Zwischen Businessplan und Flohmarkt – Wege zur Selbstständigkeit

Zwischen Businessplan und Flohmarkt – Wege zur Selbstständigkeit

Der Wille der Deutschen, sich selbstständig zu machen, nimmt seit vier Jahren drastisch ab. Im ganzen Land verringert sich die Zahl der Neugründungen. Im ganzen Land? Nein! Im Nordosten gibt es eine Stadt, in der noch fleißig gegründet wird. Die Rede ist von Berlin. Doch wie gelingt der Schritt in die Selbstständigkeit in der Metropole an der Spree? Zwei Berliner Existenzgründer erzählen uns von den Chancen und Risiken auf dem Weg ihrer ökonomischen Selbstverwirklichung.

Von Christian Pallmer

Sonntagnachmittag im Mauerpark am Prenzlauer Berg. Es ist Hochsommer, der Park ist voll von Touristen, Studenten und Musikern aus aller Welt. Besonders dicht ist das Getümmel auf dem Flohmarkt. Es riecht nach frischen Waffeln, überall wird gefeilscht. Mitten im Gedränge hat Gerold Denker seinen Verkaufstand aufgebaut. Ein kleiner Stand mit minimalistischem Angebot. Denker verkauft nur ein Produkt: Einen Verstärker für iPhones aus Holz, selbst entworfen, bemalt und gebaut. Er funktioniert ohne Strom und ist ein echter Hingucker.

Das Produkt von Gerold Denker

Das Produkt von Gerold Denker

„Die Idee ist relativ neu“, sagt der 56-jährige Berufsschullehrer stolz. Seit sieben Monaten verkaufe er sein Produkt schon auf verschiedenen Betriebskanälen. Mit seinem Geschäft ist er sehr zufrieden. Neben dem Marktstand kann man die hübschen Holzbarren auch online kaufen. Doch Denker schwärmt vom Flohmarkt: „Was ich hier mache, ist Marktforschung pur. Ich bin vor Ort und sehe direkt die Resonanz auf mein Produkt. Ich nenne das Live-Marketing“.

Sein Konzept habe er schon einer Werbeagentur gegeben. Die sei nun dabei, eine Verkaufsstrategie zu entwickeln. Für Denker bietet die deutsche Hauptstadt „einen regelrechten Kochtopf an Möglichkeiten.“ Die Leute seien offen, man könne schnell Kontakte knüpfen. „Gerade kam ein Typ aus London zu meinem Stand. Der fand meine Idee gut, er will mir nun helfen, was im United Kingdom auf die Beine zu stellen“, erzählt er. Um in Berlin Erfolg zu haben, müsse man aber auch den unkonventionellen Weg wagen und seine Waren hier auf einem Flohmarkt anbieten.

Gerold Denker passt mit seiner positiven Einstellung gut in das Bild von Berlin als Gründungsmetropole, das die Daten des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg und des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung zeichnen. Der wichtigste Wert zur Ermittlung des Auf- oder Abwärtstrends des Gründergeschehens ist der Saldo, den man erhält, wenn man die jährlichen Schließungen von den Neugründungen abzieht. In Deutschland sank dieser Wert von 2010 bis 2013 von 33.000 Gründungen auf -16.000. Das bedeutet, dass in der Bundesrepublik zurzeit mehr Existenzen scheitern als gegründet werden.

Zum Vergleich: In Berlin sank der Wert im gleichen Zeitraum nur leicht, von 15.300 auf 11.300 Gründungen. In der Hauptstadt wird also immer noch mehr gegründet als geschlossen.

Einen Grund dafür, dass in den vergangenen Jahren deutschlandweit weniger Menschen in die Selbstständigkeit finden, sieht der KfW-Gründungsmonitor in der gesunkenen Arbeitslosigkeit. So gründen einige Deutsche eine Existenz aus wirtschaftlicher Alternativlosigkeit. Steigt die Zahl der Arbeitsplätze, sehen sich diese Menschen nicht mehr gezwungen, eine eigene Existenz zu gründen.

