No Future?

No Future?

Stress und Notendruck im Studium plagen immer mehr Studenten. Ungewissheit und Angst vor der Zukunft sind dabei ein ständiger Begleiter. Dies führt bei vielen Studenten zu Pessimismus über ihre späteren Berufschancen. Die psychischen und körperlichen Folgen dieses Drucks sind enorm. Doch warum ist dieses Leiden unter den jungen Akademikern von morgen so verbreitet?

Von Marieke Wiese, Sophia Wittwer und Simone Traub

Leonie ist 20 Jahre alt und Studentin. Seit Wochen kann sie nicht richtig schlafen, liegt nachts lange wach, obwohl sie eigentlich erschöpft ist. Von morgens bis abends sitzt sie in Seminaren oder lernt in der Bibliothek für Prüfungen. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, weil sie ihre ganze Energie in die Uni investiert. Das Ziel ist für Leonie klar: gute Noten. „Nur mit einem guten Abschluss habe ich später Aussichten auf einen guten Job“, sagt sie.Die Zukunft nach dem Abschluss beschäftigt Leonie, sie macht sich Sorgen um einen Masterplatz und hat Angst, keinen Job zu finden. Leonie hat Angst, während des Studiums nicht genug geleistet zu haben, nicht genügend Praktika und Auslandserfahrung nachweisen zu können. Leonie hat Zukunftsangst und ist damit nicht alleine.

Weltweit haben Studenten Angst vor der Zukunft und das, obwohl gerade Akademiker gute Jobaussichten haben. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse von 2012 leiden 27 Prozent der befragten Studenten unter Zukunftsangst. 83 Prozent der Studierenden empfinden ihr Studium als sehr stressig beziehungsweise belastend, so die Shell-Jugendstudie von 2010. Die Folgen sind Erschöpfung, Schlafstörungen oder auch Depressionen. Mehr als die Hälfte leiden unter Lern- und Arbeitsstörungen, aber auch unter Konzentrationsproblemen und Motivationsmangel.

Die Zukunft ist nicht planbar.

Die Zukunft sei für jeden ungewiss und nicht planbar, so der Psychologe Michael Cugialy, der an der Psychologischen Studienberatung der Freien Universität Berlin tätig ist. Leistungsprobleme beziehungsweise Druck- und Prüfungsängste finden sich regelmäßig unter den meistgenannten Problemen bei psychologischen Beratungsstellen. Zukunftsangst sei dabei ein ständiger Begleiter und kommt zu den anderen Problemen im Studium hinzu, bestätigt auch Cugialy. Viele brechen unter dem Druck zusammen und sind am Ende ihrer Kräfte. In einigen extremen Fällen wird von Burn-Out bei Studenten gesprochen.

Symptome und Folgen: Im schlimmsten Fall das Burn-Out

Laut der Studie der Techniker Krankenkasse leiden 64 Prozent aller befragten Studenten unter enormen Erschöpfungszuständen oder Burn-Out-Symptomen. Doch
gerade mit der Diagnose Burn-Out sollte man vorsichtig sein. „Vor allem handelt es sich um Erschöpfungs-Depressionen“, so Cugialy. Zukunftsängste verstärken den Druck und den Stress, sowie die psychischen und körperlichen Folgen. Im Gegensatz zu anderen Ängsten wie zum Beispiel bei einer Spinnenphobie, gibt es bei Zukunftsängsten keinen konkreten Reiz, erklärt Cugialy. Es können Symptome auftreten, die beispielsweise bei Phobien auftreten: Schwitzen, Herzrasen etc. Vor allem handelt es sich um Schlafstörungen, ständiges Sorgenmachen und auch Depressionen, da die Zukunft nicht kontrollierbar ist. Die Angst beziehungsweise die Sorge, keinen Job zu finden, keine Zukunft zu haben und die ständige Ungewissheit sind Stressursachen während des Studiums. Ein Viertel der Studenten waren 2010 nicht zuversichtlich, ihre Berufswünsche verwirklichen zu können. Ihre häufigsten Ängste: Arbeitslosigkeit und Armut.

Woher kommt die Angst?

Die Schuld an der Stresszunahme unter Studierenden wird oft der Bologna-Reform zugeschrieben. Mitschuld trügen allerdings auch die Medien, so Cugialy. Dort werde ein widersprüchliches Bild vermittelt. So würden durch die Medien Standards von Lebensläufen postuliert, die nur die Ausnahmen seien. Hinzu kommt, dass die Medien die Jobaussichten in den verschiedenen Branchen mal negativ, mal positiv darstellen würden, sodass dies die Verunsicherung unter den Studenten steigere. „Wir filtern die Medien: Menschen mit Sorgen um die Zukunft, tendieren eher dazu, die Nachrichten aufzunehmen, die diese Sorgen füttern, anstatt zu widerlegen“, meint Cugialy. Es herrscht folglich ein enormer Druck von außen. Zukunftsängste werden von den Medien gefüttert, jedoch auch von den Studenten selbst geschürt. Häufig machen sich die Studenten selbst den größten Stress. Anstatt Lernpausen einzulegen und sich kleine „Freizeit- Inseln“ in den Alltag einzubauen, lernen sie von morgens bis abends und können nicht abschalten – auch nicht von den Gedanken und Sorgen um ihre Zukunft.

