Wenn der Schiedsrichter zum Spielball wird

  • Schweißtreibende Arbeit

Wenn der Schiedsrichter zum Spielball wird

Zu einem guten Fußballspiel gehören Emotionen – da sind sich Freunde der Sportart einig. Damit diese nicht überkochen, bedarf jede Partie jedoch eines Mittlers, der losgelöst vom Gedanken des Gewinnen-Müssens handelt und stets einen kühlen Kopf bewahrt. Diese Funktion fälllt im Sport dem Schiedsrichter zu: Sein Wort ist auf dem Grün Gesetz. Doch was geschieht, wenn andere Beteiligte diese Autorität zu untergraben versuchen, handgreiflich werden oder gar Drohungen gegen den Spielleiter aussprechen? Ein Unparteiischer berichtet von seinen Erfahrungen aus der Kreisliga.

Von Maximilian Voigt

Vincent ist einer der ersten, die an diesem Sonntag bei sommerlichen Temperaturen auf dem Sportplatz Gatow eintreffen. Aufmerksam verfolgt er vom Spielfeldrand, wie gut sich ein Freund bei einer Fußballpartie der A-Junioren verkauft. Im Anschluss wird er zudem selbst auf dem Rasen auflaufen, dabei aber nicht als Spieler agieren. Vincent ist Schiedsrichter und soll zur Mittagszeit das letzte Heimspiel der Gatower Zweitvertretung leiten. Diese spielt in der Kreisliga A, welche im Herrenbereich der drittniedrigsten Spielklasse entspricht.

In seiner Kabine bestreicht Vincent Brote mit Leberwurst. Er braucht genug Energie, um gleich 90 Minuten lang hochkonzentriert sein zu können. Kurz darauf klopft es an der Tür und ein Verantwortlicher des SC Gatow drückt ihm 20 Euro in die Hand: Die geringfügige Aufwandsentschädigung für sein heutiges Ehrenamt. Bedenken oder gar Angst, dass es bei seinem Spiel zu unschönen Szenen kommen könnte, hat der Student nicht. „Für beide Mannschaften geht es hier ja um nichts mehr, wenn man sich die Tabelle mal anschaut.“ Von der Begegnung erwartet er deshalb nicht mehr als ein etwas ernsthafter geführtes Freundschaftsspiel.

Der Schiedsrichter in der Opferrolle

Es hat einen ernsten Hintergrund, dass Vincent sich Gedanken hinsichtlich der Brisanz der Paarung macht. Der 19-jährige darf zwar erst seit Januar Meisterschaftsspiele im Herrenbereich pfeiffen. Doch obwohl sein Erfahrungsschatz klein ist, wurde er bereits einmal Opfer eines tätlichen Angriffs. Der Täter war ein Fußballspieler. Schätzungsweise 600 solcher Vorfälle ereignen sich pro Saison deutschlandweit. Trotz etwa 1,6 Millionen Partien, die in einer Spielzeit laut des Deutschen Fußball-Bunds ausgetragen werden, ist das keine als ‚klein‘ abzutuende Zahl. Denn den Fußballverbänden jedoch ist jeder Übergriff ein Dorn im Auge. So klagt etwa der Berliner Fußball-Verband (BFV) über anhaltende Personalengpässe bei den Schiedsrichtern. Damit verbunden sind enorme Schwierigkeiten, für alle rund 1200 Ansetzungen eines Wochenendes Spielleiter zu nominieren. Macht dann die Nachricht einer neuerlichen Attacke auf einen Amtskollegen die Runde, beschließen einige von ihnen möglicherweise, sich selbst nicht weiter diesem Risiko aussetzen zu wollen.

Am 19.April ist Vincent mit der Leitung der Kreisliga-B-Paarung zwischen dem SC Borsigwalde II und dem Spandauer FC Veritas II betraut. Beim Stand von 1:0 sieht er nach knapp 30 Spielminuten keine andere Möglichkeit als die Begegnung vorzeitig zu beenden. Was war geschehen? Der Student zeigt einem Akteur der Gastmannschaft nach einer Tätlichkeit die Rote Karte. Der Rotsünder will sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden und schlägt dem Spielleiter das Kärtchen aus der Hand. Vincent sieht seine Sicherheit auf dem Feld nicht mehr ausreichend gewährleistet. Er bricht die Begegnung ab und verschwindet in seiner Kabine, deren Tür er aus Angst vorsorglich verriegelt. Für ihn ist die Situation eine völlig ungekannte und er innerlich entsprechend angespannt. Zunächst probiert er, seinen Ansetzer telefonisch zu erreichen. Vergebens. Dann versucht er es beim Staffelleiter. Auch hier kein Erfolg. Erst im dritten Anlauf hat Vincent mit dem Schiedsrichter-Obmann seines Vereins jemanden am anderen Ende der Leitung. Dieser betreut ihn einige Minuten, bis sich die Gefühlslage des 19-Jährigen allmählich wieder beruhigt.

Ständige Einflussnahme

Im Normalfall werden Schiedsrichter im unterklassigen Fußball nicht von Hier auf Jetzt Opfer von gewalttätigen Übergriffen durch andere am Spiel Beteiligte. Vielmehr lässt sich in der Regel eine langsame, stufenweise Eskalation beobachten. Unparteiischen fällt von Amts wegen anheim, in ihrer Funktion ständig Einfluss auf den Spielverlauf zu nehmen. Das kann bei einem Wettbewerb, dessen Gegnerschaften von vornherein definiert sind, wie ein Brandbeschleuniger wirken. Dann nämlich, wenn eine Mannschaft das Gefühl hat, vom Schiedsrichter gezielt benachteiligt zu werden.

