Archiv "APO und soziale Bewegungen"
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Berlin: Hauptstadt der Revolte
            Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker  

 

Gründonnerstag 1968: Vor dem SDS-Zentrum Berlin-Wilmersdorf, Kurfürstendamm 140, bricht Rudi Dutschke durch drei Kugeln schwer verwundet neben seinem Fahrrad zusammen.

Während der darauffolgenden Woche fand eine ganze Epoche Westberliner Nachkriegsgeschichte ihr unwiderrufliches Ende. Bis dahin hatte ein antikommunistischer Widerstandskonsens aus den unterschiedlichsten Traditionen heraus alle Klassen, Schichten und Generationen zusammengehalten: West-Berlin als Vorposten der freien westlichen Welt. Was sich spätestens seit den Demonstrationen gegen den Schah von Persien im Juni 1967 abzeichnete, konnte nun auch vom notorischsten Durchhalte-Berliner nicht mehr übersehen werden: Tausende von Studenten, Intellektuellen und auch Schülern und Jungarbeitern waren nicht mehr bereit, die seit 1945 diese Stadt beherrschende Lebenslüge weiter mitzuleben.

 

»DIE RUSSEN KOMMEN!«

Als die Rote Armee im Mai 1945 die Vororte Berlins erreicht hatte, bestand nicht nur bei ihren Offizieren die Hoffnung, daß zumindest Teile des Berliner Proletariats jetzt endlich die Gewehre gegen die Nazis richten würden. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus. Kinder in HJ-Uniformen und alte Männer des Volkssturms bauten zusammen mit Resten der SS in den traditionellen Arbeiterbezirken Panzersperren und schossen mit Panzerfäusten auf die anrückenden T 34. Von organisiertem antifaschistischen Widerstand immer noch fast keine Spur. Die Fahnen wurden erst 5 Minuten nach 12 herausgehängt: die weißen meistens vom Kleinbürgertum, die roten - soweit einzelne Arbeiter das nicht verhindern konnten - von mittleren und kleineren Nazis. Bei den Rotarmisten hatte sich schnell herumgesprochen, daß dort, wo überhaupt keine Fahnen hingen, die Reste des für ein Zu-Kreuze-Kriechen zu stolzen Berliner Proletariats wohnten. Das bedeutete nun nicht, daß alle Berliner inzwischen überzeugte Nazis geworden wären. Obwohl nach den Hungerjahren der Weltwirtschaftskrise im Hitler-Deutschland - nicht zuletzt aufgrund des Rüstungsbooms - praktisch Vollbeschäftigung herrschte, waren die Arbeiterbezirke und die Schrebergarten-Kolonien in Berlin neben den Industriegebieten in Sachsen und Thüringen und im Ruhrgebiet in den 30er Jahren eine Hochburg des organisierten proletarischen Widerstandes gegen die braune Pest. Hunderte von Sozialdemokraten und Kommunisten ließen in Berlin im illegalen Kampf ihr Leben. Noch in den Jahren 1933/1934 gab es Arbeiterbezirke, in die sich nach 21 Uhr kein SA- oder SS-Mann in Uniform allein hineintrauen konnte. Obwohl man auch in den Kriegsjahren nicht von einer Kollaboration zwischen Arbeiterklasse und Nazis sprechen kann und der größte Teil der sozialdemokratischen und kommunistischen Kader im aktiven Widerstand hohe Opfer brachte, muß man doch konstatieren, daß die braune Barbarei in Deutschland nicht durch einen Aufstand der Arbeiterklasse von innen, sondern durch den militärischen Sieg der Anti-Hitler-Koalition von außen beendet wurde. Inzwischen hatten nämlich Terror und Konzentrationslager die Arbeiter demoralisiert, die militärischen Erfolge der ersten Kriegsjahre in Polen und Frankreich hatten sie verunsichert. Die systematischen Flächenbombardements durch britische und amerikanische Verbände, die zunehmende Terrorisierung der kriegsmüden Bevölkerung durch Gestapo- und SS-Standgerichte, aber auch die Angst vor der Rache der siegreich auf Berlin zumarschierenden Roten Armee lähmten fast vollständig die Arbeit der antifaschistischen Gruppen. Der sinnlose Endkampf gegen die »bolschewistische Gefahr« kostete in den letzten zehn Tagen des Zweiten Weltkrieges allein in der Reichshauptstadt über 150 000 deutsche Wehrmachtsangehörige und Zivilisten und über 100 000 Rotarmisten das Leben. Seit damals lebte West-Berlin ständig in der Angst, daß sich sein traumatisches Erlebnis wiederholen könnte: der Einmarsch der »Russen«. Dieses kollektive Trauma erklärt sich jedoch nicht nur aus der Eroberung Berlins durch die Rote Armee, durch Straßenkämpfe, Plünderungen und Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten. Diese Erinnerungen sind nicht zuletzt deshalb noch so lebendig, weil durch sie - ebenso wie durch die spätere Blockade und den Bau der Mauer - möglich wird, andere Ereignisse weitgehend aus dem Bewußtsein zu verdrängen, die man einfach »vergessen« hat, weil man sie »vergessen« mußtet: den Einmarsch in Prag 1938, den Überfall auf Polen im September 1939, 1940 auf Norwegen und Dänemark, auf Frankreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Griechenland, Jugoslawien und schließlich am 22. Juni 1941 der Einfall der Wehrmacht in die Sowjetunion, die systematische Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in allen besetzten Ländern, die planmäßige Vernichtung der polnischen Intellektuellen und der Kader der KPDSU (Kommissarbefehl), die ökonomische Ausplünderung der okkupierten Länder, die Verschleppung ausländischer Zwangsarbeiter in die deutsche Rüstungsindustrie. Insgesamt verschuldete Deutschland den Tod von über 50 Millionen Menschen. Die Vorstellung, alle diese Verbrechen mitverschuldet oder geduldet zu haben, war für ein normales Gewissen einfach zuviel. Da mußte eigene Schuld wegrationalisiert und auf andere projiziert werden. In seinem Buch »Der Kampf um Berlin« beschreibt Erich Kuby dieses gestörte Verhältnis der deutschen Bevölkerung zur Wirklichkeit am Ende des Hitler-Krieges treffend wie kaum jemand sonst: »Auch wenn sie (die Soldaten der Roten Armee) sich wie die himmlischen Heerscharen benommen hätten, wäre das Ergebnis vermutlich nicht anders gewesen. Sie hatten verspielt, noch ehe sie einen Fuß auf deutsches Gebiet setzten - nicht wegen der Verbrechen die sie begangen haben, sondern wegen der von Deutschen in der Sowjetunion begangenen Verbrechen ... Nein, die Sowjets haben durch ihre Übergriffe im Frühjahr 1945 Deutschland nicht verspielt; sie haben dadurch nur den Deutschen die Möglichkeit gegeben. ihnen den Schwarzen Peter zuzuschieben, haben den Deutschen einen moralischen Fluchtweg geöffnet ... «

 

DIE SPALTUNG

Nach der bedingungslosen militärischen Kapitulation des Dritten Reiches waren sich die Mächte der zerbröckeinden Anti-Hitier-Koalition in einem immer noch einig (und das bis zum heutigen Tag): Deutschland mußte - nicht zuletzt aus sicherheitspolitischen Erwägungen - geteilt bleiben. Das bedeutete und bedeutet für die Westberliner, daß die drei Westsektoren bis auf weiteres eine Insel inmitten des Territoriums der DDR bleiben werden. Die Bevölkerung West-Berlins befindet sich seit 1945 in einem permanenten Ausnahmezustand der »besonderen Situation West-Berlins«, ein Bewußtseinszustand, der sich auch aus historischen Erfahrungen erklärt. Im Unterschied zu den drei westlichen Besatzungszonen. der späteren Bundesrepublik Deutschland, war WestBerlin schon immer leicht unter Druck zu setzen: am bekanntesten ist die Blockade der Zufahrtswege in den Jahren 1948 und 1949. Nachdem in den drei Westsektoren Berlins die separate Währ-ungsreform der drei westlichen Besatzungszonen nachvollzogen worden war, um so West-Berlin in das Wirtschaftsgefüge der entstehenden Bundesrepublik zu integrieren, versuchte die sowjetische Regierung durch Sperrung der Land- und Seewege von und nach WestBerlin ihre Deutschlandpolitik mit Gewalt durchzusetzen.

Um die Versorgung der Westberliner Bevölkerung sicherzusteilen richteten die westlichen Alliierten die Luftbrücke ein und die Sowjetunion brach die Blockade nach 9 Monaten erfolglos ab. (Nebenbei: die SED kostete die Blockade in West-Berlin u. a. ihre letzten Arbeiterstimmen.) Hier hat die »Insulaner-Mentalität« ihren Ursprung, das Gefühl, eine verschworene Gemeinschaft gegen den anstürmenden Bolschewismus zu sein. Der Stolz, die Blockade durchgestanden zu haben, produzierte aber auch das Selbstbewußtsein auserwählt zu sein, was schon bald Antipathie in der Bundesrepublik hervorrief. Schließlich finanzieren die westdeutschen Steuerzahler durch hohe Subventionen die Existenzfähigkeit von West-Berlin. Allein die bis Mitte der 50er Jahre obligatorische blaue 2-Pfennig-Marke »Notopfer Berlin«, ohne die kein Brief befördert wurde, rief nicht gerade besondere Herzlichkeit für die letzten freien Preußen im Osten hervor. Symptomatisch für diese Aversion war der absurde Plan, West-Berlin in der Lüneburger Heide noch einmal aufzubauen und die Bevölkerung dorthin umzusiedeln, das sei immer noch billiger als die dauemden Subventionen und würde politisch nicht so viele Nerven kosten.

Die endgültige Spaltung der Stadt durch den Bau der Mauer im August 1961 hatte zunächst offen militanten Antikommunismus und dann - angesichts der abwartenden Haltung der Adenauer-Regierung und der Westalliierten - auch Resignation und Verzweiflung zur Folge. Damals waren die Studenten der Freien Universität Berlin noch die Lieblinge der Stadt: unter Lebensgefahr gruben sie Tunnel in den Ostsektor und ermöglichten zahlreichen Menschen die Flucht.

Die Studenten, so die gängige Meinung, taten wenigstens etwas und überwanden so das Gefühl der Ohnmacht, das die Berliner Bevölkerung bei jedem staatlich organisierten Mord an der Mauer aufs neue überkam.

Bis zum Mauerbau waren die Westberliner praktisch ständig in ihrem antikommunistischen Kampf mobilisiert. Der Kalte Krieg um Berlin wurde von der Sozialdemokratie und den bürgerlichen Parteien unter der Parole braun = rot geführt. Für Ernst Reuter und Kurt Schumacher waren die Kommunisten im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat nichts anderes als »rotlackierte Nazis«. Dieser proletarische Antikommunismus erklärt sich hauptsächlich aus der bürokratischen Vereinigung von SPD und KPD im Frühjahr 1946. die gegen die i\Iehrheit der Sozialdemokraten. re2ional sogar gegen die der Kommunisten durchgesetzt wurde und die faktisch die Illegalisierung der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone bedeutete.

Die bürgerliche Totalitarismusdoktrin, die in den 50er Jahren an Schulen, Universitäten und in den Massenmedien verbreitet wurde, besagte, daß faschistische und kommunistische »totalitäre Svstem« grundsätzlich gleichartig seien. Dadurch wurie auch dem ehemaligen Mitläufer und Aktivisten des NSRegimes die Möglichkeit eröffnet. den nicht stattgefundenen Widerstand gegen die Nazi-Barbarei nun in einem militanten Antikommunismus nachzuholen und sich so die Vergangenheitsbewältigung in die Tasche zu lügen.

