Kinder bei unserem Abschied mir schon auf Deutsch einen schönen Tag gewünscht haben.


Nane Khachatryan kommt aus Armenien und hat Germanistik/Internationale Beziehungen studiert. Während ihres Studiums hat sie sich intensiv mit dem Thema Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich auseinandergesetzt – mit dem Schwerpunkt Erinnerungskultur, Geschichtsaufarbeitung und Annerkennung.

2017-07-06T12:18:05+00:00 Kategorien: IJK, JIL '15, Lesen, Macht + Medien, Wissen + Wirken|Tags: , , , , , |