Doch so eine Gründung zahlt sich meist aus: 42 Prozent der Neugründer in Deutschland erzielen durch ihre Selbstständigkeit ein deutlich höheres Haushaltsnettoeinkommen als zuvor.

Auch Margarita Ruby zählt zu den Berlinern, die den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben. Schon 2005 gründete die 39-Jährige mit einer Partnerin die spanische Buchhandlung La Rayuela. Im April 2013 bezog sie ihren neuen Standort am Kreuzberger Südstern. Direkt gegenüber der Garnisonkirche befindet sich ihre gemütliche, liebevoll dekorierte Buchhandlung, die auch ein kleines Café beherbergt.

Gründerin Margarita Ruby

Gründerin Margarita Ruby

Vor ihrer Gründung besuchte Ruby ein Jahr lang diverse staatliche Angebote für junge Gründer und erarbeitete sich einen Businessplan. Für sie war schon zu Beginn klar, dass sie ihren Laden in Berlin eröffnen würde. „Für eine spanische Buchhandlung ist es wichtig, eine große spanischsprachige Community vor Ort zu haben. Das ist nur in Großstädten wie Berlin gegeben.“

Trotz der guten Standortfaktoren beschreibt Ruby aber auch die schwierigen Seiten der Selbstständigkeit. Denn das Gründen ist nur der Anfang der ökonomischen Selbstverwirklichung: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Druck nicht kleiner wird. Es ist ein Kampf ums Überleben. Außerdem verändern sich die Rahmenbedingungen ständig“, sagt die studierte Ethnologin. So sei zunächst ihr Geschäftspartner abgesprungen, dann habe sie zwei Kinder bekommen.

Natürlich schlagen sich solche Veränderungen auch auf das Geschäft nieder: „Im zweiten Jahr meiner Existenz konnte ich davon leben, musste dafür aber 60 Stunden die Woche arbeiten. Dann habe ich meinen ersten Sohn bekommen und konnte nicht mehr so viel im Laden sein.“ Seitdem trage sich die Buchhandlung zwar, dennoch seien die Verdienste gering.

So verschieden die Geschäftsideen der beiden Selbstständigen sind, so unterschiedlich ist auch der Ratschlag, den sie Neugründern mit auf den Weg geben würden: Für Denker ist das wichtigste, an seine Idee zu glauben und Geduld zu haben. „Hilfreich ist es auch, einen Partner an seiner Seite zu haben, mit dem man die psychische Last teilen kann“, so der Hobbybastler.

Die Inhaberin der spanischen Buchhandlung rät dazu, alle staatlichen Angebote zur Gründung auszuschöpfen. „Viele Gründer haben Angst vor Zahlen. Es bringt jedoch nichts, sich selbstständig zu machen, ohne die betriebswirtschaftlichen Grundlagen zu kennen.“

Ruby und Denker skizzieren sehr anschaulich, welche Ressourcen Berlin für Gründer bietet. Einerseits ist eine Gründung immer ein großer persönlicher Schritt, der viel Mut und Durchhaltevermögen fordert. Auf der anderen Seite steht die Selbstverwirklichung, das Umsetzen der eigenen Idee. Berlin, kultureller Schmelztiegel und lebendige Großstadt, bietet mit einem jungen, weltoffenen Publikum und sehr niedrigen Lebenshaltungskosten einen nahezu perfekten Nährboden dafür. Verständlich, dass die Leute hier gerne gründen. Denn auch wenn die Risiken groß sind, bietet unsere Hauptstadt ungeahnte Chancen für den Weg in die Selbstständigkeit.


Christian PallmerAutorenbild arbeitete nach einer gastronomischen Ausbildung mehrere Jahre als Barkeeper in verschiedenen Ländern. Seit 2011 studiert der 29-Jährige Sozial-und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin. Nach seiner Bachelorarbeit, für die er 2013 sechs Monate lang in Usbekistan zu Gastfreundschaft im Islam geforscht hat, plant er, sich im Ausland selbstständig zu machen.

2017-07-06T12:18:13+00:00 Kategorien: Berlin + Brandenburg, Lesen|Tags: , , , , , , |