BÜRGERLICHE KULTURREVOLUTION

Gegen die Lebenslüge von der Bewältigten Vergangenheit revoltierte Mitte der 60er Jahre die bürgerliche Intelligenz. Die Berliner Studenten waren die Lokomotive dieser Revolte- Die Tradition der Rebellion der akademischen Jugend dieser Stadt hatte zwei Wurzeln: einmal den Auszug eines Teils der Studentenschaft aus der Humboldt-Universität im sowjetisch besetzten Sektor aus Protest gegen bürokratische Eingriffe der sowjetischen Militärregierung und der SED in die Autonomie der Hochschule und die Gründung der Freien Universität im Herbst 1948. (Übrigens: die meisten Professoren blieben damals zunächst einmal abwartend bei der altehrwürdigen alma mater im Ostsektor. Die Altersversorgung der Professoren der FU stand schließlich noch in den Sternen.) Zum anderen zeigte sich bereits in den antiautoritären happenings bei den Kuny-Demonstrationen Anfang Dezember 1949 eine Tendenz zum intellektuellen Nonkonformismus. Jakob Kuny, ein älterer Herr mit Künstlermähne, der bei der britischen Besatzungsmacht in Berlin als Koch beschäftigt war. war praktisch der erste action-Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg. In improvisierten Reden forderte er die Studenten der Technischen Universität auf, sich seiner »Kunyologischen Glaubensbewegung« anzuschließen. Schon damals setzten sich die Berliner Studenten gegen die mit Gummiknüppeln vorziehende deutsche und britische Polizei zur Wehr und durchbrachen mehrmals die Polizeiketten. Was hier als unpolitischer Aufstand gegen die Absurdität der gesellschaftspolitischen Entwicklung in beiden- soeben gegründeten - deutschen Teilstaaten begann, offenbarte später seine latente, eindeutig antifaschistische Stoßrichtung, z. B. bei der militanten Demonstration gegen die in Berlin nicht zugelassene neofaschistische »Sozialistische Reichspartei« (SRP) im Juli 1950 durch einige hundert FU-Studenten. Als nicht mehr zu übersehende politische Kraft manifestierte sich der Aufstand der akademischen Jugend West-Berlins Anfang Dezember 1950, als 4000 Studenten ein Gastspiel des Wiener Burgtheaters mit Werner Krauss verhinderten, der 1940 in dem antisemitischen Veit Harlan-Film »Jud Süß« die Hauptrolle gespielt hatte. Was sich in Berlin damals ankündigte, der fällige Aufstand der Bürgersöhne gegen ihre Nazi-Väter, dann jedoch in der WirtschaftswunderEuphorie zu individueller antifaschistischer Motzerei verkam, stand der bundesrepublikanischen Gesellschaft mit einer zeitlichen Verschiebung Mitte der 60er Jahre voll ins Haus. Auf die Boring Fifties folgten die Roaring Sixties.

Zwar war schon die Jugendbewegung, sowohl der »Wandervogel« um die Jahrhundertwende als auch die »Bündische Jugend« in der Weimarer Republik, Ausdruck eines Generationenkonfliktes mit gesellschaftspolitischen Konsequenzen, es handelte sich jedoch um eine bewußt unpolitische Kulturrevolution eines Teils der bürgerlichen Jugend gegen die Welt der Erwachsenen, gegen Wilhelminischen Mief und Kadaver-Gehorsam. Die obrigkeitsstaatliche Tradition war jedoch auch noch nach dem Ersten Weltkrieg so stark, daß die Studentenschaft mehrheitlich im nationalkonservativ-völkischen Lager verharrte. Die erschreckende Verelendung der Studenten während der Inflation und der Weltwirtschaftskrise und die Angst vor der drohenden Proletarisierung trieben die akademische Jugend schon lange vor der Machtergreifung in die Arme Hitlers. Die Revolte der 60er Jahre war im Gegensatz zur Hitlerbewegung eine bewußt politische Kulturrevolution der bürgerlichen Jugend gegen die verlogene Moral der deutschen Bourgeoisie nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. Zwar wurde der Kapitalismus nach 1945 unter dem Schutz der Westmächte restauriert und es folgte - von der Währungsreform über den Korea-Boom bis hin zur Rezession 1966/67 - fast linear ein Wirtschaftsaufschwung, jedoch gelang es dem Bürgertum nicht, moralische Identität und Glaubwürdigkeit zu erlangen. Politisch kam es noch einmal davon und der interkonfessionelle Besitzbürgerblock CDU/CSU drängte die reformistische SPD auf Bundesebene erneut in die Defensive. Nur eine kulturelle Hegemonie konnte es nicht mehr erreichen.

 

DIE FÜNFZIGER JAHRE

Was 1945 kein Mensch für möglich gehalten hatte, am Ende der 50er Jahre war es wieder so weit: über 30% der männlichen Studenten an bundesrepublikanischen und Westberliner Universitäten waren wieder in Korporationen organisiert; in denselben Korporationen, die 1932 im Gleichschritt in geschlossenen Marschkolonnen zum 15. Deutschen Studententag nach Königsberg marschierten - nicht etwa in die Universität; der Studententag fand bereits in der Kaserne statt; in denselben Korporationen, die am 10. Mai 1933 in Wichs und Couleur zusammen mit der SA »weltbürgerlich-jüdisch-bolschewistische« Bücher verbrannt hatten und die sich noch im selben Jahr nacheinander freiwillig im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDSTB) hatten gleichschalten lassen. Am 17. Juni 1950 gründeten Delegierte von 65 Studentenverbindungen aller westdeutschen Universitäten und Technischen Hochschulen erneut die Deutsche Burschenschaft unter dem Wahlspruch »Ehre - Freiheit - Vaterland«. Die aus den Schützengräben und der Kriegsgefangenschaft in die Hörsäle zurückgekehrte Generation des knurrenden Magens fragte meist nicht lange nach der historischen und politischen Mitverantwortung der Alten Herren. Ämterpatronage und Verbindungsprotektionismus waren attraktiver als das Experiment Demokratie und Sozialismus. Gruppen wie der im September 1946 in Hamburg gegründete Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) blieben an der Universität zunächst eine zahlenmäßig kleine Minderheit.

Die überwiegende Mehrheit der Akademiker flüchtete sich in eine Ohne-uns-Haltung, in eine Attitüde der Skepsis, war dabei jedoch sehr karrierebewußt. Die Leitbilder der Jugend hießen nicht Thomas Mann, Karl Jaspers oder Kurt Schumacher, Konrad Adenauer, Ludwig Ehrhard und Theodor Heuß, sondern für die bürgerliche Intelligenz Jean Paul Satre, Albert Camus, Francoise Sagan und natürlich Juliette Greco und in den Arbeitervororten James Dean, Bill Haley, Elvis Presley und Marlon Brando. Dagegen kamen Dieter Borsche, Ruth Leuwerik, Maria Schell, 0. W. Fischer und auch Curt Jürgens nicht an. Als das Symbol der 50er Jahre kann indessen das erleuchtete Schaufenster gelten, gefüllt mit allem, was das erwachende Konsumentenherz begehrte: von den Nylons bis zur Isetta, vom Nierentisch mit Messingfüßen bis zum Nescafi. Und in West-Berlin waren Symbol und Wirklichkeit eins: bis zum Bau der Mauer glitzerte hier ein hochsubventioniertes Schaufenster des Kapitalismus und der westlichen Freien Welt als Pfahl im Fleische der wirtschaftlich nicht gerade florierenden nachstalinistischen Erziehungsdiktatur der DDR. Filmfestspiele, Grüne Woche und Funkausstellung waren Höhepunkte gesamtdeutscher Konsumentenbegegnungen.

Die Wiederbewaffnung und atomare Aufrüstung der Bundeswehr waren die Themen der politischen Opposition. Ihre Träger waren zunächst die klassische Sozialdemokratie, besonders deren Jugendorganisationen, und einige antifaschistische Intellektuelle, Schriftsteller und Kirchenleute. Die Sozialdemokratie verlor in den 50er Jahren eine Bundestagswahl nach der anderen, die »Paulskirchenbewegung« gegen die Remilitarisierung scheiterte. Der Berliner »Studentenkongreß gegen Atomrüstung« an der Freien Universität im Januar 1959 rief einen wahren Orkan von antikommunistischer Hysterie hervor, nach dem Motto »Ihr marschiert für Moskau - und wißt es nicht!« In die Vorbereitungen zum Kongreß war das Berlin-Ultimatum Chruschtschows geplatzt und nun befürchtete West-Berlin wieder einmal den Einmarsch der Russen. Nichtsdestotrotz arbeiteten nach dem Studentenkongreß immer mehr FU-Studenten in kleinen Zirkeln wie dem Berliner Argument-Club und den Arbeitskreisen des SDS-Landesverbandes Berlin mit. Hier entstanden die ersten Ansätze zu einer Arbeitskreiskultur, die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre entscheidend zur Entwicklung der antiautoritären Bewegung beitrug. Der Focus der Revolte war die Freie Universität Berlin. Und das nicht von ungefähr.

DIE FREIE UNIVERSITÄT BERLIN

Die FU unterschied sich für die Studenten durch mindestens fünf spezifische Bedingungen von den Universitäten der Bundesrepublik:

- Das »Berliner Modell« orientierte sich am Humboldtschen Ideal der »Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden«. Die Freie Universität wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht, dem Berliner Senat unter Ernst Reuter und den Studenten von Berlin gegründet - und nicht etwa nur von den Studenten oder nur von der amerikanischen CIA, wie die Legenden in West und Ost inzwischen glauben machen wollen. Die Studentenschaft der FU rekrutierte sich hauptsächlich aus der Bevölkerung der drei Westsektoren einerseits und den Studenten aus dem sowjetischen Sektor Berlins und der sowjetischen Besatzungszone andererseits. Letztere wählten die FU allerdings aus unterschiedlichen Gründen: einige hatten aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft keine Chance, zum Studium an der Humboldt-Universität zugelassen zu werden, andere, die oft aus anti-faschistisch-sozialdemokratischen Familien stammten, waren nicht bereit, sich den bürokratischen Zwängen und Schikanen der SED und FDJ unterzuordnen. Dies ist auch einer der Gründe dafür, daß die erste Studentengeneration der Freien Universität nicht nur in einer antikommunistischen, sondern auch in einer teilweise bewußt antifaschistischen Tradition stand. Den Studenten der FU wurden, verglichen sowohl mit den Studenten der Humboldt-Universität als auch mit denen der west-deutschen Universitäten, größere Rechte eingeräumt: im »Berliner Modell« wurde erstmals die Mitwirkung mit Sitz und Stimme in allen Kollegialorganen der akademischen Selbstverwaltung festgeschrieben: zwei Sprecher im Akademischen Senat, je ein Sprecher in den Fakultäten und im Kuratorium, der Vermittlungsstelle zwischen Staat (Berliner Senat) und Universität. Dies kam sowohl dem Bedürfnis der wenigen Reformer entgegen, die aus dem eklatanten Versagen der deutschen Universität im Jahre 1933 Konsequenzen ziehen wollten, als auch der Skepsis der amerikanischen Hochschuloffiziere, die verständlicherweise der Mehrheit der deutschen Ordinarien politisch mißtrauten. Die Studentenschaft wählte ihr Studentenparlament, den Konvent. Dieser beschloß »in allen die Studentenschaft angehenden Fragen und überwacht die Ausführung der Beschlüsse« durch die von ihm eingesetzte Exekutive, den Allgemeinen Studentenausschuß (AStA). »Oberste beschließende Funktion« (Satzung der Studentenschaft) übte jedoch unter besonderen Voraussetzungen die Studentenschaft durch Urabstimmung selbst aus. (Die bekanntesten Beispiele waren einmal die Abwahl des Mitglieds einer schlagenden Verbindung Eberhard Diepgen als AStA-Vorsitzender im Februar 1963 und die Urabstimmung vom Mai 1967, in der die Studentenschaft dem amtierenden AStA und nicht dem Rektor das Vertrauen aussprach.) Die Studentenvertretung erfüllte also eine Doppelfunktion: einmal war sie Organ der Universität und hatte die Aufgaben der studentischen Selbstverwaltung wie an allen westdeutschen Universitäten auch (Sozial-, Kultur-, Sportreferat u. a.); zum anderen wählte sie ihre Vertreter für die Mitverwaltung in den übrigen Organen der Universität. Mit zunehmender Dominanz der akademischen Verwaltung in den 50er Jahren ging allerdings der Einfluß der Studenten in den Gremien zurück. Senatsausschüsse wurden zunehmend nur noch mit Professoren besetzt. Nach dem politischen Dornröschenschlaf der Studentenschaft in der Adenauer-Ära erinnerte sich die Generation der 60er Jahre wieder an ihre Rechte und klagte sie ein.

