Das letzte Versteck – Warum Sexualität am Arbeitsplatz verleugnet wird

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Das letzte Versteck – Warum Sexualität am Arbeitsplatz verleugnet wird

Trotz vermeintlicher Normalität verheimlichen immer noch viele Schwule und Lesben ihre Sexualität bei der Arbeit. Sie leiden unter Angst und erzählen Lügen, die für das Unternehmen teuer werden können. Ein nicht geouteter schwuler Manager erzählt uns seine eigene Geschichte: Er fühlt sich gefangen. Aber es gibt Auswege.

Von Juan F. Álvarez Moreno

In Zeiten der Homo-Ehe und der Debatte um die komplette Gleichstellung in Deutschland und vielen europäischen Ländern glauben viele Menschen, dass Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LGBT) nach diesem Kampf alles erreicht hätten. Ängste könnten endlich überwunden werden, heißt es. Leider stimmt das nicht ganz: Am Arbeitsplatz, dem Ort, an dem Menschen einen Großteil ihres Lebens verbringen, bleibt die Sexualität nicht heterosexueller Menschen oft ein Geheimnis. Eine Last, die sowohl die Produktivität und Effizienz der Firmen, als auch die Betroffenen belastet. Das letzte Versteck ist noch zu beseitigen.

Robert (Name geändert) ist ein nicht geouteter schwuler Mann und Vorstandsmitglied eines Beratungsunternehmens. Im Gespräch bringt er uns die Realität seines Alltags näher: seine Ängste, Widersprüche und die Art, wie er mit ihnen umgeht. Seine Stimme wird uns helfen, das traurige Versteckspiel zu verstehen.

Eine ähnliche Situation erleben viele LGBT-Menschen in Deutschland und Europa. In der 2007 vom Psychologen Dominic Frohn veröffentlichen Studie “Out im Office” behaupten die Hälfte der LGBT-Befragten, dass Sexualität bei der Arbeit nichts zu suchen hätte. Manche Experten sprechen von fiktiver Asexualität, denn diese sei ein unentbehrlicher Teil unserer persönlichen Identität.

Aber welche Rolle spielt hier Angst? Der Diversity-Experte und Gründer der LGBT-Karrieremesse “Sticks and Stones” Stuart Cameron erklärt:

Schon als Kinder sind LGBT-Menschen versteckt, weil man “normal” sein sollte. Man hat Angst, erkannt zu werden, dass die anderen dich nicht mehr lieben, dass du deine Familie verlierst. Tiefe Angst, wenn wir uns outen, Menschen verlieren zu können – und später auch Jobs.

Entgegen dem, was die meisten glauben, gibt es kein Outing” als einzigen Moment, so Cameron. Man treffe ständig die Entscheidung, ob man es sagen will oder nicht. Es handelt sich um einen permanenten Prozess, eine ständige Belastung. Diese wird von viele Menschen ertragen, die einen wichtigen Teil von sich selbst verbergen. Die folgende Grafik zeigt, wie unterschiedlich LGBT-Menschen mit der eigenen Sexualität umgehen, sei es mit Freunden, Kollegen oder Vorgesetzten. Die Daten stammen aus einer nicht repräsentativen Studie der Agency for Fundamental Rights (FRA) der Europäischen Union:

Mit wem geht man wie offen mit der eigenen Sexualität um?

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LGBT-Erhebung in der EU – European Union Agency for Fundamental Rights

Warum gibt es diesen großen Unterschied zwischen der Offenheit mit den Kollegen und der mit den Vorgesetzten? Handelt es sich um eine unbegründete Angst? Robert hat seine eigene Theorie.

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Foto: ‚Potsdamer Platz‘ Tom Strömer unter CC BY-NC 2.0  

Als LGBT ganz nach oben?

