Zum Broterwerb in die Hölle

Zum Broterwerb in die Hölle

Eine neue Angst geht um: „Arbeitsplatzphobie“ haben Psychologen eine Erscheinung getauft, die in den Betrieben grassiert. Ein Drittel aller seelischen Störungen sind Ängste, die etwas mit dem Arbeitsplatz zu tun haben. Trotzdem wird diesen Ängsten wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das sollte sich ändern.

Von Elias Günther

Gerd steckte fest. Zuerst bemerkte er es nicht einmal, aber dann, als er nach getaner Arbeit aus dem Rohr der Baustelle endlich zurück kriechen wollte, klappte es einfach nicht. Schweiß bildete sich an seinen Händen, immer weniger Wiederstand fanden sie an den glatten Wänden des Rohres. Er begann zu rufen, aber so kurz vor Feierabend war niemand mehr in der Nähe. Sein Kopf begann sich zu drehen, er blickte nach unten. Verschloss sein stämmiger Körper den ganzen Durchmesser? Würde der Sauerstoff im Rohr bis zum nächsten Morgen reichen? Panik brach in ihm aus. Nun hämmerte er mit Händen und Füßen gegen die Seiten des Rohres und schrie aus vollem Hals. Nach mehreren Stunden konnten die zurückgekommenen Kollegen ihn endlich befreien. Gerd erlebte nun immer wieder Panikzustände, wenn er an die Arbeit dachte. An die Baustelle war er nie mehr zurückgekehrt. Gerd war nun schon seit einem halben Jahr krankgeschrieben. Etwas hatte sich verändert.

Dieses „Etwas“,  nennt die Medizin „Arbeitsplatzphobie“. Eine Diagnose, die gerade in der Arbeitswelt erschreckend wenig Aufmerksamkeit erlangt hat. Und auch in den deutschen Praxen war sie bis vor wenigen Jahren ein Fremdwort. Dass sich dies nun ändert, ist auch der Verdienst von Beate Muschalla. Sie hat die Angst vor der Arbeit zu ihrer Lebensaufgabe gemacht. Auf eine Dissertation folgten unzählige Arbeiten zu diesem Thema. Inzwischen sitzt sie als Teil des Arbeitsbereiches „Klinische Psychologie und Psychotherapie“ in einem Büro über den Dächern der FU Berlin, wo ich Sie getroffen habe.

Zunächst begann Ihre Arbeit aber vor den Toren der Bundeshauptstadt, im Reha-Zentrum Seehof, welches über 100 Plätze für Menschen bietet, die wegen psychischen Erkrankungen behandelt werden. In den folgenden Jahren dokumentierte sie hier Therapiegespräche und bemerkte, dass Patienten die Themen Arbeit und Arbeitsplatz mieden. In einer genaueren Dokumentation in den Jahren 2004 bis 2007 auch über die Grenzen des Reha-Zentrums hinaus, ergab sich, dass unter allen Patienten mit psychischen Erkrankungen 30–50 Prozent arbeitsbezogene Ängste haben, 17 Prozent sogar eine ausgewachsene Arbeitsplatzphobie.

Häufig müssen die betreuenden Psychologen in langen Gesprächen die Ursache der Angst vor der Arbeit ermitteln. Die Wissenschaft sieht hier beispielsweise das soziale Arbeitsumfeld als Problemursache. Wer von Kollegen gemobbt wird oder den Chef fürchtet, kann leichter in eine Phobie driften, als Angestellte mit einem soliden sozialen Arbeitsumfeld.  Eine Arbeitsplatzphobie kann auch auf den überfordernden Aufgaben beruhen, die der Betroffene zu bewältigen hat. So kann zum Beispiel das Besteigen einer Leiter, die Buchhaltung oder das Wechseln eines Lakens eine große Hürde sein, wenn jemand dies nicht beherrscht oder angstvolle Erlebnisse in solchen Situationen hatte.

Die Unternehmen haben diese Art der Angst weitestgehend noch nicht erkannt. Wie aus einer Studie der BauA hervorgeht, berücksichtigen nur 36 Prozent der befragten Betriebsräte psychische Aspekte am Arbeitsplatz, bei Kleinbetrieben mit weniger als 50 Mitarbeitern schrumpft die Zahl auf unter sechs Prozent.

Erschreckend und unverständlich auch, weil für betroffene Betriebe wirtschaftliche Einbußen in hohem Maße folgen können. Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund psychischer Ursachen steigt, die Bedingungen im Arbeitsalltag werden schlechter. Beate Muschalla kritisiert hier auch die befristeten Verträge, die ständig geforderte Flexibilität und die Anforderung dabei ständig erreichbar sein – ein idealer Nährboden für Angst vor der Arbeit. Dabei seien Unternehmen keinesfalls hilflos.

Es empfehle sich hier ein besonders transparentes Vorgehen auf Seiten der Führungsebene. Klar kommunizierte Richtlinien und Vorgaben würden besonders Angestellten helfen, die Schwierigkeiten mit sozialen Gefügen haben. Bei dauerhaft kranken Mitarbeitern solle schnellstmöglich ein informeller Kontaktversuch seitens des Arbeitgebers gestartet werden. „Möglichst nicht per Brief mit Paragraphen, sondern eventuell über eine befreundete Kollegin.“

Auf die Frage, ob mehr Geld die Lust an der eigenen Arbeit wieder zurück bringen würde, schüttelt die Diplom-Psychologin den Kopf. „Außer bei Menschen, die sich durch eine Lohnerhöhung vom Existenzminimum weg bewegen könnten, kann man mit mehr Geld wenig bewirken.“ Viel hilfreicher sei hier der Verzicht auf befristete Arbeitsverträge und das Angebot einer echten beruflichen Perspektive. Praktiken wie beispielsweise „Entlassungstuniere“, bei denen die Leistung der Belegschaft gemessen und die unteren fünf Prozent entlassen werden, seien hingegen schädlich für sämtliche Strukturen der innerbetrieblichen Zusammenarbeit.

Der Weg, bis alle Betriebe die Relevanz der Arbeitsplatzphobie erkannt haben, ist noch lang. Gerade die Führungsebenen müssen im Umgang mit psychischen Krankheiten besser trainiert werden. Die Wissenschaft bietet schon jetzt einige Hilfestellungen an. So wird unter anderem am Arbeitsbereich der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der FU Berlin an der Möglichkeit der Online-Therapie geforscht, die vielleicht auch einmal für Arbeitsplatzängste nützlich werden kann. Und auch ansonsten hat Beate Muschalla alle Hände voll zu tun. Berufssoldaten, die mit ihrem Arbeitsplatz schweren Belastungserlebnissen ausgesetzt sind, stehen im Team der FU-Kliniker aktuell mit ganz oben auf der Liste.


Elias Günther studiert an der FU Berlin im 4. Semester Publizistik, was seine Eltern nicht verstehen. Interessiert sich sehr für esport und würde gerne in dem Bereich arbeiten. Dann ziemlich sicher ohne Phobie.

2017-07-06T12:18:08+00:00 Kategorien: Gefühl + Glaube, Lesen|Tags: , , , , , |