Wir spielen Nachrichten: Newsgames

Wir spielen Nachrichten: Newsgames

Computerspiele sind heutzutage nicht mehr wegzudenken. Eine Form von Computerspielen, sogenannte Newsgames, sind mittlerweile vereinzelt anzutreffen. Sie wollen Sachverhalte auf neue Wese erfahrbar machen.

Von Annika Möller  

Screenshot aus dem Newsgame "Darfur is dying"

Screenshot aus dem Newsgame „Darfur is dying“

Ich bin ein 14-jähriges Mädchen aus Darfur, Sudan. Ich flüchte mit einem Wasserkanister in den Armen vor den Janjaweed nahe meines Flüchtlingscamps. Rechts-Pfeil, Links-Pfeil – ich muss das Wasser unbedingt ins Camp bringen! Wenn ich mich mit der Leertaste hinter einem Stein verstecke, wird mir das nicht viel nützen. Denn egal, wie schnell ich renne, binnen Sekunden holt mich ein Jeep mit bewaffneten Milizen ein. Das Spiel endet immer gleich: Missbrauch, Entführung, Vergewaltigung. Ich spiele das Newsgame „Darfur is dying“.

In „Darfur is Dying“ läuft die junge Elham um ihr Leben. In „Endgame Syria“ entscheiden die Spieler per interaktiver Quartettkarte über das Schicksal von Zivilisten. Per Mausklick werden in „September 12th“ Bomben abgeworfen. Die Überlebenden verwandeln sich in Selbstmordattentäter. Drei Beispiele für die in Deutschland noch recht unbekannten Newsgames. Newsgames wollen komplexe Sachverhalte erfahrbar machen. Unter diesem Namen existieren sie seit 2002. Das erste Newsgame war „September 12th“ von Gonzalo Frasca, das er als Reaktion auf die Geschehnisse des 11. Septembers entwarf.

Krieg ist aber nicht das einzige Themenfeld, in dem mit Newsgames experimentiert wird. So konnte man gelegentlich auf amerikanischen Seiten Newsgames mit anderen Themen antreffen. „Washington Post“, „BBC“, „New York Times“ oder auch die „Huffington Post“ – sie alle experimentieren online mit interaktiven Infografiken oder Simulations-und Strategiespielen. „Who’s Hurt by the Fiscal Impasse?“ (NYT) oder „Climate Challenge“ (BBC) sind Beispiele dafür.

Können Newsgames einen Krieg erklären?

Den Krieg im Spiel in Szene zu setzen ist keine Kunst, sagt Tomas Rawlings – Creative Director von „Auroch Digital Ltd.“ und Entwickler von „Endgame Syria“. Ein Spiel zu einem gegenwärtig anhaltenden Konflikt zu entwickeln aber schon. Es gehe darum, verschiedene Optionen eines Kriegsausgangs „zum Spielzug zu machen“. Der Spieler solle für die Folgen seiner Entscheidungen im Spiel sensibilisiert werden.

Nadine Bilke ist Redakteurin der Hauptredaktion „Neue Medien“ des ZDF und schrieb ihre Dissertation über Kriegsberichterstattung. Für sie besteht die Anforderung an Kriegsberichterstattung vor allem in der Informations- und Orientierungsleistung. „Wenn Kriegsberichterstattung nur auf eine unmittelbare Handlung an einem bestimmten Ort begrenzt bleibt, bietet sie keine Ursachen- und Kontextanalyse und kann einem Informations- und Orientierungsanspruch von Journalismus nicht genügen“, so Bilke. Auch vernachlässige die Einseitigkeit des Berichts eine Vielzahl von Positionen innerhalb differenter gesellschaftlicher Gruppen. Die notwendige Kontextualisierung der Informationen würde so verfehlt. Kriegsberichterstattung „ver-spiele“ dann ihren grundlegenden qualitativen Anspruch.

Nadine Bilke ist zwar der Meinung, dass solche Games eine einzigartige Erfahrung vermitteln, die mehr Verständnis wecke für komplexe Sachverhalte als herkömmliche Berichterstattung. Sie warnt allerdings vor der Schaffung einer „Pseudo-Erfahrung“, die weder berührt noch informiert und letztendlich die eigentlichen Geschehnisse trivialisiert.

Ich steuere meinen Avatar aus dem Flüchtlingscamp in Darfur. Das Camp bleibt für sieben Tageseinheiten funktionsfähig. Ich gewinne das Spiel. Und ich lerne schnell – nach einigen opferreichen Fehlversuchen habe ich verstanden, dass man die Kinder mit den Wasserkanistern durch die Jeeps hindurch rennen lassen kann ohne dass sie Schaden nehmen. Das muss wohl ein Fehler in der Programmierung sein. Eine Programmierung die nur nach der simplen Formel: Entscheidung-Klick-Konsequenz funktionieren kann. Die von Bilke genannten Qualitätskriterien werden so möglicherweise „ver-spielt“?

Eindeutig positiv bewertet Marcus Bösch das Potential dieser Spiele. Der deutsche Newsgames-Pionier, Masterabsolvent für Game Developement and Research, glaubt daran, dass diese Spiele großes Potential haben, um nicht-alltägliche Situationen intensiv erfahrbar zu machen.  Seit letztem Jahr entwickelt er mit der Firma „The Good Evil“ Online-Games. Seine Idee ist ein innovativer Journalismus unmittelbarer Emotionen. Berichte über Kriegsgebiete würden als Online-Newsgames programmiert eine ganz neue Wirkungsmacht erlangen, glaubt Bösch. Jeder kriegerischen Auseinandersetzung lägen komplexe systemische Ursachen zu Grunde. Deshalb böte sich eine spielerische Darstellung an.