- Mit Gründung der FU waren die Kontakte zu den Kommilitonen der Humboldt-Universität natürlich nicht abgerissen, nicht zuletzt deshalb, weil viele FUStudenten weiterhin im Ostsektor oder in der sowjetischen Besatzungszone wohnten. Zu den individuellen Kontakten gesellten sich die von der Partei verordneten: immer, wenn Wahlen anstanden - ob zum Konvent oder zum Abgeordnetenhaus -, reisten agitatorisch geschulte FDJ-Trupps mit der S-Bahn an und diskutierten auf dem Campus bis in die tiefe Nacht mit den FU-Kommilitonen. Es war oft rührend zu sehen, wie sehr über Themen wie Wiedervereinigung oder atomare Aufrüstung mit konkreten Argumenten zur politischen Lage seitens der FDJ und philosophischen Einschätzungen des Wertes der Freiheit im allgemeinen seitens der FU-Phil.-Fak. aneinander vorbeigeredet wurde. Anders herum verteilten die Falken und die FU-Betriebsgruppe der Berliner SPD (der spätere Berliner Landesverband des SDS) vor der Humboldt-Universität Flugblätter. Nachdem mehr und mehr von der Volkspolizei verhaftet wurden und für immer längere Haftzeiten verschwanden, ging man zur illegalen politischen Arbeit an der Humboldt-Universität über.

Immerhin konnten die meisten Studenten für 20 Pfg. mit der S-Bahn in eine andere Welt fahren. Mit am Bahnhof Zoo im Verhältnis 1:4 getauschten Mark der Deutschen Notenbank konnte man drüben die ohnehin billigen Bücher kaufen (»Das Kapital« von Marx z. B.; die Frühschriften kaufte man in der teuren Dünndruckausgabe im Westen) oder im »Theater am Schiffbauer Damm« Brechts Arturo Ui sehen, als B. B. in Westdeutschland noch auf dem Index stand. Die ideologische Abschottung gegenüber allem, was aus dem Osten kam, fand für die Berliner Studenten nicht statt. Das bedeutete, daß sie schon in den 50er Jahren Gelegenheit hatten, sich mit dem MarxismusLeninismus auseinanderzusetzen und ihnen die in der Bundesrepublik weit verbreitete Berührungsangst vor dogmatischen Parteikommunisten fremd war.

- Als einzige Hochschule der Bundesrepublik und West-Berlins kämpfte die FU einen langen, aber letztlich vergeblichen Kampf gegen die Renaissance des schlagenden Verbindungswesens: am 24. Oktober 1958 entschied das Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz, daß der Passus der Universitätsordnung der FUB, der die Zugehörigkeit zu schlagenden Verbindungen und die Zugehörigkeit zur FU für unvereinbar erklärte, rechtswidrig sei. Anfang der 60er Jahre schlugen sich dann auch an der FU die Korporierten ungehindert die Standesnarben ins Gesicht und als politische Betätigung rieben sie allenfalls einen feierlichen Salamander auf die deutsche Wiedervereinigung. 1960 waren die Farbentragenden schon wieder so dreist, daß es an der Juristischen, an der Sozialwissenschaftlichen und an der Medizinischen Fakultät nicht ungefährlich war, Flugblätter z. B. gegen den französischen Kolonialkrieg in Algerien zu verteilen. 1961 konnten es sich Mitglieder des RCDS in Berlin leisten, Exemplare der Studentenzeitschrift Konkret zu verbrennen.

- Berlin ist kein Land der Bundesrepublik Deutschland, sondern steht unter Viermächtekontrolle, faktisch West-Berlin unter der Kontrolle der drei Westalliierten und Berlin (DDR) unter dem Schutz der sowjetischen Panzer, das bedeutet für West-Berlin, daß es keine Wehrpflicht gibt. Alles, was man als nicht gerade Militärbegeisterter tun müßte, war, - möglichst noch vor der Einberufung - nach Berlin zu ziehen, hier einen »behelfsmäßigen Personalausweis« zu beantragen, den man sofort ohne Einschränkung bekam, und schon war der Bund machtlos. Es lag nahe, daß für BILD und BZ die FU-Studenten insgesamt national unzuverlässige Drückeberger waren. Laut ausgesprochen wurde das erst bei der Revolte.

- In der Frontstadtatmosphäre West-Berlins, einem Gemisch aus Angst, Bedrohung, Stagnation, Filzokratie, bornierter Arroganz und individueller Verklemmtheit, richteten sich - besonders, als jedem klar wurde. daß die Mauer von Dauer sein würde - die Aggressionen der Bevölkerung zunehmend gegen die Studenten und trieben diese in ein Ghetto. Zynisch vereinfacht formuliert: gegen die FU gewinnt man stellvertretend den Krieg gegen die UDSSR. Im permanenten Ausnahmezustand der »besonderen Situation West-Berlins« befand sich jeder Polizeibeamte im politischen Konfliktfall per definitionem in Notwehr. Galt es doch die »vom Osten eingeschleusten Störer« abzuwehren. So hatte man's gelernt, so hatte man's geprobt.

 

DAS POLITISCHE MANDAT

Die Forderung der Berliner Studenten nach einer »freien Universität« hatte sich ebenso gegen eine politisierte »Universität neuen Typus« in der sowjetischen Besatzungszone. in der oft Opportunismus, Bespitzelung und Dogmatismus vorherrschten. gewendet wie gegen eine »unpolitische Universität«. die sich kampflos dem Nationalsozialismus ausgeliefert hatte. Die Zeiten, in denen Thomas Mann in seinen »Betrachtungen eines Unpolitischen« schrieb »Der politische Geist, widerdeutsch als Geist, ist mit logischer Notwendigkeit deutschfeindlich als Politik ... «, sollten endgültig vorbei sein. Bei den politisch bewußten Studenten war die gesellschaftliche Dimension von Wissenschaft allgemein anerkannt ' In den 50er Jahren nahm der Konvent der Freien Universität häufig zu allgemeinpolitischen - besonders zu innerdeutschen Fragen Stellung. So am

19. 01. 1950 Befürwortung der Politik der Bundesregierung;

19. 12. 1950 Bejahung des deutschen Wehrbeitrages;

31. 01. 1951 Solidarisierung mit der Wiedervereinigungspolitik Adenauers;

12. 02. 1952 Protest gegen die Aufführung von Veit-Harlan-Filmen;

26.06. 1953 Begrüßung der Bestrebungen im Bundestag; den 17. Juni zum Nationalfeiertag der Deutschen Einheit zu erklären;

4. 02. 1954 Erneuter Protest gegen die Aufführung von Veit-Harlan-Filmen;

15. 05. 1957 Appell an die Atommächte, die Atomwaffenversuche einzustellen.

Solange die politischen Resolutionen mit der herrschenden Meinung der Mehrheit der Professoren, der Regierungspolitiker, der Kirche und der Wirtschaftsverbände übereinstimmten, wurde das politische Mandat der Studentenschaft niemals öffentlich angezweifelt. Im Gegenteil konnte sich diese meistens auf Unterstützung aus den Reihen der Professoren und der akademischen Verwaltung stützen. Einwände wie der, die Studentenschaft sei ein Zwangsverband und als solcher nicht zur politischen Stellungnahme legitimiert, wurden erst in den Fällen gemacht, in denen sich die politischen Stellungnahmen der Studentenschaft nicht mehr in Übereinstimmung mit der offiziellen Politik der Ära Adenauer befanden.

Zum offenen Konflikt kam es erstmals im November 1958, als der Rektor zum Festakt des 10jährigen Bestehens der Freien Universität die geplante Rede des AStA-Vorsitzenden ihres politischen Inhalts wegen verbieten wollte. Er fühle sich, so argumentierte der Rektor, gegenüber dem AStA-Vorsitzenden wie ein Vater zu seinem Kinde und sei für alles verantwortlich, was von diesem auf dem Festakt gesprochen würde. In diesem Konflikt wurde noch vermittelt; der AStA-Vorsitzende Martin Schmidt (Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, ESG) konnte seine Rede schließlich halten. Den großen Schock bekamen die Ordinarien jedoch im Januar 1959 beim »Studentenkongreß gegen Atomrüstung«, der von den studentischen Anti-Atom-Ausschüssen an der FU veranstaltet wurde. Das Kongreßplenum nahm in seiner letzten Sitzung mit Zweidrittelmehrheit einen Antrag an, in dem Formeln wie »Mit Pankow wird nicht verhandelt« zurückgewiesen wurden und Verhandlungen der »beiden Teile Deutschlands« über »die Umrisse eines Friedensvertrages« und »die möglichen Formen einer interimistischen Konföderation« gefordert wurden. Die Springer-Presse feuerte aus allen Rohren, die Kampagne lief unter dem Motto »Totengräber unserer Freiheit«.

Die Ordinarien reagierten total verstört: Politik, das hatte sich für sie wieder einmal bestätigt, gehört nicht an die Universität. Die Geschichte der Politisierung der Studenten der FU bis zum 2. Juni 1967 ist dann die Geschichte des permanenten Versuchs der Universitätsverwaltung, die politischen Rechte der Studentenvertretung und der politischen Studentenverbände einzuschränken, und deren Reaktion darauf.

 

DIE SOZIALISTISCHEN STUDENTEN

Der wichtigste politische Studentenverband an der Freien Universität war der »Sozialistische Deutsche Studentenverband« (SDS), eine Organisation linker Intellektueller, die bis Mitte der 60er Jahre niemals über tausend Mitglieder an allen westdeutschen und Westberliner Universitäten und Hochschulen hatte. Im September 1946 gegründet, war er zunächst ein parteikonformer Studentenverband mit Aufstiegschancen in der SPD und in den Gewerkschaften. Je mehr die SPD ihre ursprüngliche Position einer antikapitalistischen Reformpartei aufgab und - um endlich auch für kleinbürgerliche und bürgerliche Schichten wählbar zu werden - die atomare Aufrüstung der Bundeswehr innerhalb des europäischen Verteidigungsbündnisses guthieß, entfremdete sich dieser Studentenverband der Parteispitze. Im November 1959 verzichtete die SPD schließlich in ihrem Godesberger Parteiprogramm sogar auf solche Begriffe wie »Sozialisierung«, »Planung« und »Arbeiterklasse«. Im November 1961 schmiß der SPD-Parteivorstand die renitenten Intellektuellen, die nach wie vor auf marxistischen Positionen beharrten, aus der Partei und schaffte sich einen neuen Studentenverband, den »Sozialdemokratischen Hochschulbund« (SHB), der jedoch bald in den Sog des SDS geriet (und der nach der Selbstauflösung des SDS den Wölfen vom MSB Spartakus zum Opfer fiel).

Der SDS war in der Revolte zunächst nicht mehr und nicht weniger als deren Interpret und Theoretiker. Er interpretierte die Bedürfnisse, Forderungen und auch die neuen Aktionsformen gegenüber der bürgerlichen Öffentlichkeit und stellte einen neuen Kommunikationszusammenhang zwischen den verschiedenen Hochschulen und Wissenschaften her. Durch den Aufbau einer autonomen Arbeitskreiskultur an fast allen Hochschulen seit Beginn der 60er Jahre erschloß er einer ganzen Studentengeneration den Zugang zum Marxismus und zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ab Mitte der 60er Jahre sah der SDS seine Aufgabe zunehmend darin, die Studenten zu mobilisieren und zu politisieren. Der Verband entwickelte eine durchdachte Kongreßpolitik, eine radikaldemokratische Bündniskonzeption und ein offensives Hochschulprogramm von Seminar-Rezensionen bis hin zu alternativen Studiengängen und dem Entwurf einer »Kritischen Universität« als konkretes Gegenmodell zum herrschenden Wissenschaftsbetrieb. In sit-ins, teach-ins und auch Demonstrationen wurden neue Formen von Solidarität praktiziert. Die drei wichtigsten überregionalen Kampagnen des Verbandes gegen die Notstandsgesetze, gegen die Praktiken des Zeitungskonzerns von Axel Caesar Springer und gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam zeigten, daß die Studenten auf nationaler Ebene sehr wohl Einfluß nehmen konnten.

Als nach fast 15 Jahren kleinbürgerlicher Innerlichkeit der Adenauer-Ära die Zeitungen am 19. Dezember 1964 berichteten, daß in West-Berlin am Vortage mehr als 600 deutsche und schwarzafrikanische Studenten aus beiden Teilen der Stadt unter Leitung des SDS Ketten der Bereitschaftspolizei durchbrechen und innerhalb der Bannineile des Schöneberger Rathauses den damaligen kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombe mit Eiern und Tomaten beworfen hatten, fragten sich viele verwundert: »SDS - gibts den denn noch?«.