Vincent gesteht ein, an diesem Tag in Borsigwalde nicht seine allerbeste Leistung als Referee gezeigt zu haben. Gleichzeitig räumt er damit eine Teilschuld dafür ein, dass es zu dem Angriff auf seine Person kam. So habe er den Spandauern laut deren Aussage vor der Handgreiflichkeit hintereinander drei Eckbälle versagt. In einer Szene hätten sogar einige Zuschauer ihm zugerufen, „dass das doch eine ganz klare Ecke war“, erinnert er sich. Dass er hier innerhalb kurzer Zeit möglicherweise drei Fehlentscheidungen getroffen hat, ist Vincent gerne bereit zuzugestehen. Die strittigen Aktionen habe er wegen seiner Position auf dem Spielfeld aber schlicht anders wahrgenommen.

Das Sportgericht wertet die abgebrochene Partie später mit 6:0 und drei Punkten für den SC Borsigwalde II. Im Allgemeinen hält Vincent das Strafmaß vonseiten der Verbände bei solchen Vorkommnissen für ausreichend. „1500 Euro sind für einen kleinen Verein schon eine Menge Holz und auf die Schnelle nicht so einfach zu bewerkstelligen“, sagt Vincent angesprochen auf das Thema Geldstrafen. In dieser Höhe könnten die schnell an die Existenz gehen. Auch Anti-Agressionskurse für Spieler, die wiederholt auffällig werden oder sich nicht sofort einsichtig zeigen, hält er für eine sinnvolle Maßnahme. Die Teilnahme daran müssten die Übeltäter schließlich aus eigener Tasche bezahlen und den Nachweis ihrer erfolgreichen Partizipation erbringen. Andernfalls blieben sie vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Auf der anderen Seite hätten die Verbände prinzipiell kein Interesse daran, einige Sportkameraden mit drakonischen Strafen vom Fußball zu vergraulen.

Positive Erfahrungen überwiegen

Der Vorfall in Borsigwalde veranlasst Vincent nicht dazu, seine junge Laufbahn als Schiedsrichter jäh zu beenden. Zwar erfolgt durch den Verein aus Spandau keine offizielle Entschuldigung für die Entgleisung seines Spielers. Allerdings sei ihm der Täter etwas später an der Uni zufällig über den Weg gelaufen. Dort habe ihn dieser für sein Fehlverhalten um Verzeihung gebeten. In diesem Moment findet Vincents Glaube an das „Gute im Menschen“, wie er es selbst nennt, seine Entsprechung. So begegne er natürlich in seiner Funktion als Schiedsrichter überwiegend freundlichen Fußballern, für die er im Spiel nicht mehr als eine Randfigur darstellt. Und auch diejenigen, die während der 90 Minuten etwas aus ihrer Haut führen, kämen in aller Regel nach Spielende zu Vincent. Sie erklärten dann, dass nicht alles von dem Gesagten auch tatsächlich so gemeint gewesen sei.

Was ihm tatsächlich widerfahren müsste, damit Vincent ernsthaft in Erwägung zöge, sein Hobby aufzugeben, vermag er sich nicht vorzustellen. Dafür müsste ihm wohl schon jemand nach Spielende auflauern oder ihn verfolgen. Er bezweifelt aber stark, dass irgendwer „so viel Energie aufbringen würde, nur weil ich bei einem Spiel mal einen schlechten Tag hatte.“ Vor allem wegen des Spaßes aber, den ihm seine Tätigkeit bereitet, müsse Vincent nicht vor jedem Einsatz seine Angst aufs Neue in der Schiedsrichterkabine ablegen. Vielmehr freue er sich auf die Möglichkeit, wieder 90 Minuten auf dem Rasen stehen zu dürfen.

Das heutige Spiel, das gleichzeitig seinen ersten Auftritt in der Kreisliga A markiert, leitet Vincent souverän. Als er zu seiner Kabine zurückkehrt und seine Sachen einzupacken beginnt, konstatiert er, dass es der von ihm prophezeite, unaufgeregte Sommerkick wurde. Einer, den er statt mit Beschimpfungen oder Drohungen lediglich mit von Schweiß durchnässter Schiedsrichterkleidung bezahlt.

Titelbild: ‚Verschwitzter und verkabelter Schiedsrichter-Assistenten Michael Wemmer‘ von Textilvergehen / CC BY 2.0


MaximilianVMaximilian Voigt studiert Deutsche Philologie sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Er zieht prinzipiell Besuche von unterklassigen Fußballpartien der großen Bundesliga-Bühne vor, wünscht sich hüben wie drüben aber immer, dass der Sport im Mittelpunkt steht. Fäuste fliegen sehen will er allenfalls auf dem TV-Bildschirm, wenn er sich zusammen mit Freunden ein paar Runden bei dem Videospiel „Super Smash Bros.“ vergnügt.

2017-07-06T12:18:09+00:00 Kategorien: Gefühl + Glaube, Lesen|Tags: , , , , |