Das Anderssein als Karrierebremse

Je höher die Position, desto weißer, männlicher und heteronormativer” behauptet der Diversity-Experte Cameron. Und er scheint recht zu haben: 99,3 Prozent beträgt der Anteil von Männern in den Vorständen der in deutschen Aktienindizes notierten Unternehmen, so die Hans-Böckler-Stiftung. Alle DAX-Vorstandsvorsitzende sind weiße Männer. Cameron spricht von “einem hegemonischen Männlichkeitsbild” in Führungspositionen und – analog zum ähnlichen Phänomen der Diskriminierung von Frauen –  von einer gläsernen Decke. Das bedeutet, dass qualifizierte Menschen aufgrund ihres Andersseins kaum in Top-Positionen verdringen.

Ein wichtiger Faktor ist die Notwendigkeit guter sozialer Netzwerke im Arbeitsumfeld, besonders für karrierebewusste Menschen. Aus Angst vor Verschlechterung dieser Beziehungen trauen sich viele Menschen nicht, ihre Nichtheterosexualität zu zeigen. Die meisten Jobs werden nach persönlicher Verbindung – und nicht nach Qualifizierung – vergeben” meint Cameron. In einer von heteronormativen Männern dominierten Chefetage könnte dann das Anderssein zur Karrierebremse werden.

20 Prozent der LGBT wurden schon mal am Arbeitsplatz oder während der Arbeitssuche diskriminiert, so die Daten der FRA-Umfrage. Und obwohl Robert behauptet, dass seine Kollegen kein Problem mit Homosexualität hätten, weiß er, dass im Falle eines Outings und nach vielen Jahren mit Lügen das Vertrauen zerstört wäre. Und ohne Vertrauen keine Beförderung.

Foto: J. F. Álvarez Moreno unter CC BY 4.0

Die Rechnung der Lügen

Die Kosten fiktiver Partner und erfundener Lebensgeschichten

Lügen über Lügen: so sieht der Alltag nicht geouteter LGBT-Menschen in Unternehmen aus. Die Belastung, nicht „man selbst“ sein zu können. Eine Art selbstinduziertes Schamgefühl. So liegt kein Bild vom Partner auf dem Schreibtisch. Die Urlaubsgeschichten werden verändert, am letzten Wochenende war man sowieso “nur mit Freunden” unterwegs. 15 Prozent der von Frohn befragten LGBT-Menschen erfinden fiktive Partner, über zehn Prozent haben einen heterosexuellen Begleiter zu einer Betriebsfeier mitgebracht.

„Man geht auf eine gewisse Distanz und investiert viel Zeit und Energie in Lügen und Geschichten” meint Cameron. Was darf man sagen und wann? Tatsächlich könne diese Energie besser für die Arbeit eingesetzt werden. Durch das Verbergen vom Anderssein verliere das Unternehmen viel Potenzial. Ein enormer Fehler in Zeiten höchsten Konkurrenzkampfes.

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Foto: Andreas Levers unter CC BY-NC-ND 2.0

Auswege

Wie die Angst überwunden werden kann

Eigentlich ist der Schutz von LGBT-Personen vor Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf im EU-Recht fest verankert. Aber die Realität sieht offensichtlich anders aus. Um eine Lösung für das Problem der Akzeptanz von LGBT-Menschen am Arbeitsplatz bemüht sich das Diversity Management: Dadurch entstehen Antidiskriminierungsrichtlinien, Mitarbeiter werden zum Thema Chancengleichheit tätig und Trainings über Vielfalt im Unternehmen werden durchgeführt. Zusätzlich entstehen (hauptsächlich in Großunternehmen) LGBT-Mitarbeiter/innen-Netzwerke.