In der Tat hatte man seit dem Ausschluß des SDS aus der SPD kaum etwas von den sozialistischen Studenten gehört, nur an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen kannte man die SDSIer sehr genau. Waren sie es doch, die am Ende der Ära Adenauer allgemein akzeptierte Autoritäten respektlos infrage stellten - und das auf einem theoretischen Niveau, das auch konservativen Professoren unmöglich machte, sich der Diskussion zu entziehen, ohne vor der Studentenschaft ihr Gesicht zu verlieren. Im Sommersemester 1965 eskalierten die Konflikte zwischen der Berliner Studentenschaft auf der einen Seite und der Universitätsadministration, dem Berliner Senat, der Springer-Presse und der Westberliner Bevölkerung auf der anderen Seite. Nach zunächst internen Auseinandersetzungen über das Recht der freien Rede auf dem Campus folgten im Wintersemester 1965/66 Aufklärung und Aktionen gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam. Die Studenten merkten bald, daß ihre Argumente von der bürgerlichen Öffentlichkeit weitgehend totgeschwiegen wurden. Erst als Teile des SDS zu spektakulären illegalen Aktionen übergingen, änderte sich das. Die Demonstranten verließen z. B. die vorgeschriebene Demonstrationsroute durch menschenleere Umgehungsstraßen und stürmten durch die Absperrungen der Polizei zum Kurfürstendamm. Die zunehmend happeningartigen Studentenaktionen wurden von den Massenmedien jetzt gierig aufgegriffen, wenn auch als kommunistisch unterwandert verteufelt.

Für diese neuen Demonstrationsformen hatte die Anti-Tschombé-Aktion vorbildhaften Charakter. Bei der Vorbereitung hatte sich zwischen dem Berliner SDS, dem Argument-Club, dem Afrikanischen Studentenbund, dem Lateinamerikanischen Studentenbund, der »Anschlag«-Gruppe und dem »Internationalen Arbeitskreis« die Absicht herauskristallisiert, bei der Demonstration die Spielregeln der formalen Demokratie zu brechen. Überrascht wurden die Veranstalter dann durch die Tatsache, daß die Mehrheit der Demonstranten diese Absicht teilte und die Demonstration bei der Durchbrechung der Polizeiketten bewußt illegalisierte. Dabei wurden spontan Widerstandsformen entwickelt, die ein Jahr später zur festen Methode politischer Aktion wurden. Daß ca. 500 Demonstranten zugleich selbstbewußt gegen die Polizei auftraten, bestätigte die These des SDS, daß die Beteiligten in der Aktion und Agitation einen Lern- und Selbstaufklärungsprozeß durchmachten, was für den Erfolg der Massenmobilisierungs- und Politisierungskampagne der APO von ausschlaggebender Bedeutung wurde.

 

»FREIE« UNIVERSITÄT?

Im Sommersemester 1965 schlug über die Frage der freien politischen Meinungsäußerung an der Universität die bis dahin latente in eine offene Verfassungskrise um. Der Anlaß war der Versuch einer politischen Zensur durch den Rektor. Dieser zog die schon erteilte Genehmigung für eine vom AStA der FU veranstaltete Podiumsdiskussion im Auditorium Maximum zum 20. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht mit der Begründung zurück, einer der Teilnehmer, Erich Kuby, habe die FU bei einem Vortrag im Jahre 1958 verunglimpft und deshalb Redeverbot in den Räumen der FU. Hatte die akademische Verwaltung besonders seit den studentischen Protesten gegen die Atomrüstung der Studentenvertretung offen das Recht abgesprochen, ein politisches Mandat für die gesamte Studentenschaft in Anspruch zu nehmen, so wurden (nach dem Verständnis des AStA) in diesem Falle zum erstenmal formale Gründe vorgeschoben, um Politik überhaupt aus der Universität herauszuhalten. Dies war möglich durch die - mindestens in diesem Punkte - autoritäre Verfassung der FU, die dem Rektor das uneingeschränkte Hausrecht zuerkannte. Vermittels des Hausrechtes hatte die akademische Verwaltung die letzte Kontrolle über alle politischen Veranstaltungen. Nach Ansicht vieler Studenten war dies der Grund für die von ihnen als zynisch empfundene Indifferenz der politischen Bildungsarbeit der FU gegenüber brisanten politischen Tagesthemen (Nazis im Öffentlichen Dienst, Kolonialkriege in Algerien und Vietnam) einerseits und zum anderen für die zeitweilig bloße Vermittlung von Ordnungsvorstellungen und Institutionenlehre bei völliger Tabuisierung der eigenen universitären Machtstruktur (»Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren«). Die Veranstaltung mit Erich Kuby fand dennoch statt, wenn auch im Studentenhaus der Technischen Universität. Aber im Gegensatz zu früheren Konflikten mobilisierten die politischen Hochschulgruppen die Studentenschaft diesmal erfolgreich gegen das Rektorat. Die Studentenvertretung der Philosophischen Fakultät und acht politische Hochschulgruppen riefen zu einer Protestversammlung auf, die in Anlehnung an die Resolution der Studenten der kalifornischen Universität in Berkeley die Forderung erhoben, »jede Person zu jedem Thema und zu jeder Zeit hören und mit ihr diskutieren« zu können. !Eine Woche später hatten diese Forderung schon ca. 3000 FU-Studenten unterschrieben. Schließlich erprobten die Studenten des Otto-Suhr-Institutes (OSI) zwei Wochen später eine neue Kampfform, den Vorlesungsstreik; er wurde fast vollständig befolgt. Waren 1948 die altehrwürdigen Universitäten von Harvard und Columbia die Vorbilder bei der Gründung der Freien Universität, so orientierte sich jetzt die Studentenschaft der FU auch an den Aufständen der amerikanischen akademischen Jugend gegen Rassismus, Völkermord in Vietnam und politische Zensur. Von Anti-Amerikanismus also keine Spur!

Nach dem massiven Widerstand der Studentenschaft gegen Hausrechtsknüppel des Rektors versuchte dieser es nun mit dem Dienstrecht.

Dr. Ekkehart Krippendorff, Assistent am Otto-SuhrInstitut der FU (später, im Jahre 1978, wurde er vom Berliner Senator für Wissenschaft und Forschung, Peter Glotz, als Professor ans John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerika-Studien berufen), hatte die - wie es schien - unrichtige Information veröffentlicht, der Rektor der FU hätte sich geweigert, zum 8. Mai den Basler Philosophen und Kritiker der deutschen Wiedervereinigungspolitik, Prof. Dr. Karl Jaspers, einzuladen. Obgleich sich Dr. Krippendorff fünf Tage später in der gleichen Zeitung korrigierte und sich beim Rektor offiziell entschuldigte, teilte dieser ihm in einem Schreiben mit, er sehe nur von einer »fristlosen Kündigung aus wichtigem Grunde« ab, da sein Vertrag ohnehin am 30. September auslaufe. (Eine Verlängerung von Assistenten-Verträgen um zwei Jahre war damals genauso üblich wie heute.) In einem »Memorandum über die Entlassung meines Assistenten Dr. Ekkehart Krippendorff« vermutete der zuständige Lehrstuhlinhaber Prof. Gilbert Ziebura, »daß der Rektor im Fall Krippendorff ein Exempel statuieren wollte, das sich grundsätzlich gegen wissenschaftliche Assistenten richtete, die sich politisch exponieren«. Diese Vermutung teilten viele. Im Fall Krippendorff verstieß der Rektor zum erstenmal gegen das »innerhalb der Universität übliche Loyalitätsverhältnis zwischen Rektor und einem Kollegen« (Ziebura) - er hatte vor seiner Entscheidung weder den geschäftsführenden Direktor des OSI noch den zuständigen Lehrstuhlinhaber konsultiert. Das führte zum ersten relevanten Bruch in der Ordinarien-Front, in dessen Verlauf sich einzelne Professoren gegen den Rektor stellten. Das heißt, die Studenten machten eine neue Erfahrung: der deutsche Nachkriegsprofessor war nicht per definitionem reaktionär. Der Rektor wurde während der Auseinandersetzungen durch die studentischen Angriffe zum erstenmal gezwungen, seine Handlungen vor der Offentlichkeit in Presse, Rundfunk und Fernsehen zu rechtfertigen. Als weiteren Erfolg konnte die Studentenvertretung für sich verbuchen, daß die langjährige Isolation des AStA von den Studenten überwunden wurde, der in den 50er Jahren weitgehend verloren gegangene Kontakt zu den Studenten wurde wiedergewonnen. Konnten vorher Eingaben, Vorschläge, Beschlüsse der Studentenvertretung von der akademischen Verwaltung ignoriert werden, so wurden sie jetzt von einer mobilisierten Studentenschaft getragen. Seit der Gründungsphase der FU konnte sich der AStA-Vorsitzende zum erstenmal wieder als Repräsentant und Sprecher der Studentenschaft verstehen.

 

DAS SIT-IN VOM 22./23. JUNI 1966

Im Februar bzw. Mai 1966 führten die Juristische und die Medizinische Fakultät eine Zulassungsbeschränkung von den Studenten bald »Zwangsexmatrikulation« genannt, ein. Diese existentielle Verunsicherung der Studenten durch einen bürokratischen Eingriff bewirkte eine weit größere Mobilisierung und Politisierung als alle vorhergegangenen Konflikte um die Meinungsfreiheit. Mit dem Verbot einer vom Konvent der FU beschlossenen Urabstimmung über die »Zwangsexmatrikulation« gelang dem Rektor, Hans-Joachim Lieber, Professor der Kritischen Sozialwissenschaften, was vor ihm noch keinem gelungen war: am Abend des 21. Juni 1966 fand ein nahezu historisches Treffen zwischen SDS und Burschenschaften statt. Unter der Leitung des Sprechers der Juristischen Fakultät, Franz Kirchberger, Mitglied des Cartellverbandes der Katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV), und Wolfgang Lefèvre, Mitglied des Landesverbandes Berlin des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), wurde von Delegierten beider politischer Lager ein gemeinsames Aktionsprogramm zur Verhinderung der befristeten Zulassung an der Juristischen und Medizinischen Fakultät ausgehandelt. Beide Seiten stellten ausdrücklich fest, daß damit die bestehenden grundsätzlichen politischen Differenzen nicht verwaschen werden sollten. Dieses Zweckbündnis war kein opportunistisches Koalieren aus machtpolitischen Gründen, sondern es galt ausschließlich der Vertretung studentischer Interessen. Kurzfristige Konsequenz dieses Aktionsbündnisses war, daß am folgenden Tag über 3000 Studenten an einer Vollversammlung aller Fakultäten teilnahmen, die auf dem Platz unterhalb des Sitzungssaales des Akademischen Senates dieselbe Tagesordnung behandelte wie das dort tagende Ordinarien-Gremium. Dabei brachen die studentischen Sprecher im Akademischen Senat, Sigrid Rüger (SDS) und Peter Dehn (SHB), das bis dahin übliche Vertraulichkeitsprinzip und informierten die Studentenschaft über die Vorgänge im Akademischen Senat. Am späten Nachmittag wurde diese Veranstaltung auf Vorschlag eines SDSIers in ein sit-in in der Halle des Henry-Ford-Baus umfunktioniert, auf dem erstmals mit Formen direkter Demokratie experimentiert wurde: zeitweilig gaben die Studenten ihre Repräsentation durch AStA und Konvent auf, entschieden sich sogar gegen diese. Daß die Diskussion über insgesamt 10 Stunden geführt wurde, war zum einen auf das Engagement der Studenten zurückzuführen (tendenziell waren alle Studenten von der »Zwangsexmatrikulation« betroffen), und zum anderen auf ca. 20 SDS-Mitglieder, die durch jahrelange Teilnahme an Arbeitskreisen in der Lage waren, zu allen anstehenden Themen adhocReferate zu halten.

Die Versammelten verabschiedeten eine Resolution. (Bei der Beurteilung dieser Resolution muß man sich vergegenwärtigen, wo, wann und von wem sie verabschiedet wurde: nämlich in der Front-Stadt WestBerlin am Ende der Adenauer-Ära von der versammelten Studentenschaft der FU, d. h. nicht nur von Linken, sondern auch von den hunderten der anwesenden Korporierten.) Die Präambel der Resolution lautete:

»Wir kämpfen nicht nur um das Recht, längere Zeit zu studieren und unsere Meinung stärker äußern zu können. Das ist nur die halbe Sache. Es geht uns vielmehr darum, daß Entscheidungen, die die Studenten betreffen, demokratisch nur unter Mitwirkung der Studenten getroffen werden.