Auswege aus der Zukunftsangst

Einige Studenten greifen daher zu Zigaretten oder Alkohol, um zu entspannen und ihre Ängste zu hemmen. Zehn Prozent nehmen laut der Techniker Krankenkasse sogar Psychopharmaka ein, um abschalten zu können. Laut einer Studie der Mainzer Universität nimmt jeder fünfte Student leistungssteigernde Mittel, von Koffeintabletten bis hin zu Drogen. Das ist langfristig jedoch keine Lösung und führt die Studierenden in die Abhängigkeit. Laut Cugialy können Studenten Zeitmanagement lernen, wobei Pausen und genügend Freizeit eingeplant sein müssen. Weiterhin rät er zum Austausch untereinander, denn fast jeder kenne die Problematik, sich zu viele Sorgen und Gedanken um die Zukunft zu machen.

Auch wenn die Einnahme von Drogen oder Burn-out-Fälle unter Studenten eher die Ausnahmen darstellen, lässt sich aufgrund der steigenden Zahlen gestresster Studenten von einer besorgniserregenden Entwicklung sprechen. Jedoch gibt es Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen- auch ohne kostspielige Therapien: Die psychologischen Beratungsstellen der Universitäten bieten Studenten ein umfangreiches Beratungsprogramm mit geschulten Mitarbeitern an. Dort werden die Ängste der Studierenden Ernst genommen. Probleme wie Leistungsdruck, Stress, Ängste rund ums Studium und Zukunftsängste werden dort gemeinsam bekämpft.

Sinan – studiert im 6. Semester Wirtschaftsingenieurwesen (Foto S. Traub)

„Ich habe ein Studium gewählt, das auf dem Job-Markt ganz gute Chancen bietet, aber trotzdem habe ich bedenken, dass ich mit meinem Job vielleicht nicht glücklich werde. Ich mache mir auch jetzt schon Sorgen um meine Rente, komischerweise. Ich versuche nicht so viel darüber nachzudenken. Ich denke irgendwie regelt sich alles schon, was will man machen?“


Sophie - wartet gerade auf Bachelor-Zusagen

Sophie – wartet gerade auf Bachelor-Zusagen

„Ich habe den Anspruch an mich selbst, relativ schnell einen Studienplatz zu bekommen und meine Angst ist, dass ich quasi an mir selbst scheitere. Ich habe Angst, ich in der Stadt, in der ich lebe möchte keinen Studienplatz bekomme und nicht mehr das machen kann was ich will und deswegen alle Pläne über den Haufen werfen muss. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Angst, dass meine Studienplatzwahl die falsche sein könnte. Ich weiß auch gar nicht was ich danach mit meinem Studium machen soll und ob ich einen Job damit finde. Ich habe auch Angst im Studium überfordert zu sein. Am meisten Angst habe ich davor, meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.“


studiert im 6. Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Italienisch und Kunstgeschichte (Foto S. Traub) „Angst ist vielleicht das falsche Wort, ich würde es eher so eine Ungewissheit nennen. Ich studiere etwas, womit man hinterher so viele Möglichkeiten hat, man ist nicht festgelegt. Ich habe Angst, weil ich nicht so viele Praktika gemacht habe und ich das Gefühl habe, alle anderen sind besser vorbereitet auf den Arbeitsmarkt als ich. Ich denke zwar nicht, dass ich dadurch weniger kompetent bin, aber mir fehlen einfach die Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.“

Joahnna – studiert im 6. Semester PuK, Italienisch und Kunstgeschichte(Foto S. Traub)

„Angst ist vielleicht das falsche Wort, ich würde es eher so eine Ungewissheit nennen. Ich studiere etwas, womit man hinterher so viele Möglichkeiten hat, man ist nicht festgelegt. Ich habe Angst, weil ich nicht so viele Praktika gemacht habe und ich das Gefühl habe, alle anderen sind besser vorbereitet auf den Arbeitsmarkt als ich. Ich denke zwar nicht, dass ich dadurch weniger kompetent bin, aber mir fehlen einfach die Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.“


Julien - studiert im 6. Semester Geschichte und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Julien – studiert im 6. Semester Geschichte und PuK

„Ich habe eigentlich nicht so wirklich Angst, dass ich keinen Job bekomme,weil ich denke, mit einem Studium wird man auf jeden Fall einen qualifizierten Job finden. Ich würde irgendwas mit Journalismus machen wollen, wo man vielleicht auch was bewegen kann. Ich habe Angst davor, dass ich einen Job machen muss, mit dem ich nur Geld zum Leben verdiene, aber nicht wirklich glücklich bin. Die Sorgen und Gedanken darüber verdränge ich jetzt.“


Marieke Wiese studiert im 6. Semester Geschichte und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und macht derzeit ein Praktikum am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Nächstes Jahr möchte sie ein Zweitstudium beginnen.


Sophia Wittwer studiert noch Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, fängt im Herbst aber nochmal etwas „zukunftssicheres“ an.


Simone T. studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaften und Germanistik im 6. Bachelorsemester und hofft auf einen Masterplatz in Medienwissenschaften.

2017-07-06T12:18:08+00:00 Kategorien: Gefühl + Glaube, Lesen|Tags: , , , , , |