Bei großen sozialen Veränderungen braucht die Gesellschaft Vorreiter sowie Aufklärung. Aber die Vorbilder sind immer noch zu wenige (und fast nur in bestimmten Branchen). So hat sich in der deutschen Männer-Fußballwelt noch kein aktiver Spieler geoutet – Hitzlsperger tat es nach seinem Karriereende. Aber das Beispiel von Robbie Rogers bei der Mannschaft Los Angeles Galaxy zeigt, dass es möglich ist. Zur Aufklärung wäre die Unterstüzung der Unternehmen von höchster Bedeutung, leider wird LGBT-Diversity von den wenigsten Firmen ernst genommen, wie Cameron berichtet. Und das Umgehen mit Transsexualität stecke noch in den Kinderschuhen, nur ein paar Unternehmen hätten Richtlinien dazu entwickelt.

Es geht doch!

Die Erfolgsgeschichte eines geouteten schwulen Mannes

„Es wäre schon entspannter, wäre das kein Thema mehr“, hat Robert behauptet. Die Sehnsucht nach Ruhe, Akzeptanz und letztendlich nach Authentizität ist der Treibstoff, der LGBT-Menschen dazu bringen kann, ihre Ängste zu überwinden. So bei Christoph K. (33), ein gelernter Medienmanager und Gründer eines Berliner Softwareunternehmens.

Christoph hat sich bei drei verschiedenen Unternehmen geoutet. In der ersten Firma war das Klima eher konservativ, daher hat er die indirekte Version verwendet: „Ich habe zu einem Event der Firma meinen damaligen Freund mitgebracht”. Aber im zweiten Unternehmen, schon als Führungskraft, hat er beim Abendessen mit Kollegen direkt gesagt „bei mir wird es keine Freundin geben, sondern einen Freund“. Die Kollegen haben gut reagiert. Und jetzt als Geschäftsführer seiner eigener Firma hat er am Anfang Angst gehabt, manche Mitarbeiter schienen nicht so offen zu sein. Irgendwann hat er dann von einem Exfreund erzählt. „Je lockerer du mit dem Thema umgehst, desto weniger interessiert es die Leute”.

Wie hast du dich nach dem Outing gefühlt?

Sehr sehr befreit, es war wie ein großer Stein, der mir vom Herzen gefallen ist. Ich konnte schon am nächsten Tag zu der Firma gehen und mich nicht mehr verstecken. Es fühlte sich alles entspannter an.

Was hat sich dann nach dem Outing geändert? Denkst du, dass es dir geschadet hat?

Es hat sich nicht so viel geändert. Aber vorher konnte ich das Thema Privatleben nicht ansprechen und danach wurde es entspannter. Es verbessert die Beziehungen und das Vertrauen, wenn man über alles offener sprechen kann. Außerdem lege ich als Führungskraft viel Wert auf Transparenz. Und die ist schwer zu verlangen, wenn man selber nicht transparent ist.

Was empfiehlst du den Leuten, die gerade überlegen, den Schritt zu wagen?

Ich habe zum Glück nur positive Erlebnisse gehabt. Jeder sollte es sich selber überlegen, aber ich kann es allen empfehlen: sonst muss man jeden Tag diese Last mit sich tragen. Man kann mit einem Kreis von Kollegen anfangen. Zudem kann die indirekte Strategie sehr hilfreich sein. Die meisten haben einfach Angst zu sagen „ich bin schwul“.

Eines Tages wird sich auch Robert outen. Und er wird nicht der einzige sein. Die Angst, Lügen und Zweifel werden der Vergangenheit angehören. Wird das Vertrauen der Kollegen zerstört? Eher bräuchten LGBT-Menschen ein Vertrauensklima, das sie im eigenen Unternehmen nicht genießen. Damit Transparenz entsteht. Erst dann wird das letzte Versteck beseitigt.


Juan F. Álvarez Moreno studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften, Informatik und spanische Philologie an der FU Berlin. Er arbeitet als Werkstudent in einem bekannten Medienunternehmen und schreibt in seiner Freizeit Artikel über Gesellschaft und Politik. Vor Zahlen hat er keine Angst.

2017-07-06T12:18:07+00:00 Kategorien: Gefühl + Glaube, Hören, Lesen|Tags: , , , , , , , |