Was hier in Berlin vor sich geht, ist ebenso wie in der Gesellschaft ein Konflikt, dessen Zentralgegenstand weder längeres Studium noch mehr Urlaub ist, sondern der Abbau oligatorischer Herrschaft und die Verwirklichung demokratischer Freiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Wir wenden uns gegen alle. die den Geist der Verfassung, gleich welcher Art. mißachten, auch wenn sie vorgeben, auf dem Boden der Verfassung zu stehen.

Es gilt. die Freiheit der Universität als Problem zu sehen, das über den Rahmen der Universität hinausweist. Aus diesem Grunde sieht die Studentenschaft die Notwendigkeit, mit allen demokratischen Organi'sationen der Gesellschaft zusammenzuarbeiten. um ihre Forderungen durchzusetzen. « (Ursprünglich hatte es geheißen, »die Notwendigkeit, mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten«. Der SDS verzichtete jedoch auf diese Formulierung, um die Aktionseinheit mit den Burschenschaften nicht zu gefährden.)

 

DIE KOMMUNE I

Großen Einfluß auf die Revolte hatten auch außeruniversitäre. eher unscheinbare und kaum bekannte Grüppchen. Im April 1959 konstituierte sich eine Schwabinger Künstlergr-uppe »SPUR« als deutsche Sektion der »Situationistischen Internationale«. Die sich in der Tradition des Berliner Dadaismus verstehende Künstlergruppe stand gegen Ende der Adenauer-Ära vor der Situation, daß die objektiven Bedingungen, die zum Dadaismus geführt hatten, die ,Material- und Vernichtungsschlachten des Ersten Weltkrieges, die Massenarbeitslosigkeit der Jahre 1919/'-10 und die »Weimarische Lebensauffassung« (Raoul Hausmann) als Situation nicht beliebig rekonstruierbar waren. Ein Neo-Dadaismus der 50er und 60er Jahre wäre nur dann glaubhaft gewesen, wenn er an den bestehenden gesellschaftlichen Widersprüchen der Bundesrepublik unmittelbar angeknüpft hätte. Die resignative Grundstimmung in der damaligen europäischen Intelligenz (Kalter Krieg, Auswirkungen des Stalinismus, die Herrschaft de Gaulles in Frankreich, der Konservativen in Großbritannien und Adenauers in der Bundesrepublik) verführte die Situationisten zu einer seltsamen Praxis: durch »experimentelle Verhaltensweise« sollte in kollektiver Organisation eine »einheitliche Umgebung« als »konstruiertes Moment des Lebens« herbeigeführt werden. D. h., der Künstler, von der bestehenden widersprüchlichen Realität frustriert. schafft sich nach seinem eigenen Willen und seiner eigenen Vorstellung eine neue Lebenssituation. Jeder, der »diese praktische Tätigkeit von Situationen« ausübe, sei ein Mitglied der »Situationistischen Internationale«.

Während der IV. Konferenz der »Situationistischen Internationale« in London im September 1960 vertrat die deutsche Sektion (Gruppe SPUR) eine elitäre und letztlich auch putschistische Konzeption, die auf entschlossenen Widerstand aller anderen Sektionen stieß. Die Deutschen lehnten die von den anderen Delegierten beabsichtigte Unterwanderung der Organisation der Arbeiterbewegung durch die Situationisten ab, da die Arbeiterklasse nicht mehr revolutionär, sondern »zufrieden« und beliebig von der Bürokratie manipulierbar sei. Deshalb müsse die Situationistische Internationale alle Avantgarde-Künstler mobilisieren, um ihr Programm allein zu verwirklichen. So grotesk die Vorstellung sein mag, daß Künstler allein sich als revolutionäres Subjekt setzen, so gespenstisch waren die Auswirkungen eines solchen putschistischen Avantgarde-Konzepts Anfang der 70er Jahre auf die Entstehung der »Rote Armee Fraktion« (RAF) und andere terroristische Zirkel. Im Februar 1962 wurde die deutsche Sektion/Gruppe SPUR aus der Situationistischen Internationale ausgeschlossen. Die Münchner Avantgarde-KÜnstler zerstritten sich schon bald untereinander. Eine kleine Restgruppe um Dieter Kunzelmann gründete zusammen mit den aus der DDR geflohenen Studenten Bernd Rabehl und Rudi Dutschke die »Subversive Aktion«. Das Ideen-Konglomerat dieser Gruppe setzte sich im wesentlichen aus zwei Komponenten zusammen: dem »utopisch-aktionistischen Revolutionsmodell« der Münchner Sektion, das stark von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno beeinflußt war, und den »historisch-ökonomischen Analysen« der Gruppe um Dutschke, die sich eher direkt auf Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin berief. Im September 1964 traten Mitglieder der Subversiven Aktion in verschiedene örtliche SDS-Gruppen ein mit dem Ziel. den Verband zu unterwandern. Die Gruppe um Dutschke integrierte sich schon bald in den SDS und prägte durch ihre theoretischen Beiträge und praktische Arbeit in den folgenden fünf Jahren die Inhalte und Aktionsformen dieses Studentenverbandes sehr stark. Dieter Kunzelmann dagegen fand vorübergehend seine politische Heimat in der Kommune I.

Im Juni 1966 kamen am Kochel-See in Bayern neun Männer, fünf Frauen und zwei kleine Kinder zusammen (z. T. Mitglieder der Münchner Sektion der »Subversiven Aktion c um Dieter Kunzelmann und Mitglieder des Berliner SDS-Arbeitskreises »Formierte Gesellschaft« um Bernd Rabehl und Rudi Dutschke), um eine Woche lang über die Möglichkeiten revolutionärer Praxis, speziell das Projekt eines Wohnkollektivs, zu diskutieren. Kernproblem dieser Diskussion war die Frage nach der Verbindung von politischem Anspruch und bürgerlicher Existenz.

Der allgemeinen Einschätzung lag die gerade veröffentlichte Arbeit von Herbert Marcuse »Der eindimensionale Mensch« zugrunde. Die kapitalistische Gesellschaft der 60er Jahre sei - so Marcuse - durch das Gefühl der Vereinsamung des einzelnen charakterisiert, die Anpassung an die gesellschaftliche Ungleichheit könne nicht mehr durch die Vater-Familie geleistet werden, sondern erfolge durch Massenmedien, Reklamen etc., also durch direkte und indirekte politische Manipulation. Das Unbehagen an der Vereinsamung manifestiere sich als ungerichtete Aggressivität. In ihrer wiederum sehr eindimensionalen Interpretation von Marcuses Text über die gesellschaftliche Situation in den USA behauptete der Kreis um Dieter Kunzelmann die totale Manipulation, Verwaltung und Paralyse der spätbürgerlichen Gesellschaft. (Am eigentlichen Kommune-Experiment beteiligten sich Rudi Dutschke, der gerade mit Gretchen eine Kleinfamilie gründete, und Bernd Rabehl dann nicht mehr.)

Die Aktionsformen der Kommune I wurden schnell auch über Deutschlands Grenzen hinaus berühmt: aggressive Polit-Happenings, an denen mehrere hundert Demonstranten teilnahmen, phantasievolle Verkleidungen (die Heilsarmee geriet bei einem Kurfürstendamm-Ständchen in arge Bedrängnis, weil die Polizei sie für verkleidete Kommunarden hielt) scheinbare Aufhebung der Geschlechterrolle, Umfunktionieren des deutschen Liedgutes, die Vermeidung von phvsischer Gewalt, wobei die Kommune gleichzeitig die Polizei der Lächerlichkeit preisgab, aber auch der volontaristische Versuch, neue, nichtautoritäre Lebensformen zu finden, Wohnkommunen, Auflösung von Zweierbeziehungen und rationale Austragung von Gruppenkonflikten: das alles übte nicht nur auf SDS-Mitglieder und andere Studenten, sondern darüber hinaus auch auf große Teile der nichtakademischen Jugend zunächst einmal eine gewisse Faszination aus.

Die Diskrepanz zwischen Wort und Bild in der betont negativen Berichterstattung von Boulevard-Presse und Fernsehen hatte eine nicht zu unterschätzende Multiplikator-Funktion. Die Kommunarden lasen nur noch die Massenblätter des Springer-Konzerns: waren schicke Fotos von ihnen drin, dann war die Revolution auf dem Vormarsch.

Am 10. Dezember 1966 funktionierte die Kommune I eine SDS-Demonstration gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam in eine Art Happening gegen US-Terroristen in Uniform um. In Sprechchören wie »Weihnachtswünsche werden wahr, Bomben made in USA« und »Am toten Vietnamesen soll die freie Welt genesen« demonstrierten ungefähr 200 Studenten auf dem Kurfürstendamm, nachdem sie den Hauptdemonstrationszug von 2000 Teilnehmern verlassen hatten, der auf Anordnung der Polizei durch eine menschenleere Umgehungsstraße pilgerte. Nach der Tschombé-Demonstration vom Dezember 1964 war dies die erste große Konfrontation zwischen der Berliner Polizei und FU-Studenten. Der Landesverband Berlin des SDS nahm diese Provo-Techniken auf und veranstaltete zusammen mit der Kommune 1 am 17. Dezember, wie der 10. auch ein verkaufsoffener Sonnabend, eine »Spaziergang-Demonstration« auf dem Kurfürstendamm. Ungefähr 200 Studenten bildeten auf entsprechende Signale aus einer Kindertrompete hin mehrmals einen Demonstrationszug und verteilten Flugblätter mit Ratschlägen an die Demonstranten und Spaziergänger: »Um uns nicht zusammenschlagen zu lassen, um nicht die hilflosen Objekte der Aggressivität junger Leute in Polizeiuniform zu sein, demonstrieren wir nicht in der alten Form, sondern in Gruppen als Spaziergänger. Wir treffen uns an vorher bestimmten Punkten, um uns bei Nahen der Freunde von der Polizei zu zerstreuen und an einem anderen Ort wieder aufzutauchen.« Der SDS gab folgende Parolen aus: »Keine Keilerei mit der Polizei« und »Kommt die Polizei vorbei / gehen wir an ihr vorbei / an der nächsten Ecke dann / fängt das Spiel von vorne an.« Wie vorausberechnet reagierte die Polizei bierernst und zum Teil hysterisiert: 74 Studenten, Schüler und Passanten, besonders solche mit Weihnachtspaketen unter dem Arm wurden festgenommen. 4 Polizeibeamte in Zivil arretierten Rudi Dutschke, der auch ein Weihnachtspaket zur Tarnung unter dem Arm trug.

Den Höhepunkt ihrer Publizität erreichte die Kommune I am 5. April 1967, als Beamte der Politischen Polizei 1 1 Studenten festnahm. Sie seien »unter verschwörerischen Umständen zusammengekommen« so die Polizei, und hätten hierbei »Anschläge gegen das Leben oder die Gesundheit des amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Horatio Humphrey mittels Bomben, mit unbekannten Chemikalien gefüllten Plastikbeutel oder mit anderen gefährlichen Tatwerkzeugen wie Steinen usw. geplant«.

Diese Polizeimeldung war falsch: nach einer Untersuchung der gefundenen Gegenstände stellte sich heraus, daß es sich um Rauchkerzen, Plastikbeutel mit Farbe, Pudding und Mehl handelte.

Die Kommune I wurde aus dem SDS ausgeschlossen, weil sie sich permanent nicht an Absprachen hielt und sich der innerverbandlichen Diskussion systematisch entzog. Letztlich scheiterte die Kommune weder am Ausschluß aus dem SDS noch an den Verfolgungen durch den Polizeiapparat, sondern aufgrund ihrer eigenen Widersprüche: die verheißene neue Zärtlichkeit verkam zum Psychoterror, aus der als neue Freiheit propagierten allgemeinen Sexualität »durch Auflösung der Privatverhältnisse als Privatverhältnisse« wurde der obligatorische Beischlaf mit dem OberGuru oder dessen Leutnants. Die meisten KommuneMitglieder fielen später als zerstörte Individuen aus diesem Experiment heraus, der eine landete auf der Entzugstation für Drogensüchtige, der andere bei den Terroristen, einer eröffnete einen Pop-Konzern und leistete im Fernsehen Abbitte für seine Sünden; einige flohen zurück in eine kleinbürgerlich geordnete Existenz, traten in eine der kommunistischen Kleinparteien ein und paßten sich an. Obwohl die Kommunarden als Individuen gescheitert sind, haben sie den späteren jungen Generationen entscheidende Anstöße gegeben: Wohngemeinschaften, die aus den Fehlern der Kommune gelernt haben, ein größeres Selbstbewußtsein gegenüber den Institutionen des Staates und die zahlreichen Versuche, die Psychoanalyse in den Alltag zu integrieren.