Professor Ralf Hebecker teilt diese Meinung. Hebecker ist Professor für Gamedesign – und Produktion an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Auf diese Weise würden auch Zielgruppen angesprochen, die sonst nicht so leicht erreichbar wären. Rezipierende würden zu Spielenden, die Inhalte viel eindringlicher empfänden.

Die Digitalisierung erfordert neue Wege

Für Bösch sind Spiele das Leitmedium des 21. Jahrhunderts. Computerspiele gehörten zwar seit etwa 40 Jahren zum festen Kommunikationsrepertoire, brauchten aber ihre Zeit, um sich flächendeckend auch fernab ursprünglicher Computerspielorte auszubreiten. Das digitale Zeitalter ist der Motor einer solchen Ausbreitung: Die Mediennutzung und auch die Rezeption journalistischer Inhalte findet inzwischen immer häufiger online statt. Die ARD/ZDF-Onlinestudien bestätigen dies. Demnach sei die Internetverweildauer von 76 Minuten (2000) auf 169 Minuten täglich angestiegen. Entnehmen kann man den Studien, dass Nachrichten aus Deutschland und dem Ausland zu den am häufigsten genutzten Onlineinhalten zählen. Die adäquate Darstellungsform von Inhalten auf dem Ein- und Ausgabegerät – Computer – sei nun mal ein interaktives Spiel mit Ein- und Ausgabe, so Bösch. Online brauche man spezifische Darstellungsformen, um Leser anlocken und das Angebot vom Print-Erzeugnis abzugrenzen. Selbst in konservativen Medienhäusern sei man offen für Newsgames, behauptet Bösch.

Und es gibt bereits eine erste Kooperation zwischen einer großen Zeitung und einer Formation von Gameproduzenten. Die „Süddeutsche“ veröffentlichte als Medienpartner von „Arte“ auf ihrer Homepage im September 2013 das Doku-Game „Fort McMoney“. Bei diesem Spiel handelt es sich um eine Mischung aus Dokumentarfilm und Videospiel. Bei der Suche nach dem wertvollen Öl muss der Spieler zwischen dem ökonomischen Streben und ökologischen Gewissen abwägen. Das Spiel ist eingebettet in einen Bericht über Kanadas Pläne, sich als Energie-Supermacht zu positionieren, und der kritischen Einschätzung seitens Greenpeace. Anders als die bisher beschriebenen Newsgames, muss man sich hier erst per Mail als Spieler anmelden und warten, bis die nächste Spielrunde beginnt.

Über 300.000 Teilnehmer hatte das Spiel bislang. So fortschrittlich dieses Spiel sein mag: Allein die Recherche von Fotomaterial hat zwei Jahre in Anspruch genommen.

Hat das Konzept „Newsgames“ eine Zukunft?

Newsgames können so etwas sein wie eine Ergänzung klassischer Genres. „Eine halbe Stunde SimCity ersetzt das Stadtplanungslehrbuch nicht, ist aber gegebenenfalls nach- haltiger da präsenter und selbst erlebt“, sagt Bösch.  Auch für Hebecker sind Themen wie Holocaust, Sklaverei oder Dreieckshandel keineswegs einzig und allein durch Spiele zu begreifen. Sie könnten die Berichterstattung aber bereichern.

Was die Zukunft der Newsgames in Deutschland angeht, erwartet Bösch daher auch keinen totalen Durchbruch des Genres. Er setzt auf ein vermehrtes „Einfließen von spiel-und spielverwandten Mechanismen“ in die deutsche Medienlandschaft. In Großbritannien sei dies schon der Fall.

Hier bieten Seiten wie „us vs. th3m“ ein großes Angebot an eher unterhaltenden Online-Games. Man kann hier zum Beispiel das Royal Baby in verschiedenen Varianten anziehen. „How Middle Class Are you?“ hilft einem dabei, seine Position in der britischen Gesellschaft zu finden, wenn es darum geht den Unterschied zwischen „Foccacia“ und „Ciabatta“ zu kennen. Die Ranking-List der beliebtesten Spiele ist ein Potpourri interaktiver Satire. Spiele zu aktuellen politischen Konflikten sind selten.

Nach dem Game Over klicke ich auf „Take Action“ in der Menüleiste von „Darfur is dying“. Mir wird hier u.a. angeboten, eine Mail an die amerikanische Regierung zu schicken. Ob das wirklich etwas nützt? In jedem Fall hat das Newsgame für mich eine erste Möglichkeit geboten, um mich mit dem schwierigen Thema der Flüchtlingskrise im Sudan auseinanderzusetzen. Immerhin etwas!

Weiterführende Links:


ich kleinAnnika Möller kommt aus Berlin und studiert im 5. Semester Publizistik und Kommunikationswissenschaft im Hauptfach und im Nebenfach Filmwissenschaft. In ihrer Freizeit liest sie gerne Romane oder besucht Kulturveranstaltungen. Im Sommer wird sie bei einem Fernsehsender ein Redaktionspraktikum absolvieren.

2017-07-06T12:18:15+00:00 Kategorien: Lesen, Macht + Medien|Tags: , , , , , |