 

DER 2. JUNI 1967

Die Erschießung des FU-Studenten Benno Ohnesorg während der Demonstration gegen den Schah von Persien, Mohamed Reza Pahlewi, und dessen Schahbanu, Farah Diba, am 2. Juni 1967 war ein Wendepunkt in der Geschichte der studentischen Protestbewegung in West-Berlin und der Bundesrepublik. Sie löste eine verschärfte Eskalation von Gewalt und Gegengewalt zwischen Staatsapparat und Studentenschaft aus. Die Polizei, der Senat von Berlin, das Abgeordnetenhaus, die von Axel Caesar Springer beherrschte Boulevard-Presse - allen voran BILDZeitung, BZ und Berliner Morgenpost - kriminalisierten gemeinsam die Studenten von Berlin. Die Polizei, vom Präsidenten Erich Duensing bis hinunter zum einfachen Wachtmeister, verschwieg hartnäckig die Wahrheit, bis durch unwiderlegbare Indizien, Beweise und Augenzeugenberichte Unbeteiligter der Ablauf des Polizeiangriffs auf die Studenten vor der Deutschen Oper Berlin zunächst durch einen studentischen Untersuchungsausschuß und dann auch durch den offiziellen parlamentarischen Untersuchungsausschuß minutiös rekonstruiert wurde. Der Senat von Berlin bestrafte den studentischen Verstoß gegen Ruhe und Ordnung und die diplomatischen Höflichkeitsformen mit einem totalen Demonstrationsverbot. Während der Totenfeier und des anschließenden Trauerkonduktes für ihren erschossenen Kommilitonen hörten die Studenten über Transistor-Radios, wie der SDS und andere linke Studentenverbände unter dem Beifall des gesamten Abgeordnetenhauses mit den Nazis gleichgesetzt wurden. Die SpringerPresse hatte schon in den ersten Kommentaren die Polizei frei - und die Studenten schuldig gesprochen.

Während des »Deutschen Herbstes« gehörte es weitgehend zum Konsens in Redaktionsbüros, Regierung, Parlament und etablierten Parteien, die komplexen Erfahrungen jener Tage zu leugnen und die politische Studentenbewegung im nachhinein in ein »Sympatisantenfeld« der heutigen zahlenmäßig bedeutungslosen Desperado-Gruppen wie RAF, Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen usf. umzuinterpretieren. Offenbar wollen diese Interpreten durch ihre ahistorische und undifferenzierte Argumentation die von der Studentenbewegung aufgeworfenen Fragen vom Tisch wischen, die die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft in eine politische Legitimationskrise stürzten.

Im Sommer 1967 standen die Berliner Studenten allein. Sie waren weder intellektuell noch politisch auf diese Konfrontation vorbereitet. Keine Institution dieser Stadt interessierte sich dafür, daß den Studenten Unrecht geschah. In dieser verzweifelten Situation konstituierte die Studentenvertretung, der »Allgemeine Studentenausschuß« (AStA) der FU am 3. Juni einen »Vorbereitenden Untersuchungsausschuß«, der Ermittlungen über Ursachen, Tatbestände und Konsequenzen der Vorfälle am 2. Juni einleitete. Die Studenten übernahmen Funktionen der Dritten Gewalt, da die offiziellen Instanzen eindeutig gegen sie Partei ergriffen. Ohne Redaktionsstäbe, Rotationsmaschinen, Rundfunk- und Fernsehstudios gelang es dem studentischen »Komitee für Öffentlichkeitsarbeit«, eine Gegenöffentlichkeit gegen den tradierten Antikommunismus, gegen die Morgen für Morgen konsumierte Presse, gegen die »mir-kannkeener«-Ideologie aufzubauen. Mit selbstgefertigten Flugblättern informierten die FU-Studenten die Bevölkerung West-Berlins und diskutierten zu Hunderten bis in die frühen Morgenstunden auf dem Kurfürstendamm, vor U-Bahn-Stationen und vor Fabriktoren. Am 5. Juni z. B. verteilten Komilitonen ein von der »Gewerkschaftlichen Studentengemeinde« (GSG) und dem AStA der FU verfaßtes Flugblatt vor den wichtigsten Westberliner Großbetrieben: »An die Berliner Arbeiter! Man will Sie verschaukein!«. Im Hinblick auf die ökonomische Dauerkrise West-Berlins warnten AStA und GSG: »Mit Arbeitern wird man noch brutaler verfahren ... Geben Sie der Polizei eine deutliche Warnung, damit in absehbarer Zeit in Berlin nicht auch Arbeiter erschossen werden.« Die total hilflose und hysterische Reaktion des DGB-Landesverbandes Berlin, durch die Flugblätter wäre »in unverantwortlicher Weise die Arbeiterschaft Berlins gegen die Polizei aufgehetzt« worden, zeugt von einem in dieser Stadt typischen Realitätsverlust der Berliner Gewerkschaftsführung, denn letztlich blieb die Agitation der Studenten bei den Arbeitern weitgehend ohne Resonanz.

Der Springer-Presse gelang es wieder und wieder, die schlechten historischen Erfahrungen der Arbeiterklasse mit den Burschenschaftlern als Streikbrecher und SA-Schläger in den 20er und 30er Jahren zu aktualisieren und durch die Gleichung braun = rot der APO-Generation das Kainsmal des Linksfaschismus aufzudrücken. Die Zurückhaltung und das Mißtrauen der Arbeiter korrespondierten mit einer weitverbreiteten Klassenarroganz auch linker Akademiker aus gutem Hause. Oftmals ließ sich schwer feststellen, ob diese Borniertheit à la RGO oder klassischer Linksradikalismus die eigentliche Ursache für die Polemiken gegen die Gewerkschaft waren.

 

KRITISCHE UNIVERSITÄT

Aus diesen Erfahrungen heraus gründeten Arbeitsgruppen des SDS im November 1967 zusammen mit den Studentenvertretungen aller Berliner Universitäten die »Kritische Universität« (KU). »Es muß der Kritischen Universität gelingen, den aufkeimenden Widerstand unter den arbeitenden Massen dieser Stadt theoretisch zu artikulieren und damit praktisch voranzutreiben«, so definierten die Initiatoren das Selbstverständnis der KU. D. h., die Studenten waren sich darüber im klaren, daß sie politisch nur überleben konnten, wenn sie Bündnispartner außerhalb der Universität, besonders in der Arbeiterklasse finden würden.

In dieser Gegenuniversität entwickelten die Studenten alternative Lehrinhalte zu der sich als politisch neutral verstehenden Wissenschaft der klassischen Universität. Der Anspruch auf Einheit von Theorie und Praxis manifestierte sich in einer Reihe von Veranstaltungen und Demonstrationen, von denen die Kampagne gegen den Springer-Konzern und der Internationale Vietnam-Kongreß im Februar 1968 in West-Berlin die bekanntesten sind. Trotz des Verbots des Akademischen Senats der Freien Universität wurde am 1. November 1967 die Kritische Universität im Auditorium Maximum der FU gegründet. Die angebotenen 33 Arbeitskreise lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen: Ergänzungsveranstaltungen parallel zum offiziellen Vorlesungs- und Seminarbetrieb der FU (z. B. verschüttete Aufklärung - der affirmative Charakter der gegenwärtigen Literaturwissenschaft; Konservative Revolution in der Nationalökonomie - Kritik der Keynesschen Theorie), die Fortsetzung der traditionellen Arbeitskreise des SDS und des Argument-Clubs auf breiterer Basis (Sexualität und Herrschaft; Technische Intelligenz und Gesellschaft; Psychosomatische Medizin) und der Aufbau neuer Aktionskerne für geplante Kampagnen (Hochschulgesetzgebung - Hochschulreform - Hochschulrevolte; Arbeitskreis Springer-Tribunal; Wirtschaftskrise und Sozialpolitik in Westberlin; Architektur, Kunst und Gesellschaft). So entstanden aus der Arbeitsgruppe Architektur die ersten Bürgerinitiativen gegen die Flächensanierungen des Berliner Senats in Kreuzberg. Die Arbeitsgruppe Kunst und Gesellschaft übernahm während des Internationalen Vietnam-Kongresses die Funktionen einer Agitprop-Gruppe.

 

INTERNATIONALER VIETNAM-KONGRESS

Bereits im Wintersemester 1965/66 fanden an der Freien Universität zahlreiche Veranstaltungen über den amerikanischen Krieg in Vietnam statt (Presseschauen mit den Auswertungen der internationalen und deutschen Presse, eine Ausstellung von Bildern und Dokumenten, Filmveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Demonstrationen). Focus dieser Aktivitäten war der Anfang 1965 eingerichtete SDSArbeitskreis »Südvietnam« um Jürgen Horlemann, Peter Gäng und Klaus Gilgenmann.

Eine Aktion, die heute eher rührend wirkt, versetzte dann mindestens den gesamten SDS in helle Aufregung. In der Nacht vom 3. zum 4. Februar 1966 klebten einige Berliner SDSIer und Mitglieder des Argument-Clubs auf dem Universitätsgelände der FU und in 7 Berliner Bezirken Plakate: »Erhard und die Bonner Parteien unterstützen MORD ... «

Die Außenwirkung dieser Plakation war gering, Letztlich verhalf sie nur der Demonstration vom 5. Februar gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam zu ein wenig mehr Publizität. Innerverbandlich setzte sie jedoch eine lebhafte Diskussion über die Legalität und Illegalität von Aktionen und über Fraktionierungen in Gang. (Z. B. fand am 9. Februar 1966 zu diesem Thema eine verbandsinterne achtstündige Manöverkritik statt, an der etwa 150 Mitglieder des SDS teilnahmen. Hauptkontrahenten waren der aus Frankfurt a. M. angereiste 1. Bundesvorsitzende Helmut Schauer, Rudi Dutschke und der Berliner Altgenosse Klaus Meschkat. Die Mehrheit der Anwesenden war sich darin einig, daß solche Propaganda-Aktionen nur aus einer massenhaften Demonstration heraus erfolgen sollten und nicht durch klandestine Zirkel am Rande des Verbandes.)

Die Demonstration vom 5. Februar, an der sich über 2500 Studenten beteiligten, war der Beginn der Massenmobilisierung, die zwei Jahr später auf dem »Internationalen Vietnam-Kongreß« ihren Höhepunkt fand. Damals blockierten zum erstenmal die Demonstranten durch einen Sitzstreik für ungefähr 20 Minuten den Verkehr auf dem Kurfürstendamm. Anschließend zog ein Teil von ihnen zum AmerikaHaus, und veranstaltete dort einen weiteren Sitzstreik. Einige empörte Studenten holten die amerikanische Flagge nieder (ein Falken- und SPD-Mitglied wollte sie später wieder hissen, wurde dabei jedoch von anderen Demonstranten abgedrängt, so daß die Flagge auf Halbmast stehen blieb). Aber, was das schlimmste war, der SDSler Wolfgang Schwiedrzek hatte die Idee, eine Sechserpackung Frischeier aus deutschen Landen zu kaufen, von denen tatsächlich fünf an die Fassade des Amerika-Hauses geklatscht wurden. Die Berliner Presse reagierte auf die Demonstration wie vom SDS vorausberechnet und vergrößerte dadurch deren politische Wirkung um ein vielfaches: »Die Narren von West-Berlin«, »... SED unterstützt Studenten-Demonstration« (Berliner Morgenpost), »... eine Schande für unser Berlin!« (BZ), »Beschämend! Undenkbar! Kurzsichtig ... « (Bild-Zeitung).

Der als Linksliberaler gewählte neue Rektor der FU, der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber, fühlte sich »nicht nur als Berliner Bürger« verpflichtet, ein devotes Entschuldigungsschreiben an den amerikanischen Stadtkommandanten in Berlin zu richten. Ein ähnliches Schreiben verfaßte selbstverständlich auch der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, an denselben Herren. (Später wurden Willy Brandt und einige andere SPD-Funktionäre nicht müde, auf Foren für Jungwähler zu erklären, daß das damalige Schweigen der SPD zu Vietnam ein großer Fehler gewesen sei.) Auf dem Höhepunkt der Empörung über die unerhörten Vorfälle vor dem AmerikaHaus veranstalteten die Berliner CDU, die Junge Union Berlin und der RCDS eine »Sympathiekundgebung« gegen die »antiamerikanischen Ausschreitungen einiger linksorientierter Studenten«. Während der von ungefähr 600 CDU-Mitgliedern, Sympathisanten und Korporationsangehörigen besuchten Veranstaltung wurden mehrere langhaarige Jugendliche von den Kundgebungsteilnehmern unter Gewaltanwendung und der Parole »Gammler raus« in den S-Bahnhof Zoologischer Garten gedrängt und gezwungen, eine S-Bahn-Fahrkarte nach Friedrichstraße (Berlin, DDR) zu lösen und anschließend auf den Bahnsteig geschleift. Vor den aufrechten Berlinern, von denen viele feierlich Fackeln trugen, erklärte der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers in Berlin, Ernst Lemmer (CDU): »im freien Berlin ist kein- Platz für Totengräber der Freiheit«. Diese Freiheit werde »durch die Lauen, durch die Spinner und östliche Agenten« gefährdet. Er müsse sich fragen: »Warum verschwinden sie nicht aus unserem Berlin?«. Der Vorsitzende des CDU-Landesverbandes, Franz Amrehn (»immer in Berlin!«), sagte, daß die Demonstrationen vor dem Amerika-Haus nur durch »geistige Knochenerweichung« möglich geworden seien.

Aus dieser Demonstration heraus entwickelte sich eine rechte Schlägertruppe im Umkreis des späteren Bundestagsabgeordneten Jürgen Wohlrabe (von Herbert Wehner »Übelkrähe« genannt), die später mehrere linke Demonstrationen angriff, um das Eingreifen der Polizei zu provozieren, und die schließlich das SDS-Zentrum überfiel.

Weiterer Höhepunkt der Kampagne gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam war der am 22. Mai 1966 vom SDS veranstaltete Kongreß »Vietnam - Analyse eines Exempels« in der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. In 6 Foren diskutierten dort mehr als 5000 Gewerkschafter, SPDMitglieder, Studenten, Assistenten und Professoren. Das Hauptreferat hielt der 1933 nach Amerika ..igrierte marxistische Philosoph der Frankfurter Schule, Prof. Dr. Herbert Marcuse. Die Einladung an Herbert Marcuse war nicht nur eine Referenz an die deutschen antifaschistischen Emigranten von 1933, sondern auch an die amerikanische Anti-Kriegsbewegung, in der Marcuse seit Jahren aktiv mitarbeitete. Marcuse teilte die ständig anwachsende amerikanische Massenbewegung gegen den Krieg in Vietnam in vier Gruppen ein: 1. Intellektuelle und Jugendliche;

2. »unterprivilegierte« Gruppen der Bevölkerung,

z. B. Puertorikaner, Schwarze usw.; 3. eine religiös-

radikale Bewegung und 4. die Frauen. Zur ersten Gruppe führte er u. a. aus: »Auffallend ist die spontane Einheit von politischer, intellektueller und instinktiver sexueller Rebellion - eine Rebellion im Benehmen, in der Sprache, in der Sexualmoral, in der Kleidung. Es ist natürlich Unsinn. wenn die Presse dauernd berichtet. daß bei den Studentendemonstrationen > bearded advocates of sexual freedom< vorherrschen. Das ist eine der typischen diskriminatorischen Sprachregelungen der Presse; aber immerhin, man spürt da etwas. das über die politische Opposition hinausgeht und eine neue Einheit darstellt: eine Einheit von Politik und Eros.... Ich mag hier vollkommen romantisch sein. ich will das zugeben. aber ich sehe in dieser Einheit eine Verschärfung und Vertiefung der politischen Opposition ... «Als sich ain 17. und 18. Februar 1968 im Auditorium Maximum der Technischen Universität Berlin ca. 5000 Teilnehmer. vor allem Studenten. aus fast allen europäischen Ländern zum »Internationalen Vietnam-Kongreß« trafen, war der SDS zu Recht der Überzeugung, daß ein großer Teil der jungen Generation in Europa hinter den Forderungen stand: »Unterstützt den Unabhängigkeitskrieg des vietnamesischen Volkes!«, »Kampf dem US-Imperiafismus!« und »Solidarität mit den amerikanischen Kriegsdienstverweigerem und Deserteuren!«

Der Kongreß wurde vom SDS und 10 weiteren sozialistischen und trotzkistischen Organisationen veranstaltet, darunter die trotzkistische französische »Jeunesse Communiste Revolutionaire«, die während der Schlußdemonstration durch ihr militantes, zugleich aber diszipliniertes Auftreten und ihre Demonstrationstechnik einen großen Eindruck auf die deutsche Studentenbewegung machte. Diese Demonstration war zunächst vom Senat von Berlin auf Betreiben des Innensenators Kurt Neubauer (SPD) verboten worden. Neubauers Kalkül war, den Studenten, die trotz des Verbots demonstrieren würden, durch seine 15 000 Mann Berliner Polizei in einer blutigen Schlacht die Machtverhältnisse in dieser Stadt zu verdeutlichen. In seiner Borniertheit merkte der damalige Berliner Senat unter Klaus Schütz überhaupt nicht, daß fast die gesamte europäische Intelligenz dieses Verbot verurteilte. darunter: Bertrand Russell, Jean-Paul Sartre, Ernst Bloch, Helmut Gollwitzer, Herbert Marcuse. Eric J. Hobsbawn, Luchino Visconti, Michelangelo Antonioni, Pier Paolo Pasolini, Georgio Strehler und das Piccolo Teatro Milano, Hans Werner Henze. Luigi Nono, Alberto Moravia, Lelio Basso, Peter Weiss. Die Tatsache, daß der Berliner Senat den Protest nicht zur Kenntnis nahm, geschweige denn beantwortete, zeigt die erschreckende kulturelle Provinzialisierung West-Berlins in den 60er Jahren. Das Blutbad wurde schließlich nicht durch die Einsicht des Berliner Senats, sondern durch ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichtes verhindert, das das Verbot aufhob. Mehr als 12 000 Teilnehmer demonstrierten am 18. Februar unter roten Fahnen, Fahnen der FNL und unter vom SDS vorbereiteten Plakaten mit Bildern von Ho Tschi Minh und ermordeten und zum Teil in Deutschland vergessenen Revolutionären wie Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Trotzki, Ernst Thälmann und Che Guevara. Darüber hinaus wurde die Demonstration durch ihre politische Zusammensetzung und durch ihre neuartigen Demonstrationsformen geprägt: Mit den SPD-Stadträten Harry Ristock (Charlottenburg) und Erwin Beck (Kreuzberg) an der Spitze marschierten mehr als hundert Sozialdemokraten mit, die Schilder mit der Aufschrift trugen: »Ich protestiere gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam. Ich bin SPD-Mitglied!« Unter dem Eindruck besonders der französischen Delegation entwickelten die Berliner Demonstranten spontan die Technik, in langen Ketten untereinandergehakt mit rhythmischen Sprechchören »Ho Ho Ho Tschi Minh« und »Wir sind eine kleine, radikale Minderheit« in Blocks vorwärts zu stürmen. Eingeschüchtert durch diese relativ militante Demonstrationstechnik zogen sich die mehreren hundert Gegendemonstranten unter der Leitung von Jürgen Wohlrabe (Vorsitzender der Jungen Union) zum Bahnhof Zoo zurück.

Schon drei Tage später schlug die geballte Berliner Polit-Nostalgie zurück. ÖTV, Senat, Springer-Presse und Vorzeige-Berliner wie die Bau-Spekulantin Sigrid Kressmann-Zschach nebst Syndikus RA Peter Lorenz (Vorsitzender der Berliner CDU), das peinliche Mittelmaß Hans Rosenthal (Dalli-Dalli), der Staatsschauspieler Carl Raddatz und eine Handvoll FU-Professoren wie die ehemaligen Sozialisten Fritz Borinski und Ernst Fraenkel (usw. usf.) riefen die Berliner unter dem Motto »Wir wollen sagen, wofür wir sind« zu einer Gegenkundgebung auf dem John F.-Kennedy-Platz unter der Freiheitsglocke auf. Alle Beschäftigten im Öffentlichen Dienst sowie Arbeiter und Angestellte in zahlreichen Privatbetrieben hatten für diese Demonstration frei bekommen. Nach Schätzung der Berliner Polizei beteiligten sich ungefähr 60 000 Menschen an dem Aufmarsch, die gesamte Berliner Tagespresse - damals noch einschließlich des Tagesspiegels - einigte sich auf 150 000.

Was sich da in Berlin vorbereitete, kam wiederum nicht auf den offiziellen Transparenten, sondern durch die spontan selbstgefertigten Plakate zum Ausdruck: »Wir fordern harten Kurs gegen den SDS!«, »Raus mit den Roten«, »Dutschke raus aus WestBerlin!«, »Dutschke Volksfeind Nr. eins«, »Bauarbeiter, seid lieb und nett, jagt Dutschke und Konsorten weg!«, »Bei Adolf wäre das nicht passiert« und »Politische Feinde ins KZ!«.

Gegen Ende der Kundgebung jagten einige Berliner Senats-Demonstranten junge Leute, die lange Haare trugen oder ein >falsches< Wort gesagt oder nicht laut genug geklatscht hatten. Ein junger Mann, den die Menge irrtümlich für Rudi Dutschke hielt, mußte von der Polizei zu seinem Schutze in Gewahrsam genommen werden. Erst als etwa 100 Polizisten aufgeboten wurden, konnten diese die Menge von dem Fahrzeug, in das er sich geflüchtet hatte, abgetrennt werden. Ein Polizeioffizier berichtete später: »Es war für uns eine ganz neue Erfahrung: Das war ja eine entmenschte Masse. Ich war gerade nach vorn gegangen, um die Lage zu erforschen, als mir der junge Mann entgegengerannt kam. Er fiel mir um den Hals und stammelte: Um Gottes Willen schützen Sie mich, die wollen mich totschlagen. Hinter ihm her kamen an die tausend Leute, die johlten und riefen: >Schlagt den Dutschke tot!< Ich bekam Schläge auf den Rücken, wir wurden zu Boden geworfen, die Menge war außer sich. Wir haben uns dann die letzten Meter bis zum Wagen irgendwie hingeschleppt. Ich konnte gerade noch die Tür aufreißen und den jungen Mann hineinstoßen. Die Leute wollten daraufhin den Mannschaftswagen umkippen, zwei von ihnen schlugen eine Scheibe ein. Die Menge brüllte: Lyncht ihn! Hängt ihn auf!.«

Mehrere hundert Teilnehmer der Kundgebung formierten sich schließlich zu einer wilden Demonstration und erreichten - von der Polizei nicht behindert - das SDS-Zentrum am Kurfürstendamm. Dort wurden die übriggebliebenen Wohlrabe-Halbwüchsigen von ungefähr 100 SDS-Genossinnen und -Genossen erwartet und nach einigen Rempeleien in Diskussionen verwickelt.

DAS ATTENTAT

Am Nachmittag des 1 1. April 1968 wurde Rudi Dutschke von dem 23jährigen Hilfsarbeiter Josef Bachmann durch drei Schüsse aus einem Trommelrevolver lebensgefährlich verletzt. In einem unmittelbar darauf herausgegebenen Flugblatt stellte der SDS fest: »Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, daß dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche SpringerKonzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben ... «. In den nächsten Stunden versammelten sich ungefähr 2000 Studenten im Auditorium Maximum der Technischen Universität zu einer Protestversammlung. Ein Mitglied des SDS-Bundesvorstandes: »lch darf daran erinnern, welche Pogromhetze gerade von den Abgeordneten dieses Berliner Senats nach dem 2. Juni stattfand. Am 8. Juni, bei der berüchtigten Abgeordnetenhaussitzung, erdreisteten sich die Abgeordneten, eine Minoritätenhetze zu übernehmen, wie sie seit zwei Jahren von der Springer-Presse gegen die Studenten geführt wurde. Ich erinnere daran, daß ein Neubauer und ein Schütz anläßlich der Vietnam-Konferenz diese außerparlamentarische Opposition zusammenschlagen wollten. Ich erinnere daran, daß auch Neubauer und Schütz zusammen mit der Springer-Presse die Verantwortung für einen Mörder tragen, der sich an Rudi herangemacht hat, um ihn niederzuschießen. Und ich spreche ganz deutlich aus, die wirklichen Schuldigen heißen Springer, und die Mörder heißen Neubauer und Schütz!«

Aus dieser Versammlung entstand ein spontaner Demonstrationszug zum Springer-Hochhaus in der Kochstraße an der Mauer. Die total überraschte Polizei konnte nicht verhindern, daß die 3000 Demonstranten bis zum Gebäude durchmarschierten, dort Scheiben einwarfen und mit Druckereiarbeitern und Angestellten in handgreifliche Auseinandersetzungen gerieten. Alles in allem verlief die Sache relativ friedlich, bis der agent provocateur des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz, Peter Urbach, in einem geflochtenen Weidenkorb ein Dutzend Molotowcocktails heranschaffte, systematisch Studenten ansprach, mit denen auf den Fuhrpark des SpringerKonzerns zog und dort nach Aufschrauben der Tankverschlüsse einzelne Fahrzeuge umwarf und mit den mitgebrachten Cocktails in Brand setzte. (Der im Auftrage des Berliner Innensenators Kurt Neubauer handelnde Spitzel Peter Urbach spielte 1970 bei der Bewaffnung der ersten Terroristengeneration als Lieferant von Brand- und Rauchbomben sowie von Handfeuerwaffen erneut eine wichtige Rolle.) Die »Zeitungswagen in Flammen« wurden zum Fanal für die deutsche und französische Studentenbewegung. In den folgenden Tagen der Karwoche kam es zu immer größeren Demonstrationen, besonders gegen den Springer-Konzern. Allein am Ostermontag zogen über 45 000 Demonstranten in mehr als zwanzig Städten der Bundesrepublik und in West-Berlin vor die Druckereien und Verlagshäuser des SpringerKonzerns und versuchten durch Sitzstreiks, vor allem die Auslieferung der BILD-Zeitung zu verhindern, was in Köln und Essen für einen Vormittag auch gelang. Während der Osterfeiertage kam es zu Straßenschlachten, wie sie es seit den letzten Jahren der Weimarer Republik nicht mehr gegeben hatte, als Roter Frontkämpfer Bund, Reichsbanner und Eiserne Front versucht hatten, die SA zu stoppen. Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« kommentierte: »Auf der Strecke blieben zwei Tote, über vierhundert Schwer- und Leichtverletzte und der Anspruch der Bundesrepublik, ein intakter demokratischer Staat zu sein.« Dennoch, am Dienstag nach Ostern wurden BILD-Zeitungen und BZ ausgeliefert, gekauft und konsumiert wie eh und je. Dieser Skandal und die Erfahrung unfähig zu sein, die Auslieferung auch nur für einige Tage zu stoppen, ließen in der Studentenschaft ein Gefühl der Ohnmacht aufkommen und prägten das Denken dieser Studentengeneration nachhaltig.

Rudi Dutschke starb am 24. Dezember 1979 an den Spätfolgen des Attentats, Gretchen hat praktisch Berufsverbot und sie und ihre drei Kinder erhalten vom Staat keinen Pfennig.

DIE SCHLACHT AM TEGELER WEG

Der Anspruch auf Einheit von Theorie und Praxis manifestierte sich in einer Reihe von Veranstaltungen und Demonstrationen, von denen die Kampagne gegen den Springer-Konzern und der Internationale Vietnam-Kongreß in West-Berlin die bekanntesten sind. Alle diese Versuche, aus der akademischen Isolation auszubrechen, scheiterten jedoch im Ergebnis. Dagegen verstärkte das Attentat auf Rudi Dutschke noch das Gefühl der Studentenschaft, das Freiwild der eingemauerten bürgerlichen Gesellschaft zu sein. Wie in den »Osterunruhen« entluden sich in der »Schlacht vom Tegeler Weg« am 4. November 1968 entluden sich lang aufgestaute Angst und Haß, dieses Mal in einem unpolitischen Angriff mit Pflastersteinen auf die Polizei, bei dem 130 Beamte und 21 Demonstranten verletzt wurden.

Die Studenten demonstrierten aus Solidarität mit dem bekanntesten Rechtsanwalt der Außerparlamentarischen Opposition, Horst Mahler. Der Generälstaatsanwalt beim Kammergericht des Landes Berlin hatte gegen diesen ein Ehrengerichtsverfahren bei der Berliner Rechtsanwaltskammer beantragt. Der Vorwurf: Mahler habe die Standesehre und seine Berufspflichten verletzt, als er sich am Abend des Gründonnerstag nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in einem Marsch auf das Springer-Hochhaus beteiligte. Axel Springer hatte Mahler auf Zahlung der Kosten für die angeblich während dieser Demonstration entstandenen Schäden, darunter die von Peter Urbach angezündeten Lieferwagen, in Höhe von DM 506 696,70 verklagt. Die Studenten hatten nicht von ungefähr den Eindruck, daß es sich hier um eine konzertierte Aktion handelte, um Mahler finanziell zu vernichten und ihm Berufsverbot zu erteilen. In dieser Situation rief der Berliner SDS die Studenten zu einer Solidaritätsdemonstration auf. Vor dem Landgericht am Tegeler Weg gingen ungefähr 1000 Studenten unter der Führung einiger SDSMitglieder zum Angriff gegen die bereitstehenden Polizeieinheiten über, die zahlenmäßig in der Minderheit waren. Die Waffe der Studenten war der Pflasterstein. »Unser Widerstand gegen die Polizei ... befreit uns aus der Lage des duldenden Opfers«, hieß es in einem SDS-Flugblatt vom 6. November. Zwar blieben die Studenten in dieser taktischen Situation kurzfristig in der Offensive, doch bereits am Abend desselben Tages war sich der SDS darüber im klaren, daß beim nächsten Angriff die Polizei von ihren Waffen Gebrauch machen würde. Da aber eine solche Konfrontation - so der SDS in internen Einschätzungen - in letzter Konsequenz Bürgerkrieg bedeute, könne die Studentenschaft nur im Bündnis mit der Arbeiterklasse ihre jetzige offensive Politik fortsetzen. Mit zunehmender Radikalisierung der Studentenbewegung waren jedoch die bis 1967 noch vorhandenen personellen und politischen Kontakte zwischen SDS und den letzten Vertretern der traditionellen Arbeiterbewegung abgerissen. Der durch die Revolte initiierte Aufstand der Lehrlinge fand erst Anfang der 70er Jahre statt. In den ein, zwei Jahren dazwischen fraktionierte sich der SDS und löste sich auf.

Einen Tag nach der Schlacht am Tegeler Weg nahm auf einer Veranstaltung des SDS im Auditorium Maximum der FU u. a. Prof. D. Helmut Gollwitzer zur Gewaltfrage Stellung: Nur für Faschisten sei Gewalt kein Problem. Ein Sozialist aber müsse sich über die Funktion von Gewalt immer Rechenschaft ablegen. Weder in West-Berlin noch in der Bundesrepublik bestünde gegenwärtig eine revolutionäre Situation. Deshalb sei jede Gewalt gegen Personen inhuman. »Wer will, daß die studentische Bewegung zerfallen wird . . ., der soll weiter solche Aktionen machen.« Historisches Versagen des SDS war, daß er nach den Erfahrungen am Tegeler Weg nicht weitere derartige Aktionen offensiver Gewalt verhindert hat und davor zurückschreckte, mit den Studenten über die tatsächlichen gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse in der Bundesrepublik und West-Berlin zu diskutieren.

WAS IST GEBLIEBEN?

Sicher hat die studentische Revolte die politische Kultur der Bundesrepublik in den 60er Jahren stärker geprägt als alle anderen Ereignisse. Ein neues Verhältnis zur Dritten Welt, antiautoritäre Kindererziehung, basisdemokratische Bewegungen, die Situation der Frau in der bürgerlichen Industriegesellschaft und eine Sensibilität für die Zerstörung der Umwelt sind neben einer Marxismus-Renaissance an den Universitäten einige der wichtigsten Resultate, die heute selbstverständlicher Alltag sind. Andere Themen der Revolte sind total tabuisiert, z. B. die politische Funktion der Justiz, das Recht auf Widerstand, der imperialistische Charakter der Bundesrepublik. Die Reform-Euphorie, von der sich einst die Regierung Brandt/Scheel tragen ließ, ist verflogen: die Außen- und Ostpolitik kommt, nachdem sie lange Zeit festgefahren war, nur schwer wieder in Gang, größere Reformwerke lassen sich längst nicht mehr finanzieren, und die wenigen, die kein Geld kosten, werden mit schöner Regelmäßigkeit von der Dritten Gewalt rückgängig gemacht (Hochschulreforin, § 218, Kriegsdienstverweigerung). Positiv ist immerhin, daß die sozialliberale Regierungskoalition nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afganistan nicht in die Kriegshysterie der Carter-Administration einstimmt.

Die liberale Minderheit in der CDU ist Anfang Juli 1979 durch die Benennung von Franz Josef Strauß zum Kanzlerkandidaten vorerst entmachtet. Strauß u. Co. wollen die gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Bundesrepublik, die die Revolte bewirkt hat, wie auch die wenigen Reformen der sozialliberalen Koalition rückgängig machen. Ihnen paßt die ganze Richtung nicht. Sollte die Energie-Krise weiter verschärft werden, die Rote Armee die Grenze nach Pakistan überschreiten und dazu noch die RAF-Terroristen Strauß durch neue An'schläge unter die Arme greifen, dann hätte er in der Tat eine reale Chance, als starker Mann gerufen zu werden.

Objektiv ist die Situation schon reif für eine neue Revolte, zumal was die Situation an den Hochschulen betrifft (Regelstudienzeit, Nu'merus clausus. akademische Arbeitslosigkeit, Berufsverbote. Studienbedingungen). Ähnliches gilt für die Lehrlinge: eine Reform der Berufschulausbildung hat nicht stattgefunden, es mangelt weiterhin überall an qualifizierten Lehrplätzen und die Ausbildungsabgabe für Unternehmen, die keine Lehrlinge beschäftigen, scheiterte am Widerstand des Kapitals. Die Reformierung des Schulwesens ist auf die Einrichtung von »Gesamtschulen« eingeengt worden und befindet sich in einer Dauerkrise, seit die in sich widersprüchlichen Rahmenrichtlinien abgeblockt worden sind, findet keine Diskussion mehr über die eigentlich nötige Bildungsreform statt. Die linke politische und intellektuelle Kultur der 60er Jahre existiert heute nicht mehr. Stattdessen bildet sich in einer Reihe von Großstädten so etwas wie ein atmosphärisches linkes Ghetto heraus, in dem Flucht aus der bürgerlichen Gesellschaft, Verweigerung, »Politik in der ersten Person«, Narzismus aber auch engagierte Gesellschaftsanalyse und belesener Linksradikalismus dicht nebeneinanderherleben. Das Ghetto hat seine »alternative« Infrastruktur, die zunehmend den gesamten Lebensbereich seiner Bewohner abdeckt. Der Wertekodex und die Bedürfnisse der Alternativ-Scene sind nicht mehr mit denen der bundesrepublikanischen Konsumgesellschalft zu vergleichen. Die einzige soziale Bewegung, die langfristig den etablierten Parteien zu schaffen machen wird, ist die neue Frauenbewegung. Ob die spontaneistischen Gruppierungen an den Universitäten, die verschiedenen Alternativ- und Bürgerrechtsbewegungen und die Bunten und Grünen Listen Initiatoren einer zukünftigen Revolte sind, steht jedoch in den Sternen. Doch nach dem Einzug der »Grünen« in den Bremer Senat und den BadenWürttembergischen Landtag, zeichnet sich zumindest auf Länderebene eine eigenständige parlamentarische Rolle dieser ökologischen Protestpartei ab. Die neue Tendenz, die sich im Parteienspektrum abzuzeichnen beginnt, scheint die zu sein, daß die Kräftekonstellation des Bundestages nicht mehr unmittelbar auf die Landesparlamente durchschlägt. Eine solche Auflockerung der Parteienlandschaft kann auch für die »Neue Linke« einen größeren Spielraum schaffen.



März 1980

 


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